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Hört auf mit den gegenseitigen Anfeindungen

Bild von Leonie B.
Bild von Leonie B.
Foto: privat

Berlin (kobinet) Thomas Künneke von den Kellerkindern hat den kobinet-nachrichten einen Bericht, ja einen Appell zum friedlichen Miteinander in Coronazeiten und Maskenpflicht von Leonie B. geschickt. Die beeindruckenden und mahnenden Worte der Frau, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen kann und deshalb vielen Anfeindungen ausgesetzt ist, sollen uns aufrütteln: "Hört auf mit den gegenseitigen Anfeindungen!"

Bericht von Leonie B.

Life is hard, how can we be anything but kind

Was seht ihr hier? Eine Frau auf dem Friedhof ohne Maske. Auf dem Friedhof besteht keine Maskenpflicht. Es ist also einer der wenigen sicheren Orte für mich. Seht ihr mich bei Lidl? Bei Aldi? Dann seht ihr auch eine Frau ohne Maske. Nein, keine Maskenverweigerin. Nein, ich breche keine Regeln. Denn zum Glück gibt es Ausnahmeregeln. Die der Staat eingeräumt hat für Menschen, die aus medizinischen Gründen keine Maske tragen können.

Es gibt für Menschen mit Behinderungen das gesetzliche Recht auf Teilhabe. Dennoch ist mein Leben zur Zeit ein Spießrutenlauf. Weil täglich viele Menschen ihren Frust und ihre Aggressionen an mir auslassen. Ich kann und möchte mich aber nicht täglich an die Anti-Diskriminierungsstelle wenden. Ich kann die täglichen Anfeindungen nicht mehr ertragen. Und nein: ihr habt keinen Grund, neidisch zu sein, dass ich die Maske nicht tragen kann und nicht tragen muss. Die Gründe sind nicht lustig.

Nein, es geht mir nicht besser, wenn ich weiß, dass ja nicht ich gemeint bin, sondern die Maskenverweigerer, denn ich bin es ja, die bedroht und angefeindet wird. Ja, ich halte mich an die Regeln. Nein, ich kann nicht mehr so leben, mit all den täglichen Anfeindungen. Ich traue mich kaum noch raus. Und ja, ich muss auch manchmal raus, um mir was zu Essen zu kaufen, und ja, ich muss auch manchmal mit der U-Bahn zur Ärztin oder zur Krankengymnastik fahren. Nein, ich kann mir keinen Bodyguard leisten.

Ja, ich brauche Schutz. Schutz vor den täglichen Anfeindungen. Daher möchte ich zum friedlichen Miteinander aufrufen.

Bundesweit häufen sich die Meldungen, dass Menschen, die aufgrund von chronischen Erkrankungen oder ihrer Behinderung von der Maskenpflicht befreit sind, beschimpft, angefeindet und diskriminiert werden. Bitte versteht mich nicht falsch. Der Schutz durch das Tragen einer Maske ist gerade für Menschen mit Behinderungen enorm bedeutsam. Menschen mit Behinderungen würden nur zu gern selbst eine Maske tragen - wenn sie denn könnten. Bei einigen ist es aber beim besten Willen nicht machbar.

Jeder und jede, der bzw. die keine Maske trägt, wird täglich von anderen Menschen entweder mit Blicken getötet oder aber angesprochen (Maske auf!) oder aber angeschrien. In dieser Bedrohungssituation geht es nie um den Grund, warum die Person keine Maske trägt. In den meisten Fällen hören die Leute auf mit den Anfeindungen, wenn ich nett und ruhig erkläre, dass ich aus medizinischen Gründen von der Maskenpflicht befreit bin. Ich kann mich nun allerdings nicht 20 Mal am Tag erklären und rechtfertigen. Es geht mir an die Substanz, jedes Mal deeskalieren zu müssen und trotz Anfeindungen freundlich zu bleiben. Denn der Hass dringt ja in mich ein. Und ich bin nicht Mutter Theresa, dass ich den Hass einfach jedes Mal ertragen kann und trotzdem nett bleibe, bzw. trotzdem nicht zu Hause zusammenbreche. Der Hass trifft mich und macht mir Angst.

Aus meiner Sicht ist es wichtig, immer wieder in der Presse und Medien zu erklären, dass es Menschen gibt, die aufgrund einer Behinderung eine offizielle Befreiung von der Maskenpflicht haben und öffentlich dazu aufzurufen, friedlich zu bleiben gegenüber Menschen ohne Maske. Dass es auch Menschen gibt, deren Maskenbefreiung nicht gefälscht ist!

Manchmal sagen Menschen zu mir, ich solle das doch verstehen, die Leute wüssten ja nicht, dass ich befreit bin von der Maskenpflicht. Kein Mensch, auch kein Mensch der absichtlich keine Maske trägt, hat es verdient so behandelt zu werden. Kein Mensch wird seine Meinung oder Handlung ändern, wenn er angeschrien oder körperlich bedroht wird. Er wird noch mehr in eine Anti-Haltung getrieben werden. Es gibt niemals das Recht, einfach seinen Hass über fremde Menschen auszukippen. Sündenböcke werden zur Zeit gerne benutzt, um den eigenen Frust loszuwerden. Daher bin ich für Aufrufe zum Frieden, Friedlichkeit und Toleranz und Akzeptanz.

Es gibt genug Polizei und Security, die mich mehrmals am Tag nach der Maskenbefreiung fragen. Das ist nicht Aufgabe der Bevölkerung. Diese hat nicht das Recht, sich als Polizei aufzuspielen. Das ist gefährlich. Ich spüre und erlebe täglich die immer stärkere Aggressivität der Menschen. Das Suchen und Finden von Sündenböcken. Ich bin einer davon.

Die Politik und die Presse sollten endlich dazu aufrufen, dass Menschen friedlicher werden sollen und sich nicht gegenseitig beschuldigen und überwachen sollten. Das ist nämlich gefährlich. Es artet in Selbstjustiz aus und trifft oft genug die Falschen. Also: überlasst das Fragen nach der Befreiung von der Maskenpflicht der Polizei und der Security. Andere haben sowieso kein Recht auf Einsicht. Von den wenigen Menschen, die jetzt keine Maske mehr tragen, haben viele eine Maskenbefreiung. Feindet sie nicht an. Denn Blicke können töten. Böse Blicke können krank machen.

Das ist meine Bitte und ein Hilferuf. Das ist die Message, die ich mir von der Presse und Politik wünsche. Es geht um Verständnis für die jeweiligen Ansichten und Ängste. Es gibt nicht die Bösen und die Guten. Jeder hat einen Grund für sein Handeln. Gegenseitiges Anfeinden hilft niemandem. In diesem Zusammenhang möchte ich auf den Beitrag von dem Psychiater Jan Kalbitzer im Deutschlandradio hinweisen.

https://www.deutschlandfunk.de/resilienz-in-der-coronakrise-psychiater-laengerfristig.694.de.html?dram:article_id=490976

In dem Beitrag erklärt Herr Kalbitzer, wie gefährlich es für den gesellschaftlichen Frieden ist, wenn die Presse absichtlich mit der Angst der Bevölkerung spielt und vorwiegend über die bösen Regelbrecher berichtet. Stattdessen wäre es hilfreich, über die vielen Menschen zu berichten, die sich an die Regeln halten und ihr Bestes geben, um zu einer friedlichen Stimmung im Land beizutragen. Und Menschen nicht gegeneinander aufzuhetzen. Nicht die Spaltung im Land zu verschärften. Es gibt übrigens wenig "Coronaleugner“. Es gibt viele Menschen, die gerade die gültigen Maßnahmen kritisieren. Wenn man alle in einen Topf wirft, wird es gefährlich, und der Riss in der Bevölkerung immer größer.

Hört auf mit den gegenseitigen Anfeindungen. Das ist meine Bitte.

Leonie B.

https://www.aktion-mensch.de/corona-infoseite/regelungen-fuer-menschen-mit-behinderung-zur-maskenpflicht.html

https://www.aktion-mensch.de/menschen-und-geschichten/aus-dem-leben/maskenpflicht-diskriminierung-vermeiden.html?fbclid=IwAR3Cjn9HbQeq9Cfbhv7l9BiTvbR0kU7eblmpGwkezkLVc1BpJQ4-1JRcgWM

Berlin (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/semz135