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Über ABA, Autismus und Menschlichkeit

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Foto: Susanne Göbel

Kaiserslautern (kobinet) Stephan Riedl ist nicht nur Teilhabe-Berater beim Verein Mein Seelentröpfchen im Zentrum für Seele in Kaiserslautern. Als autistischer Mensch setzt er sich auch viel mit dem Thema Autismus auseinander. Hierzu hat für die kobinet-nachrichten einen Beitrag verfasst, in dem er verschiedene Aspekte zum Thema Autismus, Therapie etc. kritisch beleuchtet.

Bericht von Stephan Riedl

How to be human in 2021 - Über ABA, Autismus und Menschlichkeit

Neulich lief eine Familiendoku namens "Train Your Baby Like a Dog", auf Deutsch "Trainier dein Kind wie einen Hund“ (weil Englisch ja immer cooler klingt als die Muttersprache). Nicht nur von Pädagogen wird diese Serie kritisiert, sondern auch in der Autismus-Szene, weil sie unter anderem indirekt ABA bewirbt. Doch was ist ABA überhaupt? Und was macht es mit Menschen mit Autismus? Um diese Fragen zu klären, wird dieser Artikel Autismus, Norm und ABA definieren.

1. Autismus

Wortwörtlich heißt Autismus (autos = selbst, Ismus = Denkrichtung) eine auf sich selbst bezogene Denkweise. Autismus ist angeboren und nicht heilbar. Als greifbarer Vergleich: Wäre das menschliche Gehirn ein Stromkreis, wäre das Gehirn eines neurotypischen Menschen (also jemand ohne Autismus) verdrahtet nach A-B-C-D. Bei einem Menschen mit Autismus kann dieser Stromkreis A-C-D-B verdrahtet sein. Das ist nicht gut oder schlecht, es ist einfach nur anders. Entsprechend haben Autisten eine andere Wahrnehmung als neurotypische Menschen. Nur stellen letztere die Norm, gegen welche erstere oft unbewusst und unabsichtlich verstoßen. Das führt dann oft zur Ausgrenzung des Betroffenen und dessen Familie, wenn nicht klar ist, was dahintersteckt. Es ist gängig, der Familie zu unterstellen, dass sie ihr Kind nicht richtig erziehe. Hauptmerkmale von Autismus sind fehlende Mimik, Gestik und die sprachliche Entwicklung kann von Mutismus (Stummsein) über normal bis hin zu einem gekünstelten Sprachstil reichen.

Dazu kann auch Reizüberflutung kommen, wenn Autisten bestimmten Impulsen zu lange ausgesetzt sind; Diese Reizüberflutung kann zu Overload (Überladung) und davon aus zu Shutdown (Zombiemodus) und Meltdown (Verzweiflung) führen. Die Übergänge können fließend sein. Beispiel: Ein Autist mit Hyperakusis (Übergehör, er hört zu gut und kann Geräusche nicht filtern) geht auf einen Wochenmarkt. Überall wird gebrüllt, geredet, getuschelt und getratscht, sodass der Autist einem Radau ausgesetzt ist. Kann er sich diesem Radau nicht entziehen, geht es in den Shutdown und er versucht, mit stereotypischen Verhaltensweisen ruhig zu bleiben. Kann er dieser Situation über längere Zeit nicht entkommen oder kann diese Verhaltensweisen nicht anwenden, kommt es zum Meltdown, was wortwörtlich Kernschmelze heißt, aber mit Verzweiflung besser übersetzt ist: Der angestaute Frust entlädt sich, indem gebrüllt, geschlagen oder etwas kaputt gemacht wird. Autisten verstoßen aufgrund dieser Reizüberflutung eher gegen die soziale Norm als neurotypische Menschen. Da hört man doch jetzt den Großteil der Menschen sagen: "Hey, das kenne ich von mir auch." Das heißt jetzt aber nicht, dass alle Menschen Autisten sind. Wären die Eigenschaften, um Autismus festzustellen, ein Puzzle, so hätte zwar jeder Mensch einzelne Teile, aber Autisten hätten alle Teile.

Eine der größten Stärken von Autismus wiederum sind Spezialinteressen. So gibt es Autisten, die sich stundenlang mit einer bestimmten Sache beschäftigen können; das reicht von Ameisen über Japanologie bis hin zu isländischer Folklore.

2. Norm

Norm ist per Definitionen das erwartete Verhalten von einem Großteil der Menschen in einer gegebenen Situation. Diese Norm ist einerseits notwendig, weil sie Struktur gibt, andererseits ist sie problematisch, weil sie je nach Kontext anderen Regeln folgt und nur dann erkannt wird, wenn gegen sie verstoßen wird. "Normal“ ist, wer das tut, was die meisten innerhalb einer Gesellschaftsgruppe auch tun. Autisten fallen dabei in vielen Situationen durch dieses Muster.

3. ABA

Der Mensch ist ein lernendes Wesen. Jeden Tag lernt er etwas Neues. Aber Lernen ist ein noch abstrakteres Konzept als Autismus und Norm und so wie es verschiedene Lernmethoden für unterschiedliche Bedürfnisse gibt, so gibt es auch verschiedene Ansätze, um dem Menschen etwas beizubringen. Es lässt sich mit Bildhauerei vergleichen: Ein Bildhauer (Lehrer, Eltern, Therapeut) hat einen Stein (Schüler, Kind, Zu Behandelnder) vor sich und möchte diesen mit seinem Werkzeug (Grundhaltung und Methode) in eine Form (Norm) bringen, damit er teilhaben kann. Zwar hat der Bildhauer ein bestimmtes Ziel vor Augen, die Frage ist aber, ob der Stein in diese Form passt oder ob sich etwas Anderes in ihm verbirgt. Dabei kann der Bildhauer großen Schaden zufügen, wenn er zu stark mit Hammer und Meißel draufhaut und Schäden anrichten, die schwer (Depression, Angststörung) bis irreparabel (Suizid) sind. ABA heißt "Applied Behavior Analysis“ (Angewandte Verhaltensanalyse) und ist eine Psychotherapie, die auf einem behavioristischen Ansatz basiert. Das ist erst einmal weder gut noch schlecht. Kritisch wird es erst mit der Grundhaltung, die viele Anbieter von ABA haben, weil sie meinen, Autismus "heilen“ zu können.

Darum ist Vorsicht geboten, wenn ABA-Anbieter a) Menschen mit Autismus intensivtherapieren wollen und ihnen keine selbstbestimmte Lebensgestaltung zulassen, b) auf den Willen des Betroffenen keine Rücksicht nehmen c) mit direkter oder indirekter Bestrafung arbeiten (Beispielsweise nur dann Zugang zum Lieblingsgegenstand, wenn Wohlverhalten gezeigt wird, es gibt noch härtere Fälle mit Essens- und Schlafentzug) d) den Angehörigen Schuldgefühle einreden, behaupten, der Betroffene würde ohne ABA später nur einer Werkstatt für behinderte Menschen, der Psychiatrie oder in einem Pflegeheim landen, und ABA als die einzig sinnvolle Methode darstellen. Das sind unmenschliche Praktiken, bei denen nicht mehr mit Hammer und Meißel, sondern mit Vorschlaghammer und Spitzhacke gearbeitet und mit voller Kraft zugeschlagen wird, um aus den Trümmern etwas zu bauen, was noch irgendwie zur Form passt. Gegen diese Geisteshaltung richtet sich die Kritik, denn Therapien sollen Lösungsansätze bieten und auf die Bedürfnisse des Betroffenen eingehen. Sie sollen ihn NICHT brechen und ihm einreden, dass er schlecht ist, weil er Autismus hat.

Beispiel: Wir Autisten können schwer Blickkontakt halten und ertragen. Aber Blickkontakt in der westlichen Welt zeigt Aufrichtigkeit und fehlender Blickkontakt, dass man es mit seinem Gegenüber nicht ernst meint. Nun gibt es zwei Möglichkeiten. Wir lernen, Menschen in die Augen zu schauen oder wir lernen es nicht. WIE ein Autist das lernt, ist die Frage. Was ist besser und nachhaltiger? Einem Autisten den Trick zu zeigen, Menschen auf die Nasenspitze zu blicken, weil das für 99 % der Menschheit so aussieht, als würde man Blickkontakt halten? Oder ihm auf Kosten seiner Gesundheit Essen und Schlaf vorzuenthalten und ihn zwingen, direkt in die Augen zu blicken?

4. Fazit

Wir Autisten lernen nicht besser oder schlechter als neurotypische Menschen, wir lernen lediglich anders und können uns anpassen; doch diese Anpassung sollte menschlich, auf Augenhöhe und selbstbestimmt sein. Wir wollen als Menschen wahrgenommen und behandelt werden; nicht als Tiere, denen man auf Teufel komm raus alle Züge austreiben muss, die unser Wesen letztendlich ausmachen.

Kaiserslautern (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scgqw24