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Wie geht’s Markus Ertl?

Markus Ertl
Markus Ertl
Foto: privat

Lenggries (kobinet) Der Inklusionsbotschafter Markus Ertl ist seit kurzem Mitglied im Gemeinderat von Lenggries. Wie dort die Teilhabe für ihn als blinder Mensch funktioniert und wie es ihm in Zeiten der Corona-Pandemie geht, dazu führte kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul ein Interview mit ihm. Er tritt u.a. für ein Konjunkturpaket zur Barrierefreiheit ein.

kobinet-nachrichten: Wie geht es Ihnen in Zeiten der Corona Pandemie und was hat sich für Sie im Alltag verändert?

Markus Ertl: Am meisten trifft mich und meine Familie, dass die sozialen Kontakte derart zurückgefahren wurden. Das Telefon und auch kein Video-Chat können die persönlichen Begegnungen ersetzen. Neben der gebotenen Vorsicht geht es uns dennoch gut, nicht zuletzt, da wir uns viel im Garten und auch in der Natur aufhalten. Der Radius ist halt viel kleiner geworden. So bin ich die letzten 9 Wochen nur einmal über die Gemeindegrenze hinaus gekommen. Und fühlte es sich früher normal an, von jemanden kurz geführt zu werden, gibt es mir in diesen Tagen ein sehr komisches Gefühl.

kobinet-nachrichten: Mittlerweile öffnet sich das gesellschaftliche Leben nach dem weitgehenden Shutdown ja wieder. Welche Gedanken treiben Sie derzeit um, bzw. was finden Sie derzeit im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie wichtig?

Markus Ertl: Mit großem Kopfschütteln begegne ich vielen Lockerungen. Doch noch mehr schockiert mich die Ignoranz vieler Mitmenschen. Da geht der eigene Spaß weit vor einer gesellschaftlichen Verantwortung. Natürlich sind die Lockerungen wichtig, auch für mich persönlich. Ich würde mir aber wünschen, dass die Leute verantwortungsvoll mit dieser wieder erlangten Freiheit umgehen, solange uns Corona im Griff hält. Wir haben als Familie beschlossen, dass jeder von uns sich mit Freunden trifft, dafür aber mit nur wenigen. So haben wir auch Familien, wo wir Eltern und Kinder gerne zusammenkommen. Damit versuchen wir das Risiko mit dem Virus in Kontakt zu kommen, stark zu reduzieren.

Unsere jüngere Tochter ist bereits wieder in der Schule, die ältere folgt ab dem 15. Juni. Da hofft man als Eltern natürlich auch, dass hier immer alles gut läuft. Viele hoffen bereits seit vielen Wochen, in das normale Leben zurück zu kehren. Ich finde, dass wir gemeinsam dieses "normal" ein Stück weit neu definieren müssen.

kobinet-nachrichten: Sie setzen sich als Inklusionsbotschafter, Streiter beim Verein UNgehindert oder als Sprecher für Barrierefreiheit der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) für Inklusion und Barrierefreiheit ein. Wie schätzen Sie die derzeitigen Entwicklungen in diesem Bereich ein?

Markus Ertl: Wenn man die Empfehlungen zur Triage der DIVI und die historische Bedeutung von unwerten Leben kennt, dann denke ich heute sehr kritisch darüber nach, warum der Verfassungsschutz hier noch nicht tätig wurde. Geht deren Empfehlung ja so voll gegen unser Deutsches Grundgesetz. Für mich gehören die ebenso verboten, wie jeder andere Verfassungsfeind. Und ja, ich habe viel über Ressourcen und deren Einsatz in den letzten Wochen gelesen und gehört. Geht es bei der Triage um Leben oder Tod , so ist der Einsatz von Ressourcen das grundsätzliche Dilemma, an der Barrierefreiheit, selbstbestimmtes Leben, auch die inklusive Schule und so vieles andere hängt, leider oft auch scheitert.

Erinnern wir uns an das Bundesteilhabegesetz (BTHG), bei dem bessere Leistungen gleichzeitig mit der Bremse der Kostendynamik verhandelt wurden. Für mich ein Ressourcen-Dilemma. Und nun werden die heutigen Ressourcen aufgrund der prognostizierten Depression deutlich weniger. Zudem wird Geld von morgen, also weitere Ressourcen, dazu verwendet, um heute die Wirtschaft zu stützen. Ob dabei für die wichtigen Themen von uns noch Geld zur Verfügung steht, wage ich zu bezweifeln. Waren Teilhabeleistungen und Aufwendungen für Barrierefreiheit in der Vergangenheit gefühlt doch nur gesellschaftliche Add ons.

Aber es gibt eine Lösung! Nehmen wir die Ressourcen von morgen und schaffen damit heute bereits mehr echte Teilhabe mit einem Konjunkturpaket Barrierefreiheit. Machen wir die Umwelt, die digitale Struktur, die Schulen und eine Vielzahl von Wohnungen, die Betriebsstätten, den Personennah- und fernverkehr, machen wir Deutschland barrierefrei. Das schafft Arbeitsplätze, das schafft Investitionen, das schafft Innovation, aber vor allem schafft es Teilhabe am Leben. Und am Ende wird die Kostendynamik von Teilhabeleistungen deutlich eingebremst, da viele auf einmal ein Stück weit mehr selbstbestimmt und selbstständig ihren Alltag leben können. Nachdem jetzt die Autohersteller gerade schon wieder nach einer Abwrack--Prämie schreien, sollte Deutschland denen eine klare Absage erteilen und lieber in echte Zukunft investieren.

kobinet-nachrichten: Neu in Ihrem Leben ist, dass Sie nun im Gemeinderat von Lenggries vertreten sind. Wie ist die Kommunalwahl für Sie gelaufen und wie läuft das parlamentarische Geschäft in Corona-Zeiten und für Sie als blindes Gemeinderatsmitglied an?

Markus Ertl: Als Inklusionsbotschafter in den Gemeinderat war mein Motto. Das wurde bereits im Herbst letzten Jahres mit einem sehr guten Listenplatz anerkannt. Bei der Wahl im März bekam ich dann ein noch besseres Stimmenergebnis. So verstehe ich nun den Auftrag am mich, dass mehr Teilhabe in Lenggries erlebbar werden darf. Die erste Sitzung war mit viiiiel Platz in der Lenggrieser Dreifachturnhalle. Der Gemeinderat hat mir in der ersten Sitzung das Referat Inklusion/Teilhabe übertragen. Und schon müssen sich der Gemeinderat und die Gemeindeverwaltung mit meinem Thema auseinandersetzen. Anschreiben, Beschlussvorlagen u. v. m. werden nun auch zugänglich gemacht. Auch wenn es bereits für mich als Bürger normal hätte sein sollen, erlebe ich nun als Gemeinderat, das einfaches Bitten nun doch hilft, um zugängliche Dokumente zu bekommen. Eigentlich sehr schade, dass dies erst mit einem Mandat erlebbar wird.

Um die Arbeit als Gemeinderat gut machen zu können, habe ich ein Seminar bei der Bayerischen Selbstverwaltungsakademie gebucht und auch hier meine Bedarfe angemeldet. Auch hier bin ich nun gespannt, wie diese es umsetzen. Und dann heißt es Anträge im Gemeinderat stellen. Mein erster wird sein, dass das Haus der Senioren eine Eingangstüre bekommt, welche alle per Knopfdruck öffnen können und niemand mehr mit einem Rollator diese mühevoll aufdrücken muss. Viele weitere werden folgen.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das derzeit?

Markus Ertl: Als erstes wünsche ich mir wieder viele menschliche Begegnungen, coronafrei natürlich. Ich wünsche mir auch, dass ich durch mein Gemeinderatsmandat auch in Lenggries gute Strukturen für mehr Teilhabe schaffen kann.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Lenggries (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scijs56

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