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Wie geht’s Birgit Schopmans?

Birgit Schopmans mit Blindenstock
Birgit Schopmans mit Blindenstock
Foto: fab e.V.

Kassel (kobinet) Birgit Schopmans von der Informations- und Kontaktstelle für behinderte Menschen des Kasseler Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) hat sich als blinde Frau so einigermaßen mit den Rahmenbedingungen in Corona-Zeiten arrangiert. Bei den Beratungskund*innen sieht sie jedoch erhöhten Gesprächsbedarf. Vor allem diejenigen, die allein leben, seien besonders gefördert, wie sie im Interview mit kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul berichtet.

kobinet-nachrichten: Wie geht es Ihnen in Zeiten der Corona-Pandemie und welche Auswirkungen hat diese auf ihr tägliches Leben?

Birgit Schopmans: Ich versuche, das Beste aus der Situation zu machen. Ich arbeite als Beraterin für Menschen mit Behinderung und Koordinatorin für Ehrenamtliches Engagement bei der Selbstvertretungsorganisation Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) in Kassel, derzeit zum größeren Teil im Home-Office. Für über fünf Wochen war unsere Tochter bei uns, da ihre Ausbildung in Göttingen in dieser Zeit ruhte. Es war schön, sie mal wieder länger am Stück zu erleben. Ansonsten ist es für mich gewöhnungsbedürftig, soziale Kontakte außerhalb der Familie fast ausschließlich über Telefon und andere Medien zu pflegen. Genossen habe ich das gute Wetter bei uns im Garten und bei Spaziergängen. Und auch, dass das ganze Leben etwas ruhiger läuft, was natürlich kein Dauerzustand sein kann.

kobinet-nachrichten: Was beschäftigt Sie in dieser Zeit besonders?

Birgit Schopmans: Das Thema Corona kann ich manchmal schon nicht mehr hören, doch es hat uns so sehr im Griff. Belastend finde ich, dass wir nicht wissen, wie lange noch und wann welche Lockerungen möglich sind. Und immer das Damoklesschwert, dass es wieder eine neue Ansteckungswelle geben kann. Unser Leben hat sich in den letzten sieben Wochen stark verändert und nun gibt es so viele Vorschriften und Auflagen, um wenigstens wieder annähernd Dinge tun zu können, die vorher selbstverständlich waren. Nun leben wir also zu ganz anderen Bedingungen, zum Beispiel die Maskenpflicht, unterschiedlichste Abstandsregelungen und natürlich die Hygienevorschriften. Ich weiß, dass es derzeit keine Alternative gibt, aber es geht so viel Spontanität verloren. Und dann noch das Thema Triage … Hier hat sich die Situation zwar etwas entspannt, mich belastet jedoch das Menschenbild, welches hinter dieser Diskussion steht. Es ist entwürdigend für mich, dass ich als blinde Frau, die sich für halbwegs sportlich und gesundheitlich fit hält, von vorne herein um vier Stufen bei der „Gebrechlichkeitsskala“ heruntergestuft werde. Das erinnert mich an Lebenswertdiskussionen und es macht mir Angst, falls es doch wieder ernster wird mit der Pandemie: Bekomme ich dann die gesundheitliche Unterstützung, die ich brauche?

kobinet-nachrichten: Wie kommen Sie in Zeiten des Abstand-Haltens und Masken-Tragens als blinde Frau durchs Leben?

Birgit Schopmans: Abstandhalten ist als blinder Mensch schwieriger als Maske tragen. Beim Abstandhalten bin ich ein Stück weit darauf angewiesen, dass mir die Anderen sozusagen aus dem Weg gehen. Maskenpflicht finde ich sinnvoll und für mich ist es eine Beruhigung, dass in Geschäften und im ÖPNV alle eine Maske tragen, da fühle ich mich sicherer und weiß, dass mein Gegenüber etwas geschützter ist als ohne Maske. Schließlich kann ich mir nicht aussuchen, wen ich anspreche, wenn ich nach der Nummer des Busses oder (wegen Corona) einem freien Doppelsitz in der Bahn fragen muss. Mit einer Freundin spazieren gehen, da laufe ich jetzt an der Leine. Ich meine, ich hab ein Kletterseil als Abstandhalter, auch wenn es nicht exakt 1,50 m lang ist, immer noch besser als sich bei jemandem einzuhaken. Da hat sich kürzlich die Tochter einer Freundin aufgeregt, dass sähe ja aus, wie wenn der Hund an der Leine geführt wird.

Das Leben ist bunt und ich schere mich immer weniger darum, wie etwas bei anderen ankommt, dass wäre ja noch stressiger. Schließlich müssen sich auch alle dran gewöhnen, dass die Leute so komische Masken tragen, als wären wir beim Karneval, wie kürzlich meine Mutter meinte, die aus einer Karnevalshochburg im Rheinland kommt. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass sich die Normen verschieben, wer weiß, vielleicht ist bald auch das Tragen von Visieren normal.

kobinet-nachrichten: Als Beraterin haben Sie bestimmt einen Eindruck, wie es behinderten Menschen geht, die sonst bei Ihnen in die Beratungsstelle oder zu Veranstaltungen kommen?

Birgit Schopmans: Vielen fällt die Decke auf den Kopf. Natürlich gerade denjenigen, die allein leben. Für manche sind im Falle von Nutzung Persönlicher Assistenz die Assistenzkräfte die einzigen sozialen Kontakte face-to-face. Erschwerend kommt hinzu, wenn die Personen zur sogenannten Risikogruppe gehören und sie sich noch weniger raustrauen, als alle anderen. Da kommt auch immer wieder die Angst vor der Ansteckung als Thema in der Beratung und die Sorge, eine Erkrankung mit Covid 19 nicht zu überleben. Auch haben viele Angst um ihre berufliche Existenz. Und den im Ehrenamt Aktiven fehlt in vielen Fällen ihr Betätigungsfeld. So wissen etwa die 15 Ehrenamtlichen mit und ohne Handicap des fab derzeit noch nicht, wann sie wieder die zahlreichen Freizeitaktivitäten wie Kaffeetreff, Spielenachmittag, Dartgruppe oder das kreative Bastelangebot in Eigenregie organisieren können. An dieser Stelle sei ihnen für ihren engagierten Einsatz von meiner Seite aus herzlich gedankt!

kobinet-nachrichten: Der Verein zur Förderung der Autonomie Behinderter (fab) ist dafür bekannt, dass er viele Veranstaltungen durchführt. Wie geht das in Corona-Zeiten?

Birgit Schopmans: Wir mussten natürlich umdenken. Nichts ersetzt die persönlichen Kontakte vor Ort und die gemeinsamen Aktivitäten. Damit jedoch überhaupt ein Austausch mit mehreren stattfinden kann, haben wir vom fab mit Telefonchats begonnen. So gibt es einen einmal wöchentlich stattfindenden Telefonchat statt Frühstückstreff, immer donnerstags um 10.30 Uhr. Die ersten Chats sind gut angekommen und die Nutzer*innen fragen bereits nach weiteren Angeboten. Dem wollen wir nachkommen und planen, Chats entweder moderiert durch hauptamtliche Mitarbeiter*innen oder von ehrenamtlich Aktiven aus dem Vereinsumfeld anzubieten. Wir greifen Vorschläge auf und es kann auch themenbezogene Chats geben, wie etwa für Nutzer*innen von Persönlicher Assistenz. Näheres zu den Angeboten ist auf der Internetseite des fab unter www.fab-kassel.de/aktuell.html zu entnehmen. Zudem sind Online-Veranstaltungen und -seminare angedacht. Da sich gezeigt hat, dass solche Angebote Menschen mit besonderen Mobilitätsproblemen eine Teilhabe ermöglichen, sollten diese auch nach der Corona-Krise ergänzend zu den Treffen vor Ort in geringem Umfang beibehalten werden.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Birgit Schopmans: Wünschenswert wäre, dass innovative Ansätze, die aus der Corona-Krise entstanden sind, wie etwa im Fall des oben beschriebenen Chat-Angebotes, langfristig erhalten bleiben. Zudem ist mir wichtig, dass notwendige Ausgaben im Sozialbereich nicht zu Lasten finanzieller Mittel wegen der Pandemie gekürzt werden. Weiterhin sollen alle Menschen, die Hilfen benötigen diese erhalten. Für uns Menschen mit Behinderungen wäre daher wichtig, dass es keine Rückschritte im Bereich Barrierefreiheit, Inklusion und der gleichberechtigten Teilhabe in allen Lebensbereichen, geben wird.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Kassel (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/shimz28