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Wie geht’s Dr. Adolf Ratzka?

Dr. Adolf Ratzka mit Atemmaske
Adolf Ratzka mit Atemmaske
Foto: privat

Stockholm (kobinet) Dr. Adolf Ratzka hat schon viele Initiaitven zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen angeschoben. Derzeit sitzt er jedoch, wie viele andere behinderte Menschen in dieser Welt, zu Hause in Stockholm in Quarantäne, um sich vor einer Corona-Infektion zu schützen. Zur aktuellen Situation in Schweden befragt, erklärte er im Interview mit kobinet-Redakteur, dass er sich derzeit in Deutschland wesentlich sicherer fühlen würde, als in Schweden.

kobinet-nachrichten: Wie geht es Ihnen in Zeiten der Corona-Pandemie und wie gestalten Sie derzeit Ihren Alltag in Stockholm?

Dr. Adolf Ratzka: Ich bin seit Anfang März in der freiwilligen Quarantäne und versuche immer noch, die für mich beste Verteilung zwischen Arbeit, Freizeit, Stimulanz, (virtuellen) Kontakt mit Freunden und Hobbies zu finden. Eigentlich wäre es eine gute Zeit, ein grösseres Projekt voranzutreiben - Bedarf und Ideen gäbe es viele - aber ich habe Schwierigkeiten, mich dazu zu motivieren und zu konzentrieren. Ich habe ein ständiges weekend-feeling, ein Wochende ohne Ende.

kobinet-nachrichten: Welche Fragen bzw. Themen beschäftigen Sie besonders in diesen ungewöhnlichen und äußerst herausfordernden Zeiten?

Dr. Adolf Ratzka: Da ich zur Corona Risikogruppe gehöre und sehr gerne so alt wie möglich werden möchte, versuche ich der Virusentwicklung zu folgen, um mich und meine Umgebung besser schützen zu können. Dabei muss ich feststellen, dass man uns Behinderte wieder einmal völlig vergessen hat. Als Assistenznehmer kann ich mich zum Beispiel isolieren, soviel ich will, aber durch meine Assistenten bin ich immer noch gefährdet. Schutzausrüstung und Testkits sind schwer zu bekommen. Nicht einmal alle Angestellte in Krankenhäusern und Altersheimen haben genügend Schutzausrüstung und einige sind schon gestorben. Wie soll ich da als kleiner privater Arbeitgeber Schutzausrüstung für meine Assistenten autreiben! Inzwischen fertigen wir unsere eigenen Mundmasken und Gesichtsvisiere an.

kobinet-nachrichten: Hier in Deutschland wird derzeit häufig über den schwedischen Weg im Umgang mit der Corona-Pandemie berichtet. Was halten Sie von diesem Weg ohne Shutdown, wie wir ihn in Deutschland hatten?

Dr. Adolf Ratzka: Uberhaupt nichts! Ich würde mich heute in Deutschland sicherer fühlen als hier! Hier wurden die im Februar und März aus Norditalien und Österreich zurückkehrenden Urlauber und ihre Kinder ermahnt, an die Arbeit bzw. in die Schule zu gehen, wenn sie keine Covid19 Symptome hatten. Hier durften sich am 7. März 27.000 in die überdachte Eurovision Song Festival Arena drängen. Hier sind immer noch Menschenansammlungen von bis zu 50 Personen erlaubt. Hier sind immer noch (geschrieben am 24. April) Kindergärten und Volksschulen offen. Keine Läden, Restaurants oder Arbeitsplätze mussten geschlossen werden. Glücklicherweise waren die Betriebe klüger als die Regierung und machten freiwillig zu, als die Kunden ausblieben. Der Gebrauch von Mundschutz ausserhalb der Krankenpflege? "Nicht notwendig in gewöhnlichen Situationen draussen in der Gesellschaft. Da ist es besser Abstand zu anderen zu halten und sich die Hände gut zu waschen." (Quelle: Folkhälsomyndigheten 26.3. 2020). Das Desinfizieren der U-Bahn oder anderen hochbesuchten öffentlichen Plätzen sehen wir nur in Fernsehreportagen aus dem Ausland.

Ich fühle mich wie ein Versuchskaninchen in einem medizinischen Experiment, das von den einschlägigen Behörden mit dem Segen der Regierung durchgeführt wird. Dabei sind insgesamt 2.152 Menschen bei einer schwedischen Gesamtbevölkerung von 10,3 Millionen (208 Coronatote per Million) bisher gestorben. Zum Vergleich: Bayern mit 13 Millionen Einwohnern hatte am gleichen Tag insgesamt 1.538 Coronatote (also 117 Tote per Million Einwohner).

kobinet-nachrichten: Wie gestaltet sich die Situation behinderter Menschen derzeit in Schweden. Was beobachten Sie da?

Dr. Adolf Ratzka: Behinderte - vor allem die älteren - und ihre Angehörigen sind viel zu verschreckt und eingeschüchtert, um sich für harte Massnahmen anstelle von milden Mahnungen zur Einschränkung der Ansteckungsgefahr einzusetzen. Zusammen mit einigen Freunden in der Bewegung wollte ich vor einigen Wochen in einem offenen Brief in der Tageszeitung auf die prekäre Situation der Assistenznehmer hinweisen, die sich durch das Fehlen von Schutzausrüstung, Testmöglichkeiten und vor allem die bis dahin uneingeschrenkte Beweglichkeit der Bevölkerung ergeben hatte. Leider wollte keiner der Behinderten- und Altenverbände mitunterschreiben - denen war der Text zu regierungskritisch.

Schwerbehinderte, vor allem solche, die wegen pre-Corona Erkrankungen schon früher mal auf der Intensivstation lagen und dort wegen Personalmangel nur mit Mühe überlebten, bangen vor einer etwaigen Infektion mit Krankenhausaufenthalt. Die Kapazität der Krankenhäuser ist bald völlig ausgenutzt. Angestellte warnen vor der Situation, in der sie entscheiden müssen, welche Patienten überleben dürfen. Das Kriterium sei die erwartete post-Corona Lebensqualität. Dass wir damit schlechtere Überlebenschancen haben, das war uns schon vor der Pandemie klar.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie zwei Wünsche frei hätten, welche wären das?

Dr. Adolf Ratzka: Eine Regierung und eine Krisenbereitschaft wie in Finland. Dort griff man früh sofort rigoros ein, sperrte Helsinki vom restlichen Finland ab, öffnete die Krisenvorräte mit Arzneimitteln, Atemgeräten, Schutzausrüstung, voll ausgerüsteten Krankenhausstationen, die das krisen- und kriegsgewohnte Finland schon seit dem Zweiten Weltkrieg in Stand hält. Bisher 172 Coronatote bei einer Bevölkerung von 5,5 Millionen ergibt 31 Tote/Million.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Link zum Lebenslauf und weiteren Infos zu Dr. Adolf Ratzka

Stockholm (kobinet) Kategorien Interview

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sahpz57