Werbung:
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Banner mit Inklusion Jetzt und der Schrift Dabei am 5. Mai - Live-Blog zum Protesttag
Springe zum Inhalt

Poster der Woche: „Es ist ein langer Weg …“

Poster: Es ist ein langer Weg ...
Poster: Es ist ein langer Weg ...
Foto: Kassandra Ruhm

Bremen (kobinet) "Eine schwarze Frau sitzt auf einer Bank an einem breiten Fußweg durch den Park. Sie blickt ernst in die Kamera. Ihr Text ist auf den Weg geschrieben: 'Es ist ein langer Weg, bis hier in den Köpfen ankommt, dass eine afrikanische Frau in Deutschland die Chefin sein kann. Nicht die Putzfrau'. Zur Person steht auf dem Poster: 'Virginie K., Dipl.-Bauingenieurin, alleinerziehende Mutter, Dipl.-Informatikerin'." So beschreibt Kassandra Ruhm ihr fünftes Poster der Woche aus ihrer Reihe "bunt ist schöner" - eine Poster-Serie über Vielfalt und Inklusion, die sich für Respekt vor unterschiedlichen Lebensweisen einsetzt. Zu diesem Poster hat Kassandra Ruhm einen Begleittext für die kobinet-nachrichten geschrieben.

Text zum Poster von Kassandra Ruhm

1. Teil

Was hat dies Poster mit behinderten Menschen zu tun?

Für mich als Rollstuhlfahrerin hat genau dieses Poster viel mit meiner eigenen Situation zu tun.

Ich bin seit über 18 Jahren erwerbstätig. Seit 16 Jahren auf meiner jetzigen Stelle an einer Universität. Ich trage viel Verantwortung, tue dies gerne und bekomme sehr oft positive Rückmeldungen zu den Ergebnissen meiner Arbeit.

Ich arbeite Vollzeit. Sehr glücklich macht mich, dass ich mit meinem guten Tariflohn ohne Sorgen alles bezahlen kann, was wegen meiner Behinderung praktisch für mich ist und danach immer noch genug übrig habe. Für meinen Lebensunterhalt arbeiten zu gehen, finde ich persönlich weniger anstrengend, als die Jahre davor, in denen ich viel ungesehene Arbeit darein investieren musste, mich mit Behörden für das Allernötigste herum zu schlagen.

Selbst wenn ich meine jetzige Arbeit auch ohne besonders gute Bezahlung gerne machen würde: Für mich ist es ein großer Luxus, dass ich mich trotz meiner körperlichen Einschränkungen und eines (begrenzten) Assistenzbedarfs kaum noch begutachten lassen und für meine Bedürfnisse rechtfertigen muss und dass ich keine finanziellen Sorgen habe.

Das ist in dieser Gesellschaft leider alles andere als selbstverständlich.

Trotz meiner Berufstätigkeit ist allerdings für viele völlig klar, dass ich nicht arbeite und mein Geld nicht selber verdiene, sondern "auf Kosten der Gemeinschaft“ lebe.

Das passiert mir durchaus auch bei Menschen, denen ich schon gesagt habe, dass ich keine Studentin oder verrentet bin, sondern eine gute Arbeitsstelle habe. Es passiert häufig, nicht nur ab und an.

Daraus, dass ich Rollstuhlfahrerin bin, ergibt sich anscheinend für die meisten, dass ich keine relevanten Arbeitsleistungen liefere. Deshalb fragen sie gar nicht nach, ob ich arbeiten gehe und als was.

Wenn ich doch einmal nach meiner Arbeit gefragt werde, freue ich mir ein Loch in den Bauch. Nur, ob ich Kinder habe, werde ich noch seltener gefragt.

Schwarze Akademikerinnen und Frauen mit Kopftuch berichten immer mal wieder, dass sie als Putzfrauen oder Catering-Mitarbeiterinnen angesprochen wurden.

Ich finde, "Putzfrau“ ist ein ausgesprochen sinnvoller Beruf. Genauso ist es nicht ehrenrührig, aus gesundheitlichen Gründen nicht arbeiten gehen zu können. Niemand sollte mit weniger Respekt behandelt oder als weniger wichtig angesehen werden, weil sie Putzfrau ist oder erwerbsunfähig. Aber es ist für Akademiker*innen mit Kopftuch, für schwarze Chef*innen und für behinderte Arbeitskräfte nicht schön, immer wieder eine bestimmte Rolle zugewiesen zu bekommen, die überhaupt nicht stimmt. Und obendrein gesellschaftlich negativ bewertet wird.

Ich frage mich, ob sichtbar behinderte Menschen, die als Männer angesehen werden, genauso selbstverständlich als "arbeitet nicht“ einsortiert werden wie Frauen*.

Es ist ein langer Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass eine behinderte Frau vielleicht arbeiten geht und nicht von Sozialleistungen und angeblich "auf Kosten der Gesellschaft“ lebt.

2. Teil

"Du berätst ja die behinderten Beschäftigten der Uni Bremen“, habe ich von einer netten Person erfahren, als wir uns über meine Arbeit und mein schönes Büro unterhielten. Verdutzt habe ich aufgemerkt. Ich hatte Ihr schon viel von meiner Arbeit erzählt.

An der Universität Bremen arbeiten ca. 3.500 Beschäftigte, die für die knapp 20.000 Studierenden und in der Forschung alles am Laufen halten. Als Diplom-Psychologin bin ich für diese 3.500 Beschäftigten zuständig, wenn sie wegen der verschiedensten Probleme Unterstützung brauchen. Gerade die große Unterschiedlichkeit der Themen macht mir Spaß.

"Wie, nur die behinderten Beschäftigten?“, wundere ich mich.

"Ja, dafür bist Du als selbst Betroffene und mit Deinen Erfahrungen aus der Behindertenbewegung gut qualifiziert. Du bist doch eine super Wahl für die Uni!“

Hm, von den 3.500 Beschäftigten sind vielleicht 5 Prozent schwerbehindert. Und nicht alle davon haben Probleme, wegen denen sie die Psychologin in der betriebseigenen Beratungsstelle aufsuchen wollen.

Etliche Male habe ich ähnliche Gespräche geführt. Ein lieber Freund dachte, ich wäre die Schwerbehindertenvertretung der Uni Bremen (NACH vielen Stunden von Gesprächen über meine und seine Arbeit). Immer wieder höre ich, dass ich bei Selbstbestimmt Leben e.V. arbeite, wenn ich erzählt habe, dass ich als Psychologin in einer Beratungsstelle arbeite. Oft sieht mein Gegenüber in diesen Situationen sogar richtig stolz aus, so gut Bescheid zu wissen.

Ich bin nicht nur Feministin, sondern auch lesbisch. Das binde ich allen möglichen Leuten, die es wissen oder nicht wissen wollen, auf die Nase. Immer wieder. Weil ich nicht mag, dass lesbische und bisexuelle Frauen regelmäßig ungefragt als männerbezogen lebend angesehen werden. Denn dadurch werden Lesben gesellschaftlich unsichtbar. Ich finde Heterosexualität überhaupt nichts Schlechtes, im Gegenteil. Solange erwachsene Menschen sich lieben und gut miteinander umgehen, finde ich jede Richtung von Liebe gut. Aber einseitige, enge Vorstellungen davon, wie man lebt, finde ich schädlich. Immer wieder als heterosexuell angesehen zu werden, obwohl man es nicht ist: Das ist nicht gut. Genauso wenig, wie wegen eines Kopftuchs vermeintlich weniger gebildet oder wegen der Hautfarbe Putzfrau sein zu sollen.

Seltsamerweise ging noch nie jemand davon aus, dass ich natürlich in einer LGBTIQ*-Beratungsstelle[1] arbeite, weil ich lesbisch bin.

Dabei habe ich vor meiner jetzigen Arbeit tatsächlich in einem Frauentherapiezentrum gearbeitet, das damals ausdrücklich lesbische Mitarbeiterinnen gesucht hatte.

In einer Organisation für behinderte Menschen habe ich noch nie bezahlt gearbeitet.

Das Konzept der Zentren für Selbstbestimmtes Leben halte ich für sehr gut und wichtig. Alle (inhaltlichen) Arbeitsstellen werden von behinderten Fachleuten besetzt. Beratung findet nach dem Peer-Counseling-Konzept von gleich zu gleich statt. Nichtbehinderte können sich weder auf Kosten von behinderten Menschen profilieren, noch sich über sie stellen und ihnen sagen, wie sie leben sollen. Super.

Trotzdem ist meine Behinderung nicht alles, was mich ausmacht.

Fachliche Kompetenzen habe ich zu vielen verschiedenen Themen.

Ich bin durchaus auch bei den Problemen meiner nichtbehinderten Klient*innen kompetent. Sogar wenn sie nicht lesbisch sind. 😉

- Es ist ein langer Weg, bis hier in den Köpfen ankommt, dass eine afrikanische Frau in Deutschland die Chefin sein kann.

Nicht die Putzfrau.

- Es ist ein langer Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass eine behinderte Frau vielleicht einer anspruchsvollen Arbeit nachgeht und nicht von Sozialleistungen und angeblich "auf Kosten der Gesellschaft“ lebt.

- Es ist ein langer Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass behinderte Frauen Kinder haben und gute Mütter sein können. (Auch hier könnte ich von vielen bizarren Begegnungen erzählen...)

- Es ist immer noch ein Stück Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass sich eine Frau mit langen Haaren vielleicht nicht besonders für Männer interessiert, sondern lesbisch ist. Heterosexualität braucht nicht ungefragt vorausgesetzt werden.

-Es ist noch ein Stück Weg, bis in allen Köpfen ankommt, dass eine Lesbe mit kurzen Haaren und praktischer Kleidung kein Mann ist und auch keiner sein will. Und dass sie nicht aus der Damentoilette heraus geschickt werden sollte.

- Es ist noch ein Stück Weg, bis die Berührungsängste weg sind und die anderen, vermeintlich "normalen“ mit meiner lesbischen Kollegin und ihrer Ehefrau bei Veranstaltungen genauso selbstverständlich reden, wie mit heterosexuellen Paaren. Mit schwulen oder trans*gender Menschen und ihren Partner*innen natürlich genauso.

- Es ist immer noch ein Stück Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass bei Lesbenpaaren nicht eine "der Mann“ ist. Sondern dass lesbisch sein bedeutet, auf Frauen zu stehen. Nicht auf Männer.

- Es ist ein langer Weg, bis man in dieser Gesellschaft frei wahrnimmt, wie schön behinderte Menschen sind.

Und bis Begegnungen auch dann gut funktionieren, wenn es nicht die althergebrachte, klare Rollenaufteilung gibt: Die behinderte Person braucht Unterstützung und die Nichtbehinderte kann mit einer kleinen Handreichung helfen. Sondern dass beide abwechselnd stark, kompetent, hilfebedürftig und lustig sein können.

- Es ist ein langer Weg, bis hier in allen Köpfen ankommt, dass deutsche, jüdische Privatpersonen nicht für die Politik des Staates Israel verantwortlich sind.

- Es ist noch ein Stück Weg, bis ich keine Sorge mehr haben muss, dass meine gleichgeschlechtliche Lebensform gegen mich benutzt wird, sobald es auf einem ganz anderen Gebiet zu Auseinandersetzungen kommt und die aufgeklärte, freundliche Fassade keinen Bestand mehr hat.

- Es ist noch ein ganzes Stück Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass als Bilder für "Homosexuelle“ nicht zu 80 - 90 Prozent Bilder von Männern genommen werden sollten.

- Es ist ein langer Weg, bis in den Köpfen ankommt, dass den Leistungen und den Worten von Frauen nicht weniger Beachtung zusteht, als denen von Männern.

- Es ist noch ein langer Weg, bis bei Podiumsdiskussionen genug People of Color (Menschen, die durch Rassismus benachteiligt werden), behinderte Menschen und Menschen, die keine Männer sind, als Fachleute auf dem Podium sitzen. Weil wir etwas zu sagen haben.

Lasst uns weiter auf diesem Weg gehen!

Mutig und möglichst laut.

Damit wir irgendwann ankommen.

Fußnote:

[1] LGBTIQ* bedeutet Lesbian, Gay, Bisexual, Tans*gender, Intersexual, Queer, auf deutsch: Lesbisch, Schwul, Bisexuell, Trans*gender, Intersexuell, Queer und das * steht für die Freiheit von der strengen Aufteilung in männlich oder weiblich

Link zur gesamten Posterreihe von Kassandra Ruhm mit den Hinweisen zur Nutzung der Bilder und der Ausstellung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/saikr40

Click to access the login or register cheese