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Was will denn die Blinde bei Instagram?

Jennifer Sonntag im Sessel mit mehreren Schuhen vor sich
Jennifer Sonntag
Foto: privat

Halle (kobinet) "Was will den die Blinde bei Instagram?" Das werden sich vielleicht einige fragen, die mitbekommen, dass die blinde Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag sich nun mit Bildern bei Instagram einbringt. Deshalb hat sie sich die Frage selbst gestellt und ihre Beweggründe in einem Bericht für die kobinet-nachrichten formuliert.

Bericht von Jennifer Sonntag

Was will denn die Blinde bei Instagram? Diese Frage würde mich jetzt aber ziemlich erzürnen, hätte ich sie nicht selber gestellt, denn ich bin die Blinde. Instagram, so könnte man vermuten, konfrontiert einen blinden Menschen mit etwas, zu dem ihm der Zugang fehlt: mit Bilderwelten, mit fotodokumentiertem Leben. Ja, und da ist ein großes Stück Wahrheit an obiger Frage, eine Kontroverse, auch für mich, denn nicht immer stehe ich über dem, was ich nicht mehr kann.

Meine eigenen Fotoalben habe ich aus diesem Grund kurz nach meiner Erblindung erst in den Keller, dann aus meinem Leben verbannt. Bei Geburtstagsfeiern ertrug ich es nicht, wenn lachend bei Sektlaune Fotos herumgereicht wurden, an denen ich nicht teilhaben konnte. Später gab es Phasen, in denen ich bewusst Kontakt zu Fotografen mit ganz unterschiedlichen „Handschriften“ zuließ, um meine für mich unsichtbar gewordene Weiblichkeit einzufangen. Insbesondere für meine Buchillustrationen, Hörbuchcover und Ausstellungen entstand hier ein sehr enger Dialog. Zwangsläufig ergab sich dann mein Engagement für Bildbeschreibungen, die ich auch bei meinen eigenen kreativen Projekten mitdachte, um blinden Menschen einen Zugang zu bildhafter Kunst und Kultur zu ermöglichen. Ob blinde Menschen den überhaupt brauchen? Das liegt an der jeweiligen Persönlichkeit und deren Interesse und immer auch an den Phasen der Behinderungsverarbeitung.

Auch bei mir ist die Auseinandersetzung mit Fotografien oft von großer Faszination, aber auch von tiefem Schmerz geprägt. Immer wieder versuche ich, darüber mein inneres Kopfkino zu beleben, den Kontakt zu optischen Denkmustern nicht zu verlieren, so auch bei meiner Medienarbeit. Als blinde TV-Frau verkörpere ich selbstbestimmt das Credo: Fernsehen und Nichtsehen widersprechen sich nicht! Aber natürlich macht es auch etwas mit meiner weiblichen Identität, die visuelle Kontrolle vollkommen abgeben zu müssen, vertrauen zu lernen, mich nicht mit anderen vergleichen und manchmal einfach auch nicht wissen zu können, wie ich jetzt aussehe, mit 40. Und es macht mich wund akzeptieren zu müssen, dass es so viele Bilder, so viele Motive von meinen Aktivitäten und Projekten gibt, die andere, ich selbst aber nie sehen werde. Manchmal stehe ich drüber, dann macht es mir Spaß, im Kopf Fotoideen zu ersinnen und sie dann umzusetzen. Dann ist es mir fast ein bisschen egal, ob mein inneres Bild mit dem äußeren übereinstimmt, weil ich einfach glücklich bin.

Manchmal frage ich aber schon nach und besonders in Momenten, wenn niemand Zeit oder Geduld hat, mir etwas zu beschreiben, nein, nicht etwas, sondern mich, mein verlorenes Gesicht, meine Augen, meine Sichtbarkeit, dann fühle ich mich hilflos, kann nicht teilhaben an dem, was doch so offensichtlich ist, muss bitten, muss warten, manchmal Tage, manchmal Wochen. Und die mich da warten lassen, schauen selbst inzwischen unzählige Male auf ihr Smartphone, stillen ihre Neugier, ohne meine abzuholen, auch meine Unsicherheit, das Ausgeschlossensein, und dann kommt die Erinnerung an das, was mich anders macht, ein furchtbares Abhängigkeitsgefühl.

Warum tue ich es mir dennoch an, lasse mich stattfinden im optischen Kosmos? Das ist eine ständige, auch tränenreiche Reibung. Ich war einmal Sehende und das etwa genauso lange, wie ich jetzt blind bin. Die Sehende in mir ist nicht gestorben, im Gegenteil, ich möchte sie mitnehmen, sie am Leben lassen, sie ist ein wichtiger Teil von mir, an der ich eben auch sehr oft, sehr viel Freude habe und für deren Existenz ich unbeschreiblich dankbar bin. Ich kenne die optischen Gesetze, weiß um deren Wirkung, deren Kraft. Viele Jahre habe ich mich als Zwischenweltlerin gefühlt, als Mittlerin und Brückenbauerin zwischen der Welt der Blinden und der Welt der Sehenden, da ich beide Seiten der Medaille kannte.

Bilder sagen mehr als tausend Worte. Erst kürzlich wurde mir das allzu bewusst, als ich Teil einer Fotoausstellung war. Das war für mich nichts Neues und ich hatte dem Thema nicht so viel Bedeutung beigemessen. Den Hintergrund fand ich nett. „Ein Kuss für Halle“ lautete der Titel und der Fotograf Peru John widmete mir, neben anderen Hallensern, ein Foto mit einigen Worten zur Person und deren Wünsche an unsere Stadt. Erst die unglaublich bewegenden Rückmeldungen von Besuchern machten mir bewusst, wie wichtig es sein kann, Gesicht zu zeigen und wie sehr ein Foto mit ein paar empowernden Zeilen Menschen stärken oder mobilisieren kann. Dabei bin ich noch nicht mal selbst bei der Vernissage gewesen und wurde im Nachhinein von lieben Menschen angesprochen, sogar gedrückt und geherzt. Ganz im Stillen bin ich dann mal hingefahren und habe gefühlt, in welchem Rahmen „ich hänge“. Das klingt jetzt pathetisch, aber mir hat es die Augen geöffnet und mir Mut gemacht, auch als blinde Frau mit offenem Blick für meine Themen zu stehen. Wenn dieser Blick auch manchmal haarscharf an der Kamera vorbei geht. Und genau deshalb ist die Blinde jetzt auch bei Instagram.

Insta ist „noch“ nicht für blinde Menschen optimiert, dennoch wollen viele von uns mitmachen. Deshalb muss ich, um dabei sein zu können, immer etwas mehr dafür tun, mir mehr Hilfe holen und kann nicht so selbstbestimmt agieren, wie es sehende Nutzer können. An dieser Stelle ein herzlicher Dank an mein kleines Insta-Team! Wenn ihr mich dabei unterstützen wollt, auch auf Instagram Gesicht für Inklusion und Teilhabe zu zeigen, dann kommt gern vorbei auf: Jennifer_Sonntag_offiziell

Wir „sehen“ uns!

Anmerkung der Redaktion:

Das Bild für diesen Beitrag, das uns Jennifer Sonntag zur Verfügung gestellt hat, hat sie auf Instagram veröffentlicht. Es wird von ihr wie folgt beschrieben: "Auch wenn ich blind bin, sind mir Farben sehr wichtig und das auch bei meinen Schuhen. Einmal bin ich allerdings zu Dreharbeiten mit zwei unterschiedlichen Schuhen gefahren. Ich orientiere mich normalerweise an den Strukturen der Schuhe, um sie zu unterscheiden. Doch an dem Tag habe ich nicht aufgepasst und zwei unterschiedliche gegriffen. Beim nächsten Mal werde ich mir definitiv mehr Zeit nehmen, damit sowas nicht wieder passiert."