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Matthias Vernaldi und „das putas“

Matthias Vernaldi als Model im heißen Sommer von Berlin
Matthias Vernaldi hat erstmals gemodelt
Foto: Stefan Weise

Berlin (kobinet) Matthias Vernaldi hat im heißen Sommer von Berlin gemodelt und Fotos ins Netz gestellt. Im kobinet-Interview schildert der 60jährige Aktivist im Rollstuhl heute, warum er auf dieses Erlebnis nicht verzichten wollte.

kobinet: Nur mal ne Woche Hamburg-Urlaub, schon versäumt man was. Am 26. Juli hast du das erste Mal in deinem Leben bei der brasilianischen Modelinie DASPU gemodelt. Wie kam das denn?

Matthias Vernaldi: In der Woche vom 22. bis 27. Juli lief auf dem Washingtonplatz hinterm Hauptbahnhof die Aktion „Strichcode“. Sexarbeiter*innen machten auf sich und ihre Situation aufmerksam machten. Ich habe an zwei Tagen mit einem Infostand über Behinderung und Sexualität teilgenommen.

Dabei gab es die Präsentation von DASPU (abgekürzt bzw. im Slang der Favela „von den Huren“). Sexarbeiter*innen aus Rio haben eine Modenschau mit Musik angeboten, um positive Stimmung für sich zu machen. Mittlerweile ist daraus ein tatsächlich erfolgreiches Label geworden. Ich wurde gefragt, ob ich als Model gehen würde, allerdings mit eigener Kreation – sozusagen als körperlicher Kontrapunkt …

kobinet: Du hast natürlich zugesagt. 

Matthias Vernaldi: Es war alles total kurzfristig. Ich wurde drei Tage vorher gefragt. Aber so eine Gelegenheit gibt es nur einmal – zumindest für Leute wie mich. Ich musste mir etwas einfallen lassen und das auch noch umsetzen. Zum Glück bin ich eine Elster. Ich liebe Glanz und Glitzer und habe entsprechende Stoffe und Accessoires da. 

kobinet: Was ist dabei herausgekommen? Einfach eine Art schriller Fummel? 

Matthias Vernaldi: Wahrscheinlich hat es das Publikum etwa in der Art gesehen. Wobei ich glaube, dass das Wichtigste nicht die Klamotten waren, sondern mein Körper, der sie trug. Diese Frage stellt sich ja in der Modewelt grundsätzlich; ob also die Kleidung im Vordergrund steht oder (zumindest bei den Models) die Körper, die sie präsentieren.

Bei mir spielt nun die Tatsache, dass ich einen sehr ungewöhnlichen, aus der Sicht der Norm disfunktionalen abweichenden Körper habe. Wer die üblichen Models sieht, wünscht sich meist, einen solchen Körper zu haben. Wer mich sieht, ist oft entsetzt. Ich glaube, niemand wünscht sich einen Körper wie den meinen zu haben.

DASPU machte von Anfang an diesen Model-Quatsch nicht. Es liefen immer die Leute vom Strich über den Laufsteg: unter ihnen Transgender oder Leute mit Falten, grauem Haar, Bauch und Cellulite. Aber mein Körper ist durch die schwere Behinderung extrem stigmatisiert. Das ist noch mal eine ganz andere Klasse.

kobinet: Du hättest ja einfach in Jeans und T-Shirt auftreten können.

Matthias Vernaldi: Vielleicht. Die Sache mit dem Kontrapunkt hätte auf jeden Fall funktioniert. Aber das wäre mir zu lax gewesen. Ich wollte was Ungewöhnliches auf dem Leib haben. Es kam eigentlich wie von selbst, dass sich da eine zweite Ebene aufgebaut hat. Selbstverliebt wie ich bin, wollte ich meinen Leib feiern und präsentieren. 

Das ist nun mal ein bedürftiger, ein pflegebedürftiger Leib. Er trägt die Zeichen der Schwäche und Hinfälligkeit. Ich habe versucht, aus dieser Situation heraus Momente der sexuellen Lust und Freude einzubringen. Darüber hinaus wollte ich auf etwas Spirituelles und vielleicht auch Schamanisches verweisen. Ich finde die technokratische Sicht der Pflegeindustrie auf den Körper, auf Todesnähe und Abhängigkeit furchtbar. 

kobinet: Wie sah das konkret aus?

Matthias Vernaldi: Beispielsweise verwendete ich Federn. Sie sind dem Flug verhaftet, der Sicht von oben. Leute, die Sterbeerfahrung gemacht haben, ohne dann daran tatsächlich zu sterben, berichten sehr häufig davon, dass sie ihren Körper von oben gesehen haben, aus der Vogelperspektive. Oder in die Räder des Rollstuhls waren zwei Schlangen geflochten, deren Kopf und Schwanz sich berührten. Ein uraltes Symbol für die Ewigkeit.

kobinet: Haben das die Leute begriffen?

Matthias Vernaldi: Sicher nicht. Darum ging es aber auch nicht. Man sollte bei einer Modenschau nicht mit dem Deutungszaunpfahl winken. Es sind lediglich Verweise und Zeichen. Die entwickeln meist aus sich heraus eine hintergründige Dynamik.

Das Publikum hatte während der ganzen Präsentation seinen Spaß und war über das ungewöhnliche Event entzückt. Ich habe natürlich noch etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen, weil ich im wahrsten Sinne des Wortes so schräg bin. Das ist schon viel.

Und vielleicht kam bei einigen sogar der inklusive Aspekt zum Tragen – nämlich, dass sie sich gesagt haben: In einen solchen Zustand kann ich auch geraten, wenn ich alt oder krank werde oder einen Unfall habe. Und das wird nicht nur traurig und eklig und schlimm.

kobinet: Vielen Dank für das Interview!