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Inklusion beim Klimaprotest

Bild vom Protest mit Transparent: Inclusive we go #Ende Gelände
Bild vom Protest mit Transparent: Inclusive we go #Ende Gelände
Foto: Andreas Lapp-Zens

STUTTGART (KOBINET) Die Klima-Proteste vom Wochenende haben erneut für Schlagzeilen gesorgt. Mit dabei bei der Aktion Ende Gelände war Andreas Lapp-Zens, der die kobinet-nachrichten darauf hingewiesen hat, dass es dort auch einen inklusiven Finger gab. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul führte mit Andreas Lapp-Zens das folgende Interview über die Beteiligung behinderter Menschen bei den Protesten und sprach mit ihm darüber was ein inklusiver Finger ist.

kobinet-nachrichten: Sie haben am Wochenende am Klimaprotest im Rahmen der Aktion Ende Gelände teilgenommen. Wo waren Sie genau und wie kam es dazu?

Andreas Lapp-Zens: Ich bin schon sehr lange aktiv in der Umweltbewegung und deswegen zum Protestcamp angereist und wollte mich erst dort entscheiden, wie ich mich am sinnvollsten an den geplanten Aktionen beteiligen bzw. in welcher Funktion ich als Helfer im Camp bleiben könnte. Gerade als ich mich mit dem Gedanken angefreundet hatte, im Camp zu bleiben nachdem ich vergeblich versucht hatte, mich einer Bezugsgruppe im grünen Finger anzuschließen, wurde im ersten Plenum die Gründung des inklusiven Fingers bekannt gegeben.

Ich war einer von ca. 90 Menschen, die spontan und zum Teil ohne Vorerfahrung den einzigen inklusiven Finger innerhalb der Aktion Ende Gelände vom 19.-21. Juni gebildet haben. Die Idee kam wohl von einer Frau mit spastistischen Lähmungen, die im E-Rollstuhl und mit Assistenten am Camp teilnahm. Aus zunächst einer handvoll Menschen wurde über die Werbung im Plenum und durch Mund zu Mund Propaganda eine aktionsfähige Gruppe von Menschen, die einen Rollstuhl nutzten, verletzten und gehbehinderten Menschen, Eltern mit kleinen Kindern, Menschen mit unsichtbaren Behinderungen, Menschen unterschiedlichen Alters und Menschen aus vielen Nationen.

kobinet-nachrichten: Inklusion spielt bei den derzeitigen Protestaktionen sonst bisher kaum eine Rolle, wie ging das am Wochenende vonstatten?

Andreas Lapp-Zens: Das war wohl eher den äußeren Gegebenheiten geschuldet, da bei Aktionen wie das Absteigen in eine hunderte Meter tiefe Grube, das Zurücklegen von bis zu 30 km Laufstrecke, das überfallartige Besetzen von Zuggleisen, das Ausharren stunden- und nächtelang unter freiem Himmel ohne sanitäre Einrichtungen, das Fahren in überfüllten und überhitzten Bussen und Bahnen, die sehr reale Gefahr der Verletzung durch rabiate Polizisten etc. für alle Aktivist*innen eine große Herausforderung darstellte. Deshalb war auch von Vorhinein klar, dass unser Finger kein Firmengelände von RWE betreten würde.

kobinet-nachrichten: Welche Reaktionen der Polizei gab es auf den inklusiven Finger? Und was ist so ein Finger genau?

Andreas Lapp-Zens: Die erste Reaktion auf die Sitzblockade, mit der wir die Polizei so lange binden sollten, bis ein anderer Finger es in die riesige Grube geschafft hatte, war wie bei allen anderen Aktivist*innen von der Polizei auch, in voller Kampfmontur bedrohlich nah zu kommen, beim Vorbeigehen zu schubsen und im rüden Ton zum Verlassen des Ortes aufzufordern. Aber als der Zugführer, der wohl als erster die besondere Zusammensetzung unserer Gruppe erkannte, deeskalierend auf seine Kolleg*innen einsprach, wurde die Situation entspannter. Nach ca. 15 Minuten war der größte Teil der Polizei (zu spät) unterwegs an den Grubenrand und wir auf uns gestellt.

Ein Finger im Sprachjargon von Ende Gelände ist ein riesiger Zug (der größte von insgesamt 6 setzte sich aus 2.000 Aktivist*innen zusammen), der aus Gründen der Reaktions- und Kommunikationsfähigkeit in sogenannte Bezugsgruppen aus 6-10 Personen unterteilt war. Außerdem sollte sich Jede/r eine/n Buddy suchen, die/der das Sicherheitsgefühl insgesamt erhöhen sollte.

Die Finger formen eine Hand, die sich um das Revier legen und es so lahmlegen sollten, was auch gelang.

kobinet-nachrichten: Und wie haben die Passant*innen reagiert?

Andreas Lapp-Zens: Es gab eine große Vielfalt von Reaktionen: von herzlicher, begeisterter Anteilnahme bis wüsten Beschimpfungen. Allerdings hatte unser Finger nach freiwilliger Auflösung der Sitzblockade auf dem kurzen Weg zum Bus wenig Kontakt mit Bürger*innen am Gartenzaun. Es gab mehr Reaktionen der durch uns behinderten Auto- und Motorradhalter*innen. Auch hier von der Drohung in die Gruppe zu rasen (ein Motorradfahrer fuhr tatsächlich langsam mitten rein und wurde von der Polizei freundlich aber bestimmt zum Absteigen und Schieben aufgefordert) über neugierig schauen bis johlend und hupend Zustimmung signalisierend vorbeifahrend.

kobinet-nachrichten: Was würden Sie sich für die Zukunft bei solchen Protestaktionen wünschen?

Andreas Lapp-Zens: Bessere Vorbereitung auf kritische Situationen, einen klimatisierten Bus (auf der Rückfahrt mussten wir in drangvoller Enge und schwüler Hitze wegen Polizeisperren lange Umwege fahren) und vor allen Dingen viel mehr Beteiligung von Menschen mit Behinderung.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview

Kontakt zu Andreas Lapp-Zens: E-Mail: [email protected]

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