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Was macht Felicitas Duijnisveld?

Felicitas Duijnisveld und Ottmar Miles-Paul beim Mittagessen beim Lindener Tisch
Felicitas Duijnisveld und Ottmar Miles-Paul beim Mittagessen beim Lindener Tisch
Foto: Susanne Göbel

HANNOVER (KOBINET) Die Inklusionsbotschafterin Felicitas Duijnisveld beschäftigt sich viel damit, was für sie im Leben wirklich wichtig ist und was sie dafür genau braucht. Sie lebt im bunten Stadtteil Linden in Hannover und setzt sich dort dafür ein, dass auch Menschen mit wenig Geld ein möglichst gutes Leben führen können. Susanne Göbel, die das von der Aktion Mensch Stiftung geförderte Projekt InklusionsbotschafterInnen - Unterstützung auf dem Weg zur Inklusion koordiniert, sparch für die kobinet-nachrichten mit Felicitas Duijnisveld über ihre Aktivitäten in ihrem Stadtteil und was ihr dabei wichtig ist.

kobinet-nachrichten: Vor wenigen Tagen haben Sie den kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul und mich als Koordinatorin des Projektes zu Inklusionsbotschafter*innen begeistert durch Teile Ihres Stadtteils Linden in Hannover geführt. Was ist für Sie das Besondere am Stadtteil Linden, in dem Sie seit mehreren Jahrzehnten leben?

Felicitas Duijnisveld: Linden ist bunt - so lautet das Motto meines Stadtteils. Bunt bezieht sich auf das multikulturelle Leben in dem ehemaligen Arbeiterviertel Hannovers. Speziell in Linden-Süd gibt es den sogenannten „Deister-Kiez“, das ist die Deisterstraße, in der sich Menschen beruflich ausprobieren können, indem sie Ladengeschäfte sehr preisgünstig anmieten können. Und dann ist da noch das Platz-Projekt – ausrangierte Container werden aufgemöbelt und zum Beispiel als Fahrradwerkstätten, Nähstudios oder Massageeinrichtungen benutzt. Und im Sommer werden sonntags während des Flohmarkts neben Köstlichkeiten auch schöne Musik und gute Laune angeboten. Ich lebe seit 17 Jahren im Ahrbergviertel, einer umgebauten Industriebrache in Linden-Süd. Hier in Linden kennen wir uns und lassen uns so bunt sein, wie wir wollen und können. Das ist meine Heimat!

kobinet-nachrichten: Während unseres Rundgangs haben Sie auf viele Initiativen, zum Beispiel den Lindener Tisch, u.a. eine Suppenküche und Lebensmittelausgabestelle, den Kreofanten, ein Netzwerk Lebenskunst mit vielen kreativen Angeboten und Läden, zum Beispiel fairKauf, hingewiesen, die sich im und für den Sozialraum Linden und seine Menschen engagieren. Als Inklusionsbotschafterin hatten Sie sich ja vorgenommen, einen alternativen Einkaufsführer für Hannover zu erstellen. Wie kam es zu dieser Idee und inwiefern alternativ?

Felicitas Duijnisveld: Hannover definiert sich über seine Stadtteile. Das sind im Prinzip viele kleine „Dörfer“, die eine eigene Infrastruktur und auch Kultur entwickelt haben. Als Lindenerin wollte ich auflisten, wo es in meinem Kiez „alternative“ Einkaufsmöglichkeiten gibt. Oder anders ausgedrückt, wo ich Dinge umweltbewusst und preiswert erwerben, eintauschen oder sogar geschenkt bekommen kann. Durch meine Behinderung bin ich letztlich bis zur Altersarmut gerutscht und muss nun schauen, wie ich mit wenig Geld auskomme. Aber ich möchte auch umweltbewusst leben, also lieber nach gebrauchten Gegenständen schauen, als alles neu zu kaufen. Je mehr ich darüber sprach, umso mehr Menschen haben mir erzählt, dass es ihnen auch so geht. So entstand die Idee, einen alternativen Einkaufsführer für Linden zu erstellen.

kobinet-nachrichten: Während unseres Mittagessens beim Lindener Tisch erzählten Sie, dass Sie Ihre ursprüngliche Projektidee verworfen haben, sich aber etwas Neues, für Sie viel Passenderes entwickelt hat. Was ist das Neue, das Sie sich jetzt vorgenommen haben, was hat das mit dem Verein Lindener Tisch zu tun und was machen Sie dort?

Felicitas Duijnisveld: In vielen interessanten Gesprächen erfuhr ich, dass es grundsätzlich zwar Bedarf gibt, aber jede Person hatte so ihre eigenen Strategien entwickelt, um mit wenig Geld auszukommen. So sammelte ich einige Ideen und Adressen, aber wie sollte ich diese veröffentlichen? In Papierform oder im Internet? Und wer gestaltet und aktualisiert und vor allem finanziert das Ganze? Ich fragte auch bei der Freiwilligen Börse Hannover nach, ob ich von dort Unterstützung bekommen könnte, aber es gestaltete sich alles sehr zäh. Aber ich bemerkte, dass viele meiner Bekannten sehr positiv auf den Lindener Tisch reagierten, bei dem ich mich ehrenamtlich engagiere. Beim Lindener Tisch gibt es täglich warmes günstiges Essen und eine Grundversorgung für Menschen mit geringem Einkommen in Form von Lebensmitteln und Tierfutter sowie eine wöchentliche ärztliche Versorgung und Rechtsberatung.

Meine Aufgabe besteht aus einer Art „besonderer Öffentlichkeitsarbeit“. Zum einen koordiniere ich mit dem Lions Club Hannah Ahrend zweimal pro Jahr eine Lebensmittelspenden-Aktion „Ein Teil mehr im Korb“ vor einem Einkaufszentrum. Beim letzten Mal, am 29.05.2018, haben wir 300 Kilogramm Lebensmittel im Wert von 1.500 Euro für den Lindener Tisch gesammelt. Oder ich vertrete den Lindener Tisch bei einigen Medien, zum Beispiel bei einem Interview mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband zum Thema Armut (auf Seite 7).

Und dann ging mir ein Licht auf – genau das ist meine Herzensangelegenheit: mit den Menschen in Kontakt zu kommen, sie zu berühren und sie zum Lächeln zu bringen! Nicht nur Suppe im Bauch, sondern auch Sonne im Herzen! So entstand mein aktuelles Projekt! Ich verabrede mich mit den unterschiedlichsten Menschen zum Essen beim Lindener Tisch und stelle dort das Projekt vor. Daraus ergeben sich sehr unterschiedliche und faszinierende Hilfsangebote, wie zum Beispiel eine neue Bestuhlung für unsere Suppenküche, einen Aufruf in virtuellen Medien zur Aushilfe bei Fahrdiensten oder eine größere Gewürzspende oder aktive Mithilfe oder Geldspenden oder oder oder. Und mal abgesehen davon ist es sehr lecker…

kobinet-nachrichten: Was haben Sie für sich gelernt, seit Sie sich dort engagieren?

Felicitas Duijnisveld: Beim Lindener Tisch verdient niemand auch nur einen Cent. Alle engagieren sich ehrenamtlich und die Lebensmittel und alles weitere werden gespendet. Damit jeden Tag warmes Essen auf dem Tisch steht, braucht es zuverlässige Mitstreiter*innen. Das ist manchmal nicht so einfach, denn fast niemand ist komplett gesund und dauerhaft belastbar. Ich habe gelernt, das freudig anzunehmen, was da ist, statt das einzufordern, was ich für angemessen halte. Ich sehe meine Grenzen und kann besser (meine Konzepte) loslassen. Die Menschen, die zum Lindener Tisch kommen, haben ihre eigenen Lösungsstrategien für sich entwickelt und brauchen und vor allem wollen keine Rat“schläge“.

kobinet-nachrichten: Ihr neues Motto als Inklusionsbotschafterin ist „Klein aber fein“. Was genau verbirgt sich dahinter?

Felicitas Duijnisveld: Es ist verlockend über die Missstände des Sozialstaates zu klagen, aber damit ist noch keiner satt oder glücklich geworden. Es ist vielleicht wenig für die gesamte Menschheit, wenn jemand beim Lindener Tisch eine warme Mahlzeit bekommt und dazu noch ein freundliches Wort oder einfach Gesellschaft, wie zum Beispiel bei der Weihnachtsstube. Aber für einige war es wirklich weltbewegend und das macht mich dann auch glücklich.

kobinet-nachrichten: Seit einem Studienaufenthalt in Westafrika beschäftigt Sie die Frage „Was ist wirklich wichtig im Leben?“. Inzwischen setzen Sie sich viel mit den Themen Armut, Akzeptanz in der Gesellschaft und behindert werden oder behindert sein auseinander. Wie prägt das Ihr Leben und Ihr ehrenamtliches Engagement?

Felicitas Duijnisveld: Im Senegal habe ich gelernt, was für mich wirklich wichtig ist, und zwar Wasser, Essen, Schlaf, Gesundheit und vor allem Gemeinschaft. Diese Erkenntnisse haben mich mein Leben lang begleitet und wesentlich dazu beigetragen, glücklich und zufrieden zu leben. Mir waren Statussymbole nie wichtig und ich habe „Luxus“ niemals vermisst. Diese Einstellung hilft immens, wenn dann die Altersarmut kommt. Bin ich eigentlich beeinträchtigt, oder werde ich behindert, wenn ich arm bin? Wo ist die Grenze zwischen Armut und Behinderung? Ich bin beides und es fühlt sich beides für mich sehr ähnlich an. Die Ausgrenzung und die Scham kenne ich bei beiden Themen, aber es kommt auch darauf an, wie ich mich dazu positioniere. Wenn ich mich mit jungen, reichen und gesunden Menschen vergleiche, schneide ich nicht so gut ab. Aber wenn ich sehe, mit was für Beeinträchtigungen sich manche Menschen arrangieren müssen, dann bin ich doch sehr dankbar für mein Leben.

kobinet-nachrichten: Was steht noch an bei Ihnen? Haben Sie schon Pläne für 2019?

Felicitas Duijnisveld: Ich bin vor einem halben Jahr in eine wesentlich kleinere Wohnung gezogen (worden) und dort gibt es noch viel zu tun. Manches kann ich körperlich (und finanziell) nicht selber erledigen und so warte ich auf gute Angebote und Gelegenheiten. Das schult die Geduld. Im kommenden Jahr möchte ich in Rente gehen und ich bin schon dabei, mich innerlich darauf vorzubereiten. Allerdings bedeutet das für mich nicht, dass ich fortan nichts mehr tun möchte. Im Gegenteil – denn dann habe ich mehr Zeit, um mich zu engagieren! Zum Beispiel freue ich mich auf das Sommercamp zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen 2020 in Duderstadt, bei dem ich hoffentlich mitwirken darf. Das ist ein echter Höhepunkt für mich!

kobinet-nachrichten: Was nervt oder beunruhigt Sie so richtig?

Felicitas Duijnisveld: Die Bürokratie und der körperliche Verfall im Alter.

kobinet-nachrichten: Und worüber freuen Sie sich, bzw. welche Wünsche sind bei Ihnen noch offen?

Felicitas Duijnisveld: Eigentlich freue ich mich den ganzen Tag – über Blumen, Sonne, meine Katze, leckeres Essen, liebe Freunde, ein Lächeln und vor allem, dass ich lebe und mich freuen kann…

kobinet-nachrichten: Und wenn Sie einen Wunsch hätten, der im Zusammenhang mit Ihrem Engagement beim Lindener Tisch steht, was bräuchte es dort gerade aus Ihrer Sicht am meisten?

Felicitas Duijnisveld: Am meisten brauchen wir zuverlässige und körperlich belastbare Fahrer*innen, die die Lebensmittelspenden abholen können. Und weitere zuverlässige und körperlich belastbare Helfer*innen, zum Beispiel beim Lebensmittelkisten packen. Aber auch andere Hilfe ist willkommen, wie Geldspenden für die Miete, den Unterhalt der Fahrzeuge, Nebenkosten und für den Zukauf von manch frischen Lebensmitteln. Oder Sachspenden, wie zum Beispiel neue Tische.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Links zu weiteren Berichten über Inklusionsbotschafter*innen unter dem Motto "Was macht ...?

Was macht Graf Fidi? - kobinet-nachrichten vom 13. Januar 2019

Was macht Birger Höhn - kobinet-nachrichten vom 10. Januar 2019

Armin Rist: Viel unterwegs für Inklusion - kobinet-nachrichten vom 20. November 2018