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Offener Brief von Joscha Röder an Greta Thunberg

Joscha Röder
Joscha Röder
Foto: Joscha Röder

BONN (KOBINET) Die 15jährige Inklusionsbotschafterin Joscha Röder aus Bonn träumt manchmal von einem Generalstreik aller Kinder und Jugendlichen für all ihre Rechte, um die sie großteils betrogen werden. Und so wurde sie auf die 16jährige Umweltaktivistin Greta Thunberg aus Schweden aufmerksam, der sie nun einen offenen Brief sowohl in Englisch als auch in Deutsch geschrieben hat. Die kobinet-nachrichten veröffentlichen im folgenden den offenen Brief an Greta in deutsch.

Offener Brief von Joscha Röder

Bonn, 2.2.2019

Liebe Greta,

ich bewundere und beneide Dich. Ich wollte schon im August 2018 streiken, aus anderem und doch ähnlichem Grund: Nichteinlösung der UN-Konvention zur Integration Behinderter. Meine Eltern erlaubten es nicht, wegen der Schulpflicht.

Ich (15) bin wie Du Asperger Autistin (Inselbegabungen in Fremdsprachen). Ich gehe zu einer Gesamtschule. In Englisch und Spanisch durfte ich zwei Klassen überspringen. Als ich die zehnte Klasse bestanden hatte, sollte ich wieder zurück in die Neunte und zwei Jahre sinnlos wiederholen. Greta, das ist nur einer der Punkte, wo es schiefgeht.

Es ist wie beim Klimaschutz: Die Erwachsenen betrügen uns um unsere Zukunft. Inklusion ist ein RECHT, und zwar für alle, Nichtbehinderte und Behinderte. Jeder darf nach seiner Begabung in seinem eigenen Tempo lernen (Paragraph 24). – Bildung wird als wichtig deklariert. Aber wir haben Schule und Unterricht wie vor 50 Jahren. Schulgebäude kaputt, große Klassen, zu wenig Lehrer, starrer Lehrplan ohne individuellen Unterricht. Menschen, die nicht der NORM, dem NORMALEN entsprechen, separiert auf Förderschulen.

Inklusion ist ein schlechter Witz. Ich habe schon vor eineinhalb Jahren darüber geschrieben. Hier kannst Du das lesen:

http://www.zeit.de/2017/28/inklusion-autismus-kinder-mit-behinderung-schule-paedagogik

Und hier hören:

www.youtube.com/watch?v=MKEcPK26ssE&feature=youtu.be

Deine und meine Gemeinsamkeit: Wir brauchen Bildung. Wissen, wie wir mit dieser von den bisherigen Generationen versauten Umwelt und Natur leben können. Es nützt nichts, wenn wir Themen wie endoplasmatisches Reticulum lernen - und keine Ahnung haben von Sonnen- und Windenergie statt fossiler Energien.

Politiker müssen handeln – und zwar jetzt, sofort. Auch die Schulministerien. Die Gesetze sind von 1998 - und immer noch ist kein Recht auf Inklusion eingearbeitet!

Greta, hilf mir: Wie schaffe ich zu streiken? Glaubst Du, Du kannst das Thema Inklusion / Bildung / Schulen in die Streiks der Kinder und Jugendlichen einbeziehen? Mehr soziale Verantwortung, mehr Teamarbeit von allen Menschen, egal wie verschieden sie sind...

(Wenigstens zwei Beispiele für den Betrug: In meiner Stadt Bonn geben die Ämter an, dass 83 Prozent der behinderten Schüler in die Oberstufe normaler Schulen gehen. In Wahrheit schaffen es nur 65 Schüler insgesamt – von mehr als 20.000! Der Rest landet in der Behindertenwerkstatt. – Ich kann Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch und Latein – und soll doch als Küchenhilfe arbeiten, obwohl ich mir kein Brot machen kann. Ich sehe die Welt zweidimensional, wie ein Foto. Trotzdem muss ich das Volumen einer Vase berechnen können, um Abitur zu machen. Das ist wie wenn ein Rollstuhlfahrer Stabhochsprung machen muss, um mit den anderen leben zu dürfen.

Du hast sehr viel Arbeit. Dennoch: Antwortet Ihr (Du und Deine Eltern) mir kurz? Ich bin keine Trittbrettfahrerin. Ich kämpfe schon seit Jahren um Teilhabe. Auch beim Bundespräsidenten im Bundesrat.

Herzliche Grüße an Dich!

Deine Joscha
(Asperger Autistin, körper- und sehbehindert – und dennoch ein Mensch)

P. S. Ich träume manchmal, wir machen einen Generalstreik. Alle Kinder und Jugendlichen - für all ihre Rechte, um die sie großteils betrogen werden! Träumst Du auch?