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Wir müssen reden, Gretchen!

Roland Frickenhaus
Roland Frickenhaus
Foto: Roland Frickenhaus

UNBEKANNT (KOBINET) Bei dem händeringenden Suchen nach Fachkräften wird gern kommuniziert, dass die Qualität von Sozialen Dienstleistungen in einem direkten Zusammenhang zur Quantität steht: „Je mehr Fachkräfte, desto besser das Ergebnis“, so die Botschaft. Erfahrungen zeigen, dass diese Gleichung zu kurz greift. Wir müssen über Ethik, Moral und Glauben reden. Das ist so einfach wie unbequem.

Noch wird so getan, als sei es ein rein quantitatives Problem, das es zu lösen gälte und bei dem drei typische Reaktionen zu beobachten sind:

1. Man versucht mit allerlei Anreizen, ausländische Fachkräfte zu uns zu holen

2. Menschen mit (absehbar eintretendem) Pflegebedarf ziehen ins Ausland, weil sie sich dort entsprechende Dienstleistungen leisten können,

3. Man ist bemüht, die Attraktivität Sozialer Berufe zu erhöhen.

Dass die Varianten eins und zwei reaktiv sind und zudem die Entwurzelung von Pflegekräften oder/und zu Pflegenden zur Folge hat, wird gern ins Kleingedruckte geschoben. Und es ist nicht nur die Entwurzelung, die problematisch ist. Mindestens genauso problematisch ist, dass dadurch die jeweiligen nationalen Märkte an Pflegekräften leergekauft werden. Es ist eben attraktiver, die Seniorin in Garmisch-Partenkirchen zu pflegen, als (weiterhin) für die Seniorin in Katowice da zu sein. Hier braucht es dringend, statt finanziell geförderter Aktionen zum Fischen in fremden Teichen, eine gesamteuropäische Sozial-Aktion!

Bei dem händeringenden Suchen nach Fachkräften wird gern kommuniziert, dass die Qualität von Sozialen Dienstleistungen in einem direkten Zusammenhang zur Quantität stehe: „Je mehr Fachkräfte, desto besser das Ergebnis“, so die Botschaft. Es braucht schon etwas Mut, hinter diese Aussage ein Fragezeichen zu setzen.

Es ist nämlich nicht allein das (Fach-)Wissen, das den Menschen zu einer (Pflege-)Persönlichkeit macht und das die Garantie für Sozialkompetenz begründet. Mindestens gleichbedeutend ist das, was wir auch als Ethik, als Menschenbild oder schlichtweg als „Glauben“ bezeichnen.

Es ist beileibe nicht so, dass das Wissen die Grundlage darstellt, sondern es ist die ethische Verortung, die das Fundament und den Kern einer Persönlichkeit bildet! Übertragen auf die Fachkraftthematik würde das bedeuten, dass eine Fachkraft nicht allein durch ein Zertifikat zur Fachkraft wird.

An der Odenwaldschule waren Fachkräfte tätig, in den Heimen der Haasenburg GmbH waren Fachkräfte tätig und Niels H, dem aktuell der Prozess gemacht wird, weil er (mindestens!) 90 Patienten getötet haben soll, ist Krankenpfleger. Deutschlands wohlmöglich größter Serienmörder ein Krankenpfleger! Dagegen wirkt der Prozess um den NSU und Frau Zschäpe eher blass. Und einmal mehr gilt: Wissen ohne Ethik kann pervertieren und Wissen ohne Werte ist nichts wert!

Und über die #MeToo-Täter, die ja in der Regel auch eher gesellschaftlich und bildungstechnisch höhere Positionen innehaben/ innehatten, haben wir da noch gar nicht gesprochen. Und wenn der neue Hildesheimer Bischof Wilmer im Interview mit dem Kölner Stadtanzeiger davon spricht, dass „der Missbrauch von Macht in der DNA der Kirche steckt“, dann ist dem wohl an Deutlichkeit nichts mehr hinzuzufügen.

Während Ärzte den Hippokratischen Eid leisten und Politiker einen Amtseid leisten, wird sich in der Sozialen Arbeit gern totgestellt und stattdessen getan, als sei Qualifikation ein Garant für Qualität.

Der knapper werdende Markt an Fachkräften bringt es mit sich, dass ethische und religiöse Fragen in den Hintergrund geraten. Da stellt man dann eben den Erzieher ein, der montags immer nur Frühdienst machen will, und merkt dann nach einigen Monaten verwundert, dass er den Frühdienst am Montag deshalb braucht, um am Nachmittag bei einer politisch merkwürdigen Organisation mitlaufen zu können.

Es ist Teil einer unbequemen Wahrheit, dass wir bereits jetzt schon Berufskollegen haben, also Fachkräfte, die beispielsweise ihr Wissen und ihre Professionalität nur deutschen Obdachlosen zu Gute kommen lassen. Und das ist erst der Anfang. Es ist Fakt, dass es durchaus auch im Sozialen Bereich Fachkräfte gibt, die Sympathien für rechtsnationale Parolen haben. Im nächsten Jahr werden in Sachsen, Thüringen und Brandenburg die Landtage und in Bremen die Bremische Bürgerschaft neu gewählt.

Leitungsverantwortliche Sozialer Unternehmen können sich nicht sicher sein, ob nicht auch aus ihrer Mitarbeiterschaft Fachkräfte bei irgendwelchen Aufmärschen mit von der Partie sind. Es braucht nicht viel Phantasie, um sich Dinge vorzustellen, die wir früher schon mal hatten. Es besteht insofern die historische Verpflichtung, hier besonders sensibel zu sein und nicht wegzusehen.

Es geht in der Sozialen Arbeit eben nicht nur um die „Anzahl der Köpfe“, sondern mindestens auch um die „Anzahl der Herzen“, um im Bilde zu bleiben. Nicht immer und nicht kausal generiert Qualifikation Qualität. Das zu behaupten, ist nicht redlich.

Wir müssen über Glauben und über Werte reden. Punkt.

In der Hochkonjunktur des QM wurde alles gemessen, gewogen und gezählt. Da wurden Prozesse beschrieben, Flussdiagramme erstellt und jede Menge Zeit dafür aufgewandt, alles zu systematisieren und in Handbüchern zusammenzufassen. Die Annahme lautet, dass die Beschreibung aller Prozesse, quasi im Selbstlauf, eine gute Qualität generiert. Ernüchternd ist allerdings festzuhalten, dass es Dinge gibt, die sich dieser Art des Denkens entziehen. Während man Qualifikationen bewerten, Weiterbildungen bepunkten und Abschlüsse benoten und systematisieren kann, entzieht sich, zum Glück natürlich, der Kern des Menschen dieser linearen Betrachtung.

Auf die Frage, was denn der Unterschied zwischen „Kopf“ und „Herz“ sei, antwortete vor einiger Zeit einmal ein Kind: „Das, was ich im Kopf habe, das weiß ich und das, was ich im Herzen habe, das tue ich.“ Das bringt das Spannungsfeld gut auf den Punkt: „Kopf“ heißt „Wissen/Fachkraft“ und „Herz“ heißt „Menschenbild/Glaube“.

Wenn „Fachkraft“ tatsächlich als Synonym für „Qualität“ gelten soll, dann braucht es die Einbeziehung von und den Diskurs zu Fragen der Ethik und des Menschenbildes und es braucht die offensive Auseinandersetzung mit nationalistisch geprägten Menschen- und Gesellschaftsbildern.

Eine Erkenntnis aus den verstörenden Bildern, die uns das „Team Wallraff“ vor knapp zwei Jahren in unsere heilen Wohnzimmer brachte, ist, dass man sich in falscher Sicherheit wiegen kann, wenn man „Fachkraft“ als Übersetzung von „Qualität“ versteht. Da hat nicht eine Fachkraft versagt, keine Qualifikation, sondern es war schlichtweg der Mensch, der versagt hat und der an anderen Menschen schuldig geworden ist.

Es muss wieder viel selbstbewusster und selbstverständlicher über Werte, über Ethik, Moral und Glauben gesprochen werden. Es ist auch an der Zeit, darüber nachzudenken, ob ein Gelöbnis oder ein Eid für den Bereich der Sozial- und Pflegeberufe eine Option sein kann.

Gegenwärtig sind ganze Heerscharen in die Reform der Eingliederungshilfe eingebunden und es steht zu befürchten, dass das Produkt dieser Arbeit am Reformwerk etwas sein könnte, das ethisch auf tönernen Füßen steht.

Wie man mitunter den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen kann, so kann man auch vor lauter Eifer am (und für das) Gesetz die ethischen Grundlinien aus dem Blick verlieren: Keine Leistungsausweitung, kein Kostenaufwuchs, budgetneutrale Umstellung, keine Leistungen zur Teilhabe für Antragsteller die älter als 65 Jahre sind, Mehrkostenvorbehalt, Gebot zum Einkauf von Leistungen, die im unteren Preisdrittel liegen, Tätigwerden auf Antrag und so fort. Aktuell hört man, geschickt in Nebensätze verpackt, Positionen, die nicht nur einer juristischen Betrachtung, sondern auch einer ethischen Entgegnung bedürfen.

Wir müssen reden –und zwar dringend.