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KASSEL (KOBINET)
KASSEL (KOBINET) Als Uwe Frevert und Ottmar Miles-Paul vor 26 Jahren die Aufrufe für den ersten Europäischen Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen eintüteten und europaweit als Brief verschickten, hat keiner von ihnen geahnt, dass 26 Jahre später dieser Protesttag immer noch stattfindet und deutschlandweit mehr als 650 Aktionen und Veranstaltungen stattfinden. Sie haben aber auch nicht geahnt, dass dieser Protesttag nach wie vor so wichtig, wie eh und je, ist, da behinderte Menschen immer noch mit massiven Diskriminierungen konfrontiert sind. Dies hat kobinet-Redakteur Ottmar Miles.Paul zu folgendem Kommentar veranlasst:
Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul
Draußen und Drinnen
Die Aktiven, die zum Beispiel heute Nachmittag in Berlin und in anderen Städten auf die Straße gehen, um für die Gleichstellung und Selbstbestimmung behinderter Menschen zu demonstrieren, können dies mit frühsommerlichen Temperaturen und einer Förderung durch die Aktion Mensch im Rücken tun. Als Uwe Frevert und ich 1992 den ersten Europaweiten Protesttag für die Gleichstellung behinderter Menschen mit Unterstützung des Europäischen Netzwerks zum selbstbestimmten Leben behinderter Menschen (ENIL) und der damals gerade gegründeten Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) anschoben, war von einem solch vermeintlich freundlichen Klima noch nicht viel zu sehen. So mancher Protesttag fand bei Eiseskälte statt und gefördert wurden die Protestaktionen damals von niemandem. Ganz im Gegenteil gab es auch Verbände, die ihre Mitglieder davon abhalten wollten, dabei mitzumachen. 20 Aktionen bundesweit waren damals schon ein riesiger Erfolg, aber gerade im Lichte der anstehenden Diskussion um die Verfassungsreform in Deutschland unheimlich wichtig. Über jeden Medienbericht freuten wir uns. Schließlich gelang es dann auch 1994 den Artikel 3 zu ändern, so dass heute im Grundgesetz steht, dass niemand wegen seiner Behinderung benachteiligt werden darf. Gleichstellungsgesetze in den Ländern und auf Bundesebene folgten und schließlich wurde auch die UN-Behindertenrechtskonvention von der Generalversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet und in Deutschland ratifiziert. Ach ja, die damalige Aktion Sorgenkind heißt mittlerweile Aktion Mensch und fördert sogar den Protesttag.
Also ein Stück eines langen Weges liegt hinter uns, einige Barrieren konnten aus dem Weg geräumt werden, Busse und Bahnen sind barrierefreier geworden und einige von uns konnten für sich persönliche Assistenz erstreiten und zeigen, wie ein selbstbestimmtes Leben funktionieren kann, bei allen Kämpfen, die immer wieder damit verbunden sind. Ist damit nun alles gut? Für einige wenige vielleicht, aber für die vielen behinderten Menschen, die nach wie vor von den alten Strukturen der sogenannten Behindertenhilfe ausgegrenzt und durch vielfältige Diskriminierungen benachteiligt werden, sieht das ganz anders aus. Deshalb sind heute auch wieder viele draußen und demonstrieren für ihre Rechte und gegen Aussonderung und Diskriminierung.
Was dabei jedoch oft, zum Teil auch von uns selbst, übersehen wird, ist, wieviele nicht raus können, wie viele noch drinnen sind, wie viele nach wie vor ausgesondert und in ihrer Lebensentfaltung massiv benachteiligt werden. Hunderttausende Menschen müssen meist ohne Alternative in Einrichtungen leben, wo das Zwangspoolen eine lange Tradition hat und man froh sein kann, wenn man ein Stück Teilhabe bekommt. Je nachdem, wie das Personal gerade Zeit hat oder ob man das Glück hat, dass es jemand gut mit einem meint. Hunderttausende arbeiten nach wie vor in einem Schattenarbeitsmarkt mit ca. 200 Euro Durchschnittsentlohnung für 20, 30 oder gar 40 Stunden Arbeit pro Woche. Und dann werden die Manager solcher Angebote und PolitikerInnen nicht müde, diese zu loben, diese weiter zu finanzieren und sogar noch immer neue davon zu bauen. Der öffentliche Aufschrei bleibt aus, bzw. begrenzt sich auf einige wenige Geschichten, die under cover ans Tageslicht kommen – und auch von uns Aktiven, die draußen sind, werden diese Menschen häufig vergessen. Sie sind die unsichtbaren Bürgerinnen und Bürger unserer Gesellschaft, die das System der sogenannten Behindertenhilfe systematisch an den Rand gedrängt und in Sonderwelten abgeschoben hat. Dort sind sie leichter zu „versorgen“ und zu „verwalten“. Schublade auf, Antrag ausgefüllt, Einrichtungsunterbringung bewilligt. Das Bundesteilhabegesetz hat daran auch noch nichts geändert und sogar bestehende Strukturen zum Teil verfestigt, wie die Möglichkeit zum Zwangspoolen und der Kostenvorbehalt zeigt. Jemand, wie Winfried Glosser sitzt immer noch mit 54 Jahren in einem Seniorenheim, alle Berichterstattung und Parlamentsnachfragen haben daran bisher nichts geändert. Eine Stadt, wie Ingolstadt, spricht ihm einfach ab, selbstbestimmt leben zu können.
Wenn wir heute also draußen unterwegs sind, lasst uns auch an die denken, die drinnen – gefangen in einem längst überkommenen und von der UN-Behindertenrechtskonvention nicht mehr gedeckten System der Menschenverachtung – leben müssen.




