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Preisverleihung für die besten Begriffspiraten!

Roland Frickenhaus
Roland Frickenhaus
Foto: Roland Frickenhaus

UNBEKANNT (KOBINET) Wenn Du das Wort "Inklusion" hörst, dann applaudiere nicht vorschnell. Ein zweiter Blick schadet nicht und bewahrt mitunter vor Enttäuschungen, denn nicht jeder, der den Begriff verwendet, meint zufällig auch das, was der Begriff tatsächlich bedeutet. Sie sind mitten unter uns: Die Begriffspiraten!

Mittlerweile hat sich nicht nur das Fälschen von Gebrauchsgütern als lukrativ herausgestellt, sondern auch das Kopieren von Begriffen. Da werden in einem unbeobachteten Augenblick Begriffe sinnentstellend verwandt. Und wenn man dann entsprechend charmant-naiv und leutselig daherkommt, ist die Wahrscheinlichkeit, aufzufliegen, ziemlich gering. Wer legt sich schon gern mit Goliath an, wenn die Steinschleuder zu Hause auf dem Küchentisch liegt?

Wer im Sozialen Bereich Begriffe fälscht, oder nachgemachte oder gefälschte Begriffe verwendet, macht keinen Reibach mit minderwertigen Produkten, sondern der will Ausgaben vermeiden, oder sich Gelder erschleichen. Aktuell hoch im Kurs sind u.a. die Begriffe „Inklusion“ und „Teilhabe“.

Wenn Ihr Sozialhilfeträger feststellt, dass ein solch kostenintensiver Begriff wie der der Teilhabe, auch von Ihrer Pflegekasse gebraucht wird, klingeln bei ihm die Einsparglocken. Anstatt den Begriff gegenüber der Pflegekasse klar zu verteidigen, gibt er ihn aus ökonomischen Gründen der Verwässerung und Umdeutung durch die Pflegekasse preis.

Vielleicht habe ich ja wieder mal etwas verpasst und ich weiß nur nicht, dass meine Pflegekasse mir gegenüber teilhabepflichtig ist. Und vielleicht weiß ich auch nur nicht, dass die Begriffe „Teilhabe“ und „Teilhabe“ identisch und austauschbar sind. Und vielleicht bin ich ja tatsächlich einer von diesen kleinkarierten Typen, die an allem nur rummäkeln, statt sich zu freuen, dass der Sozialhilfeträger endlich Konkurrenz bekommen hat und dass sich nun zwei Institutionen bei mir die Teilhabeklinke in die Hand geben. Konkurrenz belebt das Geschäft und ermöglicht uns Kunden mit etwas Glück das ein oder andere Schnäppchen.

Vielleicht aber habe ich, leider, wieder mal Recht und wir sind einem besonders dreisten Fall von Begriffspiraterie auf der Spur. Dann würde sich Teilhabe der Sozialhilfe von Teilhabe der Pflege in ihren Begründungen, in ihrer Haltung und in ihrer Vorgehensweise unterscheiden. Dann wäre das Verständnis von „Mobilität“ im Sinne von Teilhabe bei der Pflegekasse etwas anderes als das bei der Sozialhilfe und dann wäre „Selbständigkeit“ auch etwas anderes als selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe.

Teilhabeorientierte Pflege als „Teilhabe“ durchgehen zu lassen, muss lukrativ sein. Und wer seine Augen schließt und in die Glaskugel schaut, sieht die schnöden Pflegeeinrichtungen nach und nach aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen und sich in „Teilhabezentren für Pflegebedürftige“ verwandeln.

Noch nie gab es bessere Gründe, gleich ganze Heime umwidmen zu lassen, Rechtsanspruch hin oder her. Und seitdem nicht nur im Mercedes ein Motor verbaut wird, sondern auch im Lada, fällt die Wahl für alle diejenigen, die bei dem Kauf eines Autos auf einen Motor nicht verzichten wollen, sicher nicht leicht.

König Klient kann nun zwischen teilhabeorientierter Pflege und pflegeorientierter Teilhabe wählen, oder sich die Augen reiben und bei seiner Ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle vorstellig werden.

Dann wäre da noch ein weiterer Begriff, der immer wieder gern kopiert wird. Die Rede ist von „Inklusion“.

Da ist in Hamburg-Alsterdorf das „Sengelmann Institut für Medizin und Inklusion“, kurz: „SIMI“ angesiedelt. In diesem Institut werden erwachsene Menschen mit Behinderung behandelt. Ausschließlich nur erwachsene Menschen mit Behinderung. Hier kann jeder denken, was er will. Wie gesagt: Ausschließlich erwachsene Menschen mit Behinderung. Da bin ich ehrlich: Von allein wäre ich nie darauf gekommen, ein solches Angebot in Verbindung mit „Inklusion“ zu denken.

Wenn es unterschiedliche medizinische Fachrichtungen sind, die sich dort exklusiv um die erwachsenen Patienten mit Behinderung versammeln, dann wäre das wohl eher interdisziplinär, als inklusiv. Wenn die Leistungen der Mediziner darauf hinwirken, dass die wiederhergestellte Gesundheit die genesenen Patienten wieder in die Lage versetzt, am gesellschaftlichen Leben teilhaben zu können, dann arbeitet auch jeder Friseur am großen Ziel der Inklusion, sofern er Menschen mit Behinderungen die Haare schneidet. Auch der Bäcker, der einem Menschen mit Behinderungen Brot verkauft, leistet seinen kleinen stillen Inklusionsbeitrag, schon gewusst?

Ja, und überhaupt sind Sonderwelten keine Sonderwelten! Man stelle sich doch nur vor, wie friedlich Menschen unterschiedlicher Professionen, wie beispielsweise ein Schreiner, ein Gärtner und ein Bürokaufmann, in einer Werkstatt für Behinderte inklusiv und vereint an dem großen Ziel arbeiten, Menschen mit Behinderungen Teilhabe am Arbeitsleben zu ermöglichen. Das knistert ja förmlich vor lauter Inklusion!

Auch der exklusive Golfclub irgendwo am Tegernsee ist inklusiv. Da sind nicht nur Rechtsanwälte und Steuerberater anzutreffen, sondern auch Unternehmer und Ärzte. Diversity vom Feinsten! Ja, und der Club besteht selbstverständlich nicht nur ausschließlich aus blonden oder blauäugigen oder nur blonden und blauäugigen Mitgliedern, nein. Frauen gibt es da auch. Und die Vielfalt beginnt schon auf dem Parkplatz davor: Nicht nur schwarze Porsche, sondern auch weiße! Und wie friedlich sich ein Maybach gemeinsam mit einem Ferrari eine Parkfläche teilen kann, glaubt auch nur der, der es selbst einmal gesehen hat.

Ja, und auch die Anwaltskanzlei, in der der Sozialrechtler gemeinsam mit dem Arbeitsrechtler eine Sozietät betreibt, ist eigentlich eine ‚inklusive‘ Kanzlei, oder? Und der Pfarrer, der dem Gedanken der Ökumene anhängt, ist für ‚inklusive‘ Theologie.

Wer beim Überqueren der Straße den Zebrastreifen nutzt, sollte beim nächsten Mal daran denken, dass besagter Zebrastreifen, sobald ihn ein Mensch mit Behinderungen nutzt, der Inklusion dient. Merke: Wer einen Zebrastreifen mit den Füßen tritt, hat Inklusion nicht verstanden.

Wie weit wollen wir es eigentlich noch kommen lassen, dass Begriffe aufgeweicht und interessengeleitet interpretiert werden? Wer soll denn noch alles ungestraft losziehen und seinen Senf in die Welt setzen dürfen und damit denen, unwidersprochen(!), schaden, für die diese Begriffe mit Rechtsansprüchen und existenziellen Leistungen verbunden sind?

Wie wäre es, wenn sich Initiativen, Vereine und Organisationen zusammentun und einen Preis ausloben würden, der jährlich demjenigen zuerkannt wird, der sich durch Begriffspiraterie besonders unangenehm hervorgehoben hat.

Statt „Bambi“ lieber „Trojanisches Pferd“ oder „Plagiator“, das hätte doch was. Irgendwo fände sich sicher auch eine nette Kunsttherapeutin mit einer kreativen Umsetzungsidee. Und auf einer einzurichtenden Webseite würden jährlich alle Plagiats-Beispiele zusammengetragen und veröffentlicht werden und dabei selbstverständlich auch auf diejenigen aufmerksam gemacht, die es leider noch nicht bis aufs Treppchen geschafft haben. (Man muss nämlich auch den Nachwuchs im Blick haben!)

Als Datum böte sich der 05. Mai an. Würde mehr Schwung in die eintönig bunte Welt der bundesrepublikanischen Aktion-Mensch-Streuartikel-Partys bringen. Aufmerksamkeit wäre ebenso garantiert, wie das Abducken der gekürten Kandidaten, ergänzt durch blasse Stellungnahmen per Fax oder Mail. Als besonderen Service könnte man den enttarnten Plagiateuren einen Stellungnahme-Vordruck, selbstverständlich wahlweise auch in Leichter Sprache, als pdf im Downloadbereich kostenfrei zur Verfügung stellen.

Man muss nur wollen…