Foto: Privat
1024w, https://kobinet-nachrichten.org/cdn-cgi/image/q=100,fit=scale-down,width=1152/https://kobinet-nachrichten.org/newscoop_images/Dm82EJPdLnyKAbgVltC9kZYoIvuTBsi3XSp7Hfcr5qWMQawxR1ehOzjFG640.jpg"/>
Foto: Privat
1152w, https://kobinet-nachrichten.org/cdn-cgi/image/q=100,fit=scale-down,width=1280/https://kobinet-nachrichten.org/newscoop_images/Dm82EJPdLnyKAbgVltC9kZYoIvuTBsi3XSp7Hfcr5qWMQawxR1ehOzjFG640.jpg"/>
Foto: Privat
1280w, https://kobinet-nachrichten.org/cdn-cgi/image/q=100,fit=scale-down,width=1536/https://kobinet-nachrichten.org/newscoop_images/Dm82EJPdLnyKAbgVltC9kZYoIvuTBsi3XSp7Hfcr5qWMQawxR1ehOzjFG640.jpg"/>
Foto: Privat
1536w, https://kobinet-nachrichten.org/cdn-cgi/image/q=100,fit=scale-down,width=1920/https://kobinet-nachrichten.org/newscoop_images/Dm82EJPdLnyKAbgVltC9kZYoIvuTBsi3XSp7Hfcr5qWMQawxR1ehOzjFG640.jpg"/>
Foto: Privat
1920w" sizes="(max-width: 1024px) 1024px, (max-width: 1152px) 1152px, (max-width: 1280px) 1280px, (max-width: 1536px) 1536px, (max-width: 1920px) 1920px" src="https://kobinet-nachrichten.org/newscoop_images/Dm82EJPdLnyKAbgVltC9kZYoIvuTBsi3XSp7Hfcr5qWMQawxR1ehOzjFG640.jpg"/>
Foto: Privat
FRANKFURT (KOBINET)
FRANKFURT (KOBINET) Georg Gabler vom Frankfurter Club Behinderter und ihrer Freunde (CeBeeF) ist tief mit der Behindertenbewegung verwurzelt und beschäftigt sich viel mit der Geschichte dieser Bewegung. Der Tod von Walter Maria Schubert hat den erfahrenen Hasen der Behindertenbewegung veranlasst, einen kritischen Rückblick auf die damaligen Entwicklungen und das Wirken von Walter Maria Schubert für die kobinet-nachrichten zu verfassen.
Bericht von Georg Gabler
Christa Schlett beschreibt in ihrem Buch „Krüppel sein dagegen sehr“ von 1970 ihre erste Begegnung mit Walter Maria Schubert 1960: „Auf der Bank vor dem Eingang sass ein junger Mann ‚umringt von fast allen Gästen‘. Er wurde bewundert.“ So habe ich ihn auch kennengelernt. Er liebte es, umringt zu sein, von seinen Vertrauten und Bewunderern, seinen Groupies. Christa Schlett wurde allerdings kein Groupie, ich auch nicht.
Mit seinem Geburtsjahr 1932 gehörte er, der von seinen Freunden und Feinden nur „WMS“ genannt wurde, zu den Älteren der Nachkriegsaktivisten. Er verkörperte die „junge“ Behindertengeneration und wurde zum Mentor der Generation der betroffenen Spastikerkinder in den Elternorganisationen wie zum Beispiel dem Spastikerverein. Dort wurden die betroffenen Kinder zu Jugendlichen und versuchten der asymetrischen Eltern-Kind-Beziehung zu entkommen und in neuen Gruppen eine Beziehung auf Augenhöhe zu ihrer Umgebung zu praktizieren. WMS unterstützte diese Entwicklung mit Kraft und Leidenschaft. Die neuen Formationen gaben sich den Namen „Club Behinderter und ihrer Freunde“ und WMS entwickelte sie zum bundesdeutschen Markenzeichen. Anfang der Siebziger Jahre wurde die „Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs“ (BAG cbf) gegründet, mit WMS als deren Motor.
Über mehrere Jahre erschien das „cbf-Magazin“, das diese Entwicklung eindrucksvoll dokumentiert. Es gab eine regelrechte Gründungswelle, 1975 auch in Frankfurt. Die BAG cbf errang sich zwischen den übrigen grossen Behindertenverbänden in Bonn politische Anerkennung. Deren politische Linie, nämlich hauptsächlich „Bewusstseinsbildung“ durch „Aktive Partnerschaft“ wurde überall sichtbar: selbstbewusst auf Augenhöhe mit seinen Mitmenschen leben.
Jetzt kommen Ernst Klee und Gusti Steiner ins Spiel. Sie hatten die Idee, im Rahmen von punktuellen Kristallisationspunkten wie lokalen Volkshochschul-Angeboten, jenseits von Vereinsstrukturen, das öffentliche Bewusstsein zu schärfen. Der versierte journalistische Profi Klee brachte die Tätigkeit des lokalen Frankfurter Kurses „Bewältigung der Umwelt“ erfolgreich in den Medien unter. Der Kurs wendete sich mit seiner Ansprache nicht so sehr an die nichtbehinderten Mitmenschen, sondern konfrontativ an die Politik, die die konkreten Barrieren abschaffen konnten und sollten. Dies geschah mit aufsehenerregenden Aktionen, die das gebührende Medienecho erhielten. So etwas mag WMS als zu agressiv empfunden haben. Das war nicht mehr seine „stille Kraft“.
Gusti Steiner und Ernst Klee wollten aber politisch provozieren. Sie begannen dann seit 1978/79 erfolgreich mit einer Vernetzungsarbeit. In Frankfurt wurde ab 1978 dreimal die „goldene Krücke“ der Behindertenfeindlichkeit verliehen. Das mobilisierte eine Basis behinderter Menschen in neuer Weise. Ende 1980 zog sich Ernst Klee aus der aktiven Behindertenarbeit zurück und begann mit seinen Forschungsarbeiten zur Euthanasie. Gusti Steiner in Dortmund baute ab Herbst 1979 kontinuierlich ein Netzwerk von behinderten und nichtbehinderten AktivistInnen auf, hin zu einem „bundesweiten Zusammenschluss gegen das UNO-Jahr der Behinderten 1981“. Die BAG cbf und WMS als Person waren indes in den politikoffiziellen Vorbereitungsgremien zum Behindertenjahr 1981 eingebunden. Das war womöglich die Trennungslinie in der Politik der BAG cbf zu den neuen Kräften.
Im Mai 1980 fand in Frankfurt die bis dahin grösste Demonstration von behinderten und nichtbehinderten Menschen statt mit 5.000 TeilnehmerInnen. Es war der Protest gegen das skandalöse Urteil eines Frankfurter Reiserichters, der den Anblick behinderter Menschen als Minderung des Reisegenusses definierte. Der Frankfurter CeBeeF bekam zu dieser Veranstaltung massenweise Solidaritätsadressen von vielen Verbänden und Einzelpersonen. Die BAG cbf war nicht darunter. Die Störung der Eröffnungsveranstaltung zum Behindertenjahr 1981 und das sogenannte Krüppeltribunal im Dezember 1981 markieren den offiziellen Beginn der sogenannten Behindertenbewegung. WMS hielt sich fern.
Eine Gruppe oppositioneller Clubs versuchte in der Folge den Vorstand der BAG cbf abzuwählen. Das gelang nicht. Die örtlichen Clubs orientierten sich von nun ab mal in die eine, mal in die andere Richtung dieser politischen Strategien. In seiner unmittelbaren Umgebung, in Mainz und Rheinland-Pfalz, genoss WMS grosses Ansehen. Das schwand, als die damalige Mainzer Sozialdezernentin Malu Dreyer eine Rollstuhlfahrerin zur Mainzer Behindertenbeauftragten ernannte. Diese kam aus der „BAG-Opposition“. Als Sozialministerin holte sie sich dann AktivistInnen der jüngeren, kämpferischen, Generation in ihr Haus.
In den 90iger Jahren fiel der BAG cbf ein grösseres Erbschaftsvermögen zu. Die BAG cbf investierte in neue MitarbeiterInnen und gute Programme, allerdings ohne dabei auf ihre Finanzen zu achten. Als es eng wurde, trat der Vorstand zurück. Ein neuer Vorstand versuchte die finanzielle Stabilisierung mittels der Errichtung einer Stiftung zu erreichen. WMS setzte alles daran, dieses Vorhaben zu vereiteln. Warum? Er hatte jedenfalls Erfolg damit. Einige Jahre später wurde die Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde (BAG cbf) insolvent und musste abgewickelt.werden. Das war es dann.
Walter Maria Schubert hat die BAG cbf aufgebaut und dann auch wieder abgebaut. Nachhaltig ist das nicht. Schubert wurde 2007 der Robert-Mächtler-Preis verliehen. Diese Tatsache wird erst interessant, wenn man die Nähe der Mächtler-Stiftung zur Giordano-Bruno-Stiftung erkennt. Diese Stiftung hat wiederum einen „sogenannten“ Ethik Preis an Peter Singer verliehen. Aus seiner Preisrede wird Schubert zitiert: „Im Verhältnis zu dem, was ich in der Welt habe bewirken wollen, bin ich wohl der erfolgloseste aller Menschen.“ Hybris?
Trotz meiner ambivalenten Einschätzung des Wirkens von Walter Maria Schubert empfinde ich ihn als eine sehr wichtige Person in der Entwicklung des „Behindertenbewusstseins in Deutschland nach dem Krieg, wenn man dies als Kontinuum betrachtet.




