Foto: Anke Glasmacher
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BERLIN (KOBINET)
BERLIN (KOBINET) Es gibt kaum ein Jahr, in dem Anke Glasmacher nicht als Korrespondentin für die kobinet-nachrichten auf der Berlinale umschaut. Dieses Jahr war sie zwar von Fieber geschüttelt, hat aber doch eine Menge Eindrücke, von der, wie sie es sieht, immer noch politischen Berlinale mitgenommen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit der Autorin über ihre Eindrücke bei der diesjährigen Berlinale, die gestern zu Ende ging.
kobinet-nachrichten: Inzwischen wurden die Preise der diesjährigen Berlinale verliehen. Wie fällt dein persönliches Fazit aus?
Anke Glasmacher: Mir geht es da wie vielen: Mir gefällt die Berlinale, weil es nach wie vor ein politisches Filmfestival ist. Dafür müssen die Filme nicht immer eine explizite politische Aussage haben. Dieses Jahr standen ja eher die ruhigen, die poetischen Filme im Vordergrund. Aber politisch ist eben auch, einen Filmemacher oder eine Filmemacherin nach Berlin einzuladen, der oder die in ihrer Heimat keine Möglichkeit hat, sich frei zu äußern. Filme erzählen von Lebenswelten. Und viele Lebensbedingungen auf dieser Welt würden ohne die erzählerische Kraft von Filmen im Verborgenen bleiben. Bei uns in Deutschland gibt es – wohlgemerkt nach vielen Jahren der Diskussion – erste Bewegungen in Richtung Inklusion, Integration und eine Offenheit gegenüber verschiedenen Lebensentwürfen – und zur gleichen Zeit beginnt eine immer lauter werdende Gegenbewegung dazu.
kobinet-nachrichten: Hast du dazu auf der Berlinale ein paar gute, ermutigende Filme gefunden?
Anke Glasmacher: Mir hat „The Party“ gut gefallen, das war genau mein Humor. Berlinale heißt aber immer auch, dass man nur einen Bruchteil der laufenden Filme sehen kann. Ich habe den Kaurismäki verpasst, aber alle, die ich danach gesprochen habe, waren begeistert. Vielleicht stimmt es, dass man dem lauten Geschrei Poesie entgegenhalten muss. Ich würde allerdings nicht nur darauf setzen. Die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung hat ihre Rechte nicht nur mit Leise-Sein erkämpft.
kobinet-nachrichten: Dieses Jahr gab es wieder einen eigenen Schalter „Berlinale Inklusion“. Meinst du, das Thema ist auf der Berlinale angekommen?
Anke Glasmacher: Mich würden zu dem Schalter die Erfahrungen der Besucherinnen und Besucher interessieren. Wird das Angebot in Anspruch genommen? Es geht da allerdings eher um Barrierefreiheit. Wäre Inklusion erreicht, bräuchten wir den gesonderten Schalter nicht mehr.
Was anderes ist die inhaltliche Ausrichtung des Festivals. Die Berlinale mit ihrem eigenen Anspruch, politisch zu sein, hat schon immer unterschiedliche soziale Themen aufgegriffen und Filme dazu ins Programm geholt, also aufklärerisch gewirkt.
Ich erinnere mich an meine erste Berlinale, zu der mich eine Bekannte mitgenommen hatte, die spätertaubt ist. Ich war damals verwundert, dass sie ins Kino ging. Aber sie erklärte mir, dass die Berlinale für sie eine der wenigen Möglichkeiten ist, all diese wunderbaren Filme zu sehen, weil sie fast alle untertitelt würden. Das ist jetzt über 15 Jahre her. Heute gibt es auch immer mehr Filme, die zum Beispiel Audiodeskription über die App GRETA anbieten. Es gibt zum Glück auch immer mehr Kinos, in denen Rollstuhlnutzer und -nutzerinnen nicht direkt in der Leinwand sitzen müssen. Da ist einiges in Bewegung, bei weitem noch nicht perfekt, aber immerhin: Dank der Initiative und dem beharrlichen Nachfragen von Menschen mit Behinderungen tut sich was. Und es ist gut, wenn sich die Berlinale als so großes Publikumsfestival hier offener zeigt. Nicht zuletzt sollte Inklusion auch bedeuten, dass es bald mehr Filmemacherinnen und Filmemacher ebenso wie Schauspielerinnen und Schauspieler mit Behinderungen gibt, die Hamlet, Julia oder James Bond spielen. Es wäre toll, wenn sie dann zur Berlinale eingeladen würden und nicht ihre Behinderung, sondern ihr Film und ihr Schauspiel im Vordergrund der Berichterstattung stünden.
Für mehr Inklusion brauchen wir eben auch die kritischen Geschichten und die engagierten Filme, die uns positive Vorbilder zeigen, und Kinos, in denen wir die Filme sehen können.
kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und eine gute Wartezeit auf die nächste Berlinale.




