Werbung:
Werbung
Banner Fotos für die Pressefreiheit 2020
Werbung
Banner mit Inklusion Jetzt und der Schrift Dabei am 5. Mai - Live-Blog zum Protesttag
Werbung
Stellenanzeige des DIMR
Springe zum Inhalt

Marina Fraas studiert statt in der Werkstatt zu arbeiten

Marina Fraas
Marina Fraas
Foto: Marina Fraas

DRESDEN (KOBINET) Marina Fraas hat vor kurzem ihr Studium in Dresden begonnen und damit eine weitere Etappe in  ihrem spannenden Lebensweg begonnen. Nach ihrem Schlaganfall vor einigen Jahren wurde ihr empfohlen, in eine Werkstatt für behinderte Menschen zu gehen. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Marina Fraas über ihren Lebensweg und ihr Wirken als Inklusionsbotschafterin.

kobinet-nachrichten: Sie haben vor kurzem in Dresden mit Ihrem Studium für einen Masterabschluss begonnen. Was studieren Sie und wie sind Sie in Dresden angekommen?

Marina Fraas: vielen Dank für das Interview. Ja, mittlerweile bin ich ganz gut in Dresden angekommen. Jetzt studiere ich meinen Master in klinischer Psychologie und Psychotherapie an der Technischen Universität in Dresden. Zuvor habe ich an der Hochschule Magdeburg/Stendal Rehabilitationspsychologie studiert. Das war zwar eine recht kleine, aber dennoch einwandfreie, weitgehend barrierefreie Hochschule, in der ich mich wohl fühlte. Jetzt jedoch möchte ich mich weiterentwickeln und bin daher nach Dresden gezogen. Ich bin noch jung, ich will neue Eindrücke erleben, neue Leute kennen lernen. Es gibt so viele Möglichkeiten, die es zu nutzen gibt. Das war der Grund. Bis jetzt habe ich aber nur gute Erfahrungen mit dem Studium und meiner Beeinträchtigung gemacht (Beauftragter sowie Ansprechpartnerin für Studierende mit Behinderung, Sozialberatung etc). Zwar ist es an solch einer großen Uni schwerer den Überblick zu behalten, aber ich frage mich durch und bleibe dran. 

kobinet-nachrichten: Nach Ihrem Schlaganfall sah es erst einmal nicht so aus, dass Sie noch einmal studieren könnten. Wie war das damals? Wie waren die Vorschläge Ihrer RehaberaterInnen?

Marina Fraas: Ja, nach dem Schlaganfall, war nichts mehr so wie es war. Mein Leben war von hier auf jetzt zertrümmert, wie ein Spiegel der runter fällt. Ganz unten angekommen. Ich konnte nichts. Nicht laufen, nicht sprechen, nicht greifen etc., ich war ein Pflegefall. Aber meine Willensstärke und Durchsetzungskraft sind mir nicht verloren gegangen. Gott sei Dank. Ich habe intuitiv gemerkt: "Hallo? Du willst nicht hier mit 20 Jahren gepflegt, gefüttert und gewaschen werden. Du willst wieder laufen, wieder sprechen lernen, am Leben teilhaben, ja das Leben wieder neu genießen lernen." Diesen Satz habe ich mir immer wieder vor Augen gehalten, ganz egal wie schlecht es um mich stand. Ja und ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass ein Arzt zu mir in der Visite sagte: "Frau Fraas, sie können nicht mehr studieren. Sie haben Aphasie und eine Halbseitenlähmung, es wird ein anderer Weg gefunden werden müssen."

kobinet-nachrichten: Was dachten Sie, als Sie das hörten?

Marina Fraas: Also bei mir war es ein Gemisch aus Wut, Aggression, Hilflosigkeit und Angst gegenüber dem Arzt und der Erkrankung.

kobinet-nachrichten: Man hat Ihnen damals ja empfohlen, in eine Werkstatt für behinderte Menschen zu gehen. Was haben Sie gemacht?

Marina Fraas: Nein, da bin ich nicht hin. Bei mir macht Gegenwind stark. Deswegen habe ich genau das Entgegengesetzte gemacht. Ich nahm alles an Motivation, Durchhaltevermögen und eigenen Willen zusammen, um das Gegenteil zu beweisen. Niemand hat sich da so genau ausgekannt. Niemand kannte den goldenen Mittelweg. Ich musste den Weg selbst gehen, das war klar. Aber auf dem Weg begegnete ich auch positiven Menschen, die dasselbe dachten wie ich.

kobinet-nachrichten: Was denken Sie, war das Rezept, dass Sie es trotz der Schubladen, die damals für Sie aufgemacht wurden, trotzdem geschafft haben, Ihren Weg zu gehen?

Marina Fraas: Ich bin den Weg, ja oftmals sehr steinigen Gebirgsweg, nach meiner Intuition gegangen. Von Anfang an habe ich auf mein Innerstes gehört und habe in der schweren Zeit stets darauf vertraut. Meine Eltern und mein Freund standen immer hinter mir, haben mir immer den Rücken gestärkt. Es war immer für mich möglich auszutesten, was und wie viel ich noch machen konnte. Klar, hat man dann manchmal Fragen über den Sinn des Lebens und man versteht die Welt nicht mehr. Einige Male bin ich schon in depressive Phasen gerutscht, habe die ganze Welt verflucht. Aber dann erinnerte ich mich immer wieder an den Satz, den ich mir anfangs in den Kopf eingebrannt hatte. "Du bist 20, du hast dein ganzes Leben noch vor dir." Die notwendige Stärke hatte ich, die musste ich nur nutzen. Natürlich bin ich den Weg nicht durchweg alleine gegangen. Nein! Hier und da sind einige Leute mit mir gegangen, haben mich begleitet und waren einfach nur da. Von den Menschen, die für mich negativ sind, habe ich mich abgewendet.

kobinet-nachrichten: Sie engagieren sich für die Inklusion und wurden dieses Jahr zur Inklusionsbotschafterin ernannt. Was ist Ihnen bei Ihrem Engagement dabei besonders wichtig?

Marina Fraas: Mein Hauptziel ist, dass ich Inklusion in meinen persönlichen und auch beruflichen Alltag bringen will. "Inklusion" ist eine ganze Menge. Das heißt, Akzeptanz und Gleichberechtigung innerhalb des Geschlechtes, des Alters oder Herkunft, von Religionszugehörigkeit oder Bildung, eben bis hin zu Behinderungen. Jedes Individuum soll selbstbestimmt am Leben teilhaben. Ich setze mich besonders für Menschen mit Behinderung ein, speziell die erworbenen Behinderungen. Zum Beispiel stelle ich meine Bachelor Arbeit auf den 19. Würzburger Aphasie-Tagen vom 10. – 12. März 2016 vor. In dieser Abschlussarbeit ging es um die qualitative Untersuchung über chronische Aphasiker, wie sie psychosoziale Folgen während der Krankheit bewältigen.

Wenn ich auf irgendwelchen Fortbildungen, Kongresse oder Tagungen von Psychologen, Ärzten, etc. bin und ich erzähle, was ich mache und was ich schon erlebt habe, bringen meine Zuhörer teilweise kein Wort mehr heraus. Auch wenn bei manchen Leuten mit meiner Erkrankung die Sprache wegbleibt, sehe ich das nicht eng. (lacht) Ich habe ja auch eine Rest-Aphasie und kenne viele, die Aphasie haben. Hat nicht jeder Aphasie? Ich will zeigen, dass Menschen mit Behinderung auch das Wort ergreifen, auch eine Meinung haben können. Bloß weil ich Aphasie habe und ich teilweise halbseitig gelähmt bin, sollte das nicht gehen? Ich zeige, dass es eben doch geht.

Menschen mit erworbener Behinderung müssen ermutigt werden, nicht aufzugeben. Nicht sie sind in diesem Fall psychisch krank, sondern das System. Isolation und Resignation stärken das kranke System nur noch mehr. Ich sattle das Pferd anders auf. Klar stößt man als Mensch mit Behinderung auf einige Hürden wie zum Beispiel auf Ämtern, bei Krankenkassen, bei Arbeitgebern, sogar bei einigen ganz normalen Menschen auf der Straße. Aber die Betroffenen sollen das nicht so nah an ihr Herz lassen, darüber hinweg sehen. Natürlich kann sowas kränkend sein, das habe ich oft genug selbst erfahren, aber man lernt damit umzugehen.

kobinet-nachrichten: Und wie kriegen Sie Ihren Kopf auch mal frei?

Marina Fraas: Um den Kopf etwas freier zu kriegen, stricke ich. Wie kann ich mit einer Hand stricken? Ich nenne es "Inklusionsstricken". Die Kreativität muss ja auch irgendwie heraus. (lacht) Mit dem Strickrahmen, -Ring  und -Liesel kann man so einiges machen. In Workshops biete ich Inklusionsstricken an. Da ich jetzt nach Dresden umgezogen bin, will ich Leuten mit einer Beeinträchtigung auch hier zeigen, dass sie auch Gestaltungskraft, Ideenreichtum und Phantasie haben und diese umsetzen können.

Zuletzt stürze ich mich auch ins politische Getümmel (lacht). In der ÖDP (Ökologisch Demokratische Partei) bin ich politisch aktiv und versuche da ein inklusiveres Menschenbild ins Parteiprogramm hinein zu bringen. Die Politik muss das vertragen können (lacht)

kobinet-nachrichten: Gerade ist ein Schwerpunktheft zum Thema Inklusion der Ökologisch Demokratischen Partei (ÖDP), in der Sie sich engagieren, erschienen, das Sie entscheidend geprägt und voran getrieben haben. Wie schätzen Sie die Möglichkeiten des Engagements für Inklusion in Parteien derzeit ein?

Marina Fraas: Dort trägt die Inklusion als politisches Thema noch sehr zaghafte Knospen. Daher muss im politischen Kontext die Inklusion noch vorangetrieben werden. Dieses Thema Inklusion habe ich in der Zeitschrift aufgeworfen, um die Leserschaft zum Nachdenken anzuregen. Inklusion ist ein Prozess. Da ist nicht nach den ersten oder zweiten Mal das Thema "Inklusion" Gang und Gebe. Es soll ein Arbeitskreis "Inklusion" gegründet werden, der dieses Thema dann näher hinterfragt. Das Schwerpunktheft zum Thema Inklusion war erst der Anfang. Inklusion entwickelt sich. Stagnation bei so einem wichtigen Projekt gibt es bei mir nicht.

kobinet-nachrichten: Was kommt bei Ihnen als nächstes?

 Marina Fraas: Im neuen Jahr kommt eine DVD vom Bundesverband für Aphasiker raus. In diesem Film wird der Alltag von jungen chronischen Aphasikern gezeigt und wie sie mit "ihrer Behinderung" leben. Auch ich bin da dabei und will zeigen, dass auch Menschen mit Aphasie wertvolle, mit Respekt zu behandelnde und auch brauchbare Menschen sind. Egal was sie tun. Sie dürfen daher nicht aufgeben. Wahrscheinlich kommt die DVD am 10. - 12. März zu den 16. Würzburger Aphasie-Tagen raus. Ich bin schon ganz gespannt darauf.

Jetzt bin ich ja erstmal frisch gestrandet in Dresden. Da wird sich schon einiges in der Behindertenbewegung finden. Beispielsweise bin ich jetzt am 5. Mai zum Tag der Inklusion dabei, die "Parade der Vielfalt" zu planen. Auch in den hier ansässigen Selbsthilfegruppen für zum Beispiel Schlaganfall/Aphasie will ich mich mit einbringen. Mein Ziel ist es, in der Nachsorge von erworbenen Behinderungen später einmal tätig zu sein. Ich habe schon Kontakt zur Uni-Klinik Dresden aufgenommen, die da einiges plant. An erster Stelle steht aber dennoch das Studium, für das ich eigentlich nach Dresden gekommen bin. Das will auch nicht vernachlässigt werden. Es gibt also einiges zu tun.   

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem Studium und Ihren Aktivitäten in Dresden.

Link zum Porträt von Marina Fraas als Inklusionsbotschafterin

 

DRESDEN (KOBINET) Kategorien Nachrichten

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sfhpuwy