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Die Brüchigkeit des Verstands und der Gefühle zum 25. deutschen Einheizjubiläum

Harald Reutershahn auf Delegationsbesuch 1979 in der DDR
Harald Reutershahn auf Delegationsbesuch 1979 in der DDR
Foto: hjr

UNBEKANNT (KOBINET) Ein westdeutscher Freund der DDR, hörte schon als 16-Jähriger täglich mit seinem kleinen Transistorradio auf Mittelwelle die Stimme der DDR, weil dort etwas über die Hintergründe des Vietnamkriegs zu erfahren war. Das fand er ganz anders als der Pop-Konsumquatsch, der aus den BRD-Radiosendern tönte. Und lieber als den Popshop auf SWF 3 hörte er die Rockmusik der Puhdys, Karat und die politischen Lieder des Oktoberklub.

Als Jürgen Sparwasser am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion das Tor zum 1:0-Sieg für die DDR im Vorrundenspiel der Fußballweltmeisterschaft gegen die BRD schoss, war ich im katholischen Josefsheim in Bigge-Olsberg im Sauerland der einzige, der jubelte. Noch heute erinnere ich mich in Zeitlupe an diesen Moment, als die Fußballmannschaft des antifaschistischen Deutschland die Nationalmannschaft des revanchistischen Deutschland besiegte. Ein unbeschreibliches Glücksgefühl für einen 20-jährigen Rollstuhlfahrer, in dem das Bewusstsein herangereift war, in einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft kein Mensch mit einer verwertbaren Arbeitskraft zu sein. Der Kapitalismus konnte einen wie mich nicht gebrauchen und hatte mir nach dem Schulabschluss verweigert, mir eine Berufsausbildung in einem normalen Ausbildungsbetrieb zu ermöglichen. Für mich als Lehrling war das eine Lehre, die frühzeitig mein politisches Weltbild prägte. Ein solcher Arschtritt bildet und lehrte mich, dass der Wert des Menschen im Kapitalismus nach seiner Verwertbarkeit gemessen wird. Dass 15 Jahre und fünf Monate später der Sozialismus in der DDR zusammenkrachte, änderte an dieser Erkenntnis nichts. Der 1:0-Sieg für die DDR gegen die Beckenbauers, Müllers, Breitners, Overaths und Hoeneßes ist historisch.

Nach meiner Berufsausbildung in der Aussonderungsanstalt war ich arbeitslos. Genau acht Jahre und fünf Tage, ein weiteres Kapitel in der politischen Ausbildung und Lebenserfahrung.

Nach dem Fußballsieg korrespondierte ich mit dem Gesundheitsministerium der DDR, um etwas darüber zu erfahren, wie die Lebensbedingungen, Bildungschancen und Arbeitsrechte für behinderte Menschen im sozialistischen Deutschland waren. Was ich dabei herausfand, das konnte sich sehen lassen, denn in der DDR gab es ein Recht auf Arbeit für alle Menschen, und die Teilhabe an der Arbeitswelt stand im Vordergrund und wurde gefördert. Sehr viele Menschen mit Behinderungen arbeiteten in den staatlichen Betrieben.

Soweit die offizielle Theorie. Mit der Zeit erfuhr ich darüber Genaueres. Im Februar 1979 hatte ich die Gelegenheit, an einer Delegationsreise in die DDR teilzunehmen und begegnete dem Sozialismus konkret in der Glockengießerstadt Apolda. Hier bekam ich einen kleinen Einblick darin, wie die Menschen im damaligen Bezirk Erfurt lebten, in den Schulen lernten, in den Betrieben ausgebildet wurden und arbeiteten. Auch ein Besuch der Gedenkstätte Buchenwald stand auf dem Programm, was mich besonders beeindruckte, weil ich an diesem Ort etwas darüber erfuhr, welche grauenhaften, menschenverachtenden medizinischen Experimente die Nazis mit KZ-Gefangenen für die kapitalistische Ausbeutungsgier der Flickse, Abse und Kruppse machten. Und an den Wänden der Gedenkstätte standen die Namen der Verbrecher, die in der BRD unbehelligt lebten und arbeiteten, ohne dass wegen ihrer Gräueltaten jemals gegen sie ermittelt wurde.

Ich lernte in der DDR viele wundervolle Menschen kennen und das sozialistische Deutschland als einen hoch entwickelten Sozialstaat. Allerdings galt auch: Der Umgang mit Behinderung in der DDR blieb ein weitgehend vom gesellschaftlichen Bewusstsein ausgeblendeter, aus dem öffentlichen Leben verdrängter, jedoch mit einem beachtlichem und vielschichtig umgesetzten Entwicklungspotential ausgestatteter Teil der sozialen Wirklichkeit. Behinderte Kinder in der DDR, die erst auf Sonderschulen lernten, konnten auf Regelschulen wechseln und mit guten schulischen Leistungen auch den Zugang zu Hochschulen erreichen. Viele andere wurden in schlecht ausgestatteten evangelischen Pflegeheimen untergebracht, damit die Eltern arbeiten konnten. Behinderte, die nicht arbeiten konnten, waren auf Pflegeheime angewiesen. Menschen mit Behinderungen und Eltern von Kindern mit Behinderungen hatten wenige Möglichkeiten, auf sich und ihre Situation aufmerksam zu machen. "Sie hatten in der DDR allerdings weit weniger mit finanziellen Sorgen zu kämpfen als in der BRD", heißt es im Online-Handbuch "Inklusion als Menschenrecht" vom Deutschen Institut für Menschenrechte.

"Grenzen überwinden" ist das Motto der Feierlichkeiten zum 25-jährigen Jubiläum der Vereinigung beider deutscher Staaten am 3. Oktober, die in diesem Jahr in Frankfurt am Main stattfinden. Gerade in diesen Tagen erleben und erkennen wir, dass noch viele Grenzen zu überwinden sind. Nicht zuletzt die zwischen Oben und Unten.

Vergessen wir nicht, von welcher Adresse die Teilung Deutschlands Schritt für Schritt betrieben wurde:

  • Einführung der DM (BRD): 21. Juni 1948
  • Einführung der Deutschen Mark (DDR): 24. Juli 1948
  • Gründung der BRD: 23. Mai 1949
  • Gründung der DDR: 7. Oktober 1949
  • Gründung der Bundeswehr (BRD): 12. November 1955
  • Gründung der NVA (DDR): 1. März 1956

Bei all dem Guten, was verloren ging am 3. Oktober 1990, habe ich gute Gründe, froh zu sein über die neue BRD: Ohne meine großartigen Kollegen aus der früheren DDR gäbe es die kobinet-nachrichten nicht. Und ich bin verheiratet mit meiner geliebten Bettina aus Berlin, die in Kladow so weit im Westen von Westberlin aufgewachsen ist, dass es schon fast Osten war.

"Da sind wir aber immer noch,
doch der Staat ist nicht mehr da,
den die Arbeiter erbaut,
das Land, es lebt, es lebt erst dann,
wenn das Volk sich wieder traut."

Text nach einem Lied des Oktoberklub, umgedichtet von der Freien Deutschen Jugend (FDJ), Mitglied im Weltbund der demokratischen Jugend (WBDJ).

Lesenswert: Von der Abhängigkeit in der DDR zum Arbeitgebermodell.



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