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Aufklärung über sexualisierte Misshandlungen

Angelika Oetken
Angelika Oetken
Foto: Angelika Oetken

BERLIN (KOBINET) Angelika Oetken engagiert sich für die Aufklärung über sexualisierte Misshandlungen und ist u.a. die Co-Sprecherin des Betroffenenbeirats des Fonds Sexueller Missbrauch für Hilfeleistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem (EHS-FSM). Vor kurzem traf sie sich mit ehemaligen Heimkindern aus Behinderteneinrichtungen und Psychiatrien zum Austausch. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Angelika Oetken über ihr Wirken und ihre Erfahrungen.

kobinet-nachrichten: Wie haben sich die Opfer von sexuellem Missbrauch in Einrichtungen bisher organisiert?

Angelika Oetken: Es gibt ja bundesweit verschiedene eher auf die Täterinstitutionen bezogene Initiativen. Von einigen sind VertreterInnen im Betroffenenbeirat des EHS-FSM organisiert. Dazu gehören: Eckiger Tisch, Eckiger Tisch Bonn, Initiative Ehemaliger Johanneum Homburg, Glasbrechen e.V., Betroffeneninitiative "Missbrauch in DDR-Heimen" e.V., Missbrauchsopfer in Ahrensburg, MissBiT, Missbrauchsopfer Collegium Josephinum Bonn und Redemptoristen e.V.

kobinet-nachrichten: Welche Erfahrungen machen Sie mit der Arbeit im Betroffenenbeirat und was wurde bisher erreicht?

Angelika Oetken: Der Betroffenenbeirat des EHS-FSM hat die Aufgabe die beiden Betroffenen, die im Lenkungsausschuss des Erweiterten Hilfesystems für Missbrauchsopfer mitarbeiten zu allen anstehenden Fragen zu beraten. Der Lenkungsausschuss regelt alle grundsätzlichen Abläufe und fasst entsprechende Beschlüsse, die für die am EHS Beteiligten verbindlich sind. Deshalb wurde darauf geachtet, dass in den Betroffenenbeirat Opfer möglichst vieler verschiedener Kontexte bzw. Tatorte berufen werden. Zu uns gehören Menschen, die in Institutionen sexuell ausgebeutet wurden, aber auch familiäre Opfer und solche, die mitbetroffen sind, weil ein Angehöriger zum Beispiel im Behindertenheim oder im Sportverein missbraucht wurde. Wieder andere haben Erfahrungen mit dem Bereich organisierter/ritueller Missbrauch machen müssen.

Wir haben ganz sicher in den gut zwei Jahren unserer ehrenamtlichen Mitarbeit im EHS dazu beigetragen, dass das System nach vielen Anfangsschwierigkeiten jetzt läuft. Einige von uns sind auch als Mitglieder der Gremien der so genannten Clearingstelle mit der Bearbeitung von Anträgen betraut. Darüber hinaus kooperieren wir Mitglieder des Betroffenenbeirats des EHS-FSM auch auf privater Ebene und zwar in allen Angelegenheiten, die unser jeweiliges Engagement in unseren Initiativen oder Anliegen betreffen, die nicht direkt mit dem EHS zu tun haben. Dieser Austausch ist sehr wertvoll, gerade weil wir so heterogen sind, was Tatorte, Herkunft, Mentalitäten und Kompetenzen angeht.

Wir verfassen gelegentlich Presseerklärungen, einige von uns machen viel Öffentlichkeitsarbeit, geben Interviews, wirken in TV-Sendungen mit. Andere engagieren sich in Initiativen, setzen sich für Aufklärung, Aufarbeitung und Hilfen ein. Oder sie sind in politische Gremien berufen worden. Ich glaube auf dieser Ebene haben wir eine Menge bewegt, weil wir dazu beigetragen haben, dass das Thema in die Mitte der Gesellschaft transportiert wurde. Und bis jetzt dort geblieben ist. Nach wie vor ist das Interesse recht groß. Zuletzt sichtbar bei der "Edathy-Affäre", die eine Diskussion um Kinder"pornografie" nach sich zog. Was letztlich eine längst überfällige Anpassung der Gesetzgebung an EU-Richtlinien nach sich zog. Eine Sache, für die sich meine MitstreiterInnen und ich sehr eingesetzt haben.

kobinet-nachrichten: Wie sieht es mit der Entschädigung von Opfern sexuellen Missbrauchs in Behinderteneinrichtungen aus?

Angelika Oetken: Das Erweiterte Hilfesystem ist nicht als Entschädigung gedacht, sondern als eine Art "Erste Hilfe" für Betroffene, denen durch Regelleistungen nicht ausreichend geholfen werden konnte. Oder die keinen Zugang dazu erhielten, zum Beispiel weil sie bei der Beantragung von Leistungen nach dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) gescheitert sind. Das EHS-FSM ist vorerst bis nächstes Jahr April befristet. Das Anliegen der Entwickler, in diesem Fall die Mitglieder des Runden Tisches Kindesmissbrauch, war, dass während der Laufzeit des EHS-FSM die Regelsysteme besser auf die Bedürfnisse von Missbrauchsopfern zugeschnitten werden. Dies erwies sich wie man sich denken kann als sehr schwierig. Denn die Regelleistungen, um die es geht (Leistungen nach den Sozialgesetzbüchern) sind sehr komplexe Angelegenheiten. "Große Tanker" wenn man so will, darunter eben das OEG und das Gesundheitswesen. Im EHS-FSM werden keine Schmerzensgelder oder Entschädigungen gezahlt, sondern Sachleistungen finanziert. Bestimmte Therapien, Hilfsmittel, gegebenenfalls Umzugskosten, Qualifizierungen, Dinge, die für die persönliche Aufarbeitung gebraucht werden, die aber niemand bezahlt. Es besteht das Prinzip der "Subsidiarität", das heißt, dem Antragsteller kann nur dann etwas gewährt werden, wenn dafür kein anderer Kostenträger der Regelleistungen zur Verfügung steht. Man kann aber durchaus um Vorleistungen bitten, zum Beispiel wenn man eine Therapie beantragt hat oder eine Weiterbildung und auf die Zusage nicht warten möchte oder kann. Anträge von Minderjährigen werden sofort bearbeitet, also vorgezogen.

Menschen mit Behinderung können sogar Sachleistungen erhalten, die über den Höchstsatz von 10.000 Euro hinaus gehen. Sofern das notwendig ist, damit sie Hilfen in Anspruch nehmen können. Einige Institutionen, die auch für Behinderteneinrichtungen zuständig sind, sind dem EHS bereits beigetreten. Grundsätzlich soll aber für Missbrauchsopfer, die in Behinderteneinrichtungen oder kinder- und jugendpsychiatrischen Einrichtungen missbraucht wurden ein extra Hilfesystem eingerichtet werden, der Fonds II.

kobinet-nachrichten: Ist der sexuelle Missbrauch in Behinderteneinrichtungen nur ein Problem der Vergangenheit oder kommt dies auch heute noch oft vor?

Angelika Oetken: Es gibt darüber leider vergleichsweise wenig Untersuchungen, aber PraktikerInnen und Insider wissen, dass dies ein sehr großes, absolut akutes Problem ist. Zwar hat die umfassende Ausbeutung gerade von Kindern mit Behinderung in Einrichtungen offenbar abgenommen. Aber nach wie vor sind Kinder in Institutionen nicht wirklich sicher. Das hat viele Gründe. Einer ist auch, dass viele Übergriffe durch ältere Peers erfolgen. Das heißt kräftigere, mächtigere Kinder und Jugendliche, die jüngere oder schwächere missbrauchen. Wenn dann das Betreuungspersonal fehlt oder überfordert ist, dann kann es diese Kinder nicht schützen bzw. ist nicht in der Lage angemessen zu intervenieren, wenn es bemerkt, dass Kinder in Not sind. Allerdings sollten wir auch nie ausblenden, dass gerade behinderte Kinder in ihren Familien im sozialen Nahfeld schnell zu Opfern werden. Und dort ihren Peinigern noch schutzloser ausgeliefert sind.

kobinet-nachrichten: Wohin können sich Betroffene konkret wenden, um das ihnen angetane Unrecht anzuzeigen und hierfür entschädigt zu werden?

Angelika Oetken: Auch bei verjährten Fällen kann Missbrauch angezeigt werden. Die Taten werden dann nur so gut wie immer nicht weiter untersucht. Für den Fall, dass die Tat noch nicht verjährt ist, kann der Täter, die Täterin im zivilrechtlichen Verfahren zu einer Entschädigung verurteilt werden. Bei Institutionen ist die Sache komplizierter. Es gibt in Deutschland leider keine gesetzlich geregelte institutionelle Haftung. Aber: die bisherige Erfahrung zeigt, dass die Institutionen mit sich reden lassen, sofern man genug Druckmittel in der Hand hat. Auf jeden Fall sollte man sich als Opfer mit anderen Betroffenen zusammen tun und sich Hilfe holen (Anwalt, Beratungsstelle, schon bestehende Opferinitiativen, Coaching). Einige Institutionen sind ja auch dem EHS beigetreten. Das heißt, Opfer dieser Einrichtungen können beim EHS Hilfeleistungen beantragen. Anerkennungszahlungen, Entschädigungen oder Schmerzensgelder sind aber immer eine Sache, die Opfer direkt mit den Institutionen klären müssen.

kobinet-nachrichten: Was gubt es Ihrer Ansicht nach in diesem Bereich noch zu tun?

Angelika Oetken: Jede Menge. Es gibt so viele Baustellen, das Thema ist so komplex, dass man schnell den Überblick oder auch den Mut verlieren kann. Die sexuelle Ausbeutung von Kindern und Jugendlichen ist ein traditionell fest in unserer Kultur verwurzeltes Phänomen. So etwas zu verändern kostet viel Zeit. Es ist eine gesamtgesellschaftliche Anstrengung.

Ich halte es für wichtig, dass jeder, der sich engagieren will, sich erstmal überlegt, woran sein Herz wirklich hängt. Und was er konkret leisten kann. Viele Einzelaktivitäten ergeben dann zusammen gute Effekte. Ich persönlich habe nicht vor, die Welt bzw. die Menschen zu verbessern. Oder ständig jemanden anzuklagen. Auch "die Gesellschaft" nicht. Für mich sind alle erstmal so okay, wie sie sind. Mein Anliegen ist, zu zeigen, dass Betroffene überall sind, sich aber selten als solche zu erkennen geben. Der Arbeitskollege, Nachbar, Arzt kann Missbrauchsopfer sein. Viele Paare sind verheiratet und der eine weiß nicht, dass der andere einmal missbraucht wurde. Ich möchte darstellen, was es heißt, dass jeder achte Erwachsene, der in unserem Land lebt, über Missbrauchserfahrungen verfügt, die strafrechtlich relevant sind. Nach dem Motto "alle sind betroffen". Missbrauchsopfer dabei aber keine bestimmten Kennzeichen tragen, nicht lebenslang deformiert sind, sie in der Lage sind, selbst Verantwortung für sich zu tragen und niemand sich vor ihnen fürchten muss.

Ich tue das, indem ich mich auf Veranstaltungen zum Thema zu Wort melde und Medienartikel kommentiere. Immer unter Echtnamen und indem ich mich als Missbrauchsopfer zu erkennen geben. Wo ich kann stelle ich Belege ein oder mache auf Zusammenhänge aufmerksam. Ich reagiere so fast täglich auf mindestens zwei Medienberichte. Je nachdem, was die Öffentlichkeit bewegt, können es auch viel mehr sein. Im Hintergrund kooperiere ich mit anderen betroffenen Foristen, die Ähnliches tun.

Ich nehme mir für mein Anliegen zwei Bewegungen zum Vorbild, deren Angehörige lange Zeit stigmatisiert wurden und es mit viel Engagement geschafft haben, sich einen angemesseneren Platz in der Gesellschaft zu erkämpfen als sie ihn bislang hatten. Das sind die Behinderten und Schwule und Lesben. Vor Jahrzehnten noch wurden diese Menschen in Deutschland weggesperrt, viele getötet. Heute haben wir einen mächtigen Finanzminister der Rolli fährt und mehrere Politiker, die sich zu ihrer Homosexualität bekennen. Jeder kann sich auf seine Weise engagieren. Vom Privatmenschen angefangen, über Funktionäre bis hin zu PolitikerInnen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview

Link zu Informationen über Hilfeleistungen aus dem Ergänzenden Hilfesystem

BERLIN (KOBINET) Kategorien Nachrichten