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Heinrich, mir graut’s vor dir

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: hjr

UNBEKANNT (KOBINET) Religiöse Fanatiker versetzen die Welt in Angst und Schrecken. Sie rüsten Armeen auf, Gotteskrieger massakrieren "Ungläubige". Für die Konstruktion ihres rauschhaften Glaubens instrumentalisieren Religionen auch behinderte Menschen. Um die Hintergründe und Zusammenhänge verstehen zu können, müssen wir die Gretchenfrage stellen.

Für mich stellte sich die Gretchenfrage als 19-Jähriger im Jahre 1973 während des Religionsunterrichts in der Berufsschule des Berufsförderungswerks Bigge im Sauerland. Das 300-Seelen-Dörfchen Brunskappel, gelegen im idyllischen Negertal zwischen Elpe / Heinrichsdorf, Wulmeringhausen, Assinghausen und Wiemeringhausen, war die Pfarrei des damaligen Präses, der meinen behinderten Lehrlingskollegen und mir als Religionslehrer der Josefs-Gesellschaft den rechten katholischen Glauben beizubringen hatte. Das in der Zeit, als die Mädchen sehr kurze Röcke trugen, die Pille nahmen und als just zu unserer jugendlichen Verderbnis, denn zu dieser Zeit wurde man in der BRD erst mit 21 Jahren volljährig, die Ohnzocht und Ohnkoichhoit die Phantasien und die Körper in Begeisterung zu verunstalten drohte, war das eine echte Herausforderung für einen standhaften katholischen Religionskrieger.

Mit der physischen Standhaftigkeit hatte bei genauerer Betrachtung der manneszüchtige Präses allerdings nachvollziehbare Probleme. Er trug nämlich eine in der Orthopädie der Bigger Werkstätten nach Maß angefertigte und von der Orthopädischen Versorgungsstelle Soest alimentierte Oberschenkelprothese. Diesen Leibesmangel hatten ihm die Russen zugefügt, denn 30 Jahre zuvor hatte er sich als deutscher Soldat mit Hitlers Wehrmacht in der Sowjetunion herumgetrieben, wo ihm die gottlosen Bolschewisten ein Bein wegschossen.

Wie wir Lehrlinge war der Mann ein Behinderter. Aber denkste. Der Präses von Brunskappel war nämlich imstande, morgens zur Religionsstunde in den Klassenraum gehumpelt zu kommen mit einer elektrischen Organa unter den Arm geklemmt, die er bedeutungsvoll auf das Lehrerpult knallte, und alle wussten, was nun kommen würde. Bedeutungsvoll riss er nämlich alle Fenster auf, ließ den eiskalten sauerländischen Winter hereinströmen, schnallte sich die Beinprothese ab, schaltete die Organa ein, machte mit einem artistischen Schwung auf der Tischkante einen Handstand, hielt diesen auf nur einer Hand, spielte mit der anderen Hand auf dem Instrument die Deutschlandhymne und sang dazu alle drei Strophen.

Wir jungen Kerle, so dozierte er uns unbeirrbar den Kanon seines Katechismus, seien die Rote Armee Fraktion und hätten keinen Mumm in den Knochen. Er habe sein Bein auf dem Felde der Ehre verloren. Wir hingegen seien die Strafe des Himmels für unsere Eltern, weil sie sich versündigt hätten gegen Gott. Wodurch eigentlich?

Dabei findet sich solche Blödheit nicht nur in den Köpfen christlicher Wirrköpfe. In der tibetanischen Hauptstadt Lhasa, der Heimat des Erleuchteten, gottgleich verehrten Dalai Lama kann man erleben, dass behinderte Kinder öffentlich beschimpft und bespuckt werden. Denn nach dem buddhistischen Glauben müssen behinderte Menschen einen Makel tragen, den sie sich durch ihre Untaten im vorangegangen Leben wie einen Fluch verdient und erworben haben.

Religionen sind zuweilen regelrechte Sammelbecken für krude Menschenbilder und verquasten Dummquatsch. Muslimische Gotteskrieger massakrieren "Ungläubige" in Syrien und im Irak. Dafür rekrutieren sie Jugendliche, auch in Europa und auch in Deutschland, die unter den Bedingungen sozialer Kälte in die Hände von religiösen Rattenfängern geraten, die ihnen Ehre und Respekt versprechen und paradiesisches Glück, wenn sie im Blutrausch die Welt vom Bösen befreien.

Auf der anderen Seite des Schützengrabens wollen uns in Deutschland nationalistische Gesinnungskameraden einer "christlich-jüdischen Tradition des Abendlandes" (was soll das für eine Tradition sein, oder hat Herr Bosbach noch nie etwas von Auschwitz gehört?) gegen das Böse in den Moscheen der Moslems mobilisieren. Lieber Gott, mach mich dumm, damit ich in den Himmel kumm?

"Wir Deutschen", sagte schon Bismarck, "fürchten Gott und sonst nichts auf der Welt". Von solchem und ähnlichem Unfug getrieben scheinen gegenwärtig wieder in Deutschland und überall in der Welt amoklaufende Religionsfanatiker im Namen ihrer Götter "heilige" Kriege gegeneinander und gegen die "Ungläubigen" führen zu wollen. Auch auf den Koppelschlössern der Soldaten der faschistischen deutschen Wehrmacht stand: "Gott mit uns".

Was hat uns der Präses von Brunskappel eigentlich sagen wollen? Hätten unsere Mütter also doch die Pille nehmen sollen, statt uns Behinderte in die Welt zu setzen? Oder hätten unsere Väter Kondome benutzen sollen? Die Frage ließ sich leider nie klären. Aber ordentlich Diskussionszunder haben wir jungen Behinderten dem schwerbeschädigten Weltkriegssoldaten damals gegeben. Solange, bis er keinen Religionsunterricht in der Berufsschule des Berufsförderungswerks Bigge mehr halten wollte. Ist doch klar, oder?

Ich muss sogar zugeben, als vor vierzig Jahren das Bächlein Neger gestaut werden sollte, habe ich mir vorgestellt, das Dörfchen Brunskappel würde im Stausee untergehen mitsamt der katholischen Kirche und dem Präses. Vielleicht hätte der dann noch unter Wasser seine Glocken geläutet. Zum Glück hatte ich keinen Gott, zu dem ich dafür hätte beten können. Die Talsperre, in der Brunskappel versunken wäre, wurde nicht gebaut. Gott sei dank? Nein, dank des Widerstands der Bevölkerung.

Gelernt habe ich: Die Religionen schaffen das Jammertal, aus dem sie uns die Erlösung versprechen.

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

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