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Zu weit gesprungen

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: hjr

UNBEKANNT (KOBINET) Ein Behinderter wurde am 26. Juli 2014 Deutscher Meister im Weitsprung. Dabei machte er nur einen Fehler: Er gewann. So war Inklusion nicht gemeint.

Die Leistung des behinderten Sportlers wurde jedoch vorerst nur unter Vorbehalt gewertet, denn nun mussten die Sportfunktionäre klären, ob eine Unterschenkelprothese ein Vorteil gegenüber den Nichtbehinderten ist. "Es braucht komplexe Analysen, um diese Frage beantworten zu können", sagte Idriss Gonschinska, Cheftrainer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV).

Wenige Tage nach den Deutschen Leichtathletikmeisterschaften hat nun am 30. Juli der Deutsche Leichtathletik-Verband (DLV) entschieden: Markus Rehm wird trotz erfüllter Qualifikationsnorm als Deutscher Weitsprungmeister nicht für die Europameisterschaften in Zürich nominiert. Wegen seiner Behinderung als unterschenkelamputierter Prothesenträger wird demnach der Deutsche Weitsprungmeister aus der 93-köpfigen Deutschen Nationalmannschaft ausgeschlossen. "Wir leben Inklusion", erklärte DLV-Präsident Clemens Prokop.

Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Von "Technik-Doping" ist die Rede. Der Deutsche Leichtathletik-Verband strebt für die Zukunft einen Prothesen-TÜV an. Man will Leistungen von Behinderten und Nichtbehinderten plötzlich irgendwie vergleichbar machen. Bisher hatten solche Überlegungen keine Rolle gespielt. Denn die Minderwertigen rollten und humpelten ja brav bei den Behindertensport-Veranstaltungen herum.

Manipulationswissenschaftler in den Sportinstituten entwickeln seit langem biomechanische Vorteile für nichtbehinderte Elitesportler. "Lange Zeit konzentrierte man sich auf den Außenaspekt der Bewegung. Das Hauptziel war dabei eine Theoriebildung zur Formulierung sportartenübergreifender biomechanischer Prinzipien wie zum Beispiel das Prinzip des optimalen Beschleunigungswegs oder das Prinzip der Anfangskraft. Ein weiteres Ziel war die Modellierung des sporttreibenden Menschen hinsichtlich des motorischen Verhaltens, des Körperbaus und der Aufdeckung der leistungsbestimmenden Kenngrößen", schreibt der Bewegungswissenschaftler Rainer Wollny in seinem Lehrbuch in 12 Lektionen. Bei Leistungssportlern gehe es darum, mit einer möglichst genauen Untersuchung der Bewegung eventuelle Fehlstellungen der Gelenke oder ähnliche Technikmängel zu beheben und damit zum Beispiel den Beschleunigungsweg zu optimieren.

Die Jungs wissen, wie man sich und seinen Helden Vorteile verschafft, um im nationalen Medaillenspiegel glänzen zu können in den Arenen des Leistungssports. Zur wissenschaftlichen Fundierung und Betreuung des Trainingsprozesses werden in Freiburg deutsche Athleten in Zusammenarbeit mit dem Olympiastützpunkt des Deutschen Olympischen Sportbundes unter dem Motto "Wir für Deutschland" leistungsdiagnostisch betreut. Regelmäßig werden dort u.a. das Kraft- und Sprungkraftniveau, die koordinativen Fähigkeiten und die Biomechanik des Absprungs bei Leistungssportlern im Labor untersucht.

Das 1931 gegründete Institut für Sport und Sportwissenschaft der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg rühmt sich im Internet mit seiner hochentwickelten 3D-Bewegungsanalyse: "Um komplexe dynamische Bewegungen analysieren zu können, steht ein Bewegungsanalyse-System zur Verfügung. Kleine, reflektierende Markierungen werden auf Mensch oder Objekt angebracht und mittels zwölf verschiedener Infrarot-Kameras mit einer Frequenz bis zu 240 Hz und einer Genauigkeit von weniger als 1 mm detektiert. Mittels dieser Information ist es schließlich möglich, beispielweise Gelenkwinkelverläufe während des Laufens oder Springens zu ermitteln."

Vorteile und Nachteile sind im Sport niemals gleich verteilt. Es gibt die Reichen und die Armen, das macht meistens schon den größten Unterschied. Manche werden von Sponsoren und Verbänden großzügig gefördert, andere weniger oder gar nicht. Die Süddeutsche Zeitung stellte in ihrer Berichterstattung über den Ausschluss des behinderten Sportlers fest, Inklusion bleibe vorerst eben doch nur ein Modebegriff.

Die Behindertenbeauftragte der Bundesregierung, Verena Bentele, empfindet es als schwierig, dass es erst dann zu Problemen komme, wenn behinderte Athleten auf das Leistungsniveau der Nichtbehinderten gelangen. Bentele, die selbst als behinderte Sportlerin erfolgreich war, sagte: "Solange Menschen mit Behinderung nicht in Leistungsbereiche der Nichtbehinderten kommen, ist das kein Problem. Wenn Markus Rehm 7,50 Meter gesprungen wäre, hätte es keinen gestört."

Fazit: Sportliche Fairness ist und bleibt eine Anspruchsprothese, ebenso, wie das Inklusionsgerede ohne konsequente Umsetzung eine Lüge bleibt. Was stört, ist der Krüppelfaktor.

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sgltu30