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BERLIN (KOBINET)
BERLIN (KOBINET) Was lange währt wird manchmal gut, oder besser ausgedrückt, was zuvor ein Ärgernis war, wird jetzt zum Vorzeigeobjekt. Das schrieb der Berliner Landesbeauftragte für behinderte Menschen, Jürgen Schneider, über die Grimm-Bibliothek der Humboldt-Universität. Die Redaktion veröffentlicht heute seinen Bericht - nur unwesentlich gekürzt. Schneiders Bericht zeigt den Prozesscharakter der Bemühungen um Barrierefreiheit und Zugänglichkeit für alle, wie er von betroffenen Sachverständigen am 3. und 4. Dezember in Brüssel auf der Konferenz diskutiert wurde, auf der Göteborg den Access City Award 2014 der Europäischen Kommission erhielt.
Im Dezember 2009 wurde ich wenige Tage nach meinem Amtsantritt kurzfristig ins Abendschaustudio eingeladen, um die Situation von behinderten Nutzern in der neu eröffneten Grimm-Bibliothek einzuschätzen. Mein damaliges, vernichtendes Urteil, das auch Auslöser für meine Forderung zur Beteiligung von Sachverständigen für Barrierefreiheit bei allen größeren Bauvorhaben war, habe ich dann noch einmal in meinem vorletzten jährlichen Verstößebericht ausführlich dargestellt und zugleich mit Betroffenenvertretern (insbesondere Klaus-Dieter Wüstermann, Kristina Voigt und Peter Woltersdorf) den Kontakt zur HU und dem verantwortlichen Architekturbüro aufgenommen.
Durch zahlreiche, auch kostenintensive Verbesserungen zu Lasten des Architekturbüros (z. B. Handläufe) und der HU, ist die Grimm-Bib. jetzt zum Vorzeigeobjekt hinsichtlich Barrierefreiheit geworden, so dass ich die Bibliothek zusammen mit dem Landesbeirat für Menschen mit Behinderung für eine von drei Plaketten, die die EU in Verbindung mit dem an Berlin im letzten Dezember verliehenen Access City Award zur Verfügung gestellt hat, vorgeschlagen habe. Folgende Nachbesserungen qualifizieren die Bibliothek zu einem best-practise-Objekt im wahrsten Sinne des Wortes, beispielgebend für das was möglich ist und selbstverständlich werden sollte.
– 1 zusätzliches barrierefreies WC mit höhenverstellbarem Sitz auf der Ebene der Arbeitskabinen (Carrels), damit insgesamt 5 barrierefreie WCs im Gebäude vorhanden,
– blindengerechte Ausstattung einer Arbeitskabine,
– 3 höhenverstellbare Informations-, Ausleihe- undRückgabetheken,
– 10 unterfahrbare, barrierefreie Garderobenschränke im Erdgeschoss,
– 12 zusätzliche höhenverstellbare Tische in den Lesesälen neben den beiden bereits im Erdgeschoss vorhandenen Tischen,
– Blindenleitsystem (Noppenspur) im Foyer und an wichtigen Punkten im Nutzungsbereich,
– barrierefreie Erschließung eines weiteren Aufzuges ohne hinderliche Zwischentüren,
– 2 Induktionsschleifen für Hörgeschädigte an den Informations-,Ausleihe- u. Rückgabetheken,
– 1 höhenverstellbarer Infotresen im Foyer,
– Versetzen der Taster zur Auslösung der motorisch betriebenen Außentüren an der Außenfassade. Neugestaltung des Haupteingangs zum Gebäude für Sehbehinderte und Rollstuhlbenutzer durch Einbau einer zusätzlichen Rampenanlage mit seitlichen, mit hellem Naturstein verkleideten Brüstungen optisch hervorgehoben, die direkt zum Haupteingang führt. Der Rampenbereich ist für Fahrräder gesperrt. Die beiden Haupttreppen vor dem Lesesaal haben einen Unterlaufschutz erhalten. Alle Treppenanlagen sind mit beidseitigen Handläufen nachgerüstet worden, ebenso die Außenrampe an der Planckstraße. Alle Treppenstufen wurden an der Vorderkanten durch Kontraststreifenmarkiert.
Das Ganze hat die HU und den Architekten Max Dudler, der gestern zusammen mit dem HU-Präsidenten Prof. Jan-Hendrik Olbertz und Baustaatsekretär Ephraim Gothe an der Übergabe der Plakette an die Bibliothek beteiligt war, viel Geld gekostet. Die HU hat offensichtlich daraus gelernt und ist bereits dazu übergegangen, bei relevanten Bauvorhaben Sachverständige für Barrierefreiheit hinzu zu ziehen und auch der Architekt Dudler räumte in einem kleinen Wortgefecht mit mir ein, dass Barrierefreiheit als Element der Architekturkunst bedauerlicherweise noch nicht etabliert ist.




