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Eine kleine Poesie

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: Harald Reutershahn

UNBEKANNT (KOBINET) Über die GroKo wird viel geschrieben, und es gäbe viele Themen für eine Polemik. Der Kolumnist aber meint, das Wichtige ist nicht immer das Wesentliche, und es muss sich nicht alles um jeden großen Pieps und Pups drehen. Es darf auch mal etwas anderes sein.


Jedwedes erscheint uns in seinem wesenseigenen, charakteristischen Duft, es liegt etwas in der Luft, lässt sich einatmen, verbreitet sich in atmosphärisch ahndungsvoller Spannung und heizt die Temperatur der Sinne. Unwillkürlich, wie eine sensible Kompassnadel, vermögen unsere Nasen unsichtbare Spuren aufzunehmen, sich hin- oder abzuwenden, lenken die anderen Sinne vorwiegend den köstlichen Versprechungen mutmaßlicher Genüsse zu.

Die Nase also rührt sich als erste wie ein Periskop beim Auftauchen unter der Bettdecke hervor, worunter ein zu Ende gehender Nachttraum seine letzten Dunkelperlen in den bodenlosen Schwarzbrunnen des Vergessenen tropft, und peilt die Lage.

Woher? Aus unserer Tiefe, die vielleicht bis hinab zum Grund der Dinge reicht. Lichtscheu sind die Träume unseres Schlafes, diese geheimnisvoll unberechenbaren Begleiter unseres Nachtlebens, huschen, wenn das Schlüsselbund von außen rasselt im Schloss, auf Wichtelfüßchen eiligst davon in die Schattengemächer des Bewusstseins, darin verborgen sie sich kauern vor dem groben Wischlappen, mit dem beim Morgengrauen die emsige Putzkolonne im Kopfbetrieb für die Tagesschicht die Arbeitsstätten gründlich reinigt. Und obwohl unsere Nachtpförtner bei der Unschuld ihrer Mütter beteuern, niemals zur Unzeit irgendeinen Unbefugten innerhalb des verschlossenen Werksgeländes gesehen oder gehört zu haben, finden unsere stutzigen Arbeiter und irritierten Angestellten beim noch morgentaumeligen Anschalten des Tagewerkes unserer Kopfmaschinen zu Arbeitsbeginn im Kehricht häufig Rätselhaftes: sonderbare und merkwürdige bunte Glasscherben, angetrocknete Schaumflecken und Reste von Glitzerschnipseln, Spuren, von denen niemand weiß, woher sie stammen.

Dessenthalben halten wir dafür, aus Sicherheitsgründen das Wesen nicht zu kennen, was in uns schlummert, und es scheint uns zuweilen geradewohl so, als habe im arglosen Dunkel des still ruhenden Getriebes eine ausschweifend zweifelhafte Orgie stattgefunden, ein sündhaft unkontrolliertes Treiben, das skurrile Feste feiert, von denen wir gar so manches insgeheim zu ahnen vermögen, wie all jenes, was wir uns niemals trauen oder zutrauen würden, weil wir nichts mehr zu fürchten gelernt haben als uns selbst. Umgekehrt mag es nach Feierabend genauso schleierhaft zugehen, wenn sich die suspekten Nachtschwärmer einfinden und auf des Tages nüchtern karge und fragwürdige Überreste stoßen.

Wohlig vertraut wissen wir es im Innern des Gemüts bereitet, wenn am Ende eines Tages, vermittels eines langgezognen Gähnens, dieser so überaus leidenschaftlich geübten Gebärde des unwillkürlichen, tiefschöpfenden und langsamen Einatmens, vor dem anschließend zwangsläufigen, geradezu reflexhaft ausströmenden Atemerguss bei weitgeöffnetem Munde, eine innig nachdrückliche Ruhebedürftigkeit sich zu Worte meldet, welche uns im allmählich schattenlang scheidenden Lichte dahin geleitet, wo wir uns dem unwiderstehlichen Drange ergeben, in schwerfälliger Behaglichkeit unter warme Decken schlüpfen zu wollen und uns in traulich weiche Federkissen zu betten, wo wir (vielleicht noch für ein Weilchen mit einem eingelesenen Buche in den Händen), bald des aufmerksamen Wachens müde, die Pforten unsrer Sinne schließen, alles Bewusstsein fahren lassen, während die Kräfte aus den schweren Gliedern weichen und uns niedersinken lassen in die bleierne Schwere des Schlafs. Von diesem getragen, aller Schwerkraft entbunden, gleiten wir hinüber in diesen anderen Teil unseres Hierseins. Wobei das Hinabtauchen nicht in einem einzigen gleichmäßigen Zuge geschieht, denn verschiedene winklige Absätze einer Treppe sind es sodann, die wir, wie in einer Art geistiger Metamorphose, hinabsteigen.

Der Phase des einnickenden Dahindämmerns folgt bald die Phase des leichten Schlummers, die uns zunächst ersthin in einen mitteltiefen Schlaf und nachfolgend allmählich in den Tiefschlaf hinübergleiten lässt, der jenseits aller wissentlichen Besinnung recht nah dem Sterben ist. Diese Stadien durchlaufen wir auf und nieder im Währen einer Nacht drei- bis fünfmal. Am Schnittpunkt zwischen der Phase des Einschlafens (oder auch des Erwachens) und dem Leichtschlaf träumt Unsereins am intensivsten. Bei herabgesetzter Reizempfindlichkeit der Sinne verbreiten sich ungestört die Bilder der Phantasie, aus der wir all unser Leben geliehen haben.

Dies sind jene Träume, die uns hernach für eine Weile in oft rätselhaften Bruchstücken wunderlich zu Erinnerung kommen. Mehr noch, im Ahnungslosen verborgen bleiben uns daneben jene Träume aus den Tiefschlafperioden, worin sich die mehrschichtige und vielgestalte Palette unseres triebhaften Strebens in symbolhaften Gleichnissen aus dem Vollen schöpfend verströmt, in denen sich die Bedeutung von Raum und Zeit auflöst und das Wesen frei beweglich wird, entlassen aus allem Wollen und aus den Fesseln aller engbrüstigen Vernunft. Mehrmals also während eines Schlafes erscheinen uns die Traumbilder, diese virulenten Projektionen unserer Seele, die sich so bedauerlich rasch wieder verflüchtigen und dem Vergessen anheimfallen, sobald wir nur erst wieder aufgewacht und bei Sinnen sind. Denn einzig im Träumen sind wir uns ganz und gar eigentlich, brauchen unser Eigenes nicht zu teilen mit der Welt, in der wir sind.

Mag es uns hinsichtlich der entfallenden Möglichkeit, dass ein Lichtstrahl aus der Außenwelt auf die blanken Schätze unseres Inneren treffe, als noch so ungeheuer betrüblich erscheinen, allein das Wachen und der Schlaf, sie begegnen sich nie, diese beiden verwandten Wesentlichkeiten des Menschenlebens. Sie schieben die Drehtür zu unserem Seelengemach, die sie voneinander trennt, im Kreise um die Achse unseres unbegreiflichen Lebendigseins, das sie damit bewegen zwischen unserer Licht- und unserer Dunkelgestalt, welche sich beide flüchtig nur in der entweder sinkenden oder aufstrebenden Bewusstseinsdämmerung berühren, bevor jeweils Eines nur alleine waltet über das Ich-Reich, dass sie beide wechselseitig regieren. Wie sehr wundern wir uns mit dem wenigen Verstand jeden Tages über jenen Moment der Gleichzeitigkeit, an dem der Eine hereinkommt, soeben, als der Andere hinausgegangen ist.

Alle Innerlichkeit lässt uns spüren: Die Welt, die in uns lebt, ist größer als die Welt, in der wir leben. Wenn wir träumen, wachen wir. Und wenn wir wachen? Dann träumen wir auch.

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sry1236