Fladungen (kobinet)
Aktion Mensch hat Geburtstag
Aktion Mensch ist jetzt 62 Jahre alt.
Aktion Mensch gibt seit 1964 Geld.
Das Geld ist für soziale Projekte.
Soziale Projekte sind Aufgaben oder Ideen.
Sie helfen Menschen, die Unterstützung brauchen.
Aktion Mensch hat über 5.400 Millionen Euro gegeben.
Das ist sehr viel Geld.
Aktion Mensch hat Projekte unterstützt.
Unterstützen bedeutet: Ein Projekt bekommt Geld oder Hilfe.
Das nennt man fördern.
Aktion Mensch hat auch Feste gefeiert.
Sie hat Werbung gemacht.
Sie hat über wichtige Themen gesprochen.
Aktion Mensch hat noch keine Bilanz gemacht.
Eine Bilanz ist ein Bericht.
In dem Bericht steht, was gut war.
Und was nicht gut war.
Es ist nicht wichtig, wie viele Projekte es gibt.
Es ist nicht wichtig, wie viel Geld ausgegeben wurde.
Wichtig ist: Was hat sich wirklich verbessert?
Früher gab es Regeln.
Diese Regeln haben Menschen ausgeschlossen.
Ausgeschlossen bedeutet: Man darf nicht mitmachen.
Einige Regeln wurden geändert.
Jetzt dürfen mehr Menschen mitmachen.
Aber es gibt noch Fragen.
Wie viele Sonder-Angebote gibt es noch?
Sonder-Angebote sind besondere Hilfen.
Sie sind nur für bestimmte Menschen.
Zum Beispiel für Menschen mit Behinderung.
Früher waren Sonder-Angebote nötig.
Heute findet man das nicht mehr gut.
Alle Menschen sollen die gleichen Hilfen bekommen.
Es gibt keine Untersuchungen dazu.
Niemand weiß: Helfen die Projekte wirklich?
Das ist ein Problem.
Projekte haben einen Namen.
Projekte haben eine Lauf-Zeit.
Projekte brauchen Geld.
Nach einem Projekt braucht man neues Geld.
Oder ein neues Projekt.
Aber viele Menschen dürfen immer noch nicht mitmachen.
Früher hieß Aktion Mensch anders.
Sie hieß Aktion Sorgen-Kind.
Sie hat Sonder-Einrichtungen gebaut.
Sonder-Einrichtungen sind besondere Orte.
Dort bekommen Menschen mit Behinderung Hilfe.
1995 fand man das gut.
Heute findet Aktion Mensch das nicht mehr gut.
Aber die Sonder-Einrichtungen gibt es noch.
Aktion Mensch hat die Meinung geändert.
Aber die Strukturen sind gleich geblieben.
Strukturen sind feste Regeln und Abläufe.
Sie zeigen, wie etwas funktioniert.
Die Sprache hat sich geändert.
Früher sagte man Fürsorge.
Fürsorge bedeutet: Der Staat gibt Menschen Geld oder Hilfe.
Heute sagt man Teilhabe.
Teilhabe bedeutet: Alle dürfen mitmachen.
Alle gehören dazu.
Die Bilder sind bunter geworden.
Die Werbung ist professioneller.
Aber hat sich wirklich etwas verändert?
Aktion Mensch macht auch Proteste.
Jedes Jahr am 5. Mai ist Protest-Tag.
Es gibt Plakate und Reden.
Politiker dürfen beim Protest mitmachen.
Sie können zustimmen.
Danach gehen sie wieder zur Arbeit.
Der Protest ist geplant.
Er ist bekannt.
Aber es gibt kaum Streit oder Diskussionen.
Man fordert Inklusion.
Inklusion bedeutet: Alle Menschen sind mit dabei.
Niemand wird ausgeschlossen.
Man fordert Barriere-Freiheit.
Barriere-Freiheit bedeutet: Alle können überall hin.
Es gibt keine Hindernisse.
Man fordert Gleich-Berechtigung.
Gleich-Berechtigung bedeutet: Alle haben die gleichen Rechte.
Niemand wird schlechter behandelt.
Einmal im Jahr gibt es Protest.
Danach ist wieder Ruhe.
Bis zum nächsten Jahr.
In den USA war das anders.
Dort haben Menschen mit Behinderung protestiert.
1977 haben sie ein Gebäude besetzt.
Sie wollten ein Gesetz.
Das Gesetz sollte umgesetzt werden.
Das Gesetz heißt Section 504.
Section 504 ist ein Gesetz in den USA.
Es schützt Menschen mit Behinderung.
In den 1980er Jahren haben sie Busse blockiert.
Sie wollten, dass alle Busse barriere-frei sind.
1990 wurde ein neues Gesetz gemacht.
Das Gesetz heißt Americans with Disabilities Act.
Das ist ein Gesetz in Amerika.
Es schützt die Rechte von Menschen mit Behinderung.
Es sagt: Alle müssen gleich behandelt werden.
Die Proteste waren laut.
Die Proteste waren unbequem.
Aber sie haben etwas verändert.
Der Autor fragt:
Hätte es ohne Aktion Mensch mehr Proteste gegeben?
Der Autor fragt:
Wären die Proteste lauter gewesen?
Der Autor sagt:
Vielleicht wäre Inklusion nicht so bekannt.
Aber sie hätte mehr verändert.
Niemand weiß, was ohne Aktion Mensch passiert wäre.
Aber wir wissen: Aktion Mensch gibt es seit 62 Jahren.
Es gibt viele Projekte.
Aber es gibt noch Sonder-Strukturen.
Sonder-Strukturen sind besondere Regeln oder Orte.
Sie sind nur für bestimmte Menschen.
Zum Beispiel für Menschen mit Behinderung.
Der Protest wiederholt sich jedes Jahr.
Es gibt schöne Bilder.
Es gibt Aufmerksamkeit.
Aber die Gesellschaft bleibt oft gleich.
Eine Organisation, die Inklusion will, soll überflüssig werden.
Überflüssig bedeutet: Man braucht sie nicht mehr.
Das wäre ein großer Erfolg.
Bis dahin gibt es weiter Projekte.
Aber sie verändern nicht alles.
Es gibt neues Geld.
Es gibt neue Projekte.
Aktion Mensch wird 62 Jahre alt.
Sie hat 5.400 Millionen Euro ausgegeben.
Aktion Mensch macht weiter.
Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet)
Herzlichen Glückwunsch! Aktion Mensch feiert ihren 62. Geburtstag. Über 5,4 Milliarden Euro wurden seit der Gründung 1964 in soziale Projekte investiert. Eine beeindruckende Summe. Dazu unzählige Kampagnen, Aktionstage, Modellprojekte, Studien und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen. Es wurde gefördert, gefeiert, geworben und aufgeklärt. Die Erfolgsgeschichte ist geschrieben, das Publikum darf applaudieren.
Nur eine Kleinigkeit fehlt: die Bilanz der nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen.
Nicht die Zahl der Projekte, nicht die Höhe der Fördersummen, sondern die Frage, was von alledem dauerhaft geblieben ist. Welche aussondernden Strukturen wurden abgeschafft? Welche regulären gesellschaftlichen Strukturen so verändert, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazugehören? Wie viele der geförderten Sonderangebote sind inzwischen überflüssig geworden?
Ausgerechnet dazu findet sich keine nachvollziehbare historische Gesamtbilanz. Auch unabhängige Untersuchungen, die diese Fragen über sechs Jahrzehnte hinweg beantworten, sind nicht auffindbar.
Dabei wäre das doch die eigentliche Erfolgsmeldung zum Geburtstag.
Stattdessen wird weiterhin gefördert, was eigentlich längst selbstverständlich sein sollte. Inklusion bekommt einen Projekttitel, eine Laufzeit, ein Budget und einen Abschlussbericht. Danach braucht es eine Anschlussfinanzierung, einen neuen Förderantrag oder gleich das nächste Projekt. Die gesellschaftliche Ausgrenzung ist da wesentlich nachhaltiger organisiert. Sie benötigt keine Verlängerung, um fortzubestehen.
Willkommen beim Inklusionsspektakel!
Die Geschichte macht die Sache noch interessanter. Die frühere Aktion Sorgenkind finanzierte über Jahrzehnte den Aufbau von Sondereinrichtungen und Werkstätten. 1995 wurde der flächendeckende Ausbau der Werkstätten ausdrücklich als Erfolg gefeiert. Heute kritisiert Aktion Mensch selbst jene Sonderstrukturen, deren Entstehung sie einst mitfinanziert hat.
Man hat also seine Meinung geändert. Nur was ist aus den Strukturen geworden?
Immerhin hat sich die öffentliche Darstellung erheblich weiterentwickelt. Aus Sorgenkind wurde Mensch, aus Fürsorge wurde Teilhabe, aus Sonderangeboten wurden Inklusionsprojekte. Die Sprache ist moderner, die Bilder sind bunter und die Botschaften professioneller geworden. Gesellschaftliche Veränderung lässt sich schließlich auch hervorragend kommunizieren, ohne dass sie bereits stattgefunden haben muss.
Doch Aktion Mensch hat noch eine zweite Vorstellung im Programm: den politischen Protest.
Jedes Jahr am 5. Mai wird demonstriert. Es gibt Mottos, Plakate, vorbereitete Materialien, Reden und selbstverständlich Forderungen. Aktion Mensch unterstützt das Ganze finanziell und organisatorisch. Der Protest ist angemeldet, der Ablauf bekannt, die Botschaften sind abgestimmt. Politiker können teilnehmen, Zustimmung signalisieren und sich anschließend wieder ihren Regierungsgeschäften widmen.
Ein Protest, mit dem sich ausgesprochen gut leben lässt.
Man fordert Inklusion, Barrierefreiheit und Gleichberechtigung. Große Worte, denen kaum jemand öffentlich widersprechen möchte. Konkrete politische Verantwortliche geraten dabei selten ins Zentrum der Auseinandersetzung. Das Bekenntnis ersetzt den Konflikt, die Kampagne den politischen Druck.
Einmal jährlich wird die Unzufriedenheit öffentlich aufgeführt, anschließend werden die Transparente eingerollt. Bis zum nächsten 5. Mai.
Was für ein praktischer Gegenspieler für die Politik! Einer, der protestiert, ohne den politischen Betrieb ernsthaft zu stören. Der Forderungen stellt, ohne notwendigerweise Konsequenzen einzufordern. Der gesellschaftliche Unzufriedenheit sichtbar macht und sie gleichzeitig in vertraute, berechenbare Bahnen lenkt.
Dafür braucht es nicht einmal eine Absprache zwischen Politik und Organisation. Es genügt, dass sich alle Beteiligten an ihre Rollen gewöhnt haben.
Wie anders hätte sich eine Behindertenrechtsbewegung entwickeln können, wenn sie nicht in solche Strukturen eingebunden gewesen wäre?
Ein Blick in die USA zeigt zumindest, was politischer Widerstand bewirken kann, wenn er bereit ist, unbequem zu werden. 1977 besetzten behinderte Aktivisten in San Francisco wochenlang ein Regierungsgebäude, um die Umsetzung von Section 504 durchzusetzen. Die Vorschriften wurden schließlich unterzeichnet. In den 1980er Jahren blockierte ADAPT Linienbusse und kämpfte für den Zugang zum regulären öffentlichen Nahverkehr. 1990 wurde der Americans with Disabilities Act verabschiedet.
Das war keine perfekte Bewegung und der ADA schaffte keineswegs jede Diskriminierung ab. Aber die Proteste hatten konkrete politische Adressaten, konkrete Forderungen und waren bereit, den Alltag der Verantwortlichen zu stören.
Man stelle sich vor, damals hätte jemand den Aktivisten angeboten, ihre Forderungen in eine freundlich moderierte Kampagne mit Aktionsmaterialien, Begegnungsfesten und einem jährlich wiederkehrenden Protesttag zu überführen. Vielleicht wäre alles größer, bunter und professioneller geworden.
Aber wäre auch derselbe politische Druck entstanden?
Genau darin liegt für mich die eigentliche Frage nach der Rolle von Aktion Mensch. Was wäre aus der deutschen Behindertenbewegung geworden, wenn nicht eine finanzstarke Organisation über Jahrzehnte so viel Einfluss auf Förderungen, öffentliche Kommunikation und Protestformate gewonnen hätte? Wären die Auseinandersetzungen möglicherweise schärfer, unberechenbarer und politisch wirksamer verlaufen?
Vielleicht wäre Inklusion ohne Aktion Mensch weniger bunt, dafür aber nachhaltiger geworden.
Natürlich wissen wir nicht, wie diese alternative Geschichte ausgesehen hätte. Was wir allerdings kennen, ist die tatsächliche Geschichte: 62 Jahre Aktion Mensch, Milliarden an Fördermitteln und eine bis heute bestehende Landschaft aus Sonderstrukturen und immer neuen Inklusionsprojekten.
Und daneben ein politischer Protest, der sich Jahr für Jahr weitgehend nach demselben Drehbuch wiederholt.
Das ist das Bemerkenswerte an diesem Inklusionsspektakel: Es kann ununterbrochen stattfinden, ohne dass die gesellschaftliche Ordnung, gegen deren Ausgrenzung es sich angeblich richtet, grundsätzlich verändert werden muss.
Die Projekte simulieren eine inklusive Gesellschaft auf Zeit. Die Protestveranstaltungen simulieren den Kampf um ihre Verwirklichung. Beides erzeugt Aufmerksamkeit, Beschäftigung und schöne Bilder. Was davon dauerhaft an den Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen rüttelt, bleibt die unbeantwortete Frage.
Eine Organisation, die Inklusion tatsächlich verwirklichen will, müsste irgendwann auch ihre eigene Überflüssigkeit feiern können.
Das wäre nach 62 Jahren eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte.
Bis dahin heißt es wohl weiterhin: Vorhang auf, Fördergelder frei, die nächste Vorstellung beginnt.
62 Jahre Aktion Mensch. 5,4 Milliarden Euro. Das Inklusionsspektakel muss weitergehen.
Herzlichen Glückwunsch!
Foto: Ralph Milewski
Fladungen (kobinet)
Herzlichen Glückwunsch! Aktion Mensch feiert ihren 62. Geburtstag. Über 5,4 Milliarden Euro wurden seit der Gründung 1964 in soziale Projekte investiert. Eine beeindruckende Summe. Dazu unzählige Kampagnen, Aktionstage, Modellprojekte, Studien und öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen. Es wurde gefördert, gefeiert, geworben und aufgeklärt. Die Erfolgsgeschichte ist geschrieben, das Publikum darf applaudieren.
Nur eine Kleinigkeit fehlt: die Bilanz der nachhaltigen gesellschaftlichen Veränderungen.
Nicht die Zahl der Projekte, nicht die Höhe der Fördersummen, sondern die Frage, was von alledem dauerhaft geblieben ist. Welche aussondernden Strukturen wurden abgeschafft? Welche regulären gesellschaftlichen Strukturen so verändert, dass Menschen mit Behinderung selbstverständlich dazugehören? Wie viele der geförderten Sonderangebote sind inzwischen überflüssig geworden?
Ausgerechnet dazu findet sich keine nachvollziehbare historische Gesamtbilanz. Auch unabhängige Untersuchungen, die diese Fragen über sechs Jahrzehnte hinweg beantworten, sind nicht auffindbar.
Dabei wäre das doch die eigentliche Erfolgsmeldung zum Geburtstag.
Stattdessen wird weiterhin gefördert, was eigentlich längst selbstverständlich sein sollte. Inklusion bekommt einen Projekttitel, eine Laufzeit, ein Budget und einen Abschlussbericht. Danach braucht es eine Anschlussfinanzierung, einen neuen Förderantrag oder gleich das nächste Projekt. Die gesellschaftliche Ausgrenzung ist da wesentlich nachhaltiger organisiert. Sie benötigt keine Verlängerung, um fortzubestehen.
Willkommen beim Inklusionsspektakel!
Die Geschichte macht die Sache noch interessanter. Die frühere Aktion Sorgenkind finanzierte über Jahrzehnte den Aufbau von Sondereinrichtungen und Werkstätten. 1995 wurde der flächendeckende Ausbau der Werkstätten ausdrücklich als Erfolg gefeiert. Heute kritisiert Aktion Mensch selbst jene Sonderstrukturen, deren Entstehung sie einst mitfinanziert hat.
Man hat also seine Meinung geändert. Nur was ist aus den Strukturen geworden?
Immerhin hat sich die öffentliche Darstellung erheblich weiterentwickelt. Aus Sorgenkind wurde Mensch, aus Fürsorge wurde Teilhabe, aus Sonderangeboten wurden Inklusionsprojekte. Die Sprache ist moderner, die Bilder sind bunter und die Botschaften professioneller geworden. Gesellschaftliche Veränderung lässt sich schließlich auch hervorragend kommunizieren, ohne dass sie bereits stattgefunden haben muss.
Doch Aktion Mensch hat noch eine zweite Vorstellung im Programm: den politischen Protest.
Jedes Jahr am 5. Mai wird demonstriert. Es gibt Mottos, Plakate, vorbereitete Materialien, Reden und selbstverständlich Forderungen. Aktion Mensch unterstützt das Ganze finanziell und organisatorisch. Der Protest ist angemeldet, der Ablauf bekannt, die Botschaften sind abgestimmt. Politiker können teilnehmen, Zustimmung signalisieren und sich anschließend wieder ihren Regierungsgeschäften widmen.
Ein Protest, mit dem sich ausgesprochen gut leben lässt.
Man fordert Inklusion, Barrierefreiheit und Gleichberechtigung. Große Worte, denen kaum jemand öffentlich widersprechen möchte. Konkrete politische Verantwortliche geraten dabei selten ins Zentrum der Auseinandersetzung. Das Bekenntnis ersetzt den Konflikt, die Kampagne den politischen Druck.
Einmal jährlich wird die Unzufriedenheit öffentlich aufgeführt, anschließend werden die Transparente eingerollt. Bis zum nächsten 5. Mai.
Was für ein praktischer Gegenspieler für die Politik! Einer, der protestiert, ohne den politischen Betrieb ernsthaft zu stören. Der Forderungen stellt, ohne notwendigerweise Konsequenzen einzufordern. Der gesellschaftliche Unzufriedenheit sichtbar macht und sie gleichzeitig in vertraute, berechenbare Bahnen lenkt.
Dafür braucht es nicht einmal eine Absprache zwischen Politik und Organisation. Es genügt, dass sich alle Beteiligten an ihre Rollen gewöhnt haben.
Wie anders hätte sich eine Behindertenrechtsbewegung entwickeln können, wenn sie nicht in solche Strukturen eingebunden gewesen wäre?
Ein Blick in die USA zeigt zumindest, was politischer Widerstand bewirken kann, wenn er bereit ist, unbequem zu werden. 1977 besetzten behinderte Aktivisten in San Francisco wochenlang ein Regierungsgebäude, um die Umsetzung von Section 504 durchzusetzen. Die Vorschriften wurden schließlich unterzeichnet. In den 1980er Jahren blockierte ADAPT Linienbusse und kämpfte für den Zugang zum regulären öffentlichen Nahverkehr. 1990 wurde der Americans with Disabilities Act verabschiedet.
Das war keine perfekte Bewegung und der ADA schaffte keineswegs jede Diskriminierung ab. Aber die Proteste hatten konkrete politische Adressaten, konkrete Forderungen und waren bereit, den Alltag der Verantwortlichen zu stören.
Man stelle sich vor, damals hätte jemand den Aktivisten angeboten, ihre Forderungen in eine freundlich moderierte Kampagne mit Aktionsmaterialien, Begegnungsfesten und einem jährlich wiederkehrenden Protesttag zu überführen. Vielleicht wäre alles größer, bunter und professioneller geworden.
Aber wäre auch derselbe politische Druck entstanden?
Genau darin liegt für mich die eigentliche Frage nach der Rolle von Aktion Mensch. Was wäre aus der deutschen Behindertenbewegung geworden, wenn nicht eine finanzstarke Organisation über Jahrzehnte so viel Einfluss auf Förderungen, öffentliche Kommunikation und Protestformate gewonnen hätte? Wären die Auseinandersetzungen möglicherweise schärfer, unberechenbarer und politisch wirksamer verlaufen?
Vielleicht wäre Inklusion ohne Aktion Mensch weniger bunt, dafür aber nachhaltiger geworden.
Natürlich wissen wir nicht, wie diese alternative Geschichte ausgesehen hätte. Was wir allerdings kennen, ist die tatsächliche Geschichte: 62 Jahre Aktion Mensch, Milliarden an Fördermitteln und eine bis heute bestehende Landschaft aus Sonderstrukturen und immer neuen Inklusionsprojekten.
Und daneben ein politischer Protest, der sich Jahr für Jahr weitgehend nach demselben Drehbuch wiederholt.
Das ist das Bemerkenswerte an diesem Inklusionsspektakel: Es kann ununterbrochen stattfinden, ohne dass die gesellschaftliche Ordnung, gegen deren Ausgrenzung es sich angeblich richtet, grundsätzlich verändert werden muss.
Die Projekte simulieren eine inklusive Gesellschaft auf Zeit. Die Protestveranstaltungen simulieren den Kampf um ihre Verwirklichung. Beides erzeugt Aufmerksamkeit, Beschäftigung und schöne Bilder. Was davon dauerhaft an den Machtverhältnissen und gesellschaftlichen Strukturen rüttelt, bleibt die unbeantwortete Frage.
Eine Organisation, die Inklusion tatsächlich verwirklichen will, müsste irgendwann auch ihre eigene Überflüssigkeit feiern können.
Das wäre nach 62 Jahren eine bemerkenswerte Erfolgsgeschichte.
Bis dahin heißt es wohl weiterhin: Vorhang auf, Fördergelder frei, die nächste Vorstellung beginnt.
62 Jahre Aktion Mensch. 5,4 Milliarden Euro. Das Inklusionsspektakel muss weitergehen.
Herzlichen Glückwunsch!





Ein meisterhafter Artikel von Ralph Milewski, der die deutsche Wohlfahrts-Heuchelei bis auf die Knochen seziert!
62 Jahre ‚Aktion Mensch‘ und 5,4 Milliarden Euro Fördergelder – und was ist das Ergebnis? Keine einzige Sonderschule, kein einziges Heim und keine einzige Werkstatt wurde dadurch überflüssig gemacht oder abgeschafft!
Die Kern-Lügen des Inklusionsspektakels auf den Punkt gebracht:
1. Projekt-Zirkus statt Menschenrechte:
Inklusion wird zur befristeten PR-Show degradiert. Ein Projekt kriegt Budget, bunte Bilder und einen Abschlussbericht. Wenn das Geld weg ist, bleibt die gesellschaftliche Trennung bestehen. Ausgrenzung braucht nämlich keine Verlängerungsanträge – sie ist im deutschen System fest eingebaut!
2. Der Brandstifter als Feuerwehr:
Die damalige ‚Aktion Sorgenkind‘ hat das völkerrechtswidrige WfbM- und Sonderschulsystem über Jahrzehnte mit aufgebaut. Heute finanziert dieselbe Lotterie mit bunter PR Kritik an genau den Sonderstrukturen, die sie selbst erfunden hat!
3. Der gekaufte Protest:
Der jährliche ‚Protesttag‘ am 5. Mai ist ein zahnloser Tiger. Er ist finanziert, durchgestylt und harmlos. Politiker lächeln in die Kameras, trinken Kaffee und gehen zurück an die Arbeit. Das ist kein Widerstand, sondern ein staatlich betreutes Dampfablassen!
Echter Bürgerrechtsprotest bettelt nicht um Förderbescheide einer Lotterie. Schauen wir in die USA: 1977 haben behinderte Menschen nicht drei Stunden bunten Nachmittags-Protest gemacht – sie haben mit dem ‚Section 504 Sit-In‘ das Gesundheitsministerium 26 TAGE LANG BESETZT, bis ihre Rechte garantiert wurden!
Schluss mit der Inklusions-Simulation! Eine Organisation, die Inklusion wirklich will, müsste hart daran arbeiten, sich selbst überflüssig zu machen.
Warum dieser Milliarden-Ablasshandel das Völkerrecht bricht und wie wir den politischen Druck bis zum Ultimatum 2031 aufbauen müssen, zeige ich in meinem Anklage-Protokoll »2031 – Deutschland, die Welt blickt auf dich!«.
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