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Es geht nicht um Charity, es geht um Menschenrechte

Mann mit dunklem Jacket und weißem Hemd steht an einem Rednerpult und zeigt mit der linken in Richtung Zuhörer
Jürgen Dusel beim Gesundheitskongress bei den Special Olympics Nationalen Saarland 2026
Foto: SOD/ Sascha Klahn

FRECHEN (kobinet)

Der Behindertenbeauftragter der Bundesregierung Jürgen Dusel bezeichnet sich selbst als großer Fan von Special Olympics in Deutschland und international. Im Gespräch mit Hartmut Augustin erklärt er, dass er bei der gleichberechtigten Teilhabe von Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung Handlungsbedarf sieht.



Hartmut Augustin: Herr Dusel, kürzlich haben Sie die Special Olympics Nationalen Spiele im Saarland besucht. Wie hat es Ihnen gefallen?

Jürgen Dusel: Mir hat es sehr gut gefallen. Ich bin ein großer Fan von Special Olympics in Deutschland, aber auch international. Ich freue mich jedes Mal, dort gute Freundinnen und Freunde zu treffen. Außerdem genieße ich die positive Energie, die von diesen Veranstaltungen ausgeht.

Hartmut Augustin: Was ist für Sie das Besondere an Wettbewerben von Special Olympics?

Jürgen Dusel: Ich nehme jedes Mal eine besondere Fairness und Empathie der Sportlerinnen und Sportler untereinander wahr - bei Erfolgen wie bei Niederlagen. Für mich sind sie Role Models. Unsere Gesellschaft kann von ihnen den fairen Umgang miteinander lernen und wie man sich gemeinsame Ziele setzt. Viel zu oft wollen Menschen nur das Negative sehen. Die Athletinnen und Athleten dagegen überzeugen mich immer wieder mit ihrer positiven Ausstrahlung.

Hartmut Augustin: Bei den nationalen und internationalen Spielen ist das Gesundheitsprogramm Healthy Athletes® ein fester Bestandteil. Wie war Ihr Eindruck?

Jürgen Dusel: Das Programm ist sehr gut und unverzichtbar. Es hält unserer Gesellschaft den Spiegel vor und zeigt, wie es um die Gesundheitsversorgung von Menschen mit einer intellektuellen Beeinträchtigung steht. Leider nicht gut. Mich beschämt es zu sehen, welche Qualitätsprobleme wir im Gesundheitssystem haben. Deutschland hat 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert, die eine gleichberechtigte Teilhabe auch bei der medizinischen Versorgung rechtlich zusichert. Aber das muss dann auch umgesetzt werden.

Hartmut Augustin: Wo sehen Sie bei der Gesundheitsversorgung den größten Handlungsbedarf?

Jürgen Dusel: Zwischen dem Recht und der Wirklichkeit in der Gesundheitsversorgung gibt es eine große Lücke. Die muss geschlossen werden. Die Kassenärztlichen und Kassenzahnärztlichen Vereinigungen haben einen Sicherstellungsauftrag, den sie auch für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung erfüllen müssen. Ärzte haben oft zu wenig Zeit, diesen Patienten die Diagnosen und Behandlungen zu erklären. Sie wissen auch zu wenig über die besonderen Bedürfnisse der Menschen und beherrschen selten Leichte oder Einfache Sprache. Denn in der Aus- und Weiterbildung spielt das alles bisher kaum eine Rolle. Das muss sich ändern und nicht irgendwann, sondern sofort.

Hartmut Augustin: Aktuell wird über die Eingliederungshilfe diskutiert. Das ist eine Sozialleistung für Menschen mit Behinderungen und soll eine gleichberechtigte Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft fördern. Was halten Sie von möglichen Kürzungen?

Jürgen Dusel: Das macht mir große Sorgen. Ich kann verstehen, dass auf Städten und Kommunen ein hoher Kostendruck lastet. Deshalb ist es richtig, nach Einsparmöglichkeiten zu suchen. Aus meiner Sicht kann bei der überbordenden Bürokratie und dem Zuständigkeitsdschungel der Ämter der Rotstift angesetzt werden, aber auf keinen Fall bei den Leistungen.

Hartmut Augustin: Warum lehnen Sie die Sparpläne so rigoros ab?

Jürgen Dusel: Es geht darum, dass Menschen mit Behinderungen ihre Rechte auf Teilhabe einlösen können. Im Grundgesetz steht, dass niemand wegen einer Behinderung benachteiligt werden darf. Dazu braucht es bestimmte Voraussetzungen. Es geht hier also nicht um Charity, sondern es geht um Menschenrechte. Wer an der falschen Stelle spart, zahlt am Ende immer drauf.

Hartmut Augustin: Von Kürzungen wären auch Athletinnen und Athleten von Special Olympics Deutschland betroffen…

Jürgen Dusel: Ich habe bei den Nationalen Spielen im Saarland Gäste aus der Politik erlebt, die begeistert waren von den Leistungen der Athletinnen und Athleten und ihrer sozialen Teilhabe. Auch ich bin begeistert und empfehle, in der politischen Diskussion Kürzungen gerade in diesem Bereich entgegenzutreten. Das "Poolen" von Leistungen wäre da das falsche politische Signal.

Hartmut Augustin: Ihr Wort als Behindertenbeauftragter der Bundesregierung hat Gewicht. Was werden Sie tun, um Reduzierungen bei der Eingliederungshilfe noch zu verhindern?

Jürgen Dusel: Wir müssen zusammen kämpfen. Die Behindertenbeauftragten der Länder und ich haben eine klare Position gegen die diskutierten Einsparungen, und die haben wir auch veröffentlicht. Wenn es zu einem Referentenentwurf für eine Gesetzesvorlage kommt, dann werden wir uns einbringen und das Verfahren kritisch begleiten. Es kommt jetzt aber auch auf die Menschen vor Ort an.

Hartmut Augustin: Wie meinen Sie das?

Jürgen Dusel: Ich kann nur empfehlen: Gehen Sie zu Ihren Bundestagsabgeordneten und erklären Sie dort, was die Einsparungen konkret für Sie bedeuten. Wie Ihr Leben sich verändern würde. Denn es geht hier bei der Teilhabe nicht um etwas Belangloses, sondern um etwas sehr Wichtiges. Ich sehe in dem Prozess auch Special Olympics Deutschland an meiner Seite. Das ist eine tolle Bewegung, mit einer großen Reichweite. Bund, Länder und Kommunen sind in der Verantwortung für gleichwertige Lebensverhältnisse von Menschen mit und ohne Behinderungen zu sorgen. Das ist noch nicht der Fall, Lippenbekenntnisse helfen uns hier nicht weiter.

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