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Roman befeuert Diskussion um Reform des Werkstättensystems

Ottmar Miles-Paul mit Roman Zündeln an den Strukturen
Ottmar Miles-Paul mit Roman Zündeln an den Strukturen
Foto: LB Bremen

Kassel (kobinet) "Zündeln an den Strukturen" lautet der provokante Titel des Reportage-Roman von Ottmar Miles-Paul über die Situation in Werkstätten für behinderte Menschen und die nötigen Reformen im Lichte der UN-Behindertenrechtskonvention. Am 13. März 2024 findet dazu in Bremen auf Einladung des Landesbehindertenbeauftragten Arne Frankenstein eine Lesung im Kwadrad statt. Und eine Reihe weiterer Lesungen sind schon geplant, wie kobinet-Redakteur Hartmut Smikac im Interview mit dem Behindertenrechtler erfuhr. Während die Flammen im Roman fiktiv sind, befeuert der Roman jedoch zusehends die reale Diskussion über die Situation in Werkstätten für behinderte Menchen und vor allem um Alternativen für eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. Das durch den Roman angestoßene Gedankenspiel was möglich wäre, wenn es keine Werkstatt mehr gäbe bzw. wenn das Budget für Arbeit besser genutzt würde, hat dabei schon einige zum Nachdenken gebracht, wie Ottmar Miles-Paul im kobinet-Interview berichtet.

kobinet-nachrichten: Sie hatten bereits zwei Online-Lesungen und eine Lesung in Präsenz. Nun steht am 13. März 2024 die nächste Lesung zu Ihrem Roman in Bremen an. Hätten Sie mit einem solchen Interesse an Ihrem Roman gerechnet?

Ottmar Miles-Paul: Da ich bisher hauptsächlich Fachbücher, Fachartikel, Interviews oder Nachrichten zur Behindertenpolitk veröffentlicht habe, hatte ich anfangs kein Gefühl dazu, wie ein Roman zur Behindertenpolitik aufgenommen wird. Mir war es aber wichtig, einmal über die üblichen und eingefahrenen Debatten und Berichte zum System der seit längerem in die Kritik geratenen Werkstätten für behinderte Menschen hinauszugehen. Ich möchte mit dem Roman nämlich vorrangig den Blick auf diejenigen behinderten Menschen richten, die in solchen Werkstätten arbeiten und nicht zufrieden sind, wie sie behandelt werden und wie wenig sie dort verdienen. Vor allem wollte ich aber Alternativen für eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt aufzeigen. Denn oft wird behinderten Menschen eingeredet: „Das schaffst du nicht!“ „Das geht nicht! „Du wirst eh nicht von Unternehmen eingestellt!“ Und es gibt kaum gute Informationen, welche Möglichkeiten es beispielsweise mit dem Budget für Arbeit für eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt gibt. Vor allem werden behinderte Menschen, die aus der Werkstatt raus wollen, viel zu wenig unterstützt.

Deshalb bin ich nicht nur sehr angenehm über das Interesse und über die Rückmeldungen zum Roman überrascht, sondern vor allem über die vielen Anfragen, die ich derzeit für Lesungen zum Roman bekomme. Und auf solche Veranstaltungen habe ich große Lust, denn mit dem Roman wollte ich gerade diese Diskussionen und vor allem ein Nachdenken darüber anregen, wie eine echte Inklusion auf dem Arbeitsmarkt funktionieren kann, gerade auch für Menschen, die bisher in Werkstätten arbeiten. Ich freue mich also sehr auf die weiteren Lesungen und vor allem auf die am 13. März in Bremen, wofür sich bereits über 60 Personen angemeldet haben. Bis zum 6. März werden weitere Anmeldungen entgegengenommen.

Link zur Ankündigung der Lesung am 13. März in Bremen

kobinet-nachrichten: Welche weiteren Termine sind über Bremen hinaus schon geplant, bzw. welche Anfragen liegen schon vor?

Ottmar Miles-Paul: Am 17. Mai geht es nach Potsdam. Dort lese ich gemeinsam mit Sabine Lohner, die gerade in den letzten Zügen mit der Aufsprache und Produktion des Hörbuchs zum Roman ist. Sie ist eine wunderbare Ergänzung für mich, da ich als Sehbehinderter kein guter Vorleser bin. Sabine Lohner ist selbst blind und eine super gute Leserin und hat auch schon bei Lesungen im Dunkeln bei der Frankfurter Buchmesse gelesen. Wir sind also ein prima Team, wie sich schon bei zwei Online-Lesungen gezeigt hat. Am 13. Juli bin ich dann mit Sabine Lohner in Luxemburg zu einer weiteren Lesung eingeladen. Im Rahmen des Protesttags dürfen weitere Lesungen hinzukommen, so wahrscheinlich in Marburg und evtl. in Mainz. Für den Herbst steht schon eine Lesung in Hannover fest. Weitere Anfragen gibt es bereits aus Kaiserslautern und Erlangen. Mit Aktiven aus Tübingen und Heidelberg bin ich auch schon im Gespräch.

Eigentlich hatte ich mir für dieses Jahr vorgenommen, weniger zu reisen und etwas langsamer zu machen, aber die bisherige Lesung in Kassel und die beiden Online-Lesungen haben mir riesigen Spaß gemacht, vor allem auch wegen der spannenden Diskussionen und den Prozessen, die dadurch bereits in Gang kamen.

kobinet-nachrichten: Sorgt dabei auch die Tatsache, dass der Aufhänger für den Roman darin besteht, dass drei Beschäftigte einer Werkstatt diese in Brand setzen, so dass diese fast völlig abbrennt für Diskussionen?

Ottmar Miles-Paul: Das hatte ich anfangs gedacht, dass dies für zünftige Kritik und Diskussionen sorgen könnte. Manche sahen mich sogar schon als Brandstifter gebrandmarkt und durchs Land gejagt. Aber bisher haben alle, die das Buch gelesen und sich wirklich damit befasst haben, schnell verstanden, dass die Brandstiftung nur ein Aufhänger für das Gedankenspiel „was wäre möglich, wenn es in unserer Stadt keine Werkstatt für behinderte Menschen gäbe“ dient. Wenn ein Roman eine solche Wirkung hätte und zur Branstiftung verleiten würde, dann dürften viele Krimis nicht mehr gesendet werden und Rosenheim wäre wahrscheinlich bei den vielen Folgen der Rosenheim Cops, wo fast täglich jemand im Fernsehen ermordet wird, schon menschenleer.

Es gab ja immer mal wieder Leute, die behinderte Menschen, die eine andere Meinung vertraten, dahingehend abgetan haben, dass diese von anderen zu Protesten verführt wurden. Ich glaube aber, dass diese Zeiten vorbei sind oder vorbei sein müssten, wo behinderte Menschen als willfährige Opfer irgendwelcher Verführer mit radikalen Ideen abqualifiziert wurden. Ich habe in den letzten 30 Jahren mit so vielen Menschen mit ganz unterschiedlichen Behinderungen in Werkstätten und mit ehemaligen Werkstattbeschäftigten gesprochen, dass ich immer wieder erleben konnte, dass hier sehr differenziert gedacht und vor allem auch gefühlt wird.

Deshalb kann man die über 300.000 Werkstattbeschäftigten auch nicht über einen Kamm scheren. Ich wäre der letzte, der jemand aus der Werkstatt hinaustreibt, der oder dem es dort gefällt. Ich bin aber der erste, der denjenigen helfen möchte, die sich in der Werkstatt nicht wohl fühlen, dort sogar schlecht behandelt werden oder die auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt arbeiten wollen. Auch wenn meine Mittel dabei leider viel zu häufig begrenzt sind. Deshalb möchte ich mit diesem Roman nicht zur Brandstiftung, sondern zur Untersüttzung einzelner behinderter Menschen anstiften, die etwas anderes, die inklusiver leben und arbeiten wollen. Im Zeitalter des Wunsch- und Wahlrechtes müssten nämlich diejenigen, die inklusiver leben und arbeiten wollen, eine gezielte Unterstützung auf dem Weg dorthin bekommen und nicht ständig Steine in den Weg gelegt bekommen, wie dies noch viel zu oft der Fall ist.

Spannend ist das Thema vor allem deshalb, weil derzeit über die Reform des Werkstättensystems diskutiert wird und uns die UN-Behindertenrechtskonvention das sogar ins Stammbuch schreibt. Bisher zeigen sich die Zuständigen noch viel zu zögerlich in dieser Diskussion. Deshalb freue ich mich, wenn ich mit dem Roman auch diesen Prozess ein bisschen beflügeln kann. Denn echte Reformen des Werkstättensystems sind so was von überfällig.

kobinet-nachrichten: Wer ein Buch zum Thema Behinderung veröffentlicht, ist natürlich auch mit der Forderung konfrontiert, dies in verschiedenen barrierefreien Formaten bereit zu stellen. Wie ist das bei Ihrem Werk?

Ottmar Miles-Paul: Gut, dass Sie das Thema ansprechen. Was kaum gesehen wird ist, dass man heutzutage mit der Veröffentlichtung von Büchern kaum etwas verdient. Mir war wichtig, dass die Druckversion des Buches mit 17 Euro bei 286 Seiten noch einigermaßen erschwinglich ist und die E-Book-Ausgabe mit 5,99 Euro recht günstig ist. Ich wollte zudem eine etwas größere Schrift, was das Buch nicht billiger gemacht hat. Fakt ist, dass ich bisher immer noch im Minus bin und mit dem Roman bestimmt nicht reich werde. Das ist auch gar nicht meine Absicht mit diesem Roman. Es ist mir lieber, wenn die Bücher weiter an andere zum Lesen gegeben werden, als dass ein weiteres verkauft wird. Denn für jedes im Buchhandel verkaufte Druckexemplar bekomme ich gerade einmal 0,50 Euro pro Buch und ich freue mich, wenn das Buch von möglichst vielen gelesen wird.

Was mir und den Protagonist*innen im Roman aber wichtig ist, ist dass das Buch für möglichst viele Personen barrierefrei nutzbar ist. Deshalb bin ich Sabine Lohner unendlich dankbar, dass sie es einfach rein ehrenamtlich angepackt hat, den Roman als Hörbuch aufzusprechen. Zusammen mit einem weiteren Überzeugungstäter in Sachen Möglichmachung von Träumen Hüsejin Köroglu aus Darmstadt, der die Aufnahme in seinem Tonstudio begleitet und letztendlich überarbeitet, sind die beiden so gut wie fertig mit dem Hörbuch. Ich durfte an der Aufsprache des Schlussteils in Darmstadt dabei sein und war tief gerührt, mit welcher Hingabe, aber auch mit welchem Aufwand die beiden dieses Projekt umsetzen. Über 10 Mal ist Sabine Lohner dafür von Frankfurt nach Darmstadt gefahren und hat sich jeweils fast einen halben Tag damit um die Ohren geschlagen. Ein riesiges Geschenk, das mich sehr demütig macht.

kobinet-nachrichten: Und wie ist das mit Leichter oder Einfacher Sprache?

Ottmar Miles-Paul: Auch hier hat mir das Schicksal gute Geister geschickt, die ich nicht hoch genug schätzen kann. Uta Lauer hat einen Verlag für Einfache Sprache und Andrea Lauer hat schon einige Bücher in Einfache Sprache übersetzt und gestaltet. Die beiden haben sich von sich aus angeboten, den Roman in Einfache Sprache zu verfassen. Wie bei der Hörbuchgestaltung ist das für mich ein weiteres Abenteuer, wie das wird. Denn auch dabei muss einiges abgestimmt werden. Und Geld kann man mit Büchern in Einfacher Sprache verglichen mit dem Aufwand, der dafür notwendig ist, auch nicht verdienen. Die beiden machen das aber ohne Geld zu wollen – und damit kann ich wie bei der Hörbuchproduktion nur schlecht leben. Denn ich weiß, wie aufwändig solche Dinge sind. Aber genau das ist das Problem mit der Schaffung von Barrierefreiheit in diesem Bereich. Hier sind die Kosten immens und bisher weiß ich noch nicht, wo man das Geld dafür herbekommen kann. Das ist auch für andere Autor*innen ein riesiges Problem, wenn sie ihre Werke möglichst vielen Menschen barrierefrei zugänglich machen wollen. Ich kann also nicht genug für dieses Engagement meiner Unterstützer*innen danken.

kobinet-nachrichten: Ich sehe schon, was da alles dran hängt. Wer sich für das Buch interessiert, wie kann man sich das besorgen?

Ottmar Miles-Paul: Das Buch kann man entweder über den Verlag epubli online bestellen. Dann ist mein Verdienst daran ein klein bisschen höher als im Buchhandel. Oder man kann es über den Buchhandel und die üblichen Online-Plattformen als Druckausgabe oder als E-Book bestellen.

Hier die Angaben und Infos zum Roman:

Zündeln an den Strukturen Reportage-Roman von Ottmar Miles-Paul / Katrin Grund

Link zur 286 Seiten starken Printausgabe, die für 17,00 Euro plus 2,95 Euro Versand bestellt bei epubli werden kann: https://www.epubli.com/shop/zuendeln-an-den-strukturen-9783757579388

Link zur Möglichkeit der Bestellung als E-Book für 5,99 Euro: https://www.epubli.com/shop/zuendeln-an-den-strukturen-9783757579760

Die ISBN für die Printausgabe lautet 9783757579388 – damit kann man das Buch auch im Buchhandel bestellen lassen.

Die ISBN für die E-Book-Ausgabe lautet 9783757579760

Wer mehr erfahren oder gar eine Lesung organisieren will, der kann mich per Mail unter [email protected] kontaktieren. Über diese E-Mail-Adresse können übrigens auch Rückmeldungen zum Buch an mich geschickt werden, denn ich interessiere mich natürlich sehr dafür, wie die verschiedenen Leser*innen das Buch aufgenommen haben und welche Gedanken ihnen dabei gekommen sind. So habe ich beispielsweise schon eine Reihe von Anregungen für einen weiteren Roman bekommen. Aber das muss ich erst mal setzen lassen, denn ich weiß, wie viel Arbeit das ist und zu tun habe ich eigentlich schon genug.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das ausführliche Interview.

Link zur Info und Anmeldung der Lesung am 13. März in Bremen

Link zur Aufzeichnung der ersten Online-Lesung des Romans im Rahmen des Podcast Inklusion Ganz Einfach Leben (IGEL)

Link zum Infoblatt mit Stimmen zum Roman