Menu Close

Laudatio einer Weggefährtin

Dr. Sigrid Arnade in Berlin
Dr. Sigrid Arnade
Foto: ISL e.V.

Berlin (kobinet) Eine langjährige Weggefährtin von Ottmar Miles-Paul übermittelte kobinet eine ganz persönliche Laudatio: Ehrung für einen Bescheidenen, der nie „gekreuzigt“ werden wollte. "Lieber bescheidener Ottmar, trage dein Kreuz in Würde", schrieb Dr. Sigrid Arnade, ISL-Sprecherin für Gender und Diversity, Sprecherin der LIGA Selbstvertretung, "wir gratulieren dir aufs Herzlichste!":

Heute erhält ein unermüdlicher Kämpfer das Bundesverdienstkreuz, der es verdient hat wie kaum ein anderer: Ottmar Miles-Paul. Ein Grund zur Freude? Für seine Weggefährt*innen ja, die wissen, dass ohne sein beharrliches Engagement viele der behindertenpolitischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte nicht erreicht worden wären. Ein Grund zur Freude für ihn selbst? Eher nicht, denn trotz so mancher Erfolge ist Ottmar Miles-Paul immer bescheiden geblieben, wollte nur im Mittelpunkt stehen um der guten Sache, nie um seiner selbst willen. So trifft es sich aus seiner Perspektive günstig, dass er der heutigen Ordensverleihung nicht persönlich beiwohnen kann, da er gerade in den USA weilt.

Behindertenpolitisch geprägt wurde Ottmar Miles-Paul vor allem in den Jahren, die er mit Mitte 20 in den USA verbrachte. Dort erlebte er den Kampf der dortigen Behindertenbewegung für rechtliche Gleichstellung und wurde mit dem Geist von Bürger- und Menschenrechten infiziert. Diese Infektion brachte er mit, als er nach Deutschland zurückkehrte und nach der Gründung der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland – ISL ab 1993 deren erster hauptamtlicher Geschäftsführer wurde. Es gelang ihm, diese erste bundesweite beeinträchtigungsübergreifend arbeitende Selbstvertretungsorganisation behinderter Menschen aufzubauen und in der deutschen Behindertenszene zu verankern. Letztere ist heute ohne die ISL nicht mehr denkbar. Und die ISL wäre ohne Ottmar Miles-Paul nicht denkbar.

Es folgten behindertenpolitische Kämpfe und Erfolge, an denen er nicht unwesentlichen Anteil hatte: die alljährlichen Protesttage für die Gleichstellung Behinderter am 5. Mai seit 1992, die Grundgesetzergänzung 1994, die Namensänderung der Aktion Sorgenkind zu Aktion Mensch 2000, das Behindertengleichstellungsgesetz 2002, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz 2006. Miles-Paul war ebenfalls wesentlich an der Gründung des Deutschen Behindertenrats 1999 beteiligt. Ihm sind auch die inzwischen 20-jährigen kobinet-Nachrichten als behindertenpolitisches Nachrichtenportal zu verdanken. Aber er organisierte nicht nur Demonstrationen und Kampagnen, sondern kümmerte sich auch unermüdlich um die Zentren für Selbstbestimmtes Leben, deren Dachverband die ISL darstellt.

Zwischenmenschliche Querelen und Anfeindungen machten ihm als ergebnisorientiertem Strippenzieher das Leben manchmal schwer und ließen ihn die ISL-Geschäftsführung um die Jahrtausendwende abgeben. Er wurde freiberuflicher Publizist und Projektmanager, bis er 2008 dem Ruf von Malu Dreyer nach Mainz folgte und fünf Jahre lang als Landesbehindertenbeauftragter in Rheinland-Pfalz tätig war. Dort gelang es ihm in einem riesigen Kraftakt, schon 2010, ein Jahr nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention, einen landesweiten Aktionsplan zu deren Umsetzung zu verabschieden.

Aus persönlichen Gründen beendete er diese höchst anstrengende Aufgabe Ende 2012 und gestaltet sein Leben seither so, wie es ihm am liebsten ist: als Freigeist, der sich entfalten kann und nicht ausgebremst wird. Manchmal spricht er davon, längere Auszeiten zu planen. Wer ihn kennt, weiß, dass solche Versuche zum Scheitern verurteilt sind. Denn sobald Ottmar Miles-Paul auf die nächste Ungerechtigkeit oder ein spannendes behindertenpolitisches Gesetzesvorhaben stößt, wird er nicht anders können als aktiv zu werden und das nächste Projekt oder die nächste Kampagne zu initiieren.

Nur eines wollte er nie: geehrt werden, im Mittelpunkt stehen, ohne dass es inhaltliche Fortschritte gibt. Heute nun wird Ottmar Miles-Paul „gekreuzigt“, er erhält also mehr als wohlverdient das Bundesverdienstkreuz. Dabei würde er es lieber sehen, wenn beispielsweise die neuen EUTB-Stellen nach Beratungsqualität statt nach Verwaltungsvereinfachung vergeben würden oder wenn es endlich striktere Gesetze zur Durchsetzung umfassender Barrierefreiheit gäbe.

Lieber bescheidener Ottmar, trage dein Kreuz in Würde – wir gratulieren dir aufs Herzlichste!

Link zur Aufzeichnung der Veranstaltung zur Ordensverleihung – ab Minute 14

Lesermeinungen

Bitte beachten Sie unsere Regeln in der Netiquette, unsere Nutzungsbestimmungen und unsere Datenschutzhinweise.

Sie müssen angemeldet sein, um eine Lesermeinung verfassen zu können. Sie können sich mit einem bereits existierenden Disqus-, Facebook-, Google-, Twitter-, Microsoft- oder Youtube-Account schnell und einfach anmelden. Oder Sie registrieren sich bei uns, dazu können Sie folgende Anleitung lesen: Link
Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Lesermeinungen
Inline Feedbacks
Alle Lesermeinungen ansehen
0
Wir würden gerne Ihre Meinung lesen, schreiben Sie einen Leserbrief!x