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Von einem Regelfall zum nächsten

Fragezeichen aus Blumen
Fragezeichen aus Blumen
Foto: Susanne Göbel

Berlin (kobinet) Menschen mit chronischen Erkrankungen und Behinderungen konnten durch eine so genannte "Verordnung außerhalb des Regelfalls“ in kurzer Zeit mehr Behandlungen vom Arzt verschrieben bekommen. Seit letztem Jahr besteht diese Möglichkeit nun nicht mehr. Dies stellt Betroffene vor große Versorgungslücken und existenzielle Probleme, wie die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) berichtet.

Neuromuskuläre Erkrankungen oder komplexe Schädigungen wie beispielsweise Multiple Sklerose führen dazu, dass Betroffene dauerhaft viele Behandlungen der Physio- oder Ergotherapie benötigen. Ein Rezept mit sechs oder zehn Behandlungen reicht dann oft nicht aus. Durch eine ärztliche Begründung war es bisher unter bestimmten Voraussetzungen möglich, Rezepte mit größerer Verordnungsmenge zu verschreiben. Nach dem Ende der Behandlungen konnte außerdem unmittelbar erneut ein Rezept ausgestellt werden. Durch die Änderung der Heilmittelrichtlinie geht das seit dem 1. Januar 2021 nicht mehr. Die Anzahl der verordnungsfähigen Heilmittel ist seitdem stark gedeckelt. Die gleiche Therapie kann teilweise erst sechs Monate später wieder verordnet werden. So sollen alle Patient*innen, unabhängig von der Schwere ihrer Erkrankung, gleichbehandelt werden. Ausnahmeregelungen in besonders schweren Einzelfällen werden so enorm verkompliziert, oder gleich ganz verhindert. Im konkreten Einzelfall entsteht eine Unterbrechung der Therapie über mehrere Wochen hinweg, die durch andere Therapien nicht ausgeglichen werden kann. Die Folgen sind verheerend, da der Patient im vorliegenden Einzelfall wegen seiner starken Mobilitätseinschränkungen auf die Behandlungen angewiesen ist, um seine Mobilität auf dem erreichten Status Quo zu halten und die Arbeitsfähigkeit langfristig zu sichern, berichtet die ISL.

Kein Ausweg: Langfristiger Heilmittelbedarf!

Die Bewilligung des langfristigen Heilmittelbedarfs soll eigentlich ermöglichen, dass die benötigte Therapie ein Jahr lang durchgeführt werden kann. Dies könnte eine Alternative sein zur „Verordnung außerhalb des Regelfalls“. Als Kriterienkatalog hierfür gelten die Diagnoselisten der Heilmittelrichtlinie. In der Praxis zeigt sich jedoch, dass sie eine Lösung im Sinne der Patient*innen eher verhindern. Eine Bewilligung ist nach Informationen der ISL nur dann möglich, wenn viele eng definierte Parameter wie Diagnosen, zugeordnetes Heilmittel, Ausprägung der Erkrankung und Alter des Patienten bzw. der Patientin genau zusammenpassen. Das jedoch spiegelt den Alltag einer therapiebedürftigen Einzelperson kaum wider. Es kommen oft viele Diagnosen zusammen, die in sehr individuellen Ausprägungen vorliegen und sich gegenseitig verstärken. All das bleibt unberücksichtigt. Patient*innen fallen somit durchs Raster und die ablehnende Entscheidung geht am Therapiebedarf und der Lebensrealität der betroffenen Person vorbei. Dem besonderen Bedarf des Einzelfalls wird so jedenfalls nach Meinung der ISL nicht Rechnung getragen.

Ausnahmen bestätigen die Regel: ISL sammelt Einzelfälle betroffener Personen

„Wie kann es sein, dass besondere Behandlungsbedarfe pauschal, ohne Prüfung der Schwere des Einzelfalls abgelehnt werden? Welche Erfahrungen gibt es mit der ‚Verordnung außerhalb des Regelfalls‘ und wie behelfen sich andere Patient*innen und Betroffene von chronischen Erkrankungen, seitdem diese Regelung nicht mehr existiert? Welche Ausnahmen gibt es, um doch noch die benötigte Therapie zu erhalten?“ Zu diesen Fragen sammelt die ISL Fallbeschreibungen und Erfahrungsberichte. Thomas Koritz, gesundheitspolitischer Sprecher der ISL nimmt diese gerne per Mail an [email protected] in Empfang.