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Ich will Eure Empörung – Jetzt!

Flagge UN Blau mit Symbol Lorbeerkranz um Weltkugel
Flagge UN
Foto: public domain

Berlin (kobinet) Die Autorin Julia Dumsky sandte uns Ihren Text zu, den wir sehr gern veröffentlichen.

"heute, 12 Jahre nach dem Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), herrschen noch eklatante Missstände in Deutschland vor. Was mir daran aber zunehmend auffällt, ist die mangelnde gesellschaftliche Empörung darüber, was vermutlich viele Gründe hat. Sicher ist es aber ein Symptom der gesellschaftlichen Haltung gegenüber behinderten Menschen, die oft nicht als gleichwertig betrachtet und denen nicht auf Augenhöhe begegnet wird."

"Wenn ich mit meinem Rollstuhl so unterwegs bin, passiert es mir relativ häufig, dass mir wildfremde Menschen mit Mitleid begegnen. Ähnliches geschah erst vor ein paar Wochen, als ich unterwegs war und kurz auf meine Mutter warten musste. Es war ein schöner, sonniger Tag und die Fußgängerzone war sehr belebt. Einer der Passanten ging nicht einfach an mir vorbei, sondern verwickelte mich sogleich in ein Gespräch. Sehr schnell kam er auf meine Behinderung zu sprechen und drückte darüber sein Mitleid aus. Mir ist bewusst, dass er es in keiner böswilligen Absicht tat, und, dass es nach wie vor Berührungsängste in der Bevölkerung gibt. Früher hätte ich darüber auch noch hinweggesehen, doch mittlerweile bin ich so selbstbewusst und versuche dann den Blick der Person zu weiten, indem ich darauf aufmerksam mache, wo in unserer Gesellschaft nach wie vor Ausgrenzungen und Diskriminierungen vorliegen, die mich persönlich mehr einschränken. Mitleid verortet das Problem alleine im Individuum, das eine Behinderung hat. Die behindernden Strukturen und Einstellungen in unserer deutschen Gesellschaft werden dabei grob vernachlässigt. Doch gerade diese Perspektive könnte Veränderungen hin zu einer inklusiveren Gesellschaft bewirken. So sind es gerade die Barrieren im Umfeld und im Denken, die abgebaut werden können, die verändert werden können. Leider gibt es aber noch viel zu viele Missstände in Deutschland, die die Gleichberechtigung behinderter Menschen untergraben und damit die Rechte, die in der UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) verankert sind, verletzen.

Die UN-BRK ist keine Empfehlung, also kein „Kann man mal machen“, sondern für Deutschland seit 2009 rechtsverbindlich. Es bedarf auch keiner weiteren Bestätigung durch die Landesparlamente. Es ist geltendes Recht, das nach wie vor in vielerlei Hinsicht nicht umgesetzt wird. Das, was diesem Fakt aber die Krone aufsetzt, ist die fehlende Empörung darüber in unserer Gesellschaft. Diese Empörung und Solidarisierung kann man heute – glücklicherweise – zumindest zu einem großen Maß erkennen, wenn es beispielsweise um die Diskriminierung homosexueller Menschen geht. Auch die Black-Lives-Matter-Bewegung zeigt auf, dass die Sensibilität für Rassismus und die Solidarisierung mit den Betroffenen in großen Teilen der Welt gestiegen ist, was ich begrüßenswert finde. Bei Diskriminierungen und Ausgrenzungen, die behinderte Menschen betreffen, ist Derartiges leider noch nicht zu verzeichnen. Dies mag mehrere Gründe haben, wobei fehlende Begegnungsmöglichkeiten wohl am meisten dazu beitragen: So sieht Deutschland auf institutioneller Ebene nach wie vor eine zu strikte Trennung zwischen behinderten und nicht-behinderten Menschen vor. Der Exklusionsgrad ist damit in Deutschland weiterhin stark ausgeprägt, auch wenn das Wort Inklusion in aller Munde ist. Dadurch entsteht aber gerade zu wenig Kontakt untereinander und in der Folge eine große Unwissenheit bei den nicht-behinderten Menschen über die Lebenswirklichkeiten und erfahrenen Diskriminierungen behinderter Menschen. Sicherlich trägt dazu auch bei, dass sich unsere Gesellschaft grundsätzlich mit den Themen Tod, Krankheit und Behinderung schwer tut, weswegen solche Themen gesellschaftlich und privat gerne einmal verdrängt werden: Die Solidarisierung heterosexueller und weißer Menschen mit Homosexuellen und von Rassismus betroffenen Menschen erschüttert einen nicht notwendigerweise in seiner eigenen Identität. Das gilt vielleicht nicht in gleichem Maße bei der Solidarisierung mit behinderten Menschen, denn schließlich kann jeder jederzeit von einer Behinderung selbst betroffen sein. Eine Solidarisierung erfordert also die aktive und möglicherweise schmerzliche Auseinandersetzung mit seiner eigenen Verwundbarkeit. Aber gerade deshalb wäre es für jeden Einzelnen, rational gesehen, sinnvoll, wenn die Rechte behinderter Menschen umgesetzt würden. Und nicht nur behinderte Menschen profitieren davon, sondern genauso Eltern mit Kinderwagen, Senior:innen und nur zeitweise durch einen Unfall auf zum Beispiel Krücken oder Rollstühle angewiesene Personen. Eine inklusive Gesellschaft wäre letztlich für alle lebenswerter!

Daher: Solidarisiert Euch jetzt mit uns! Seid empört über die mangelnde Abrufbarkeit der Rechte, wie sie die UN-BRK rechtsverbindlich vorschreibt! Macht Druck auf die Politik! Eine Möglichkeit dazu bietet nun unsere kürzlich gestartete Petition, die die umfassende und ernsthafte Umsetzung der UN-BRK einfordert, zu finden auf change.org/UNBRKumsetzen oder unter den Hashtags: #UNBRKjetzt und #UNBeschRänKt. Hier besteht auch noch einmal die Möglichkeit, sich näher mit der UN-BRK zu befassen.

Ich brauche Eure Empörung! Jetzt!

Julia Dumsky"

Berlin (kobinet) Kategorien Meinung

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sacgrz0