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Erstes Budget für Ausbildung in Hessen

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Foto: Irina Tischer

Hanau (kobinet) "Ausbildung anstatt Werkstatt! So lautet das Motto für die umfassende Unterstützungsmaßnahme, die bei den Agenturen für Arbeit in ganz Deutschland seit Anfang 2020 beantragt werden können. Bislang wurde es jedoch in Hessen nicht in Anspruch genommen - was vor allem am enormen bürokratischen Aufwand liegt." Darüber berichtet das Netzwerk Inklusion Deutschland, das nun das erste Budget für Ausbildung in Hessen zu vermelden hat.

"Henri hat einen Ausbildungsplatz und startete wie alle anderen Azubis am 01. August 2021 als Garten-Landschaftsbauer! Und es läuft! Was so selbstverständlich klingt – vor allem in einer Zeit, in der Azubis händeringend gesucht werden – ist es keineswegs. Denn Henri hat eine Lernbehinderung. Damit ist für viele andere junge Menschen in Deutschland der Weg in die Werkstatt für Menschen mit Behinderung (WfbM) vorgezeichnet. Und obwohl das 'Budget für Ausbildung' genau für Jugendliche wie Henri gedacht ist, wurde es bislang in Hessen nicht in Anspruch genommen." So heißt es in einer Presseinformation des Netzwerk Inklusion Deutschland.

Zugute komme das Budget für Ausbildung sowohl den Auszubildenden als auch den ausbildenden Betrieben. Es müsse also nochmals gesagt werden: Henri hat einen Ausbildungsplatz! Und er ist der erste Jugendliche in Hessen, der dafür das Budget für Ausbildung nutzt, heißt es in der Presseinformation. Das Budget für Ausbildung wurde Anfang 2020 mit dem Ziel in das Sozialgesetzbuch aufgenommen, Menschen mit Behinderung Alternativen zur Beschäftigung in einer Werkstatt bieten zu können und den Einstieg in den ersten Arbeitsmarkt zu ermöglichen.

Bürokratische Hürden und mangelnde Informationen für Antragsteller

Gründe für die späte Premiere gibt es nach Informationen des Netzwerk Inklusion Deutschland viele: Mit dem Budget für Ausbildung gehe ein großer bürokratischer Aufwand einher. Den scheuten die meisten Jugendlichen mit Beeinträchtigung bzw. ihre Familien. Die Ausbildungsbetriebe wüssten zudem gar nicht, dass sie Dank des Budgets motivierte Azubis plus staatliche Unterstützung bekommen können. Die Arbeitsämter als Kostenträger haben diese für sie kostspielige Alternative zum Platz in der WfbM noch nicht großartig bekannt gemacht. Und die EUTBs (kurz für: Ergänzende Unabhängige Teilhabeberatung), zu deren Auftrag die Beratung von interessierten Jugendlichen mit Behinderung gehört, könnten die umfassende und enge Begleitung bis zu einem Kostenbescheid durch die Agentur für Arbeit schlicht nicht leisten. Denn diese Begleitung grenze an einen Fulltime-Job über Monate. Doch die Botschaft des Netzwerks an alle Familien, die über eine Ausbildung mit Hilfe des Budgets für Arbeit nachdenken, heißt: "Es geht trotz aller Hürden – geben Sie nicht auf!"

Henris langer Weg in die Ausbildung

Henri, heute 18 Jahre alt, hat nie eine Förderschule besucht. Die Werkstatt für Menschen mit Behinderung war für ihn nie ein Thema. Als nach einer Arbeitserprobung am Berufsbildungswerk eine Empfehlung für die Werkstatt ausgesprochen wurde, war Henri am Boden zerstört – und die Eltern entschlossen, nach Alternativen zu suchen. Mit der Suche nach einem Ausbildungsbetrieb hatten sie bald Erfolg. Im Garten- und Landschaftsbaubetrieb von Stefan Henrich aus Oberursel, bei dem Henri zu Schulzeiten ein langes Praktikum gemacht hatte, war er als lernwillig und geschickt, freundlich und motiviert aufgefallen. Stefan Henrich war bereit, ihm für die Ausbildung "mehr Zeit und mehr Aufmerksamkeit, mehr Anleitung und engeren Austausch“ zu geben, als es bei anderen Azubis nötig ist. Hier unterstützt die Agentur für Arbeit mit der Übernahme der Ausbildungsvergütung und einem Zuschuss für den zusätzlichen Aufwand, den der Ausbilder für die Anleitung von Henri braucht.

Auch eine Berufsschule fand sich, die Henri als ersten Berufsschüler mit einem Budget für Ausbildung aufnimmt. Für den Unterricht in der Berufsschule bekommt Henri eine Schulbegleitung zur Seite gestellt. Hinter diesem Erfolg stecken allerdings unzählige Stunden für Telefonate, Mails bei der Agentur für Arbeit sowie Nachfragen bei den Beratungsstellen wie der IBH – der Inklu-Beratung Hessen –, der gemeinsamen Beratungsstelle von Gemeinsam Leben Hessen und dem Netzwerk Inklusion Deutschland. Unterstützt wurden sie dabei auch von Ulrich Schreiber, ehemaliger Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Werkstätten und heute einer der Köpfe der virtuellen Denkwerkstatt einer Allianz zukunftsorientierter Werkstattfachleute, mit dem Ziel, die heutige WfBM inklusiver aufzustellen. "

Es war ein langer, sehr zeitraubender Weg bis alles unter Dach und Fach war. Das Budget für Ausbildung wird als persönliches Budget (also als Geld- anstatt Sachleistung) gewährt – und da wird erwartet, dass man sich um alles selbst kümmert“, erzählt Henris Mutter.

An der Realität geht das allerdings vorbei

"Die Familien können das kaum allein auf den Weg bringen!“, kritisiert Alexandra Cremer vom Netzwerk Inklusion Deutschland. "Es kann nicht sein, dass es von der Hartnäckigkeit der Eltern, externer Beratung und vielen Stunden im Ehrenamt abhängt, ob ein junger Mensch mit Behinderung sein Recht auf eine Ausbildung auf dem ersten Arbeitsmarkt wahrnehmen kann. Da ist noch deutlich Luft nach oben für die zuständigen Träger. Wir haben aber die Hoffnung, dass es beim zweiten Mal schon leichter geht.“

Hintergrund:

Das Budget für Ausbildung

Das Budget für Ausbildung steht Menschen mit Behinderung zur Verfügung, die eine Erstausbildung in einem anerkannten Ausbildungsberuf in einem privaten oder öffentlichen Unternehmen absolvieren möchten. Gleichzeitig müssen sie die Voraussetzung für die Aufnahme in einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) erfüllen. Das Budget für Ausbildung soll jungen Menschen mit Behinderung eine Alternative zu den Leistungen zur beruflichen Bildung in der WfbM bieten.

Das Budget umfasst die Ausbildungsvergütung und die Aufwendungen, für die wegen der Behinderung erforderliche Anleitung und Begleitung am Ausbildungsplatz und in der Berufsschule. Es wird längstens bis zum erfolgreichen Abschluss der Ausbildung gewährt. Der § 61a SGB IX, Budget für Ausbildung besagt, dass der zuständige Leistungsträger den Menschen mit Behinderung bei der Suche nach einem geeigneten Ausbildungsplatz unterstützen soll. In der Regel ist dies die Agentur für Arbeit.

https://www.teilhabeberatung.de/artikel/budget-fuer-ausbildung

Adressen für die Beratung: https://www.teilhabeberatung.de/beratung/beratungsangebote-der-eutb

Hanau (kobinet) Kategorien Nachricht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sdlpw40


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