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Wie lieb sind uns unsere Lieben?

Ottmar Miles-Paul
Ottmar Miles-Paul
Foto: Franziska Vu - ISL

Kassel (kobinet) Seit gut elf Monaten beherrscht die Corona-Pandemie unser Leben und seit dieser Zeit müssen wir immer wieder zwischen dem Bedürfnis nach sozialen Kontakten und der Vorsicht, sich und andere nicht zu infizieren, abwägen. Viele behinderte Menschen, bei denen eine Infektion ein wesentlich größeres Gesundheitsrisiko birgt, sind sich der Gefahren bewusst und haben in den letzten Monaten viele Abstriche in Sachen Teilhabe machen müssen. Und nun steht Weihnachten mit all seinen Erwartungen, Sehnsüchten nach sozialem Kontakt, aber auch mit all seinen Gefahren der Infektion vor der Tür. Deshalb beschäftigt sich kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul in seinem Kommentar mit der Frage „wie lieb sind uns unsere Lieben?“ und blickt auf kreative andere Weihnachten mit seinem in den USA lebenden Sohn zurück.

Kommentar von kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul

Die Fakten in Sachen Gefährlichkeit der Corona-Pandemie liegen schon lange auf dem Tisch. Die Zahlen könnten heute mit fast 1.000 coronabedingten Todesfällen am Tag und über 1,5 Millionen Menschen, die sich allein in Deutschland bereits mit dem Corona-Virus infiziert haben, erschreckender nicht sein. Und dies, obwohl wir nun schon über zehn Monaten mit dem Corona-Virus in Deutschland leben müssen und seit Anfang November verschärfte Bedingungen herrschen. Und die Warnungen, zu Hause zu bleiben, möglichst wenige soziale Kontakte zu pflegen, die Hygiene- und Abstandsregelungen einzuhalten und Masken zu tragen, können längst nicht mehr deutlicher sein.

Das ist die eine Seite der Medaille. Auf der anderen Seite steht nun Weihnachten mit all seiner Symbolik, mit all seinen Erwartungen und seinen zum Teil jahrzehntelangen Familientraditionen. Soll man nicht doch zu den Eltern und Großeltern fahren? Kann man diese gerade in solchen Zeiten allein lassen? Auch an Weihnachten allein oder zu zweit zu Hause sitzen – muss das wirklich sein? Und dann sind da noch die Kinder. Die Regeln wurden doch extra für Weihnachten etwas gelockert. Und was denken die anderen, wenn wir nicht kommen? Dies sind nur einige Fragen, die neben den erschreckenden Fakten zur Corona-Pandemie in diesen Tagen im Raum stehen und abgewogen sein wollen. Wie auch immer wir uns bei diesen und der Frage „Wie lieb sind uns unsere Lieben“ entscheiden, möge es die richtige Entscheidung sein. Auf jeden Fall ist äußerste Vorsicht angebracht, denn dieses Virus hat uns nun über Monate hinweg gezeigt, wie zerstörerisch es ist und dass es seinen Weg in die letzten Winkel der Welt und unserer Gesellschaft schafft.

Vielleicht gibt es ja Alternativen zur klassischen Art und Weise Weihnachten zu feiern? Eine Reihe von Weihnachtsfeiern wurden bereits online abgehalten. Vielleicht lässt sich gerade angesichts der Hoffnungen auf eine möglichst weitreichende Impfung im nächsten Jahr auch einiges nachholen, was wir dieses Jahr versäumen müssen? Manches kann man nämlich wirklich nachholen. Dabei erinnere ich mich an die Zeit, als mein Sohn, der in den USA bei meiner Ex-Frau aufgewachsen ist und nur ganz selten an Weihnachten nach Deutschland kommen konnte. Vor gut 15 Jahren haben wir deshalb Weihnachten einfach im Juni nachgeholt, um ihm zu zeigen, wie wir hierzulande feiern. Vier Abende hintereinander haben wir die Rolladen heruntergelassen und den Adventskranz, erst mit einem, dann mit zwei, mit drei und zum Schluss mit vier Kerzen angezündet. Dann kam der Weihnachtsabend in der abgedunkelten Stube. Der künstliche Weihnachtsbaum mit Beleuchtung erfüllte voll seinen Zweck und Geschenke gab’s auch. Der im vorigen Winter eingefrorene kleine Schneemann sorgte für einen besonderen Effekt. Und ein paar ebenfalls eingefrorene Schneebälle für eine kleine Schneeballschlacht durften auch nicht fehlen. Am Tag darauf haben wir mit der Silvesterfeier noch einen draufgesetzt. All das hat in der Nachbarschaft zwar für Kopfschütteln gesorgt, aber uns war’s egal, denn wir hatten riesigen Spaß dabei. Das waren Tage, an die wir uns heute noch gerne und schmunzelnd erinnern – und bei meinem Sohn hat das Spektakel auch keine zu großen Schäden ausgelöst. Vielleicht können wir bei seinem nächsten Besuch aus den USA mal wieder so etwas ähnliches machen, auch wenn er mittlerweile schon auf die 30 zugeht.

So schwierig die Entscheidungen also sind, die wir um dieses Weihnachten herum treffen müssen, es gibt immer auch andere Wege, die Dinge zu gestalten und das Beste draus zu machen. Machen wird das Beste für uns daraus und passen wir vor allem aufeinander auf. Denn unsere Lieben sollten uns gerade in diesen Tagen sehr lieb und schützenswert sein!

Kassel (kobinet) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sfgqw28

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Reigbert
23.12.2020 12:43

Der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Professor Dr. med. Uwe Janssens, sagte vor kurzem in einer Talkshow die denkwürdigen Sätze: „Weihnachten ist das Fest der Liebe. Also sollten wir die Menschen, die wir lieben, schützen.“ Vielleicht hilft dieser Gedanke bei der Abwägung, ob man ausgelassen feiern und die Großeltern an Weihnachten besuchen sollte.