Werbung

Springe zum Inhalt

Nachgefragt beim Krümelmonster in Sachen Budget für Arbeit

Ottmar Miles-Paul im Gespräch mit dem Krümelmonster
Ottmar Miles-Paul im Gespräch mit dem Krümelmonster
Foto: kobinet/omp

KASSEL (KOBINET) Graf Zahl hat es geschafft, seit kurzem arbeitet er - wie in den kobinet-nachrichten berichtet - im Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen im Rahmen eines Budgets für Arbeit. Den Tipp dafür hat er vom Krümelmonster bekommen, das ebenfalls einen Job mit dem Budget für Arbeit in einer Keksfabrik bekommen hat. Wie es dem Krümelmonster mit dem neuen Job geht, welche Kraft das Peer Counseling auch für die renommierten Sesamstraße-Akteure hat und wie das im Job eines Krümelmonsters in einer Keksfabrik überhaupt funktionieren kann, darüber sprach kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul mit dem Krümelmonster am Rande eines seiner karnevalistischen Auftritte in Nordhessen.

kobinet-nachrichten: Krümelmonster, vielen Dank für die Zeit für dieses Interview. Was ist Ihnen im Leben wichtig?

Krümelmonster: Keeeeeekse!

kobinet-nachrichten: Ja, das ist vielen unserer Leser*innen schon bekannt. Aber, was sonst noch?

Krümelmonster: Dass ich Keeeekse essen kann und genug Geld dafür habe, mir Keeeekse kaufen zu können.

kobinet-nachrichten: Aha, da hatten Sie es doch in der Sesamstraße gut, da gab es doch immer Kekse - oder?

Krümelmonster: Nöö, das sah nur so aus.

kobinet-nachrichten: Wieso das denn?

Krümelmonster: Wenn die Kamera lief oder wir Besucher*innen oder Führungen in der Sesamstraße hatten, hab ich mir hin und wieder ein paar Keeeekse ergattern können. Waren die Kameras aber aus oder die Besucher*innen wieder weg, war es oft Mau. Und ich musste da ganz schön für die paar Keekse schuften.

kobinet-nachrichten: Stimmt das? Oder ist dein Kekshunger eher so unersättlich, dass sich da Wahrnehmungsverzerrungen ergeben haben?

Krümelmonster: Das mag wohl der eine oder die andere denken, aber bei Keeeeksen gilt für mich nur die reine Wahrheit. Das ist ein ernstes Thema. Zum Teil musste ich anderen die Keeeekse klauen, weil wir so wenig in der Sesamstraße verdient haben. Nach außen sah das immer so nett aus, aber leben Sie mal von einem solch geringen Verdienst wie 180 Euro durchschnittlich pro Monat. Da bleibt nur die Grundsicherung - und diejenigen, die von der Stütze leben müssen, die wissen, dass Keeeekse da als Luxus gelten. Das hat mich total genervt. Aber richtig reden konnte ich ja nie darüber, denn was hätte ich sonst außer Sesamstraße machen sollen.

kobinet-nachrichten: Wie ich gehört habe, sind Sie trotzdem aktiv geworden. Wie kam das denn?

Krümelmonster: Ja, eine ergänzende unabhängige Teilhabeberatungsstelle - echt komplizierter Name, wenn man richtigen Keeekshunger hat. Von dieser Beratungsstelle kam mal jemand bei uns in der Sesamstraße vorbei und war nicht von dem ganzen Glemmer geblendet. Die haben mir am Rande zugeflüstert, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, sein Geld zu verdienen und seine Tage zu verbringen. Die haben da was von einem Budget für Arbeit geredet - konnte bei dem ständigen Keeeeeekshunger gar nicht richtig zuhören. 

kobinet-nachrichten: Kann ich mir gut vorstellen, schwere Sprache ist schon ohne Kekshunger nicht leicht zu verdauen.

Krümelmonster: Genau, die versprachen mir dann auch, wenn ich mal in die Beratungsstelle käme, dann gäbe es da auch Keeeekse und Informationen.

kobinet-nachrichten: Und gab's da Kekse?

Krümelmonster: Naja, wenige und die waren auch schon ziemlich alt, weil da ja selten Krümelmonster vorbei kommen. Wie auch immer, nachdem der erste Keeekshunger gestillt war, war das auch ganz interessant. Da gibt es tatsächlich ein neues Gesetz, das zwar nichts mit Keeeksen zu tun hat, aber durch das der Arbeitgeber einen Zuschuss bekommen kann, wenn der mir einen Job zur Verfügung stellt, bei dem ich genau so viel verdiene, wie die anderen Kollegen, die die ähnliche Arbeit machen. Also richtiges Geld und nicht einfach nur hin und wieder einmal einen Keks wie vorher in der Sesamstraße. Die haben mir dann Adressen gegeben, die mir bei der Jobsuche helfen könnten. 

kobinet-nachrichten: Und?

Krümelmonster: Naja, bin da hingegangen und die wollten ein Fähigkeitsprofil und ähnliches Gedöns mit mir machen. Ich hatte an dem Tag aber einen solchen Hunger, dass nur der weithin bekannte Ruf Keeeeeeekse aus mir herauszubekommen war. Zum Glück waren die dann schnell von Kapito und haben tatsächlich einen Praktikumsplatz für mich - man höre und staune - in einer Keeeeeeeeeeeeeeeksfabrik gefunden. Selten war ich so glücklich - und die in der Keeeeeeksfabrik SPÄTER dann auch. 

kobinet-nachrichten: SPÄTER?

Krümelmonster: Es ist mir etwas peinlich, aber ich muss da leider gestehen, dass das Anfangs nicht ganz so gut lief. Ausgehungert, über Jahrzehnte hinweg an der kurzen Keeeeeksleine gehalten, das konnte eigentlich gar nicht gut gehen. Der Keeeeksschwund in der Fabrik war anfangs doch immens und immer wieder wurde ich ertappt beim Keeeksefuttern. Das war fast wie in der Sesamstraße. Ein Kollege hat's mir dann aber mal in Ruhe erklärt, dass, wenn ich alle Keeeeeekse wegfuttere, es bald keine Keeeekse mehr gibt und diese tolle Fabrik pleite geht. Vor allem hat er mir erklärte, dass ich nun ja bald richtiges Geld verdienen könne, um mir die Keeeekse selbst zu kaufen. Das hat gewirkt, ich habe weniger Keeeekse weggefuttert und heute bin ich fast - aber nur fast - auf Null. Es bleiben ja immer Krümel bei der Produktion übrig, da bin ich dann der Fachmann für die umweltgerechte Entsorgung.

kobinet-nachrichten: OK, das war das Praktikum, wie ging's dann weiter?

Krümelmonster: Naja, irgendwie hat mein Chef einen Narren an mir als bekannten Keeeksfan gefressen, drum bin ich dieser Tage auch in der Fastnacht unterwegs. Auf jeden Fall hat ihm der Berater von der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle - ihr erinnert euch, der Ort mit den alten Keeksen - erzählt, dass er einen Zuschuss von 75 Prozent meines Arbeitgeberbruttos bekommen könnte, wenn er mich so wie alle anderen in der Fabrik richtig einstellt. Der hat das zwar nicht ganz kapiert, aber er hat sich mit den Behörden etwas rumgeschlagen und es letztendlich geschafft. Jetzt habe ich einen richtigen Arbeitsvertrag und bekomme einen richtigen Lohn. Ich kaufe jetzt so viele Keeeeeeeeekse wie ich will - na ja fast so viele. Und irgendwann übernehme ich mal die Keeeeksfabrik ganz. 

kobinet-nachrichten: Schon wieder größenwahnsinnig? Klappt den das jetzt alles, ich erinnere mich, dass es in der Sesamstraße nicht immer leicht für alle Beteiligten war.

Krümelmonster: Zum Glück gibt es bei diesem Budget für Keeeeekse ...

kobinet-nachrichten: sorry, war das nicht das Budget für Arbeit?

Krümelmonster: Ach ja - solche Feinheiten - zum Glück gibt es in diesem Bugget für Arbeitskeeekse auch eine Unterstützung, die ich bekommen kann. Und die hat mir doch - entgegen anfänglicher Skepsis - bei einigen Dingen gut geholfen. Denn hin und wieder überkommt es mich immer noch und besonders beim Vesspern mit den Kolleginnen und Kollegen übermannen mich alte Gewohnheiten und ich kann einfach nicht an mich halten. So haben auch die mit Hilfe der Unterstützerin gelernt, dass beim ersten Anzeichen eines Ausrufes von mir mit "Keeeeeeekse" sie ihre Vesperboxen in Sicherheit bringen und mir meinen Lohnzettel zeigen. Dann weiß ich wieder, dass alles gut ist und ich mir selbst genug Keeeeeeeeeekse kaufen kann. Wir haben auch einen kleinen Vorrat von erlaubten Keeeksen in der Fabrik für mich angelegt. Außerdem hatte die Unterstützungskraft ein paar gute Tipps, wie ich noch besser arbeiten kann, damit mehr Keeeeekse produziert werden können - ist ja auch wichtig! Und gute Tipps für noch leckerere Keeeeeeeeeekse habe ich auch bekommen. Ich hätte also nie gedacht, dass das mit dem Budget für Keeeekse - ups Budget für Arbeit - eine solch gute Sache sein kann. Und in die Sesamstraße kann ich allemal wieder zurück, wenn das in der Keeeeeksfabrik nicht mehr klappen sollte. Das steht so wohl im Gesetz. Aber erst mal habe ich darauf gar keinen Bock, denn die Inklusion in die Welt der Keeeeeksignoranten und Linden- und andere Sträßler hat ja auch einiges für sich. Die Sesamstraße war da schon eine Art Sonderwelt, in der wir lebten. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass man auch beim Fahrradfahren Keeeekse essen kann - und sogar im Kino, wenn mal ein guter Film über Keeeekse läuft. 

kobinet-nachrichten: Welch neue Fähigkeiten! Und was war das mit dem Graf Zahl. Ihr habt euch doch ausgetauscht und der arbeitet jetzt auch in einem richtigen Job mit dem Budget für Arbeit?

Krümelmonster: Der Graf Zahl ist ja auch so ein Kandidat. Was mir die Keeeeeekse sind, sind dem die Zahlen und als Vampir? Naja, ein schwerer Fall, wie die in der Sesamstraße immer gesagt haben. Aber als wir letztens so zusammen saßen, über alte Zeiten gesprochen und darüber geredet hatten, wie wir unter Erni und Bert und vor allem unter Kermit leiden mussten, da brach es aus dem alten Grafen heraus, dass er auch gerne mehr Geld verdienen und was Neues machen würde. Vor allem hatte er in der Sesamstraße ja schon alles mehrfach durchgezählt. 

kobinet-nachrichten: Und dann?

Krümelmonster: Ich habe ihm dann von meinem Job erzählt, wie das war und wie ich jetzt lebe, mein eigenes Geld verdiene und meine eigenen Keeeeeeeekse kaufen kann. Da war der ganz Feuer und Flamme. An einem dämmrigen Abend sind wir dann zusammen zu der Beratungsstelle mit den alten Keeeksen geschlichen und die hatten eine Idee. Das war das mit einem Praktikum in der Beratungsstelle des Zentrums für selbstbestimmtes leben behnderter Menschen in Jena.

kobinet-nachrichten: Und was daraus geworden ist, haben wir ja vor kurzem in den kobinet-nachrichten lesen können. Graf Zahl arbeitet inzwischen wirklich mit einem Budget für Arbeit im Jenaer Zentrum für selbstbestimmtes Leben behinderter Menschen - und wie man hört, sind in dieser Region die Vampir Attacken rapide gesunken, weil der Graf sich jetzt Blutreserven kaufen kann. Was hat dir der Austausch unter ähnlich Betroffenen gebracht?

Krümelmonster: Das war interessant. War ich früher nur aufgrund meines unersättlichen und nie gestillten Keeeeekshungers meistens nur mit mir selbst beschäftigt und habe überall meine Ellbogen eingesetzt, um ja keinen Keeeeks zu verpassen, war es nun auch mal schön, jemand anderem helfen zu können. Die in der ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle - also dem Ort mit den ollen Keeeksen - meinten, ob ich da nicht als Peer Counselor mitarbeiten möchte. Zuerst habe ich denen etwas pickiert geantwortet, dass ich ein Krümelmonster und kein Brauereigaul bin, der auf Keeeekse und nicht auf Bier steht. Doch dann habe ich es irgendwann kapiert, dass das mit dem Peer Counseling wieder mal so ein schwieriger Begriff ist, der gar nichts mit Bier zu tun hat und den kein Krümelmonster versteht. Es geht dabei wohl um die Beratung von behinderten Menschen für behinderte Menschen und das gefällt mir. Mit dem Graf Zahl überlege ich nun also, ob wir nicht hin und wieder für die unabhängige Beratungsstelle mit den alten Keeksen arbeiten. Aber da sind wir noch in Verhandlungen. Der Graf will etwas mehr Geld in seiner Lohntüte zählen können und ich gebe mich mit deren alten Keeksen nicht mehr zufrieden. Aber wir sind kurz vor einer Einigung. Was schon klar ist, wir werden an einem Stand auf der Werkstättenmesse vom 27. - 30. März in Nürnberg mitmachen und von unseren Erfahrungen erzählen. Mal sehen, was noch so alles geht? Keeeeekse sind da auf jeden Fall am Stand.

kobinet-nachrichten: Krümelmonster, jetzt habe ich deine Zeit aber schon überbeansprucht. Ich höre deinen Keksmagen schon bedenklich grollen. Also hier zum Dank ein paar große Kekse für das kobinet-Interview.

Krümelmonster: Keeeeeeeeeeeeekkkkkksssssseeeeeee.

 

Demnächst gibt's übrigens einige Infos zum Budget für Arbeit auf einer neuen Internetseite des Netzwerk Artikel 3 unter www.budgetfuerarbeit.de

 

Vom 27. - 30. März wird das NETZWERK ARTIKEL 3 mit einer Reihe von Partner*innen auf der Werkstättenmesse in Nürnberg mit einem Stand unter dem Motto "Es muss nicht immer Werkstatt sein - Das Budget für Arbeit nutzen" am Stand 213 in Halle 12.0 dabei sein. Graf Zahl und das Krümelmonster haben bereits ihre Mitwirkung am Stand zugesagt.