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Nachhall zur Veranstaltung 100 Jahren Frauenwahlrecht

Ellen Keune
Ellen Keune
Foto: Ellen Keune

STUTTGART (KOBINET) Die Inklusionsbotschafterin Ellen Keune hat am 12. Januar an einer Veranstaltung zu 100 Jahre Wahlrecht für Frauen im baden-württembergischen Landtag teilgenommen. Da sie dort nicht so barrierefrei agieren konnte, wie sie sich das erhofft hatte, hat sie sich in einem Brief an die Akteurinnen gewandt und ihre politischen Forderungen nachgeliefert und die gestellten Fragen, die sie so nicht beantworten konnte, beantwortet. Im folgenden veröffentlichen wir den Brief von Ellen Keune.

Sehr geehrte Frau Landtagspräsidentin Aras,

sehr geehte Frau Schneidewind-Hartnagel,

sehr geehrtes CONMEDIA-Team,

vielen Dank für die gestrige Veranstaltung „Herrengedeck und Frauengedöns – 100 Jahre Frauenwahlrecht“. Ich habe viele positive Eindrücke und Anregungen mitgenommen. Leider saß ich beim Abendprogramm nicht im Plenarsaal, sodass ich keine Möglichkeit hatte, auf die Publikumsfragen zu antworten. Daher möchte ich Ihnen die beiden Fragen gerne auf diesem Wege beantworten:

Die erste Frage drehte sich darum, wie die einzelnen Personen sich unter lauter Frauen fühlten. Einerseits fühlte ich mich sehr wohl. Begriffe, die an diesem Tag häufig fielen, wie „Selbstbestimmung“ „Teilhabe“, „Freiheit“, „Würde des Menschen“ oder „Partizipation“ sind mir sehr vertraut. Sie gehören bekanntermaßen nicht nur zur Sprache der Frauenbewegung, sondern auch die Selbstbestimmt-Leben-Bewegung hat sich diese zu eigen gemacht. Als Inklusionsbotschafterin kamen mir die gestrigen Beiträge und Gespräche, sowie das Gemeinschaftsgefühl, daher sehr bekannt vor. Andererseits kam ich mir zugleich unglaublich einsam vor. Bis auf eine Sängerin im Chor habe ich bedauernswerterweise keine andere Person mit (sichtbarer) Behinderung wahrgenommen.

Außerdem erkundigte sich die Moderatorin nach Forderungen an die Politik. Abgesehen davon, dass ich sehr entsetzt darüber war, dass kaum Forderungen genannt wurden, möchte ich an dieser Stelle meine drei Forderungen formulieren:

1. Fordere ich von der Politik – aber nicht nur von der Politik – dass politische Veranstaltungen und auch solche wie die gestrige, so gestaltet werden, dass alle Menschen zumindest die Möglichkeit bekommen, daran teilhaben zu können. Das bedeutet für mich konkret, dass bereits in der Einladung darauf hingewiesen wird, dass selbstverständlich

  • alle Powerpointfolien nicht nur erklärt, sondern für blinde und sehbehinderte Menschen auch beschrieben werden

  • während der gesamten Veranstaltung Schrift- und Gebärdensprachdolmetschung vorhanden ist

  • für alle gezeigten Filme Untertitel und Audiodeskription zur Verfügung stehen (Bei der Veröffentlichung der multimedialen Aufzeichnung der Veranstaltung könnte dies noch berücksichtigt werden.)

  • alles in leichter Sprache formuliert wird, oder die Möglichkeit besteht, eine Übersetzung in leichte Sprache in Anspruch zu nehmen

  • auch in allen anderen Bereichen der Veranstaltung auf Barrierefreiheit großen Wert gelegt wird

2. Wünsche ich mir, dass nicht nur vereinzelte, sondern alle Wahllokale künftig barriereärmer gestaltet werden. Dabei geht es mir nicht nur um die Stufen davor, sondern es beinhaltet für mich auch, dass in jedem Wahllokal beispielsweise eine Wahlschablone für blinde und sehbehinderte Menschen bereitgestellt wird. Selbstverständlich sollte dies dann auch in jeder Wahlbenachrichtigung vermerkt sein. Ebenfalls notwendig halte ich in diesem Zusammenhang auch barrierefreie Wahlinformationen, beispielsweise in Gebärden- oder leichter Sprache, die nicht nur in Rathäusern in einem Regal neben vielen anderen Broschüren ausgelegt sind, sondern auf die ebenfalls in den Wahlbenachrichtigungen hingewiesen wird.

3. Da der Anlass der Veranstaltung das Wahlrecht für eine bestimmte Personengruppe war, fordere ich als letztes ein Wahlrecht für alle volljährigen Menschen. Dabei denke ich vor allem an die ca. 81.000 Menschen in Deutschland, für die eine dauerhafte Betreuung in allen Angelegenheiten angeordnet ist, und die somit vom passiven und aktiven Wahlrecht ausgeschlossen sind. Wenn die Politik die Abschaffung dieser Wahlrechtsausschlüsse noch vor den diesjährigen Wahlen durchsetzt, könnte meine Vision für das Jahr 2119 tatsächlich wahr werden: Ich träume nämlich von einem gemeinsamen Festakt im Jahre 2119 unter dem Motto „200 Jahre Frauenwahlrecht in Baden-Württemberg – 100 Jahre Wahlrecht für Menschen mit und ohne Behinderung in Europa“

Über eine Antwort würde ich mich sehr freuen.

Herzliche und hoffnungsvolle Grüße

Ellen Keune