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In Gedanken bei Sabine Schmidt-Brücken

Aktion Gebärdensprache am 14. Juni -  bisher größte Behindertendemonstration in Berlin
Aktion Gebärdensprache am 14. Juni - bisher größte Behindertendemonstration in Berlin
Foto: sch

BERLIN (KOBINET) Freunde und Weggefährten nehmen heute Abschied von Sabine Schmidt-Brücken. Anke Glasmacher schrieb für kobinet eine persönliche Erinnerung an die Frau auf, die viele Jahre in der Bundestagsfraktion der Grünen gearbeitet und sich für die Gebärdensprache als eigenständige Sprache in Deutschland eingesetzt hat.

Eine persönliche Erinnerung von Anke Glasmacher

Sabine Schmidt-Brücken hat viele Jahre in der Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen gearbeitet. Hinter den Kulissen, hätte sie gesagt. Was ihrer Kompetenz, ihrer Beharrlichkeit und Konsequenz natürlich überhaupt nicht im Wege stand. Selbst spätertaubt, war sie eine der wichtigsten Stimmen dafür, dass die Gebärdensprache in Deutschland als eigenständige Sprache anerkannt wird. Es ist Menschen wie Sabine zu verdanken, dass sich viele andere 1998 endlich mit auf den Weg gemacht haben, um aus sozialpolitischen Forderungen Rechtsansprüche zu machen. Jetzt ist Sabine gestorben.

Sabine war die Bibliothekarin und meine Kollegin. Frühjahr 1998, mein erster Tag als Studentin bei der Bundestagsfraktion. In Bonn, im Tulpenfeld. Meine Chefin, als sie mich Sabine vorstellte, meinte - für meinen Geschmack viel zu beiläufig - Sabine ist gehörlos. Ich nickte und brüllte Sabine voller Freude an. Das hat Sabine gefallen. Sie hatte alles verstanden, natürlich nicht wegen der Lautstärke, sondern weil sie von den Lippen ablesen konnte. Wenn man nur langsam und deutlich genug sprach. Sabine war spätertaubt, Lautsprache war ihre Muttersprache. Aber eigentlich war ihre neue Sprache längst die Gebärdensprache. Sabine war eine Wandlerin zwischen allen Welten. Und das war 1998 ein Glücksfall. Da gab es noch nicht so viele Brückenbauer.

Sabine war ein ungeduldiger Mensch. Das muss sie schon gewesen sein, als sie noch hören konnte. Aber als dann das Gehör weg war, da schien sich die Zeit gegen sie verschworen zu haben. Ihrem Eindruck nach. Sabine ging alles zu langsam. Und wenn ich heute darüber nachdenke, wie verdammt lange ein einzelner Schritt dauern kann, denke ich: Sabine hatte Recht. Zeit ist selten eine Verbündete.

Mit Sabine war ich auf meiner ersten Berlinale. Ich, verwundert, fragte: Kino, ist das nicht doof, wenn man die Dialoge nicht hört? Sabine, souverän: Auf der Berlinale werden alle Filme untertitelt. Das ist für mich die Gelegenheit, endlich mal wieder ins Kino zu gehen. Und englischsprachige Filme zu sehen. Klar, wir brauchen Untertitel, dachte ich und notierte in Gedanken gleich mit. Aber, sagte Sabine, Untertitel sind nur etwas für Menschen, die die Lautsprache gelernt haben. Gehörlose brauchen Gebärdensprache. In den Filmen? Ich nickte, erst einmal.

Heute werden Nachrichten mit Gebärdensprachdolmetscher/in begleitet. Heute werden große Veranstaltungen gedolmetscht. Heute. Sind wir einen Schritt weitergekommen. Sabine kannte nicht nur die technischen Mögli chkeiten, die es bald geben würde. Sie wusste, was alles möglich war, seit in den USA der ADA (Americans with Disabilities Act) 1990 in Kraft getreten war.

Sabine war auch eine der ersten, die einen dieser kleinen Taschencomputer hatte. Sie hatte schon ganz konkrete Ansprüche an die Geräte, da hatten wir noch keinen Namen dafür. Sabine wusste sehr genau, wie sehr diese Geräte ihr Leben revolutionieren würden. Sie konnte einfach aufschreiben, was sie sagen wollte. Und man konnte ihr zurückschreiben. In Echtzeit. Wie eine Unterhaltung. Ja, es war 1998. Es war Zeit, ungläubig zu staunen.

Sabine hatte alles das auch den Abgeordneten in der Fraktion klar gemacht. Und die hatten schon lange zugehört. Die Anerkennung der Gebärdensprache als gleichberechtigte Sprache war eine explizite Forderung im Bundestagswahlkampf. Einen Rechtsanspruch sollte es geben. Diese Grünen wieder. Die Könige der Nischenthemen.

Die Forderung erhielt Einzug in den Koalitionsvertrag und stand in der damaligen Koalitionsarbeitsgruppe Behindertenpolitik auf der Tagesordnung. In einer letzten kurzen Episode traten die alten Gelehrten auf den Plan, die, die an den Universitäten Gehörlosenpädagogik ohne Gebärdensprache unterrichteten. Aber in diesen Glaubensstreit wollte 1998 niemand mehr einsteigen. Lediglich in den Ministerien war man verwirrt. Gehörlose sollten einen Rechtsanspruch bekommen? Bei jedem Arztbesuch einen Gebärdensprachdolmetscher mitnehmen zu können? Wer soll das bezahlen? Und woher sollten die Dolmetscher kommen? Wir diskutierten über Bildschirmtelefone. Das SGB IX hat den Rechtsanspruch formuliert.

Und heute? Sabine wäre natürlich immer noch ungeduldig. Aber dass sich Jahr für Jahr immer mehr Studiengänge Gebärdensprache an den Universitäten gründeten, das hat ihr gefallen. So wie einem gefällt, dass endlich etwas eintritt, von dem man schon sehr lange weiß, dass es so passieren wird.

Sabine war nicht nur Bibliothekarin, sie war Historikerin. Sie konnte die Dinge einordnen. Und sie konnte sich fokussieren. Sie schonte sich nicht. Sie schonte die anderen nicht. Sabine wusste immer, was wichtig ist. Und sie wollte eine Lösung. So war Sabine. Ohne Lösung brauchte man gar nicht wiederzukommen. Nein, Zeit war da wahrlich keine Verbündete.

Sabine. Nun ist sie gestorben. Ich würde gerne diese Begriffe Frieden und Ruhe hier irgendwo unterbringen. Weil man in den gängigen Redensarten den Tod oft damit verbindet. Aber bei Sabine klingt zumindest das mit der Ruhe völlig absurd. Und doch: Jetzt, 2018, ruht Sabine in Frieden. Das glaube ich. Endlich! Endlich ist die Zeit einmal auf Sabines Seite.

Danke, Sabine! Du hast viel bewegt. Du hast uns viel gegeben.



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