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Luther, Luther über alles …?

Harald Reutershahn
Harald Reutershahn
Foto: Bettina Wöllner-Reutershahn

UNBEKANNT (KOBINET) Wer war dieser als Superstar des Jahres verherrlichte Martin Luther, der dazu aufrief Behinderte in der Gosse zu ersäufen, Juden zu ermorden und ihre Häuser anzustecken, Frauen zu verachten, Ärztinnen als Hexen zu verbrennen, protestierende Arbeiter und Bauern zu erschlagen und Tyrannen zu huldigen?

In fast allen deutschen Städten und Städtchen sind Straßen nach ihm benannt, in der Hauptstadt Berlin sogar achtfach (in Schöneberg, Hermsdorf, Mahlsdorf, Rahnsdorf, Niederschönhausen, Steglitz, Lichtenrade und in Spandau), es gibt jede Menge Luthereichen und Lutherplätze, es gibt sogar Lutherplätzchen: man nehme dafür 200 Gramm guter deutscher Landbutter, 125 Gramm Zucker, ein Ei, eine Tütchen Vanillezucker, verquirle alles mit dem Mixer, rühre 400 Gramm Mehl darunter, knete den Teig … usw. Dann scheint bei diesem Luther wirklich alles in Butter zu sein.

"Luther wies die Obrigkeit auf ihre Verantwortung für die Schwächeren hin. Dieser Impuls wurde zum Ausgangspunkt für das Sozialwesen der Kommunen", schreibt die stellvertretende Geschäftsführerin der "Staatlichen Geschäftsstelle Luther 2017" Wiebke Wehling über den sogenannten "Kirchenreformator" Martin Luther in der propagandistischen "Imagebroschüre", die unter dem Titel "Am Anfang war das Wort - Luther 2017 - 500 Jahre Reformation" von der Bundesregierung sowie den Ländern Bayern, Brandenburg, Hessen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen finanziert und getragen wird. "Die Marke Martin Luther ist nach Ansicht der Geschäftsführerin der 'Staatlichen Geschäftsstelle Luther 2017', Astrid Mühlmann, ein Geschenk für Marketingexperten", schrieb die in Leipzig erscheinende Wochenzeitung für die Evangelisch-Lutherische Landeskirche Sachsens "Der Sonntag". Luther sei ein guter Werbeträger. Nach der Überzeugung der "Kulturmanagerin" Frau Mühlmann, so heißt es in dem Blatt, stehe das Reformationsjubiläum daher in einem Spannungsverhältnis von Kultur und Kommerz. "Die Reformation war ein Exportschlager kreiert von Martin Luther", sagte Dirk Schulz vom Auswärtigen Amt der Bundesregierung. Sein Ministerium unterstützt die verschiedenen Luther-Ausstellungen im Ausland.

Und selbstverständlich hat auch die Bundeskanzlerin Angela Merkel ein Verhältnis zu Luther. Das Wirken Martin Luthers habe für sie einen "großen Einfluss auf ihre Politik", schreibt die Pfarrerstochter Merkel in einem Gastbeitrag für den Berliner "Tagesspiegel". Für Bundeskanzlerin Angela Merkel seien Martin Luthers Worte ein Kompass, schreibt der Korrespondent der Deutschen Presseagentur (dpa) Peter Endig und zitiert die deutsche Regierungschefin mit den Worten: "Luther verdanke ich Orientierung".

Schon kurz vor dem Ende des Ersten Weltkriegs am 31. Oktober 1917 hieß es im Allgemeinen Anzeiger für den Kreis Meisenheim, Martin Luther sei "wohl der deutscheste Mann, den es je gegeben" habe. Das gilt scheinbar bis heute in vielen deutschen Köpfen, wenn es für den deutschen Nationalismus, für die Herrschaft der Obrigkeit und gegen den Katholizismus, gegen die Sozialisten, gegen die Feministinnen und gegen die Behindertenbewegung geht. In diesem Jahr wurde der 31. Oktober sogar zum nationalen Feiertag erklärt.

Denn am Vorabend des 31. Oktober des Jahres 1517, also vor 500 Jahren, so geht die Legende, habe Herr Luther ein Schriftstück in lateinischer Sprache an die Pforte der Schlosskirche in Wittenberg angenagelt. Das ist allerdings höchst zweifelhaft. Behauptet wurde dieser Thesenanschlag Luthers erstmals im Jahre 1546 durch den lutherischen Theologen Philipp Melanchthon, zu einem Zeitpunkt, als Luther bereits tot war. Außerdem kam dieser fragwürdige Zeuge erst im Jahre 1518 nach Wittenberg und konnte somit garnicht Zeuge einer solchen Aktion von Herrn Luther gewesen sein. Das jedoch eigentlich Aufsehenerregende war der Inhalt dieses fragwürdigen Schriftstücks. Luther kritisierte darin den Ablasshandel der Kirche mit den Sünden. In seiner These Nummer 4 bleibt nach seiner theologischen Auffassung die Strafe für die Sünder aber unabänderlich bestehen bis nach dem Tode zum Eingang in das Himmelreich.

Wie auch immer das mit den Sünden ist oder sein soll, darüber gibt es im sogenannten "christlichen Abendland" seither viel Streit, und es wurde darüber mehr Blut vergossen als bei den Taliban und Salafisten.

Es bleibt nun die Frage, wessen Geistes war dieser Martin Luther, der angeblich erstmals die Bibel in die deutsche Sprache übersetzt haben soll, was jedoch auch nicht stimmt, weil es bereits etwa 70 deutsche Bibelübersetzungen vor Lebzeiten des Herrn Luther gab. So entstand zum Beispiel bereits im 9. Jahrhundert im Kloster Mondsee eine althochdeutsche Übersetzung des Matthäusevangeliums. Das ist aber auch ziemlich wurscht, denn in den beiden letzten Jahrtausenden wurden bekanntlich so viele Bibeln in so vielen Sprachen verfasst mit jeweils massenhaften Hinzufügungen und Weglassungen, dass es der Sau graust und jedem halbwegs seriösen Historiker die Haare zu Berge stehen lässt. Was bleibt, das ist Mythos, Verklärung, theologischer Streit sowie Mord und Totschlag darum, wer dem rechten Gott dient. Pfui Deibel.

Von Superstar Martin Luther bleibt am Ende nur das Marketing der Religionsverwertungsgesellschaften. Die wollen jedoch auf keinen Fall, dass der Superstar entzaubert wird. Der entlarvt sich indessen von selbst, durch seine mit Eifer schriftlich verfassten Tischreden. Darin heißt es beispielsweise: "Ich bin gänzlich überzeugt, dass Behinderte nur ein vom Teufel besessenes Stück Fleisch ohne Seele sind, die man ersäufen sollte." Behinderte Kinder bezeichnete er als "Wechselbälger" und sogenannte "Missgeburten" als "Kielkropfe". Im Jahre 1541 ließ er wissen, dass er "gänzlich dafür hielte, dass solche Wechselkinder nur ein Stück Fleisch, eine massa carnis, seien, da keine Seele innen ist, denn solche könne der Teufel wohl machen“. In ihnen sah dieser Herr Luther nach seinen Worten "bloßes Fleisch", das "denn nicht gedeiht, sondern nur frisst und seugt“, denn sie würden "scheißen, fressen und saufen“ wie zehn gesunde Kinder und nur ihre Mütter aussaugen. Dieses lutherische Menschenbild grauste sogar den damaligen Fürsten von Anhalt dermaßen, dass sie Luthers Ratschlag, behinderte Kinder zu "ersäufen", ablehnten.

Neben seinen Machtkämpfen mit dem Papst wäre Martin Luther in der heutigen Zeit sicherlich der Sprecher der Neonazis, die vielleicht sogar noch verzweifelt versuchen würden, die schlimmsten Hasstiraden in seinen Aufrufen zu entschärfen, wenn es darum geht Behinderte in der Gosse zu ersäufen, Juden zu ermorden und ihre Häuser anzustecken, Frauen zu verachten, Ärztinnen als Hexen zu verbrennen ("die größte Ehre, die das Weib hat, ist allzumal, dass die Männer durch sie geboren werden") oder protestierende Arbeiter und Bauern zu erschlagen. Martin Luther war ein fanatischer Demagoge und Volksverhetzer. Adolf Hitler verehrte ihn: "Luther war ein großer Mann, ein Riese. Mit einem Ruck durchbrach er die Dämmerung; sah den Juden, wie wir ihn erst heute zu sehen beginnen“.

"Christen verzichten darauf, sich gegen die Obrigkeit zu empören". Denn weiter: "Es ist eine verdammte, verfluchte Sache mit dem tollen Pöbel. Niemand kann ihn so gut regieren wie die Tyrannen. Die sind der Knüppel, der dem Hund an den Hals gebunden wird. Könnten sie auf bessere Art zu regieren sein, würde Gott auch eine andere Ordnung über sie gesetzt haben als das Schwert und die Tyrannen." (Martin Luther: Ob Kriegsleute in seligem Stande sein können, 1526). Getreu dem Motto: Lieber Gott, mach mich dumm, dass ich in den Himmel kumm.

Mit seinem extrem menschenverachtenden Weltbild und seinen Aufrufen zur Tyrannei der Terrorherrschaft pflanzte Martin Luther die okkulten Wurzeln des Nationalsozialismus. Wie könnte ich anders, als die von der Bundesregierung und sieben Landesregierungen in Deutschland mit Steuermitteln finanzierte staatliche Marketingkampagne zur öffentlichen Huldigung eines verbrecherischen Popstars, Hass- und Terrorpredigers einen geistlosen und verfassungsfeindlichen Anschlag auf die Zivilgesellschaft zu nennen? Als behinderter Mensch in Deutschland bin ich wie Millionen andere durch die tagtägliche Exklusion aus allen gesellschaftlichen Lebensbereichen den staatlichen Repressionsinstrumenten und Diskriminierungen ausgeliefert. Statt für Verbeugungen vor dem Ungeist eines Martin Luther ist es an der Zeit, die Menschenrechte für alle Menschen in Deutschland endlich konkret und uneingeschränkt  umzusetzen!

Luther und seine Verehrer kotzen mich an. Steckt euch das Lutherjahr an den Hut oder sonst wohin. Die Vergebung eurer Sünden im Jenseits sei euch Religionsfanatikern gegönnt. Das Diesseits habt ihr mit uns zu teilen.

Niemals zuvor ist mir bei der Recherche und dem Schreiben einer Kolumne derart speiübel geworden. Wenn ich religiös wäre, würde ich sagen: Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir. Gleichwohl ist und bleibt mir bewusst: Bei dem herrschenden politischen Unverstand in Deutschland müssen wir Millionen behinderter Menschen uns durch politisches Bewusstsein selbst helfen!