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Im neuen Zug der Berliner S-Bahn

Im Modellabteil der neuen S-Bahnzüge
Im Modellabteil der neuen S-Bahnzüge
Foto: Nadine Hanuschke

BERLIN (KOBINET) Berlin braucht dringend neue S-Bahnzüge. Fahrgäste mit eingeschränkter Mobiliät befürchten, dass die in Auftrag gegebenen neuen Züge weniger barrierefrei sein werden als alte. Nach mehrfach vorgebrachter Kritik und Petitionen an das Abgeordnetenhaus von Berlin hat Verkehrsstaatssekretär Jens-Holger Kirchner (Bündnis 90/Die Grünen) in dieser Woche zu einem Ortstermin im  S-Bahnwerk Schöneweide eingeladen. Hier steht ein Modell der neuen Zugreihe in Originalgröße, das der Hersteller angefertigt hat. Nadine Hanuschke war dabei. Ihren Bericht mit Foto aus der Sicht der Betroffenen veröffentlicht kobinet heute. Wie sie erfahren hat, wird es an der Nullserie wohl keine Veränderungen geben, weil der Prozess schon zu weit fortgeschritten sei.

Bericht von Nadine Hanuschke

Die Mitgliederversammlung des Berliner Behindertenverbands hatte Ende Juni einstimmig eine Resolution verabschiedet, die eine berechtigte und sachliche Kritik gegen die neu geplante S-Bahn zum Inhalt hatte. Auch wegen dieser Resolution sah sich wohl Staatssekretär Kirchner veranlasst zum 06.07. in aller Frühe zu einem Vor-Ort Termin einzuladen. Um 07:30 Uhr galt es im S-Bahnwerk Schöneweide zu sein. Gekommen waren dann dann unter anderen einige Abgeordnete aus dem Abgeordnetenhaus, der Landesbehindertenbeauftragte Dr. Schneider, ein Vertreter vom Hersteller Stadler und für diese Uhrzeit erstaunlich viele Menschen mit Behinderungen verschiedenster Art.

Durch die Veranstaltung im S-Bahnwerk in Schöneweide führten dann der Staatssekretär und die Leiterin der Abteilung Fahrgastmarketing und Produktinnovation, Frau Annekatrin Westphal. Die Stimmung war von Anfang an distanziert: Tenor von Seiten der Veranstalter: „Eigentlich ist schon alles gesagt. Alle Verbände der Nutzergruppen wurden gehört. Das Ergebnis ist ein Kompromiss, mit dem Leute die in einer wachsenden Stadt leben wollen, leben müssen."

Nachfragen von den Anwesenden wurden als Vorwurf verstanden und zum Teil ziemlich lapidar abgetan. Ein Beispiel gefällig? Frau Westphal gab bei der Begehung in dem Modell des Mehrzweckabteils auf die berechtigte Kritik, dass dieses Abteil zu klein und zu eng ist zum Besten: „Es gibt ja nur 10 Prozent der BerlinerInnen die eine Behinderung haben und damit ja eine eher kleine Nutzergruppe darstellen." Es ist hinlänglich bekannt dass diese Zahl in den nächsten 20- 30 Jahren enorm zunehmen wird. Mindestens solange sollen auch die neuen Züge auf den Schienen unterwegs sein.

Es besteht nach wie vor die Kritik, an der Einstiegssituation. Hier stehen die Rampe, die horizontale Spaltüberwindung und die Haltestangen in der Kritik. Die Veranstalter wollten nur zwei RollstuhlfahrerInnen den Zugang zum Modell erlauben. Daran hat sich nur kaum jemand gehalten. Gut so, schließlich wollte man eine alltagstaugliche Situation darstellen - eine rappelvolle S-Bahn. Schnell stellte sich heraus, dass das Abteil tatsächlich zu klein war. Es bestand zum Beispiel nur die Möglichkeit mit dem Rollstuhl rückwärts raus zufahren, denn drehen war in dieser Enge nicht möglich. Dabei waren Fahrräder und Kinderwagen noch nicht mal dabei.

Ein weiterer Kritikpunkt sind die Haltestangen in den Eingangsbereichen, die nicht für Rollstuhlfahrer vorgesehen sind. Angeblich sind sie dort verbaut, weil sie mehr Sicherheit für die stehenden Fahrgäste bieten sollen. Tatsächlich dienen sie der Fahrgastlenkung.
Dem Rollstuhlfahrer wird die Selbstbestimmung beim Benutzen der S-Bahn durch dieses Hindernis abgesprochen – ja schlicht unmöglich gemacht.

Andreas Scheibner nutzt einen Rollator und fasst seinen Eindruck der Veranstaltung so zusammen: „Ich fühle mich nicht ernst genommen von den Vertretern der S-Bahn und dem Hersteller. Die Haltestangen sind kontraproduktiv. Sie müssen entfernt werden."
Damit spricht er aus, was dem Vernehmen nach alle fordern. So sieht sich Frau Westphal genötigt „eine Prüfung ob das denn möglich sei" in Erwägung zu ziehen.

Der Landesbehindertenbeauftragte Herr Dr. Schneider hat das Treffen so geschildert: „Es gibt keine Offenheit der S-Bahn gegenüber den Änderungsvorschlägen." Er hegt allerdings die Hoffnung, dass es etwas mehr Platz in dem Mehrzweckabteil geben wird.

„An der Nullserie wird es wohl keine Veränderungen geben, weil der Prozess schon zu weit fortgeschritten ist", sagt Frau Westphal.

Ein paar mal betont sie: „Es gab einen Beteiligungsprozess, der inzwischen abgeschlossen ist." Die Erfahrung von Menschen mit Behinderung ist leider in der jüngsten Vergangenheit diese: Wir werden gefragt, damit man sagen kann, dass wir gefragt wurden. Unsere Argumente werden gehört, aber nicht verstanden und schon gar nicht umgesetzt, sagt ein Teilnehmer dieser Zusammenkunft. Jens Hanuschke weiter: „Echte Beteiligung zeigt sich darin, dass wir eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe leben. Davon war heute leider nichts zu spüren."

Herr Schmidt-Block, blind und ebenfalls Kritiker der neuen S-Bahnreihe erklärte: "Es gab eine ernsthafte Diskussion mit Werksvertretern und dem Hersteller. „Für blinde Menschen ist das Türfindesignal zu leise, sogar in der relativ ruhigen Werkshalle." Wie mag das erst sein, wenn die Bahn im Normalbetrieb mit Umgebungsgeräuschen fährt. Schmidt-Block weiter: „Die Höhe der Taster ist nicht optimal. Sie sind zu niedrig." Es bleibt abzuwarten, ob diese Kritik auf die Bereitschaft trifft, hier für Abhilfe zu sorgen.

Die eine Stunde die uns vor Ort zugebilligt wurde vergeht wie im Flug. Staatsekretär Kirchner und die Abgeordneten müssen los, weil sie an diesem Tag noch eine Plenarsitzung vor sich haben. Vor dem S-Bahnwerk und nach dem offiziellen Ende der Veranstaltung, gibt es dann den Vorschlag und den Wunsch der Anwesenden, die Abgeordneten sollten bei der S-Bahn nachfragen, wie weit die Bestellung der sogenannten Nullserie ist und ob nicht doch die Änderungsvorschläge berücksichtigt werden können. Die Abgeordnete Stefanie Fuchs von den LINKEN sagte zu, mit ihrer Fraktion zu sprechen und bei einem Übereinkommen auch mit den anderen Fraktionen einen geeigneten Weg zu finden, gegenüber der S-Bahn dranzubleiben. Auf die Frage, wie sie den Vor-Ort-Termin empfunden hat, antwortet sie: „Es war schon zum Teil grenzwertig, wie die Verantwortlichen auf die angesprochenen Probleme reagiert haben."