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Literatur mit Laufmaschen

Jennifer Sonntag: SonntagsFragen
Jennifer Sonntag: SonntagsFragen
Foto: malsehn! media

LEIPZIG (KOBINET) Inklusion geschieht manchmal genau dort, wo sie sich nicht so nennt und wo man sie nicht vermutet. Dabei lebt sie immer auch von den Gesichtern und Geschichten von Menschen mit und ohne Behinderungen, die unkonventionelle Wege gingen, um ungewohnte Denkmuster aufzulockern. Vielfalt entsteht nur durch Vielfalt und Erkenntnis oft erst durch Reibung und Auseinandersetzung. Dies schreibt die Inklusionsbotschafterin Jennifer Sonntag, die auf zwei Bücher hinweist, in denen deutlich wird, dass inklusive Begegnungen im Lieben und im wahren Leben stattfinden.

Liebe mit Laufmaschen
„Wir sehen die Dinge nicht wie sie sind, wir sehen die Dinge, wie wir sind." Mit diesem Zitat von Anaïs Nin begrüßt das Autorenpaar Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch die Besucher ihrer Homepage und es ist damit gleichzeitig als Leitsatz ihres erotischen Buchprojektes zu verstehen. Erotik und Behinderung? Ein Projekt, das fernab gängiger Vorstellungen von beispielsweise institutionalisierter Sexualbegleitung elektrisiert. Jennifer und Dirk sind seit Jahren darauf spezialisiert, vorhandene Denkbarrieren aufzubrechen. Als Werkzeug benutzen sie dazu meist Stift (manchmal auch Kreide und Kohle) und Tastatur. In ihren erotischen Texten interessieren sie sich für die symbolischen Laufmaschen in den Lebensgeschichten der Menschen und die erotischen Fäden, die sich mit ihnen entspinnen. Jede Laufmasche stellt für sie einen inspirierenden Fehler dar, welcher dem perfekten Entwurf entgegensteht. Der unerwartete, ungewohnte, ungewollte Riss macht mit seiner Metaphorik aus ihrer Sicht eine Person oder Situation erst erzählenswert. Dabei reizt es sie, doppelte Böden und irritierende Skurrilitäten zu entdecken. Für sie erscheint nicht nur die Laufmasche faszinierend, sondern auch der Widerhaken, der sie zieht.

Die Motive in ihren Texten und Zeichnungen sind jedoch nicht nur erotischer Selbstzweck, sondern sollen immer auch Fragen aufwerfen. Jennifer Sonntag und Dirk Rotzsch zeigen auf eindrucksvolle Art, wie die Zusammenarbeit zwischen einer blinden Autorin und ihrem sehenden Co-Autor nicht nur gelingt, sondern zu einem wertvollen Austausch führt, den inneren Blick erweitert und neue kreative Räume öffnet. Gerade weil Erotik oft eng mit optischen Reizen verknüpft ist, wird ein einzigartiger Dialog über innere Bilder erforderlich, ein außergewöhnliches Herangehen und Ausarbeiten von Ideen, ein Aufbrechen gegenseitiger Sichtweisen. Dieses „blinde Verstehen" ist den beiden nicht nur in ihrer Zusammenarbeit ein großes Anliegen. Sie stehen persönlich ein für Offenheit und Barrierefreiheit. Deshalb enthält der Kurzgeschichtenband „Liebe mit Laufmaschen" eine beigelegte CD, mit einer digitalen Lesefassung des gesamten Textblocks für blinde Interessenten. Die Bilder zu diesen Texten sind selbst ein eigenes Projekt: Ein einzigartiges Experiment, als Gemeinschaftsarbeit zwischen blinder Zeichnerin und sehendem Zeichner. Sie sind nicht im Buch, sondern ausschließlich in der „Blind-Galerie" auf der Homepage zu finden und wurden für ihre blinden BesucherInnen zusätzlich mit assoziativen Beschreibungen versehen.(Franziska Appel)

„Liebe mit Laufmaschen" (Jennifer Sonntag/Dirk Rotzsch)
Erschienen bei Periplaneta Berlin
www.Liebe-mit-Laufmaschen.de

 

Schon immer ein Krüppel
Bereits der Titel ist so schön inkorrekt, das ich die Sirenen der PC-Polizei förmlich hören kann. Aber anders als die Berufsbedenkenträger ist Benjamin mittendrin, statt nur dabei und darf das, schreibt Jennifer Sonntag. Nein, dieser Roman taugt nicht zur Verhackstückung in einer schmierigen Emotical Soup bei den einschlägigen Sendern. Er ist auch keine konstruierte Story von sich gut vermarkteten Selbstdarstellern, die die Buchhandlungen verstopfen und dem unbedarften und leichtgläubigen Leser glauben machen wollen: „es geht doch wenn sie wollen, die Behinderten" - diese haben alle schon immer gelogen und gaben uns vermeintlich die Argumentations-Keule in die Hand. Nein! Diese Geschichte ist authentisch, roh und sie ist deswegen ein Buch das Mut macht, weil es die Möglichkeit des Scheiterns in Betracht zieht. In diesem Buch oszillieren die Gefühle zwischen Frustration und leichter Hoffnung – kein Happy End ohne Katastrophe, eben das Leben.

Wer wirklich etwas über das Leben als Querschnittslähmung erfahren will, dem sei das Buch empfohlen, aber Vorsicht! Das ist keine sterile Geschichte, in der es nichts zu riechen gibt. Gewöhne dich an diverse Körpersäfte, sie und ihre Bändigung werden ständiger Begleiter sein. Der Roman spart kein Thema aus, vor allem nicht dieses, welches so omnipräsent ist, dass ich es hier nicht weiter spezifizieren muss. Doch wir schauen nicht verschämt durchs Schlüsselloch, sondern wir sind mittendrin im Schlammassel. Und wir sollten uns mit diesen Gedanken anfreunden, denn jeder Achte der das hier liest, wird früher oder später ein körperliches, seelisches oder geistiges Handicap erwerben – wir waren eben schon immer Krüppel.(Dirk Rotzsch), schreibt Jennifer Sonntag

„Schon immer ein Krüppel"(Benjamin Schmidt)
Erschienen bei BoD GmbH
www.schmidt-buecher.de

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