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Autisten sind anders – nicht weniger

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Foto: ht

BERLIN (KOBINET) "Autisten sind anders – nicht weniger!" So titelt Stephanie Fuhrmann einen Beitrag, den sie für die kobinet-nachrichten verfasst hat und den wir im folgenden veröffentlichen.

Beitrag von Stephanie Fuhrmann

Inklusion bedeutet Barriereabbau – so viel ist bereits angekommen. Dass es sich hierbei nicht nur um einen Aufzug handelt noch nicht so ganz. Dass es eine Sache von Haltung gegenüber Menschen bedeutet, die unter behindernden Umständen leben, ist gar nicht angekommen. Stigmatisierung beginnt aber bereits z.B. bei der Einstellung gegenüber autistischen Kindern. Dabei sind sie lediglich anders, mit einer anderen neurobiologischen Ausstattung auf die Welt gekommen. Umerziehung und Konditionierung sind derzeit Mittel der ersten Wahl – gesund ist das allerdings keineswegs. Wie man gut lebt als Autist, achtsam mit sich umgeht, sich selbst zu kennen und zu mögen – das bleiben alles Erfahrungen, die dadurch ein Leben lang oft sogar verwehrt werden.

Stigmatisierung und Pathologisierung ob einer Seinsart bedeutet für die Kinder oft, dass sie an Barrieren zerbrechen. Dabei wäre es ein Leichtes, dass man eine Umgebung schafft, die ihre Potentiale und Talente zum Vorschein kommen lässt. Behinderung autistischer Kinder ist vermeidbar, auch wenn die Bedrohung in den letzten Jahrzehnten zugenommen hat. Dem gilt es (wieder) entgegen zu wirken. Fehler sind dazu da, aus ihnen zu lernen.

Der White Unicorn e.V. hat es sich als Freier Träger der Kinder und Jugendhilfe, Bildung und Erziehung, Forschung und Wissenschaft sowie der Wohlfahrtspflege zur Aufgabe gemacht, ein autistenfreundliches Umfeld aktiv mit zu gestalten. Es gilt den Kindern eine Umgebung zu gestalten, die Barrieren regulierbar werden lässt z.B. mit moderner Beleuchtungstechnik, Akustischer Dämmung, Telepräsensystemen und Moodle-Technik. Aber auch Ruhe- und Bewegungsräume sind wesentlich, ebenso wie ein ungehinderter Zugang zu Lehrmaterial, um auf die individuellen Bedürfnisse eingehen zu können – und Teilhabe an Bildung möglich zu machen.

Wie kann Inklusion gelingen?

Die Menschen brauchen mehr Empathie gegenüber Autisten. So paradox dies klingt, aber meist ist es für Menschen ohne hohe sensorische Begabung, welche Autisten aufweisen, einfach nicht möglich, das sensorische Empfinden von hoch Begabten nach zu empfinden. Seit Henry Markrams Studien und der „Intense World Theorie" ist aber zumindest die Forschung dem näher gekommen. Es braucht selbst für erfahrene Ärzte zum Teil lange, bis sie den Grund für die Schwierigkeiten erkennen, zu finden und zu attestieren. Die Barrieren sind vielfältig, nur Altautisten können sie wirklich gut beschreiben.

Die Einrichtungen wie Kitas und Schulen stehen hier einem großen Problem gegenüber. Den Fachkräften fehlt es schlicht an Wissen. Die erst seit 10 Jahren in der Wissenschaft bekannte Hochsensibilität bedeutet schwere nervöse Überlastung. Dies wird den Kindern zugemutet, fehlgedeutet und hat schwere Schäden zur Folge. Neben den beschriebenen sozialen, psychischen und seelischen Problemen (Markram 2010) kommt es bei den Kindern zum Verlust von Konzentrationsfähigkeit, Sprachfähigkeit, Unfähigkeit der Nahrungsaufnahme durch extreme Hypotonie sämtlicher Muskeln, Apathie und Schwierigkeiten des vegetativen Nervensystems, so dass seine Körperwahrnehmung und Motorik, sowie die Steuerung der Organe wie Blase und Darm schwer beeinträchtigt sind u.v.m. Die Liste bei nervösen Erschöpfungszuständen im Kindergarten- und Schulalter ist sehr lang.

Für viele Autisten ist es in der Entwicklung somit mit großen Nachteilen behaftet, Kindergärten und Schulen zu besuchen. Die Barrieren sind überall, eigentlich ist es auch ganz leicht möglich, sie zu regulieren – aber für Menschen ohne hochsensorische Begabung einfach nicht wahrnehmbar. Für die Kinder ist dies fatal, sie werden als minderbemittelt, bockig, schlecht erzogen, störrisch, aufmüpfig, boshaft, aggressiv u.v.m. eingestuft, obwohl sie eigentlich nur mitteilen, wie unerträglich diese Fehlbehandlung für sie ist. Das Leid der Kinder ist immens, oft enden sie bei unzähligen Therapien ob der manigfaltigen eintretenden Schäden an Körper, Geist und Seele oder bekommen Medikamente gegen die Folgen durch die Fehlbehandlung.

ABER: Inklusion und regulierbare Barrieren sind möglich! Es müsste nur begonnen werden, dies umzusetzen

Kein akademischer Elfenbeinturm

Die Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfeldes bedeutet Konzepte zu entwickeln, die bodenständig sind. Genau das hat der White Unicorn e.V. im Auftrag der Berliner Senatsverwaltung sich zu Herzen genommen. In Berlin leben einige hundert autistische Schulkinder, geschätzt werden Autisten auf rund 1 Prozent der Bevölkerung. Das Team wurde sorgfältig gebildet, bestehend aus erfahrenen Altautisten, die als gesunder Teil menschlicher Vielfalt ein erfülltes Leben führen, sowie Fachkräften die täglich mit autistischen Kinder zu tun haben. Gemeinsam wurde sich zwei Jahre lang tief in diese Thematik eingearbeitet. Auf diese Weise können die Interessen der autistischen Kinder vertreten werden und die Erfahrung im Umgang mit Barrieren weiter gegeben werde

Und auf einmal ist ein Gelingen von inklusiver Beschulung für autistische Kinder ganz nah gerückt. -

Neben Fernschulunterlagen mit Lernen in Bewegung sind Telepräsenzsysteme und Moodle-Server, Ruheräume und Rehabilitationspädagogen Teil in der vollen Regulationsmöglichkeit. Eine Begleitung von universitärer Seite ist tief in die Konzepte des Freien Trägers verwoben. Im Rahmen der Partizipativen Forschung werden Bachelor- Master- und Promotionsdesigns angefertigt. Es wird Autist-Sein zum Erfahrungsschatz – fern ab von Umerziehung und Konditionierung. Autisten sind anders – nicht weniger. Und das ist gut so.

Stephanie Fuhrmann ist Vorsitzende des Vereins zur Entwicklung eines autistenfreundlichen Umfeldes "White Unicorn e.V."



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