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Überläufer gesucht

Roland Frickenhaus
Roland Frickenhaus
Foto: Roland Frickenhaus

UNBEKANNT (KOBINET) Wer die Stellungnahmen zum Referentenentwurf des Bundesteilhabegesetzes liest, wundert sich, wie es möglich ist, dass nicht alle Fachleute den Daumen nach unten halten. Das ist so merkwürdig, dass es einem zu denken gibt. Auch hier wird am Ende der Stärkere gewinnen, da ihn die Schweiger und Abducker gewähren lassen. Es sei denn, dass es doch noch Leute gibt, die Courage entwickeln und überlaufen...

Aber, meine Damen und Herren Berichterstatter, was ist eigentlich mit der dritten Gruppe, oder glaubt ihr wirklich, dass ein Ort wie Musterstadt nur aus Befürwortern und Gegnern einer geplanten Umgehungsstraße bestehen würde? Bei dieser Vorstellung meldet sich mein Magen. Und meine Lebenserfahrung auch.

Dabei dürfte die zahlenmäßig größte, und die somit weitaus interessanteste Gruppe der Musterstädterinnen und Musterstädter, doch diejenige sein, die es vorzieht, sich weder zu einem „Ja“ noch zu einem „Nein“ hinreißen zu lassen.

Da stellt man sich als aufgeweckter Zeitgenosse doch irgendwann die Frage, wieso die klugen Reporter eigentlich dieser beachtlichen Gruppe keine Reportage widmen. Immerhin sind die Schweiger doch die Mehrheitsbeschaffer und gelegentlich auch die Königsmacher. Merke: Nur wer keine Meinung hat, irrt nie. Vermutlich gibt es wohl deshalb nie darüber eine Reportage, weil von denen ja sowieso keiner den Mund aufmacht…

Gäbe es einen solchen Bericht, dann würde man uns sicher zwei Grundtypen von Schweigern vorstellen.

Der erste ist vom Schlag „Tschüss, Ihr da oben“, er nutzt die Wahlbenachrichtigungen zum Einwickeln von Stullen und interessiert sich für alles außer für Andere. Er ist mittlerweile relativ gut erforscht und hinreichend beschrieben. Das macht ihn weniger interessant als denjenigen, der zur zweiten Gattung zu zählen ist.

Das ist der, der aus Kalkül die Klappe hält und der seinen „ethischen Wertekanon“ immer dann schnell vor die Tür schickt, wenn drinnen die Luft dünn wird. Daniel Goldhagen hat diese Menschen seinerzeit als „willige Vollstrecker“ bezeichnet. Bekanntlich fanden das damals nicht alle wirklich gut...

Ermöglicher dieses Schlages zählen zu denen, die, natürlich, „persönlich nie etwas gegen Juden hatten“. Mit starker Betonung auf „persönlich“. Versteht sich. Persönlich haben diese Menschen sowieso nie irgendetwas gegen irgendwen. Wie denn auch, wenn sie ohnehin nichts persönlich nehmen? Um das Rückgrat zu schonen, checkt dieser Typ zunächst die Windrichtung. Und von den zwei Meinungen die diese Menschen haben, ist eine ihre eigene...

Jetzt streiten die sich in Musterstadt gerade über den Entwurf eines neuen Gesetzes. Die Teilhabe von Menschen mit Behinderungen soll neu geregelt werden. Man will weniger Geld ausgeben und benachteiligende und ausgrenzende Strukturen abbauen. Vorstellbar ist das nur, wenn man auf seinen Verstand verzichtet…

Der geneigte Leser dieser Kolumne ist ja mittlerweile geschult und kann nun schnell und treffsicher die Akteure zuordnen:

Befürworter: Politiker und Beamte, die überwiegend mit Zahlen zu tun haben und Geld von den Bürgen einsammeln, um es für sie auszugeben

Gegner: Betroffene, die auf beabsichtigte Leistungskürzungen und die Missachtung ihrer Rechte hinweisen

Ermöglichertyp 1: „Erst grillen und dann chillen!“

Ermöglichertyp 2: Das sind Fachleute in Behörden und Verbänden, die gelernt haben, fein  säuberlich zwischen der  Amts- und ihrer Privatmeinung zu unterscheiden.

Während die Schweiger schweigen, stehen sich nun in Musterstadt Menschen mit Behinderungen und Politiker gegenüber und man muss kein Prophet sein um zu ahnen, wie sowas ausgeht.

Es sei denn, es finden sich noch ein paar Überläufer.

Überläufer, das sind die, die ab irgendwann keine Lust mehr auf das haben, was sie morgens angrinst, wenn sie in den Spiegel schauen. Genaugenommen laufen sie ja auch nicht irgendwohin „über“, sondern vielmehr laufen sich ja hinter sich her. Sie haben gemerkt, dass da eine Distanz entstanden ist zwischen dem, was sie glauben und dem, was sie tun. Im Gewirr von Hörigkeitsdenken, strategischen Agieren und Lobbyismus haben sie den Sichtkontakt zu sich verloren. Eigentlich sind sie ja ganz anders, kommen aber nur viel zu selten dazu ...

Wäre das nicht schön, es würden da noch einige überlaufen, die sich, einzig aus strategischen Gründen, bedeckt geben und das neue Gesetz „begrüßen“, obwohl sie es, als Privatmensch, natürlich, völlig ungeeignet finden? Wie kann man so naiv sein zu glauben, dass es keinen Preis kostet? Dabei weiß die Hand, die Dich füttert, schon lange, dass Du sie nicht beißen wirst. Und denkbar ist auch, dass sie dich nur deshalb füttert…

Da hat man gerade eben noch dem Bürgermeister Musterstadts in einer anderen Frage, es ging da um Menschen, die in den Mauern der Stadt Schutz suchen, nahezu fast ganz nur komplett uneigennützig für viel Geld helfen dürfen, dann ist doch vorhersehbar, dass man selbigen Bürgermeister wohl kaum zwei Wochen später klar sagen wird, was man von seinem Gesetzesvorhaben hält.

Auch diejenigen in Musterstadt, denen die Bergpredigt so vertraut ist, dass sie sie noch nicht einmal auswendig kennen müssen und die das Gute nicht tun, um das sie wissen, haben sich eingerichtet. Insgesamt profitiert doch ganz Musterstadt von diesem guten Miteinander und das ist es, was wirklich zählt: Die Befriedung der Stadt. Ruhe als erste Bürgerpflicht. Dazu gehört, dass man sich, natürlich, auch nicht gern auf irgendetwas festnageln lässt.

Diese Aversion könnte damit zusammenhängen, dass einer von ihnen damals ans Kreuz genagelt wurde. Der stand für seine Überzeugung bis er hing. Da ist es doch klüger, man gestaltet das ganze etwas flexibler…

Insgesamt zur Zeit nicht wirklich schön in Musterstadt, denn, so weiß der Chronist zu berichten, waren die Zeiten, in denen sich „die da oben“ gut verstanden haben, nie gute Zeiten für den Ort. Kein Zweifel: Musterstadt stehen unruhige Zeiten bevor.

Es sei denn, es finden sich noch ein paar Überläufer …

UNBEKANNT (KOBINET) Kategorien Kolumne

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/sdgkmnw