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Behindertenpolitik barrierefrei und inklusiv ausrichten

Jessica Schröder
Jessica Schröder
Foto: Franziska Vu ISL

Berlin (kobinet) Am 3. Dezember fand die Veranstaltung des Deutschen Behindertenrats (DBR) zum Welttag der Menschen mit Behinderungen statt. Zum diesjährigen Motto "Inklusion und Teilhabe – (k)eine Utopie?" kamen Vertreter*innen aus Verbänden, Politik, Forschung und Zivilgesellschaft zu Wort. In Diskussionsrunden und Wortbeiträgen ging es um die großen Themen Diskriminierungsschutz und Barrierefreiheit sowie die Behindertenpolitik der nächsten Legislaturperiode. Den Abschluss der Veranstaltung bildete die Staffelstabübergabe der amtierenden DBR-Sprecherratsvorsitzenden, Hannelore Loskill, an den Sozialverband Deutschland SoVD, der das DBR-Sekretariat 2022 verwaltet. Den DBR-Sprecherratsvorsitz übernimmt SoVD-Präsident Adolf Bauer, berichtet Jessica Schröder von der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL), die einen Beitrag über die Veranstaltung für die kobinet-nachrichten verfasst hat.

Bericht von Jessica Schröder

Die blinde Moderatorin Dörte Maak, die als professionelle Moderatorin, Coach und Motivationsrednerin tätig ist, leitete mit einem Gedicht in die Veranstaltung ein, das den Charakter und die Zielsetzung der Veranstaltung auf lyrische und bildhafte Weise zeichnete. Als Eindruck im Folgenden einige Verse:

"Dies ist ein Bild ohne Rahmen. es verändert sich und wächst.

Das Motiv ist das allgemeine Gleichbehandlungsgesetz.

Dies ist ein Welttag und eine Zukunftsvision und ein weiterer Schritt auf dem Weg zur Inklusion.

Dies ist ein Fragebogen. Wo gibt es Barrieren? wo sind die Hürden die uns die Wege erschweren?

Dies ist ein Staffelrennen, also lasst uns beginnen.

Dies ist eine Chance, dass wir alle gemeinsam gewinnen."

Der erste Block der Veranstaltung beschäftigte sich mit der gesellschaftlichen Diskriminierung von Menschen mit Behinderung, welche Lebensbereiche besonders von Diskriminierung und Exklusion geprägt sind und was getan werden muss, um Diskriminierung konsequent zu bekämpfen. Bernhard Franke, kommissarischer Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, fasste in seinem Impulsvortrag die Ergebnisse des Vierten Gemeinsame Bericht zum Thema "Diskriminierung in Deutschland – Erfahrungen, Risiken und Fallkonstellationen" zusammen.

Die Beratungsanfragen bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes haben gezeigt, dass ein Großteil der Beratungsbedarfe sich auf Diskriminierungserfahrungen in den Bereichen, berufliche Teilhabe, Gesundheit, Zugang zu Gütern und Dienstleistungen und Teilhabe an Mobilität, bezogen haben. Ein Viertel der in Deutschland ansässigen Unternehmen beschäftigen keine schwerbehinderten Arbeitssuchenden. Auch Institutionen des öffentlichen Dienstes laden schwerbehinderte Arbeitssuchende oftmals nicht zu Bewerbungsgesprächen ein, obwohl diese fachlich qualifiziert sind. Die Anntidiskriminierungsstelle schließt sich der Forderung des Behindertenbeauftragten Jürgen Dusel nach einer Verdopplung der Ausgleichsabgabe an, für diejenigen Unternehmen, die keinen schwerbehinderten Menschen beschäftigen.

Neben einer Vielzahl baulicher Barrieren, die den Zugang zu Gütern und Dienstleistungen privater Anbieter*innen verhindern, erschweren Denkmuster und Vorurteile behinderten Menschen eine gleichwertige Teilhabe. So machte es beispielsweise eine Bank zur Bedingung, dass eine blinde Frau nur dann ein Konto eröffnen durfte, wenn sie eine Generalvollmacht eines sehenden Angehörigen vorlegen konnte. Gehörlose Menschen können eine Sperrung ihres Kontos häufig nicht aufheben lassen, weil der Auftrag dazu meist nur durch einen Telefonanruf erfolgen kann. Im Bereich Teilhabe an Mobilitätsangeboten stand besonders die Deutsche Bahn in der Kritik. Verweigerung von reservierten Rollstuhlplätzen mit der Begründung eines defekten Behinderten-WCs im Zug sowie massive Einschränkungen beim Reisen aufgrund fehlender Assistenzkräfte in den frühen und späten Morgen- und Abendstunden.

Im Bereich der zumeist nicht barrierefreien Arztpraxen ist besonders gravierend, dass aktuell kein Rechtsanspruch auf die Einklagbarkeit von Barrierefreiheit besteht. Inklusive Beschulung ist immer noch ein Dauerherd für Diskriminierung. Mobbing von behinderten Schüler*innen durch nichtbehinderte Mitschüler*innen und Lehrer*innen, bauliche Barrieren im Schulgebäude und Schulhof, Ausschluss behinderter Kinder/Jugendlicher von Klassenfahrten, mühsame Beantragung von Hilfsmitteln und Assistenz, sind einige Beispiele für die Verhinderung ernsthaft gelebter und gleichberechtigter inklusiver Beschulung.

Um den Diskriminierungsschutz und die Verhinderung von Diskriminierung zu stärken, empfiehlt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes konkrete Maßnahmen. Ein flächendeckender Ausbau von Antidiskriminierungsberatungsstellen mit qualifiziertem Fachpersonal in ganz Deutschland. Die Datenerhebung und Aufbereitung von Diskriminierungserfahrungen und ihre rechtliche Aufarbeitung müssen systematisch erfolgen, um Ziele und Bedarfe für die zukünftige Arbeit von Beratungsstellen und gesetzliche Nachbesserungen begründen und umsetzen zu können. Da Gerichtsverfahren für viele Personen mit großen Hürden verbunden sind, müssen alternative Streitbeilegungsverfahren wie Schlichtungsstellen kontinuierlich ausgebaut werden. Auch muss das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz zeitnah reformiert werden, so dass die Fristen für das geltend machen von Rechtsansprüchen von derzeit 2 Monate auf 6 Monate verlängert werden. Qualifizierte Antidiskriminierungsverbände müssen ein Klagerecht erhalten, dass es ihnen ermöglicht, auch in Vertretung von Einzelpersonen zu klagen. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes fordert für sich einen Rechtsanspruch bei übergeordneten Diskriminierungsfällen, um ebenfalls im Namen von Einzelpersonen klagen zu dürfen. Der Rechtsschutz vor Diskriminierungen im Privat- und beruflichen Bereich muss gestärkt werden. Hierzu gehört auch die Verpflichtung für beteiligte Unternehmen, bei fehlender Barrierefreiheit angemessene Vorkehrungen bereitzustellen, um den Zugang für behinderte Personen zu gewehrleisten.

Im anschließenden Grußwort lobte Jürgen Dusel die Arbeit des DBR, der sich in der letzten Legislaturperiode intensiv für die Verbesserung von Gesetzesvorhaben der deutschen Bundesregierung eingesetzt hat. Der kontinuierliche Austausch mit dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales zu aktuellen Themen in der Corona Pandemie, die beharrliche Einforderung von umfassender Barrierefreiheit von digitalen Informationsangeboten der Bundesregierung zur Pandemiesituation und Gesetzesentwürfen und Drucksachen, sowie der kontinuierliche Dialog mit der Bundeskanzlerin sind einige beispielhafte Initiativen. Dusel lobt den Koalitionsvertrag als einen wichtigen Gradmesser hin zu mehr Fortschritt in der Inklusion von Menschen mit Behinderung. Der Titel des Koalitionsvertrages "Mehr Fortschritt wagen“ muss jedoch immer Handlungsmaxime für das Thema der gleichberechtigten Teilhabe und Inklusion sein, denn ohne die Inklusion behinderter Menschen wird es keinen Fortschritt geben. Jürgen Dusel begreift den DBR als einen starken und unverzichtbaren Bündnispartner, um die zukünftige Bundesregierung zu mehr Fortschritt in der Inklusion zu ermutigen und mit Expertise zu unterstützen.

In der Podiumsdiskussion mit dem Titel "Teil oder nicht Teil? Inklusion in Gegenwart und Zukunft“ diskutierten Annette Tabbara, Leiterin der Abteilung für die Teilhabe und Belange von Menschen mit Behinderungen, Soziale Entschädigung und Sozialhilfe im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS), Prof. Dr. Felix Welti, Professor für Sozial- und Gesundheitsrecht, Recht der Rehabilitation und Behinderung an der Universität Kassel, Dr. Leander Palleit, Leiter der Monitoringstelle der UN-Behindertenrechtskonvention angesiedelt beim Deutschen Institut für Menschenrechte und Dr. Martin Danner, Geschäftsführer der BAG-Selbsthilfe. Gefragt nach den Ursachen von Diskriminierung behinderter Menschen, hofft Dr. Tabara, dass die Ursachen in der Unwissenheit und den mangelnden Begegnungserfahrungen nichtbehinderter mit behinderten Menschen liegen und nicht eine bewusste Diskriminierung sind, weil man die Verschiedenheit nicht aushalten kann. Dr. Danner verweist als Ursache auf die mangelnde Inklusion behinderter Kinder/Erwachsener, die Inklusion nicht zu einem natürlich integrierten Gesellschaftsmerkmal macht. Für viele Menschen ist Behinderung immer noch nicht sichtbar genug, es wird in die soziale Ecke geschoben, verdrängt und so entsteht wenig eigene Identifikation nichtbehinderter Menschen mit diesem Thema, merkt Dr. Palleit kritisch an. Prof. Dr. Welti sieht auch in den Handlungsroutinen der Verwaltungsbehörden, in schwachen Gesetzen und in mangelnder Sensibilisierung von Mitarbeitenden der Behörden Gründe für die anhaltende Diskriminierung. Dr. Palleit betont, dass Diskriminierung oftmals nicht im aktiven Tun begründet ist, sondern eine Unterlassung des nötigen darstellt. Dr. Danner skizziert die Forderungen des DBR, die sich mit den Empfehlungen der Antidiskriminierungsstelle decken und fordert nachdrücklich, dass sich auch öffentliche Behörden strenger an gesetzliche Vorgaben halten, Verstöße konsequenter sanktioniert und intensivere Kontrollen durch Länder und den Bund erfolgen müssen.

Einige Länder wie Österreich und die USA zeigen, dass es möglich und durchsetzbar ist, auch private Produkt- und Dienstleistungsanbieter zur Barrierefreiheit, bzw. angemessenen Vorkehrungen, zu verpflichten und Diskriminierungsschutz wirksam zu etablieren. Das Argument der bisherigen Bundesregierungen, dass Verpflichtungen an die Privatwirtschaft den freien Markt einschränken, kann durch das Beispiel USA schon seit den neunziger Jahren widerlegt werden. Weitreichende Klagebefugnisse für Einzelpersonen, Sanktionen und Schadensersatzansprüche haben in den USA vielmehr dazu geführt, dass sich auch die Privatwirtschaft ihrer Verantwortung bewusst ist und stärker auf Barrierefreiheit setzt. Dr. Tabara verdeutlicht, dass mit der neuen Bundesregierung ein guter übergreifender Ansatz hin zu mehr verpflichtender Barrierefreiheit auf den Weg gebracht werden soll. Ausweitung des Barrrierefreiheitsstärkungsgesetz auf Haushaltsgüter, flächendeckende und barrierefreie Personenbeförderung ohne Ausnahmen ab 2026, Reform des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz u.a. durch die Aufnahme angemessener Vorkehrungen sowie Aktionspläne für eine barrierefreie Gesundheitsversorgung. Prof. Dr. Welti entgegnet, dass Barrierefreiheit ein einklagbarer Rechtsanspruch werden muss, der sich im Verbraucherschutz und allen gesellschaftlich relevanten Bereichen durchsetzen lassen muss. Auch müssen kollektive Rechtsschutzinstrumente einfacher nutzbar gemacht werden, so dass unterschiedliche Verbände gleichzeitig in verschiedenen Bereichen klagen dürfen. Dr. Danner fordert, dass Unternehmen und öffentliche Behörden grundsätzlich verpflichtet sein sollten, zu begründen, wenn und warum sie behinderte Menschen diskriminieren. Dr. Palleit kritisiert das Behinderung noch nicht ministerienübergreifend und in allen Ressorts mitgedacht wird. Leider hat sich besonders das Bundesgesundheitsministerium eher durch strukturierte Ignoranz der Belange behinderter Menschen hervorgetan und ein Mitdenken konnte nur auf großen Druck durch die Zivilgesellschaft und ihre Verbände erreicht werden. Auch müssen Partizipationsprozesse für die Bürgerbeteiligung niedrigschwelliger und barrierefrei gestaltet werden. Dr. Danner schlägt vor, dass die Mittel des Partizipationsfonds erhöht und auch Landesorganisationen zur Verfügung gestellt werden müssen, damit zivilgesellschaftliche Organisationen, wie beispielsweise im Bereich der Selbstvertretung, dauerhaft Bundes- und Landespolitik mitgestalten können.

Dr. Tabbara wünscht sich für die nahe Zukunft, dass behinderte Menschen Vertrauen in die Gesetzgebung haben können und dass die Regelungsbereiche, die das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) verantwortet, praktisch das Erfüllen werden, was sie in der Theorie versprechen. Prof. Dr. Welti plädiert für eine systematische Forschung zu Barrieren, der Wirksamkeit von Gesetzen und von Instrumenten des kollektiven Rechtsschutzes (Verbandsklagen, Schlichtung), um die Gesetzgebung sowie die Ausführung von Gesetzen effektiver und im Sinne behinderter Menschen zu gestalten.

Gefragt wie Diskriminierung wirksam bekämpft werden kann, ziehen die Podiumsteilnehmenden folgende Schlüsse: Es müssen Instrumente geschaffen werden, die die Zivilcourage stärken, diskriminierende Social Media-Aktivitäten stärker bestrafen und durch Kampagnen für jede Form der Diskriminierung sensibilisieren. Unternehmen die sich diskriminierend verhalten, sollten sich stärker rechtfertigen müssen und genötigt werden, zu reflektieren, wie sie ihr diskriminierendes Verhalten praktisch ändern können. Es darf sich für Unternehmen nicht lohnen, diskriminierend zu handeln.

Im anschließenden Podiumsgespräch "Digitale Kommunikation: Unter Ausschluss von Menschen mit Behinderungen?" erörterten Christian Bühler und Christiane Möller, stellvertretende Geschäftsführerin des Deutschen Blinden- und Sehbehindertenverband, digitale Barrieren für behinderte Menschen und Lösungsansätze zu deren Beseitigung. Beide betonen, dass es kaum verpflichtende Regelungen im digitalen Kommunikationsbereich zur verpflichtenden Barrierefreiheit gibt. Das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz wird hier ein erster wichtiger gesetzlicher Schritt sein, auch wenn die Übergangsfristen hin zu einer digitalen Barrierefreiheit häufig viel zu lang sind. Künstliche Intelligenz kann dabei helfen, dass jede/r Nutzer*in individuell einstellen kann, mit welchen Funktionen er/sie ein digitales Produkt oder einen Dienst nutzt, so dass Barrierefreiheit bedürfnisorientiert hergestellt werden kann. Bisher immer noch ein ungelöstes Problem ist die Verständlichkeit von Bedienungshandbüchern. Leichte Sprache oder wenigstens einfache Sprache ist hier meist Fehlanzeige. Bisher wurde der weltweite digitale Markt mit seinen Angeboten nur sehr eingeschränkt genutzt, um barrierefreie Lösungen anzubieten (googlemaps, oder das Beispiel der Sozialhelden-Wheelmap, die durch open street data ergänzt wird). Barrierefreiheit muss konsequent als Bestandteil in Lehrplänen von Soft- und Hardware-Entwickler*innen integriert werden. Christiane Möller verweist auf die großen Potenziale von Barrierefreiheit. Durch digitale Kommunikationsangebote wie Zoom, Teams usw. können viele Menschen erreicht und eine Teilnahme kann oft kostenfrei ermöglicht werden. Smart Speaker (Alexa, Google assistant) können sehbehinderten Personen helfen über Sprachsteuerung ihren Fernseher zu bedienen oder sich zum Beispiel Rezepte vorlesen zu lassen.

Da bisher Barrierefreiheit jedoch besonders im Privatbereich immer noch mangelhaft umgesetzt wird, sind Aktivitäten wie online-Einkäufe, das Buchen einer Urlaubsreise oder die Erledigung von Bankgeschäften für behinderte Menschen immer noch mit großen Hürden verbunden, die ihnen viel Geduld, eine hohe Frustrationstoleranz und die Bereitschaft individuelle Lösungen zu entwickeln abverlangen. Christiane Möller konstatiert, dass Unternehmen nicht immer wissen, wie sie Barrierefreiheit für alle Menschen technisch umsetzen können. Stärkere Weiterbildungsangebote sind hier dringend notwendig. Viele Behörden überschätzen auch ihre eigenen Fähigkeiten und sind dann trotz gegenteiliger Behauptungen nicht in der Lage, barrierefreie digitale Angebote bereitzustellen.

Bühler und Möller plädieren für gesetzliche Regelungen, denn ohne Druck wird sich Barrierefreiheit in der Privatwirtschaft nicht konsequent durchsetzen. Neben Gesetzen sollte Barrierefreiheit auch immer als ein Qualitätsmerkmal verstanden werden, das Produkte und Dienste erst attraktiv für alle Nutzer*innen werden lässt.

Neben Diskussionen mit Expert*innen konnten behinderte Menschen von ihren persönlichen Diskriminierungserfahrungen berichten, die jedoch leider so verstanden werden können, dass eine Vielzahl behinderter Menschen gleiche oder ähnliche Erfahrungen machen müssen. Klaus Heidrich, Vorsitzender des ABID berichtet, dass es in Mecklenburg-Vorpommern wenig vollständig barrierefreie Mobilitätsangebote gibt. Das führt dazu, dass behinderte Menschen Tage lang unterwegs sind, um barrierefrei eine in einer entfernteren Stadt gelegenen Arztpraxis zu erreichen. Öffentliche Fahrdienste für behinderte Personen existieren im ländlichen Raum nicht und Behindertenverbände müssen diese mit eigenen Finanzmitteln betreiben.

Eine sehbeeinträchtigte Diabetispatientin berichtete, dass es für sie keine barrierefrei bedienbare Insolinpumpe und Blutzuckermessgeräte auf dem Markt gibt. Trotz neuer technischer Innovationen, die für sehende Nutzer*innen viele Vorteile und erleichterte Handhabbarkeit mit sich bringen, ist der freie Markt nicht in der Lage, Barrierefreiheit als Qualitätsmerkmal zu integrieren. Touchscreens, fehlende Sprachausgabe, verhindern lebensnotwendige Barrierefreiheit.

Gabi Gerwins aus Hamburg ist in einer Werkstatt für behinderte Menschen tätig. Vor der Werkstatt wurde sie auf einer Förderschule mit Schwerpunkt geistige Entwicklung unterrichtet und konnte dort keinen anerkannten Schulabschluss machen. Trotz einer Ausbildung im hauswirtschaftlichen Bereich wurde sie durch die Werkstatt nicht auf den ersten Arbeitsmarkt vermittelt. Auch die schlechte Bezahlung für gute Leistungen kritisiert Frau Gerwins.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Diskussionsrunde mit den Sprecherratsmitgliedern des DBR, Hannelore Loskel (BAG Selbsthilfe), Verena Bentele (VDK), Horst Frehe (ISL) und Adolf Bauer (SOVD) und den behindertenpolitischen Sprecher*innen der aktuellen Regierungskoalition Corinna Rüffer (Grüne), Jens Beeck (FDP) und Angelika Glöckner (SPD).

Corinna Rüffer freut besonders, dass die Umsetzung von Barrierefreiheit und die Verpflichtung der Privatwirtschaft hierzu großen Anklang und Handlungsinitiative bei allen Koalitionspartnern gefunden hat. Sie plädiert für ein zeitnahes und engagiertes Gesetzgebungsverfahren, um lebenswichtige Barrierefreiheit zügig um- und durchzusetzen. Jens Beeck freut sich über das Gesamtergebnis des Koalitionsvertrags und auf die Erarbeitung eines Assistenzhundegesetzes, um für Menschen mit Assistenzhunden eine Finanzierung und anerkannte Zertifizierung sicherzustellen. Angelika Glöckner lobt, dass man trotz gewisser Unterschiedlichkeit einen eigenen Abschnitt zur Inklusion erarbeitet hat, der wichtige Vorhaben enthält und Inklusion realistischer werden lässt. Sie schränkt jedoch ein, dass man realistisch und ehrlich einschätzen muss, was möglich und unmöglich ist.

Verena Bentele kritisiert die Angst der Bundesregierung der Privatwirtschaft zu viele Regelungen aufzuerlegen und so ambitionierte Gesetze hin zu vollständiger Barrierefreiheit zu verhindern. Jens Beeck ist der Überzeugung, dass Barrierefreiheit durch gezielte Investitionen und gute gesetzliche Vorgaben ein echter selbstverständlich gelebter Wetbewerbsfaktor wird, der in Konsequenz auch zu niedrigeren Herstellungskosten barrierefreier Produkte und Dienste führen wird.

Horst Frehe betont nachdrücklich, dass die Bundesregierung dazu verpflichtet werden muss, ihre schön geschriebenen Gesetze auch in der praktischen Anwendung zu kontrollieren und wo nötig durch zügige Reformen Gesetzeslücken zu schließen. Außerdem muss das Behindertengleichstellungsgesetz zukünftig auch für die Privatwirtschaft gelten und die Verpflichtung zu angemessenen Vorkehrungen enthalten. Bei einer Feststellungsklage muss es möglich sein, einen Schaden oder eine Diskriminierung durch die Gerichte nicht nur feststellen zu lassen, sondern auch Schadensersatz oder Abhilfe einfordern zu können, so dass die Diskriminierung nachhaltig beseitigt werden muss.

Hannelore Loskel ist enttäuscht und empört über die zögerlichen Ansätze vergangener Bundesregierungen bzgl. der Umsetzung vollständiger Barrierefreiheit. Deutschland hat die UN-Behindertenrechtskonvention 2009 ratifiziert, es gibt gute Gesetze, jedoch wird die Umsetzung durch den Bund kaum kontrolliert.

Adolf Bauer mahnt an, dass das Entgeldsystem für Werkstattbeschäftigte dringend reformiert werden muss, um eine menschenwürdige Entlohnung für geleistete Arbeit sicherzustellen. Verena Bentele macht deutlich, dass eine Reform der Staffelung der Ausgleichsabgabe nicht durch Ausnahmeregelungen weichgespült werden darf. Die im Teilhabegesetz geplanten Arbeitgeberansprechstellen müssen beobachtet und deren Arbeit evaluiert werden. Auch Angelika Glöckner gesteht ein, dass die Pandemie kleine Erfolge der Inklusion schwerbehinderter Personen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt oft wieder zunichte gemacht hat. Sie möchte sich für die Stärkung der Ausbildungs- und Arbeitsbudgets einsetzen und für den Ausbau assistierter Hilfen. Corinna Rüffer merkt selbstkritisch an, dass der Koalitionsvertrag auch Leerstellen hat. Insbesondere das Thema der Triage, dass aktuell in einigen Kliniken praktiziert werden muss, erfordert dringenden Handlungsbedarf der neuen Bundesregierung. Wir müssen die Krise deutlicher artikulieren und die Menschenrechtsperspektive behinderter Personen stärker in den Vordergrund rücken, um strukturelle Defizite zu erkennen. Um Inklusion und die Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention weiter voranzutreiben, wird überlegt eine Enquete-Kommission im Bundestag einzurichten. Jens Beeck ist zuversichtlich, dass diese Koalition große Fortschritte in der Inklusion behinderter Menschen bringen wird, denn alle Koalitionsbeteiligten vertrauen einander, die festgeschriebenen Ziele auch erreichen zu wollen.

Gefragt, was sich die DBR-Sprecherratsmitglieder von der zukünftigen Bundesregierung wünschen, betonen alle, dass eine zügige und wirkungsvolle Arbeit gemeinsam mit dem DBR unbedingt gewünscht und erwartet wird, um Barrierefreiheit und Inklusion im Interesse behinderter Menschen umzusetzen.

Bei der Staffelstabübergabe bedankte sich Hannelore Loskill besonders bei den Mitgliedsverbänden des DBR und beim Team der BAG-Selbsthilfe, ohne das die Herausforderungen nicht zu meistern gewesen wären. Adolf Bauer lobt die Arbeit des DBR-Sekretariats und hofft, dass der SoVD dem Arbeitsethos der BAG-Selbsthilfe gerecht werden wird. Er begreift den DBR als ein Bündnis, das politisches Handeln durch Expertise unterstützt und wenn nötig kritisiert, um Fehler zu korrigieren und Behindertenpolitik auf die Zielgrade hin zur barrierefreien Inklusion behinderter Menschen zu leiten.

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/scgjlw1