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Inklusive Arbeitsmärkte in Krisenzeiten – Ein Gespräch mit Shekulo Tov (Israel)

Logo von Shekulo Tov
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Foto: Shekulo Tov

Berlin (kobinet) Shekulo Tov ist eine über ganz Israel hinweg arbeitende Organisation, die Menschen mit psychosozialen Behinderungen unterstützt ihren Weg in den sozialversicherungspflichtigen Arbeitsmarkt zu gehen und ein selbstbestimmtes und aktives Leben in der Gemeinschaft zu führen.

Für ihre innovative Arbeit sind sie bereits mehrfach ausgezeichnet worden. Darüber hinaus bietet Shekulo Tov (zu Deutsch: Alles wird gut) Integrative Unit Model-Strategien und Schulungen an, die international genutzt werden, um inklusive, allgemeine Arbeitsmärkte zu gestalten.

Shekulo Tov macht verschiedenste berufsfördernde Unterstützungsangebote, aus denen Nutzer*innen unmittelbar nach der Aufnahme in den Dienst wählen können: Berufliche Rehabilitation, Qualifizierungs- und Ausbildungsprogramme, Vorbereitungs-, Unterstützungs- und Begleitstrukturen für den beruflichen Aufstieg und unterstützte Arbeitsvermittlungen auf dem freien Arbeitsmarkt. Dutzende gemeindebasierte Berufsinitiativen in ganz Israel ermöglichen, dass Nutzer*innen bei Bedarf von einer Tätigkeit in eine andere wechseln können. So entsteht ein Sicherheitsnetz: Wenn Nutzer*innen aus irgendeinem Grund ihre Stelle auf dem freien Arbeitsmarkt nicht halten können, können sie sofort in die berufliche Rehabilitation zurückkehren. Nutzer*innen erhalten eine kontinuierliche, professionelle Begleitung und wählen selbstbestimmt ihren bevorzugten Weg.

Zentral ist hierbei nicht über konventionelle Hilfesysteme zu arbeiten (geschützte Arbeitsmärkte, Werkstätten, etc.), sondern mit modernen Arbeitsstrategien, in enger Kooperation mit den Arbeitgebenden und unter der Präferenz des individuellen Bedarfs, Arbeitsplätze barrierefrei zu gestalten. Dabei werden Nutzer*innen und Arbeitgebende intensiv durch Jobcoaches begleitet. Ziel ist also nicht Sonderarbeitswelten aufrecht zu erhalten, sondern inklusive Strategien auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu stärken und auszubauen.

Ich hatte das große Glück mit vier Mitarbeitenden von Shekulo Tov ein Interview zu führen, in dem sie mir über ihre Arbeitsmethoden erzählten, berichteten wie sie mit den Veränderungen rund um Corona umgegangen sind und wie sich die derzeitige angespannte Lage in Israel auf ihre Arbeit auswirkt.

Zur Organisation

Zunächst sei gesagt, dass die Mitarbeitenden bei Shekulo Tov sowohl aus ausgebildeten Fachkräften als auch ausgebildeten Peers besteht. Auf allen Entscheidungsebenen sind Menschen mit psychosozialen Behinderungen beschäftigt. Auch findet eine enge und regelmäßige Konsultation von Menschen mit psychischen Krisenerfahrungen statt, um die eigenen Arbeitsprozesse immer wieder zu verbessern.

Durch diese Organisationsstruktur erfüllen sie die Maßgabe der UN-BRK nach vollumfänglicher und wirksamer Partizipation von Menschen mit Behinderungen, wie sie auch der UN-Fachausschuss immer wieder einfordert (siehe z.B. Allgemeine Bemerkungen Nr. 7) und die UN-BRK klar vorgibt (u.a. Art. 3 c, Art. 4 Abs. 3 und Art. 39 UN-BRK). So wurde zum Beispiel Mitte des letzten Jahres ein Fond eingerichtet, über dessen Einsatz und Fördervergabe ausschließlich Menschen mit eignen Krisenerfahrungen, bzw. Nutzer*innen von Shekulo Tov entscheiden. Zuletzt wurden hierdurch sowohl technisches Equipment für die barrierefreie Internetnutzung, als auch Workshops, die Menschen dabei schulen Online-Tools zu nutzen, finanziert.

Bei Shekulo Tov sind circa 500 Mitarbeitenden beschäftigt und rund 6000 Nutzer*innen werden dabei unterstützt ihren Weg in den allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Hierfür gibt es verschiedenste Angebote (Rebooks, Good Coffee, Integrative Production Plants und vieles mehr). Circa 60 Jobcoaches begleiten Nutzer*innen individuell und bedarfsgerecht auf ihren Weg. Dabei pflegt Shekulo Tov einen intensiven Kontakt zu den (potentiellen) Arbeitsgeber*innen und unterstützt auch diese bei Fragen und Unsicherheiten. Ziel ist immer für alle eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Dies geschieht in den letzten Jahren mit verhältnismäßig großem Erfolg, so konnten 30 % der Nutzer*innen eine versicherungspflichtige Berufstätigkeit finden.

Veränderungen durch die Pandemie und die kriegerische Anspannung der letzten Wochen

Durch die Folgen der Pandemie sind zunächst sehr viele Arbeitsplätze gekündigt worden (circa 800 von den 1000 vorhandenen). Dies auch weil die israelische Arbeitsmarktpolitik während der Pandemie zügig Leistungen anbot, die arbeitslos Gewordene ohne viele Komplikationen unterstützte. Dennoch konnten bis heute wieder 900 Arbeitsplätze durch Shekulo Tov gesichert werden. Tal Neuberger (Leiter für Unterstützte Beschäftigung) vermutet, dass ohne die kriegerischen Auseinandersetzungen der letzten Wochen, die Quote von 1000 Arbeitsplätzen wieder erreicht hätte werden können.

Während der Pandemie wurden umfangreiche Online-Angebote und Meetings mit den gekündigten Arbeitnehmer*innen durchgeführt. Hier gab es die Möglichkeit Rechtsfragen zu klären und den Kontakt mit Arbeitgeber*innen aufrecht zu erhalten, die Arbeitssuche wurde unterstützt und darauf vorbereitet die Arbeit wieder aufzunehmen, wenn die Kontaktbeschränkungen gelockert oder aufgehoben werden. „Wenn der Arbeitsmarkt sich wieder öffnet, sind wir vorbereitet.“

Hagar Aloush (Leiterin Abteilung Rehabilitation) berichtet, dass die israelische Bevölkerung seit Jahren viele Veränderungen gewohnt ist und diese auch ziemlich zügig adaptiert. „Krisen sind irgendwie Routine für uns.“ Das Öffnen und wieder Schließen und Öffnen und wieder Schließen des letzten Jahres, hat aber auch ihre Arbeit vor neue Herausforderungen gestellt. Sie erzählt, dass bereits nach einer Woche Lockdown gemeinsam Strategien überlegt wurden, wie ihre Arbeit trotz der starken Kontakteinschränkungen fortlaufen kann. Ihr Arbeitskonzept beruht ja auf einem engen menschlichen Kontakt und vor der Corona-Pandemie gab es nur sehr begrenzt Online-Angebote von Shekulo Tov. Durch eine Kooperation mit der Europäischen Kommission erhielt Shekulo Tov ein Handbuch für digitale Orientierung. Dieses nutzten sie um eine eigene Umfrage unter den Nutzer*innen durchzuführen und so genauer die Bedarfe festzustellen.

Ein erster Schritt war die Erstellung einer Internetseite. “Wir starteten ein hybrides, interaktives Reha-Modell, das aus drei Elementen besteht. Erstens: Online-Aktivitäten, also Kurse und interaktive Sendungen zu verschiedensten Themen. Zweitens: Online-Trainings, so wurden geschützte Arbeitsplätze Online durchgeführt und sich auf E-Commerce konzentriert, dass heißt Produkte, die in den Arbeitsstätten produziert werden, werden zu den Kund*innen direkt nach Hause geliefert. Drittens: Der gesamte Peer-Support wurde auf Online-Lösungen umgestellt.“ So hat es Shekulo Tov unter anderem geschafft kaum Einbußen bei ihren Einnahmen durch ihre selbsthergestellten Produkte zu haben.

Außerdem wurden eigene Challenges und Aufmerksamkeiten für die Nutzer*innen kreiert, die einen bestmöglichen, intensiven Kontakt aufrechterhielten.

Nir Shabi (Leiter für gelebte Erfahrung) erzählt, dass der Peer-Support eine zentrale Rolle während der Pandemie hatte. Dabei unterstützten sich Erfahrungsexpert*innen nicht nur gegenseitig, sondern Nutzer*innen konnten auch Mitarbeitende unterstützen. So gab es eine Geschichte die Shabi erzählt. “Bei einer Bombenwarnung wurde eine Mitarbeiterin von uns sehr nervös. Nutzer*innen kamen zu ihr und gaben ihr menschliche Unterstützung und beruhigten sie. Vielleicht auch weil sie selber so gut Ängste kennen. So unterstützen wir uns bei Shekulo Tov alle gegenseitig!”

Die Fähigkeit der israelischen Bevölkerung mit Krisensituationen umzugehen, so vermutet Ophir Peleg (Leiter für internationale Öffentlichkeitsarbeit), hat insgesamt durch die Pandemie geholfen. Auch wenn Viele verunsichert waren Online-Tools zu nutzen und technische Barrieren gerade in ländlichen Gebieten abgebaut werden mussten, konnte durch eine schnell organisierte Begleitung durch Shekulo Tov auf die Bedarfe sowohl von Nuter*innen als auch Arbeitgebenden eingegangen werden. Der Kontakt zu den Arbeitgebenden, auch wenn viele Menschen gekündigt wurden, brach nie ab.

Vielmehr wurde die Zeit genutzt, Online Schulungen zu Arbeitsrechten, Bewerbungen und Fähigkeitstrainings anzubieten. Generell, so vermutet Peleg, herrscht in Israel eine große Offenheit gegenüber digitalisierten Lösungen, was vermutlich durch die bereits seit den 90er Jahren in Israel entstehende starke IT-Wirtschaft bedingt ist. Digitale Lösungen tragen in Israel zu einer erfolgreichen wirtschaftlichen Entwicklung maßgeblich bei.

Die Innovationen die auf Grund der Corona-Pandemie gemacht wurden, kommen Shekulo Tov aber auch nun, in der wieder stärker angespannten Krisensituation zwischen Israel und dem Palästinensergebiet, zu Gute. Wenngleich nach einem Jahr Pandemie viel Kraft nötig ist. Ohne Frage sind gerade die landesinternen Konflikte zwischen israelischen Juden und israelischen Arabern, wie sie sich auch in Straßenauseinandersetzungen zeigten, eine große Besorgnis. Shekulo Tov will unabhängig von den kulturellen Konflikten arbeiten. So sind sowohl jüdische, als auch arabische Menschen bei Shekulo Tov beschäftigt. Dem interkulturellen Austausch wird sehr viel Stellenwert für ein friedliches Zusammenleben beigemessen. „Die derzeitige inner-israelische Anspannung ist selbst für uns nicht Routine. Leider ist diese Anspannung sehr extrem geworden. Unsere Mitarbeiter*innen und Nutzer*innen sind aber sehr divers. Kulturelle und soziale Offenheit ist uns sehr wichtig“ so Peleg.

„Wir lachen viel und sind dabei wahrscheinlich nicht immer politisch korrekt. Jeder hat Angst, dass er durch die Anspannungen anders als zuvor gesehen wird. Hoffnung und Traurigkeit liegen nah beieinander, nicht alle Israelis haben das Glück so zu arbeiten wie wir.“

So erzählt Tal Neuberger, dass zum Beispiel jüngst eine Klientin einem Jobcoach berichtete, dass sie von nationalistischen Äußerungen jüdischer Kolleg*innen sehr verletzt gewesen sei. Diese richteten sich nicht gegen sie als Person, aber als arabische Israelin hat sie das sehr belastet. Leider, so kommentiert Peleg, ist gerade beim internen Konflikt in Israel, die friedlich Leben wollende Mehrheit, durch eine radikale Minderheit vereinnahmt. Diese Entwicklung ruft bei Allen große Besorgnis hervor.

“Unsere tägliche Erfahrung zeigt aber, dass ein Austausch über Ängste, Erfahrungen und eigene Behinderungen ein Zusammenwachsen möglich machen. Orthodoxe arbeiten mit LGBT Menschen zusammen und Juden mit Arabern. Sozialer Austausch stärkt unsere Gemeinschaft.”

Ein Jahr Pandemie und die nun wieder aufflammenden Konflikte machen die Arbeit nicht gerade leicht. Aber alle Vier sehen positiv in die Zukunft und wollen sich nicht unterkriegen lassen. Das Engagement und die positive Stimmung während unseres Interviews waren deutlich zu spüren. Ich die hier im sicheren Deutschland sitzt, habe nur eine begrenzte, eigentlich gar keine, Vorstellung davon was Krieg und Angst bedeuten.

Dennoch ist nach dem Interview klar, dass die Grundlage für die erfolgreiche Arbeit von Shekulo Tov, auch in Krisenzeiten und so auch von Shabi erläutert, die Etablierung und Aufrechterhaltung enger Vertrauensbeziehungen und die Transparenz der organisationsinternen Arbeitsprozesse ist.

„Sowohl Nutzer*innen, als auch Mitarbeitende rufen sich gegenseitig an und fragen auch einfach wie es geht, tauschen alltägliche Fragen aus. Der menschliche Zusammenhalt und regelmäßige Austausch schaffen ein wichtiges Gemeinschaftsgefühl.“

Davon kann man auch außerhalb Israels nur lernen!

Wie es zu dem Interview kam

Die gpe gGmbH steht in einem engen Kontakt und regelmäßigen Wissens- und Arbeitsmethodentransfer mit Shekulo Tov. Durch gegenseitige Besuche konnten sich sowohl Mitarbeitende als auch Peers bereits genauer kennenlernen. Daraus entstand ein reger Austausch.

Der gpe machte Kobinet auf die Situation in Israel aufmerksam und organisierte ein Interview mit Shekulo Tov. In Rheinland-Pfalz bietet die gpe gGmbH (Gesellschaft für psychosoziale Einrichtungen) vielstufige Erprobungs- und Arbeitsmöglichkeiten: vom Zuverdienstprojekt, über die Werkstatt bis zum Inklusionsarbeitsplatz oder auch Außenarbeitsplätze an. Begleitet werden die Teilnehmenden unter anderem vom ATRIUM der gpe gGmbH .

Berlin (kobinet) Kategorien Bericht

Kurzlink des Artikels: https://kbnt.org/segmt68


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