Trauer um Gotthilf Lorch

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Gotthilf Lorch am Mikrofon
Gotthilf Lorch am Mikrofon
Bild: ehFoto&Grafie Emilia Horpacsi

Tübingen (kobinet) Die Nachricht vom Tod von Gotthilf Lorch aus Tübingen, der langjährig in der Behindertenbewegung aktiv war, hat bundeweit viele Menschen berührt. Besonders aus Baden-Württemberg, wo Gotthilf Lorch auf verschiedenen Ebenen äusserst aktiv war, haben die kobinet-nachrichten zwei Nachrufe erreicht, die wir im folgenden dokumentieren.

Vom Forum & Fachstelle Inklusion des Sozialforums Tübingen erreichte uns folgender Nachruf:

Für eine inklusive Welt!

"Mein Name ist Gotthilf Lorch, ich bin 52 Jahre alt, verheiratet, habe Diplom-Sozialarbeiter (FH) studiert und arbeite als Inklusionsberater. Ich bin aufgrund einer Conterganschädigung auf Assistenz und einen Elektrorollstuhl angewiesen.“ Mit diesen knappen Worten stellte sich Gotthilf Lorch vor seiner Wahl zum Europawahl-Kandidaten der Partei DIE LINKE im Jahr 2014 vor. Er wurde damals auf den 16. Listenplatz gewählt. Er setzte sich sein ganzes Leben für ein gemeinsames Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderung und die Chancengleichheit trotz Unterschiedlichkeit Aller ein. Sein Motto: Für eine Inklusive Welt!

Der geübte und flotte E-Rollstuhlfahrer war auf dem Tübinger Ruckel-Altstadtpflaster zu Ortsterminen genauso streitbar unterwegs, wie in den kommunalen Gremien und Arbeitskreisen für Barrierefreiheit. Als Gründungmitglied des Clubs für Behinderte und ihre Freunde in Tübingen und Umgebung (CeBeeF) trug er ab 1988 als Vorstand die Anliegen der Vereinsmitglieder nach außen und in die Kommunalpolitik. Er wusste sich gut zu vernetzen und war eine treibende Kraft bei der Gründung des heutigen FORUM INKLUSION (früher "Koordinationstreffen Tübinger Behindertengruppen“) im Jahr 1987.

Damit nicht genug. Als erprobter Langstrecken-Chauffeur hinter dem Steuer seines auf seine Bedürfnisse umgebauten Kleinbusses fuhr er durch ganz Europa und immer gerne weit nach Osten. Dort unterstützte er mit dem von ihm 2001 gegründeten Verein "Allianz für Mobilität, Integration, Communikation und Innovation"/ AMICI (Rumänienhilfe) durch unzählige Fahrten und Transporte von Hilfsgütern Menschen mit Behinderung in Rumänien, später auch in Moldawien. Dort in Rumänien lernte er auch seine geliebte Frau Anitza kennen, die er wenig später heiratete. Selbst die weite Strecke zur russischen Partnerstadt Petrosawodsk scheute er nicht. Er sorgte auf diese Weise für einen intensiven Austausch mit Aktiven aus der weit nördlich in Karelien gelegenen Tübinger Partnerstadt.

In Tübingen und im Landkreis war Gotthilf Lorch in vielen Gremien präsent. Seit 2007 gehörte er dem Beirat der Volkshochschule Tübingen an. Im Jahr 2008 wurde er in den Vorstand des SOZIALFORUM TÜBINGEN e.V. gewählt und begleitete und unterstützte aus dieser Position heraus den Arbeitsbereich FORUM & Fachstelle INKLUSION. Im selben Jahr wurde er Mitglied der Partei DIE LINKE. Erste Erfahrungen in der Gemeinderatsarbeit Tübingen sammelte er ab 2009 als beratendes Mitglied im Ausschuss für Wirtschaft, Finanzen und Verwaltung. Im Jahr 2014 wurde er für die Partei DIE LINKE in den Gemeinderat gewählt. Auf Landkreisebene war er seit 2007 von Anfang an Mitglied im Arbeitskreis Teilhabe des Landkreises und vertrat diesen auch im Beirat Sozialplanung. Auf Landesebene war er 2007 Gründungsmitglied der Landesarbeitsgemeinschaft "Selbstbestimmte Behindertenpolitik“. 2018 wurde er in den Aufsichtsrat des Paritätischen Baden-Württemberg als Betroffenen-Vertreter gewählt. Viele weitere Aktivitäten wären an dieser Stelle zu nennen. In den letzten Jahren machte ihm manchmal seine Gesundheit einen Strich durch die Pläne und zwang ihn – widerwillig – zu Pausen. Sobald er wieder bei Kräften war, verfolgte er mit gewohntem Nachdruck seine Anliegen und Ziele: Für eine inklusive Welt!

Gotthilf Lorch verstarb völlig unerwartet am 20. Mai 2019 im Alter von knapp 58 Jahren.

Eine starke Stimme für Inklusion und Barrierefreiheit ist verstummt!

Wir verlieren einen streitbaren und nicht selten unbequemen und immer beharrlichen Weggefährten in der Sache und über allem einen guten Freund.

Wir sind sehr traurig und vermissen ihn sehr.

Vorstand und Team des SOZIALFORUM TÜBINGEN e.V.

 

Von Britta Schade vom Zentrum Selbstbestimmt Leben (ZsL) Stuttgart erreichte uns zudem folgender Nachruf:

Und schon wieder…

ist ein wichtiger Mensch aus der Selbstvertretungsbewegung für Menschen mit Behinderung gestorben. Gotthilf Lorch, aus Tübingen, bei uns im ZsL lange als Mitglied dabei, aktiv beim Lots*innenentzwerk, ein Streiter mit großem Herz für die Rechte von Menschen mit Behinderung. Am Montagmorgen ist sein Herz stehen geblieben und ich kann und will es nicht glauben.

Gotthilf Lorch war für mich der Mensch, der wie ich einen Contergan geformten Körper hatte, und sich für alle Menschen mit Behinderung eingesetzt hat, sowohl in der persönlichen Begleitung der Menschen wie öffentlich in der Politik und Gesellschaft. Er war bei der Partei der Linken politisch aktiv, war Mitkämpfer beim Aufbau eines Selbstvertretungsnetzwerkes in Baden-Württemberg, hat sich aktiv vor Ort für Menschen und Barrierefreiheit eingesetzt und vieles vieles mehr!

Und er war für mich ein Mensch der Gegensätze, er konnte streitbar und verbindend sein, er war in der linken Politik aktiv und gläubig. Er war lebensfroh, klug und feinfühlig und hatte immer wieder neue Ideen für das Leben der anderen Menschen, wie für seine Lebensgestaltung. Er war für mich Kollege und sicher noch vieles mehr! Ich werde dich sehr vermissen, ich kann es mir nicht vorstellen, wie es ohne dich sein wird.

Britta Schade