Jubiläum :10 Jahre Leben mit Autismus mit Alphaville

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Plakat zur Konzertankündigung mit Alphaville
Plakat zur Konzertankündigung mit Alphaville
Bild: Leben mit Autismus Bonn

Bonn (kobinet) Die 15jährige, selbst mit Autismus lebende, Inklusionsbotschafterin Joscha Röder interviewte vor kurzem ihre Autismustherapeutin und Vorsitzende des wissenschaftlichen Beirats des Vereins Leben mit Autismus Bonn / Rhein-Sieg / Eifel, Angela Sichelschmidt, zu den geplanten Aktivitäten zum 10jährigen Jubiläum des Vereins. Dort stehen am 25. Mai nicht nur Workshops und eine Fotoausstellung von Autisten für Autisten, sondern auch ein Auftritt von ALPHAVILLE auf dem Programm. Wir bedanken uns bei den beiden für die Möglichkeit des Abdrucks des Interviews.

Joscha Röder: Warum wurde der Verein gegründet?

Angela Sichelschmidt: Es gab damals einfach zu wenig Angebote für Menschen mit Autismus, keine Unterstützung im Freizeitbereich, kaum Möglichkeiten, sich über die Autismus-Spektrum-Störung zu informieren, geschweige denn Therapien. Vor zehn Jahren beschlossen betroffene Eltern und Fachleute, gemeinsam eine Verbesserung zu bewirken und daraus ist dann dieser Verein entstanden, Leben mit Autismus.

Joscha Röder: Was verbindest du mit deiner Arbeit für den Verein?

Angela Sichelschmidt: Für mich war immer das Wichtigste, direkt und spontan auf diese Menschen zu reagieren, die Hilfe brauchen. Meine Arbeit ist kein Nullachtfünfzehn-Job, sondern ich will Wirkung zeigen. Meine Arbeit ist vor allen Dingen immer sehr individuell ausgerichtet und sehr spezialisiert auf den jeweiligen Menschen. [Autist ist ja nicht gleich Autist.]

Joscha Röder: Wie verstehst Du Autismus?

Angela Sichelschmidt: Es ist eine besondere, eine andere Art der Wahrnehmung oder des Erkennens dieser Welt und eben auch ein anderes Reagieren auf unsere Welt, die ja doch sehr von Reizen oder von Überreizung geprägt ist. Autistische Menschen gehen anders damit um. Sie entwickeln dadurch natürlich eine ganz andere Form eines Verhaltens, für uns manchmal etwas befremdlich. Dennoch sind Bedürfnisse und die Ursprünge für Verhalten oft erstaunlich ähnlich, wie wir es auch bei uns selber kennen. Kein Nichtautist ist wie der andere. Auch Autisten sind individuell sehr verschieden. Oft wird übersehen, dass Menschen mit einer autistischen Ausprägung Möglichkeiten haben, kreativ zu sein, die beeindruckend sind. Diese führen eben zu sehr kreativen Lösungen oder Ergebnissen, die nicht falsch sind oder unangemessen. Nur anders. Es ist unsere Aufgabe, diese kreativen Wege als solche zu erkennen und zu würdigen.

Joscha Röder: Heißt das, die sogenannten Normalen sind gefordert, Autisten zu verstehen, nicht umgekehrt, dass sich Autisten ändern, anpassen müssen?

Angela Sichelschmidt: Ja, richtig, genau das verspricht die UN-Konvention! Ja, genauso sehe ich das!

Joscha Röder: Was sind für Dich die Highlights bei der Jubiläumsfeier?

Angela Sichelschmidt: Jede Menge Highlights! Begegnungen von allen, die in irgendeiner Form mit dem Thema Autismus in Berührung sind. Und Menschen, die mehr darüber erfahren wollen. Austausch ist ein Zauberwort. Zudem tolle Vorträge von Fachleuten und von Betroffenen. Dr. Peter Schmidt wird da sein. Er gilt als Betroffener und Experte in einem. Professor Doktor Vogeley wird aus wissenschaftlicher Sicht berichten. Eine junge Frau mit Asperger Syndrom wird zum ersten Mal auf der Bühne stehen, um ihre Wahrnehmung zu beschreiben. Darauf freue ich mich schon sehr, sie dort erleben zu können. Nicht zu vergessen eine Ausstellung mit Bildern und Fotographien von autistischen Künstlern. Rundum Angebote für jung und alt kommen dazu. Eines der größten Highlights wird sicherlich das Konzert von ALPHAVILLE am Abend sein.

Joscha Röder: Alphaville, sind das nicht die mit Forever Young oder auch Big in Japan? Das kennen wohl die meisten von uns, quer durch alle Generationen. - Einfach klasse, dass ALPHAVILLE Leben mit Autismus in dieser Form unterstützt. Du musst uns nachher noch unbedingt sagen, wo es Tickets gibt. Aber zurück zur Ausstellung: Kannst du mir etwas über die Fotoausstellung erzählen? Wer fotografiert was?

Angela Sichelschmidt: Das ist ein total spannendes Projekt. In meiner Beratung habe ich eine Asperger-Autistin kennengelernt, die wunderbare Fotos macht. Sie hat mir gezeigt, wie sie Fotos machen kann von Menschen mit Autismus aus einer autistischen Wahrnehmung heraus. Es macht mich neugierig: Wie wohl autistische Besucher Fotos von Autisten sehen, die Autisten sehen, das würde ich mir gerne näher anschauen. Vielleicht hilft uns das, ihre Sicht zu verstehen. Im Normalfall verlangen wir doch oft von ihnen, dass Autisten durch unsere Augen schauen. Lernen, wie wir, die Nichtbehinderten, sehen. Leider hat Angelika von Linden immer noch keine gescheite Ausrüstung für ihre Arbeit, ihre Kamera und ihr Laptop sind noch völlig unzureichend, um ihre autistische Sicht auf autistische Sicht sichtbar zu machen.

Joscha Röder: Habe ich dich richtig verstanden, dass ihr noch Spenden für eine neue Ausrüstung, Kamera und Laptop gebrauchen könntet?

Angela Sichelschmidt: Richtig. Wir haben ein Crowdfundingprojekt bei GoFundMe ins Leben gerufen für die freischaffende Künstlerin Angelika von Linden. Ihre Arbeiten schreien dringend nach einer Profi-Kamera. Wir wehren uns nicht gegen Spenden. Diese Fotografin verdient angemessenes Arbeitsmaterial.

Joscha Röder: Angela Sichelschmidt, was müsste sich noch ändern, um Autisten stärker zu integrieren?

Angela Sichelschmidt: Hauptsächlich brauchen wir die Bereitschaft und Lust, sie kennenzulernen. Genau das ist der Zweck unserer Veranstaltung zum Jubiläum. Es ist auch eine Einladung an alle: Schauen Sie sich Autisten aus der Nähe an. Sie beißen nicht. Wir sind alle froh, wenn wir wahrgenommen und nicht übersehen werden. Isolation ist Gift. Für uns alle. Wir alle brauchen Freunde. Nichtautisten wie Autisten wie ihre Angehörigen. Teilhabe, das tut uns allen gut!

Joscha Röder: Danke für das Interview.

Infos zur Veranstaltung am 25. Mai

25. Mai 2019: 10-Jähriges Jubiläum von LEBEN MIT AUTISMUS e.V. Bonn/Rhein-Sieg/Eifel Inklusionstag in Rheinbach, Stadthalle, 10:00 bis 17:00 Uhr; Ausstellung: Glaspavillion - Alles ohne Anmeldung, ohne Eintritt, einfach inklusiv: Herzlich Willkommen sind alle!

Benefizkonzert ALPHAVILLE, ab 20:00 Uhr, Einlass ab 19:00 Uhr, kostenpflichtig, 39,00 Euro im Vorverkauf; Tickets über koelnticket.de und Raiffeisenbank-Filialen Rheinbach, Swisttal-Odendorf, Grafschaft Ringen
Kontaktdaten in Bezug auf den Artikel: angela.sichelschmit@lebenmitautismus.de , joschadisney@gmail.com
Weitere Infos über Therapien, Freizeitangebote u. ä.: www.lebenmitautismus.de
Infos zur Veranstaltung: http://www.inklusionstag-rheinbach.de/

 

Link zu einem weiteren Beitrag von Joscha Röder

Offener Brief von Joscha Röder an Greta Thunberg vom 5. Februar 2019 in den kobinet-nachrichten