DVBS sieht Zug in falsche Richtung fahren

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Signal zeigt Halt
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Bild: hs

Marburg (kobinet) In der neuen Mobilitätsregelungen der Deutschen Bahn AG sieht der Deutscher Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf einen Schritt in die falsche Richtung. "Wer kennt sie nicht, die Probleme mit der Deutschen Bahn?" fragt dieser Verein in einer Pressemeldung - Jeder, der regelmäßig mit dem Zug unterwegs ist, weiß von Zugverspätungen, ausgefallenen Zügen, kurzfristigen Gleis- oder Wagenreihungsänderungen, verlorenen Reservierungen, Überhitzung oder ausgefallener Heizung oder Überfüllung zu berichten. Jetzt kommt für die, die ohnehin schon Unterstützung bei der Navigation im Öffentlichen Personenverkehr benötigen, noch eine zusätzliche Hürde hinzu: während bislang die Mobilitätsservice Zentrale (MSZ) der Deutschen Bahn AG allen Reisenden mit Mobilitätseinschränkungen für die gesamte Strecke und unabhängig vom Eisenbahnunternehmen Hilfestellungen anbot, ist dies nun anders.

Ab dem 1. Februar müssen sich behinderte Reisende für jede Teilstrecke, die mit einem Eisenbahnunternehmen stattfindet, das nicht mit der Mobilitätszentrale der Deutschen Bahn (MSZ) zusammenarbeitet, neu um Hilfeleistungen bemühen. Ursula Weber, erste Vorsitzende des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS), die selbst blind und sowohl beruflich als auch in der Vereinsarbeit viel mit der Bahn unterwegs ist, hat bislang fast ausschließlich positive Erfahrungen mit der MSZ der Deutschen Bahn gemacht. Doch befürchtet sie zukünftig enorme Schwierigkeiten auf allen Strecken, die keine Hauptverkehrsstrecken sind: „Ich war erschüttert, als ich las, dass die MSZ nur noch Umstiegshilfen für DB-eigene Unternehmen oder Kooperationspartner anbietet. Für viele Ziele, die nicht an Hauptstrecken liegen, bekomme ich dann keine Unterstützung über die MSZ mehr.“

Die Deutsche Bahn hat auf ihrer Homepage eine Liste zur Verfügung gestellt, die die Partner der Mobilitätsservice Zentrale auflistet. Es obliegt damit letztlich dem Reisenden, herauszufinden, welche Strecken seiner Reise mit einem solchen Partner oder eben einer nicht beteiligten Eisenbahngesellschaft stattfinden. Danach muss er sich gegebenenfalls für jede Zwischenstrecke neu um eine Mobilitätshilfe bemühen.

„Es war angenehm und einfach, bis einen Tag vor Abreise für die gesamte Strecke Unterstützung zu erhalten“, sagt Ursula Weber. „Mit der Änderung wird es erheblich schwieriger und aufwändiger, Reisen zu planen. Denn ob an allen Umstiegspunkten Unterstützung angeboten wird, steht noch in den Sternen.“

Dass dies eine schier unzumutbare Erschwerung einer Reise ist, die für die betroffenen Personen ohnehin oft schon schwer ist, steht wohl außer Frage. Wenn dann noch hinzukommt, dass diese Änderungen gerade mal einen Tag vor Inkrafttreten bekanntgegeben werden, ist der Skandal vollkommen. Bei Fragen über die Hilfe an Bahnhöfen, an denen ein Wechsel von der DB zu einer anderen Eisenbahngesellschaft stattfindet, verweist die DB an das entsprechende andere Unternehmen. Probleme werden also eher früher als später auftauchen, die von der DB bewusst in Kauf genommen werden – und ausgerechnet auf Kosten derer, die auf Unterstützung angewiesen sind.

In Zeiten, in denen „Barrierefreiheit“ und „Inklusion“ essentielle Bestandteile des öffentlichen Lebens sein sollten, ist dieser Schritt definitiv ein inakzeptabler, großer Schritt in die falsche Richtung. Der Deutsche Verein der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf verspricht, dies nicht wortlos hinnehmen und weiterhin das Gespräch mit der Deutschen Bahn AG suchen, aktiv bleiben und darüber berichten.

Lesermeinungen zu “DVBS sieht Zug in falsche Richtung fahren” (2)

Von Sven Drebes

Diese Regel gilt für Mebschen, die - wie Rollstuhnutzer - Einstiegshilfen in den / aus dem Zug brauchen, schon seit Jahren. Die DB AG gibt Anmeldungen nur an Unternehmen weiter, mit denen sie einen Vertrag geschlossen hat.
Da blinde Menschen aber eher Unterstützung auf dem Bahnhof brauchen, macht so eine Regel bei ihnen nicht einmal logisch Sinn. Während ich als Rollstuhlnutzer, wenn ich mit der ODEG von Berlin nach Cottbus fahre, wirklich nur jemanden brauche, der die im Zug befindliche Rampe zwischen Zug und Bahnsteig legt, wird die ODEG niemanden zum Berliner Hauptbahnhof schicken, der blinden Menschen den Weg zum Bahnsteig weist. Die Bahnhöfe liegen ja auch unbestreitbar in der Verantwortung der DB.

Von Bernd Kittendorf

Der Regional- und Nahverkehr auf der Schiene erfolgt derzeit keineswegs "eigenwirtschaftlich" - und die Auftraggeber berücksichtigen in den Ausschreibungen Barrierefreiheit oft schlechter als "stiefmütterlich". Wer sich schon über das Personal auf Zug und Strecke beim Betreiberwechsel nicht wirklich Gedanken macht, der wird sich auch darüber keinen Kopf machen.
An Grenzen von Verkehrsverbünden haben Fahrgäste überall im Land schon kennengelernt, wie kompliziert sogar der Fahrkartenkauf "über Grenzen hinaus" werden kann, wenn nur das zu einer Zeitkarte zusätzliche Stück noch bezahlt werden soll. Mühsam versuchen einzelne Bundesländer, zumindest in ihrem Zuständigkeitsbereich Einheitlichkeit in die Tarife zu bringen und haben ihre liebe Not mit den Egoismen der Provinzfürsten. Nun wird für Mobilitätseingeschränkte sogar innerhalb von Verbundgrenzen das Mitfahren mit solch einem Federstrich der DB deutlich komplizierter, von Fahrten in benachbarte Bundesländer und gar Nachbar-Staaten ganz zu schweigen.
Vermutlich stammt die neue Regelung von jemandem, der die DB als Konzern zerschlagen sehen will. Denn die Antwort der Politik sollte in einer Mobilitätszentrale (einer einzigen, nicht vielen) liegen, bei der jedes Unternehmen, das Fahrten zu Wasser, zu Lande oder in der Luft anbietet oder Verkehrsstationen vorhält, zwangsweise Mitglied sein muß, um überhaupt solche Leistungen anbieten zu dürfen oder gar staatliche Aufträge und Gelder erhalten zu können. Nein, Teil des DB-Konzerns sollte diese Mobilitätszentrale nicht wieder sein.
Die etwas mildere Alternative wäre eine gesetzliche Verpflichtung, daß die jeweils zuerst angesprochenen Stelle für die Abwicklung auf der ganzen Reisekette zuständig wäre - und das bei nicht längeren "Fristen" als bisher. Kann das klappen - meiner Ansicht nach nicht.
Das so weiter laufen lassen zeigt, daß politische und persönliche Einverständnis mit "Nachteile auf den zuvor Benachteiligten abladen, weil die es gewohnt sind"...

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