Der Tag, an dem ich Goliat traf

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Alex Ernst
Alex Ernst
Bild: Tim-Thilo Fellmer

Berlin (kobinet) Unter dem Motto "Der Tag, an dem ich Goliat traf" hat die Buchautorin und Inklusionsbotschafterin Alex Ernst den kobinet-nachrichten einen Bericht über eine Schulung zur Veröffentlichung gestellt, die sie vor kurzem durchgeführt hat.

Der Tag, an dem ich Goliat traf

Bericht von Alex Ernst

Dies sollte keine »Normale« Schulung für mich sein, dies sollte die Schulung des Jahres für mich werden.

Doch fangen wir von vorne an.

Ich war eine von 7,5 Millionen Menschen in Deutschland die nicht ausreichend lesen und schreiben konnten.
Ich war funktionale Analphabetin.
Der Weg zum besseren Schreiben war ein langer und anstrengender Weg, doch dass jetzt hier niederzuschreiben würde den Rahmen sprengen.
Vielleicht nur so viel, mittlerweile kann ich gutschreiben und bin sogar Autorin übersetze und prüfe Texte in leichter Sprache.

Klar Fehler passieren und das kleine Fehlermonster begleitet mich auch hier im Text. Dennoch habe ich mich dafür entschieden, nach dem mir der Vorschlag gemacht wurde, einmal ganz gegen meine Angst vor Bloßstellung zu handeln. Ich lasse diesen Text nicht korrigieren.
Die Kommasetzung ist ehr geraten und nach Gefühl, fast wie ein Sechser im Lotto.
Bei sechs Richtigen bin ich Komma Millionärin.

Spaß bei Seite, jetzt wird es ernst.
Immer wieder werde ich angefragt, ob ich nicht Zeit und Lust hätte eine Gemeinsame Schulung zum Thema Funktionaler Analphabetismus zu leiten.
Und so auch an diesen Tag.
Mittwochmittag, ich stehe in der alten Villa, in der die Schulung stattfinden soll und erfahre wem ich gleich vor mir haben werde.
Das Sozialamt meines Bezirkes!

Mein erster Gedanke; Heiliger Bimbam, hätte ich doch mal vorher gefragt.
Dazu müssen sie wissen, ich bekomme Assistenz von genau diesem Sozialamt finanziert.
Meine Erfahrungen mit diesem Amt sind leider alles andere als schön.
Hier wurde ich zu tiefst diskriminiert, bloßgestellt und meine Selbstbestimmtheit wurde mit Füßen getreten.
Hilfen wurden mir systematisch versagt. So dass es mir noch Wochen nach diesem Erlebnis schlecht ging.
Gegen dieses Amt, bzw. Mitarbeiter habe ich eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingeleitet.

Und nun stehe ich diesen scheinbar unbezwingbaren Goliat gegenüber.
Also hieß es für mich, tief durchatmen, Augen zu und durch.

Nach und nach trudelten die Mitarbeiter ein, so dass mein Herz tiefer in die Hose rutschte.

Da war der Leiter der Wiederspruchstelle.
Da war eine Dame, für genau meine Abteilung Einzelfallhilfe und Assistenz.
Da war ein Mensch, der für die Entscheidung der gesetzlichen Betreuung zuständig war. Und noch einige andere.
Ich bin mir sicher, dass der ein oder andere meinen Namen schon mal gelesen hat, was die Sache nicht leichter machte.

Nach einer kurzen Aufwärmübung, in der jeder der Teilnehmer den eigenen Namen mit der schwächeren Hand schreiben musste, ging es mir schon besser. Habe ich doch deutlich sehen können das auch die Mitarbeiter so ihre Schwierigkeiten damit hatten.

Als es dann ans Eingemachte ging und wir an dem Punkt Leben mit funktionalem Analphabetismus kamen, habe ich von meinen Erfahrungen berichten.
Welche Strategien habe ich für mich entwickelt? Welchen Umgang hatte ich mit meinem Handicap?
Und wie habe ich es geschafft aus diesem Kreislauf herauszukommen.
Hier wurde es Magisch, alle hingen mir an den Lippen, hörten aufmerksam zu, ja lernten sogar etwas von mir. Von der Frau die sonst immer Bittsteller bei ihnen ist, sie hörten mir zu stellten Fragen und wollten von mir Bestätigt werden.

Nun war ich plötzlich in der Position des Lehrers.
Diese Erfahrung ist so unglaublich und befremdlich zu gleich gewesen.
Am Ende der Schulungen, kamen einige Mitarbeiter auf mich zu, sprachen mir ihren Respekt und ihre Bewunderung aus. Lobten mich für das was ich geschafft habe.
Eine Dame hat den Wunsch geäußert mich kontaktieren zu dürfen, damit ich Texte in leichte Sprache für sie übersetze.

Diese Erfahrung hat mich einige cm wachsen lassen, denn für ein Moment war ich nicht die Behinderte die Hilfe sucht, sondern die »Lehrerin« die den Mitarbeitern Zeigt wo der Hase langläuft, in ihren Thema als Fachperson und als Meisterin.