Vom beforschten Objekt zum forschenden Subjekt

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Ellen Keune vor dem Konferenzbanner der Disability-Studies-Konferenz in Berlin
Ellen Keune vor dem Konferenzbanner der Disability-Studies-Konferenz in Berlin
Bild: Ellen Keune

Schorndorf (kobinet) Die Inklusionsbotschafterin Ellen Keune wünscht sich, dass Menschen mit Behinderung vom beforschten Objekt zum forschenden Subjekt werden. Deshalb hat die Beraterin im Rahmen der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung (EUTB) im Oktober letzten Jahres an der Disability Studies Konferenz in Berlin teilgenommen, für die nun die Dokumentation einer Reihe von Vorträgern vorliegt. kobinet-Redakteur Ottmar Miles-Paul sprach mit Ellen Keune über ihre Arbeit als Beraterin und was sie von der Disability-Studies Konferenz in die Praxis mitgenommen hat.

kobinet-nachrichten: Als Inklusionsbotschafterin haben Sie sozusagen den direkten Sprung von der Uni ins Arbeitsleben mit einer Beschäftigung in einer ergänzenden unabhängigen Teilhabeberatungsstelle (EUTB) geschafft. Was machen Sie nun genau und warum lässt Sie die Wissenschaft nicht los?

Ellen Keune: Da mein Sprung von der Hochschule ins Arbeitsleben sozusagen über Nacht passierte, fühlt es sich für mich genaugenommen an, als hätte ich daran gar nicht viel geschafft. Das Schaffen an sich – und man kann es eigentlich teilweise auch Erschaffen nennen - erlebe ich derzeit tagtäglich, wenn ich gemeinsam mit meinen EUTB-Kolleginnen und –Kollegen an einem bundesweit flächendeckenden Beratungsstellennetz für Menschen mit (drohender) Behinderung und deren Angehörige arbeite. Konkret bedeutet das für meine Arbeit in der Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatungsstelle in Waiblingen, dass ich Menschen berate, die hauptsächlich aus dem Rems-Murr-Kreis, aber auch aus anderen Gegenden kommen. Die Ratsuchenden kommen mit ganz unterschiedlichen Fragen zu allen Themen rund um Teilhabe mit und für Menschen mit Behinderung. Einige stehen vor großen Entscheidungen, wie zum Beispiel welchen Beruf will und kann ich erlernen, andere wollen eine inklusive Wohngemeinschaft gründen und brauchen erstmal ein Brainstorming um zu wissen, woran sie alles denken sollten und wieder andere möchten einfach nur wissen, woher sie finanzielle Unterstützung bekommen könnten, um endlich die benötigte Therapie machen zu können, die die Krankenkasse aber nicht zahlt.

Oftmals sieht man im Praxisalltag nur einen kleinen individuellen Teil eines gesamtgesellschaftlichen Phänomens. Interessant finde ich bei allem die Frage, was mit wem und wie zusammenhängt. Wissenschaft nimmt oft die Adlerinnen-Perspektive ein, oder untersucht ein Thema bis ins kleinste Detail. Dadurch können neue oder erweiterte Modelle und Theorien entstehen, die wiederum im Praxisalltag nützlich sein können. Es gibt meiner Meinung nach Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft und Praxis, die für beide Seiten hilfreich sind und nur im Zusammenspiel und Austausch – in meinem Fall die Soziale Arbeit – zukunftsfähig machen.

kobinet-nachrichten: Sie haben letztes Jahr an der Konferenz zu Disability Studies in Berlin teilgenommen, für die nun die Dokumentation der Beiträge im Internet vorliegt. Wie war das für Sie auf der Konferenz und was ist bei Ihnen hängen geblieben?

Ellen Keune: Am stärksten beeindruckt hat mich die unglaublich respektvolle und freudige Atmosphäre. Es herrschte bei den meisten eine große Neugier, was die Forschenden wohl zu berichten haben und welche neuen Erkenntnisse es gibt. Die Stimmung war ein bisschen eine Mischung aus Stolz und Hochachtung vor dem, was die Disability-Studies, sowie auch beispielsweise die Mad-Studies und Deaf-Studies geleistet und erreicht haben und einer Aufbruchstimmung dahingehend, diese Forschungsrichtung weiter voranzutreiben, aber auch Grenzen neu zu diskutieren. Inhaltlich sind mir noch viele Vorträge, Workshops, aber auch intensive Gespräche in den Pausen lebhaft in Erinnerung. Es ist schwierig jetzt alle Themen zu benennen, da es sehr umfangreich ist. Wer sich näher dafür interessiert, kann sich die Videos der Key-Note-Vorträge unter https://disko18.de/videos/ oder auf YouTube auf https://www.youtube.com/channel/UC9zE96-KBcFDYkNe-D-k7zA ansehen. Was natürlich auch bleibt, ist ein Disability-Studies-Netzwerk, welches gerade aufgebaut wird.

kobinet-nachrichten: Disability Studies klingt erst einmal abgehoben, welche konkrete Relevanz hat dies für Sie in Ihrem Wirken in der EUTB bzw. als Inklusionsbotschafterin?

Ellen Keune: In meinem Wirken als Peer-Beraterin und Inklusionsbotschafterin bedeuten die Disability Studies handlungs- und sprachfähig zu bleiben und zu werden. In Diskussionen mit Entscheidungsträgern ist es oft unglaublich wichtig, verschiedene Argumentationslinien zu kennen und anbringen zu können. Ebenso hilfreich ist dies oft im konkreten Beratungsgespräch, wenn Ratsuchende beispielsweise mit Entscheidungsfragen zu mir kommen. Da sehe ich meine Aufgabe darin, über Möglichkeiten, Risiken, Chancen, sowie Vor- und Nachteile zu informieren und das geht nur, wenn ich selbst gut informiert bin, bzw. die entsprechenden Informationsquellen kenne. So habe ich bei der Konferenz durch einen Key-Note-Vortrag von Prof. Dr. Christian Rathmann u.a. fundierte Argumente zum Thema Cochlea-Implantat bei Säuglingen mitbekommen, die in der Beratung von ratsuchende Eltern sicherlich hilfreich sein werden. Außerdem sind die Disability-Studies oft der Ursprung für neue Projektideen, die ich als Inklusionsbotschafterin umsetze.

kobinet-nachrichten: Wenn Sie Wünsche an die Wissenschaft frei hätten, welche wären dies?

Ellen Keune: Ganz im Sinne des Mottos und vor allem der Forderung der Selbstbestimmt-Leben-Bewegung "Nichts über uns ohne uns" wünsche ich mir nicht nur mehr Forschungen über Inklusion, sondern eine inklusivere Forschung an sich. Partizipation bedeutet für mich, dass Forschungsergebnisse so aufbereitet und dargestellt werden, dass sie von möglichst allen erfasst und verstanden werden können. Es bedeutet aber vor allem auch, dass in diesem Fall Menschen mit Behinderung vom beforschten Objekt zum forschenden Subjekt werden. Erfreulich wäre das natürlich auch bei den Begleitforschungen zur Ergänzenden Unabhängigen Teilhabeberatung und zum InklusionsbotschafterInnen-Projekt. Dass dies nicht immer einfach sein wird, ist klar, aber eine ehrliche Inklusion bedeutet eben Anstrengung von allen Beteiligten und ich glaube fest daran, das wird sich lohnen.

kobinet-nachrichten: Vielen Dank für das Interview.

Ellen Keune: Sehr gerne, vielen Dank für die anregenden Fragen und Ihr Interesse.

 

Link zu den Videos der Key-Note-Vorträge der Disability-Studies-Konferenz unter https://disko18.de/videos/ oder auf YouTube auf https://www.youtube.com/channel/UC9zE96-KBcFDYkNe-D-k7zA