Kann ein Hilfsmittel Blinde wieder sehend machen?

Veröffentlicht am von Ottmar Miles-Paul

Markus Ertl
Markus Ertl
Bild: Markus Ertl

Lenggries (kobinet) "Blinde können wieder sehen", so oder so ähnlich lauten die Überschriften in der Presse, welche über die ORCAM MyEyes berichten. Ja, die Kamera erkennt Text, gegen Aufpreis auch sehr unzuverlässig Gesichter, wie Markus Ertl berichtet. Der Inklusionsbotschafter muss bei solchen Schlagzeilen schmunzeln und an eine Szene aus dem Film "Das Leben des Brian“ denken, in dem ein Blinder enthusiastisch verkündet: "Ich war blind und jetzt kann ich wieder sehen, der Meister hat mich geheilt“, woraufhin er seinen Blindenstock wegwirft, den einen Schritt nach vorne macht und in eine Grube stürzt. Alle bestaunen nur das vermeintliche Wunder, ohne es kritisch zu hinterfragen. Markus Ertl setzt sich daher kritisch mit der Frage auseinander, ob ein Hilfsmittel blinde Menschen wieder sehend machen kann.

Kann ein Hilfsmittel Blinde wieder sehend machen?

Bericht von Markus Ertl

Was heißt eigentlich sehen? Ist es die visuelle Wahrnehmung von Dingen mit den Augen oder die bloße Wahrnehmung von Dingen über andere Sinneskanäle mit Hilfsmitteln? Auch wenn ich gerne sage, ich sehe oft mehr, als viele andere Menschen, meine ich selbst aber nicht das visuelle, sondern die Wahrnehmung über andere Sinneskanäle, das Gehör, meinem Geruchsinn, die Wahrnehmung von kalt und warm, von windig, sonnig auf der Haut, auch meinen Geschmackssinn. Sollte mit diesem Gerät das Wahrnehmen von Dingen gemeint sein, dann kann ich das bereits auf eine andere Art und Weise, oft besser als viele andere Mitmenschen.

Ist die visuelle Wahrnehmung gemeint, dann ist die Aussage, ich könnte wieder sehen, schlicht weg gelogen. Dieses Gerät wandelt optisch wahrnehmbare Reize in Sprache um, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das gute dabei ist, es ist klein, autark und in der Wandlung des Reizes in die für Blinde wahrnehmbare Form sehr schnell.

Ist es für Blinde dennoch ein must have?

Für den Preis, nein!

Ein Gerät, welches nur unter guten bis mittelguten Bedingungen Text erkennt und Gesichter, welche ich ihm selbst lernen muss und diese aber nicht zuverlässig erkannt werden, ist kein must have. Es wird auch noch geworben, dass Geldscheine zuverlässig erkannt werden. Ok. Dass kann hilfreich sein.

Aber rechtfertigt es einen Preis von Euro 4.500,00 Euro?

Ich sehe sogar eine große Gefahr darin, dass bei Sehenden diese Wunder-Wahrnehmung ankommt und jeder nun  eint, dass Blinde mit so einem Teil ihr Leben auf normale Weise bestreiten können. Auch aus der Sicht eines blinden Menschen finde ich das Konzept nur vielversprechend. Es sind aber die Feinheiten in der Praxis, welche mir die Arbeit mit der ORCAM unsinnig erscheinen lassen. Ich kann mir Straßenschilder vorlesen lassen, aber wo sind diese? Ich kann mir einen Brief vorlesen lassen, aber ist das Dokument richtig herum. Ich kann mit einem Fingerzeig auf einen Text deuten und dieser wird für mich vorgelesen, so zum Teil ein Artikel in einer Zeitung, aber wie kann ich als Nicht-Sehender den Text mit dem Fingerzeig fixieren? Sollte das Gerät nur Menschen erkennen, die ich schon einmal getroffen habe, ist es ja mein Hörvermögen, welches für mich zuverlässiger die Person erkennen lässt.

Wirbt die Herstellerfirma für die ORCAM als Hilfsmittel für Sehbehinderte/Seheingeschränkte, so ist sie jedoch als Hilfsmittel für Blinde im Hilfsmittelkatalog gelistet, wird von Hilfsmittel-Firmen für Blinde empfohlen und auch in vielen Pressetexten als DAS Hilfsmittel für Blinde beschrieben. Dennoch, wenn es die Krankenkasse bezahlt, ist es für manche automatisch dieses "Muss ich dringend haben“ und die gut daran verdienende Hilfsmittel-Firma wird mich nicht bremsen.

Was sind meine Alternativen zu dieser ORCAM?

Ich selbst möchte es nicht missen, Informationen auf einem digitalen Wege, aber barrierefrei!, erfassen zu können und dass ich die Wahl habe, ob auditiv oder taktil. Dies kann ich mit meiner Braillezeile und/oder Sprachausgabe über viele andere Geräte. Hier kann ich dann aber nicht nur für den nötigen input sorgen, sondern auch in die entgegengesetzte Richtung arbeiten. Mit PC, Tablett und Smartphone ist dies mittels einer Screenreadersoftware gut möglich. Geldscheine sind mittlerweile von 5 Euro bis 50 Euro fühlend zu erkennen. Menschen erkenne ich an der Stimme und lieber stärke ich diese, meine Sinneskompetenz noch weiter.

Auf meinen Smartphone habe ich unterstützende Apps, Tabtabsi und Envisio AI, welche, zwar nur online, aber dennoch den Dienst einer Objekt- oder Texterkennung schnell auch einmal mobil erledigen können. Und dieses Teil habe ich immer mit dabei.

Deshalb wünsche ich mir . .

- dass viel mehr an Literatur und Informationen in der digitalen Form barrierefrei gemacht werden, um mit herkömmlichen Hilfsmitteln eindeutig arbeiten zu können

- dass die Presse nicht mit Überschriften suggeriert, dass Blinde wieder sehen könnten

- dass viele Blinde auf ihre anderen Sinne vertrauen, denn diese haben wir ja eh immer dabei

- dass es Hilfsmittel auch zu einem erschwinglichen Preis gibt und nicht durch die Kostenübernahme von Krankenkassen der Marktpreis subventioniert hoch gehalten wird.

Und es wird sicherlich auch blinde Menschen geben, welche durch eine ORCAM MyEyes wieder sehen können, bitte aber künftig mit einer kritischeren Betrachtung dieser Aussage.

Link zu Informationen zur ORCAM / MY READER / MyEye

Link zu einem Artikel über das Hilfsmittel

 

Lesermeinungen zu “Kann ein Hilfsmittel Blinde wieder sehend machen?” (1)

Von Sehzeichen

EIn guter, ausgewogener Erfahrungsbericht eines blinden Menschen. Ich selbst bin sehbehindert, kann Gedrucktes noch lesen, zunehmend mit Mühe. Diverse Hilfsmittel für Sehbehinderte, wie Hörbücher, elektronische und andere Leselupen und Bildschirmlesegeräte habe ich probiert und nutze sie. Für mich ist die OrCam inzwischen (seit einem halben Jahr) zu DEM Hilfsmittel bezüglich des Lesens geworden. Sie ist schnell und flexibel. Ich kann noch sehen, wohin ich zeige. Für mich ist, zum ersten Mal seit langer Zeit, das Blättern in Zeitschriften wieder möglich. Ich lese mit der OrCam Bücher in einer Geschwindigkeit, die ich mit anderen Hilfsmitteln niemals mehr schaffe. Ich sehe die OrCam als ein spezielles Hilfsmittel für Sehbehinderte, würde sie keinem Blinden empfehlen. Insofern kann ich den im Beitrag genannten Fakten nur zustimmen. Aber ich bin sehr daran interessiert, dass das Projekt weiterläuft und entwickelt wird. Für mich gibt es da bisher keine Alternative. Ich würde mich freuen, wenn sich auch andere Sehbehinderte mehr zu unserer speziellen Hilfsmittelsituation äußern würden.

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