Bayern fördert weiter Sondereinrichtungen

Veröffentlicht am von Andreas Vega

Daumen runter
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Bild: omp

„Mittendrin statt nur dabei“ – unter diesem Motto steht eine Pressemitteilung der bayerischen Sozialministerin Schreyer. Mit knapp 3,8 Millionen € investiert der bayerische Freistaat in eine weitere Sonderwelt für Menschen mit Behinderung. Auf dem Land werden in Oberbayern außerhalb von Ingolstadt 24 Wohnplätze für Menschen mit Behinderung gerichtet.

Angeschlossen an diesem Wohnprojekt ist eine sogenannte Förderstätte. Dort werden Menschen „beschäftigt und gefördert“, die eine beschützenden Werkstatt für behinderte Menschen nicht oder noch nicht besuchen können. „Ziel ist es, sie zum Berufsbildungsbereich einer Werkstatt hinzuzufügen, die Folgen der Behinderung zu mildern, ihnen eine Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen und ihre Familien zu entlasten“, so heißt es in der Pressemitteilung.

Hingewiesen wird auch auf eine Internetseite, in dem das Konzept der Förderstätten näher erläutert wird. Auf dieser Internetseite heißt es unter anderem: „…sind zwischen den Einrichtungsträgern, den Bezirken (Kostenträgern) und dem Bayerischen Sozialministerium nachfolgende Eckpunkte abgestimmt worden. Diese sollen zum einen den betroffenen Menschen mit Behinderung und ihren Angehörigen die Sicherheit geben, dass lebenslang eine bedarfsgerechte Versorgung gewährleistet wird. Zum anderen haben sie zum Ziel, den Trägern von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung einen verlässlichen Rahmen für deren Planungen zur Verfügung zu stellen.“ Dies scheint eine spezielle bayerische Interpretation der UN Behindertenrechtskonvention zu sein.

Lesermeinungen zu “Bayern fördert weiter Sondereinrichtungen” (13)

Von kirsti

Liebe Inge Rosenberger!
Die Überschrift des Artikels lautet eindeutig: „Bayern fördert weiter Sondereinrichtungen“. Auch wenn man die dazugehörige Internetseite aufruft, geht es um „Sondereinrichtungen“ welcher Couleur auch immer. Auch dies kommt in den Lesermeinungen klar zum Ausdruck. Mit „Sondereinrichtungen“ sind alle Sondereinrichtungen, die Sie aufzählen, gemeint. Dass die Lebenshilfe- Einrichtungen unter diesen „Sondereinrichtungen“ regional und lokal die größten und zum Teil einzigen darstellen, steht auf einem andern Blatt. Vielerorts gibt es für die Betroffenen überhaupt keine andere Auswahlmöglichkeit unter den „Sondereinrichtungen“ als den etablierten Lebenshilfe-Einrichtungen. Und diese Sondereinrichtungen widersprechen der Wahlfreiheit und dem Inklusionsgedanken, der in der UN-BRK gemeint und gefordert wird.
Grüße

Von Inge Rosenberger

In unserer Region setzt sich die Lebenshilfe noch am meisten für die Menschen mit (schwersten) Behinderung ein. Dass das in anderen Regionen anders läuft, ist mir durchaus bewusst. Dennoch stört mich diese Fixierung auf das Fehlverhalten eines einzigen dieser Verbände.
Es gibt fünf Fachverbände, die sich in ihren politischen Aussagen abstimmen und auch gemeinsam veröffentlichen:
Bundesverband evangelische Behindertenhilfe e.V.
Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen e.V. (seit 2004)
Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.
Caritas Behindertenhilfe und Psychiatrie e.V.
Bundesverband anthroposophisches Sozialwesen e.V.
Quelle: https://www.diefachverbaende.de/die-fachverbaende/
Bei all denen stimmen die Hochglanzprospekte nicht mit der Realtität und unseren Erfahrungen überein.

Die Rahmenbedingungen sind schlecht, weil diejenigen, die diese Kostensätze vereinbaren, nur eine betriebswirtschaftliche Ausbildung und keine in sozialen Berufen haben. Die Bedingungen sind schlecht, weil die Einrichtungsträger in einem Abhängigkeitsverhältnis den Kostenträgern gegenüber stehen und deshalb viel zu oft Rahmenvereinbarungen abschließen, die völlig ungenügend sind.
Die Bedingungen sind schlecht, weil die Kostenträger die Einrichtungsträger untereinander ausspielen: https://www.infranken.de/regional/kitzingen/Die-Lebenshilfe-ist-empoert;art218,436856

Meine grundsätzliche Forderung habe ich bereits mehrfach eingestellt: für jeden Menschen mit Behinderung muss es ein gesetzlich verankertes Anrecht und eine Wahlmöglichkeit für eine geeignete Tagesstruktur mit einem personengebundenen Budget ermöglicht werden. Dies kann in den bereits vorhandenen Einrichtungen der Eingliederungshilfe (WfbM oder Tagesförderstätte) geschehen, am so genannten freien Arbeitsmarkt oder auch in Eigenregie. Eine solche Wahlfreiheit würde auch bewirken, dass die Angebote sich entweder nach den Wünschen und den Bedarfen der behinderten Menschen ausrichten oder überflüssig würden.

Von Rosa

@Inge Rosenberger

"Pauschal" ? Was nützt die Wahlfreiheit, wenn sie der LH-Ein-richtungsträger nicht gewähren will, weil angeblich die Rahmenbedingungen fehlen? Und warum fehlen sie?

Inklusion bedeutet doch, ALLE mitzunehmen und KEINEN
zurückzulassen?
TEILHABE statt AUSGRENZUNG - ist das nicht der Wahlspruch den die LH vor sich herträgt?

Allerdings muss man Inklusion auch WOLLEN und MACHEN und das tut die LH gerade nicht, wie wir hier im Forum alle wissen.

@kristi
@behindert im system

Danke für Ihre Beiträge. Sie haben alles Notwendige gesagt.

Beste Grüsse und Allen einen guten Rutsch ins Neue Jahr!


Von Behindert_im_System

Was machen eigentlich die, welche die Nutznießer dieses ´§ 5 sind und doch eigentlich nichts anderes tun als dass umzusetzen, was ihnen eingeräumt ist und von unseren tollen Verbänden mit deren abnicken, sich ermöglichen lässt?

Mich wundert immer nur, dass bei der ganzen Diskussion, welche wir berechtigt führen, jene dann aus den Verbänden am lautesten schreien, welche in so manchen Anhörungen sei es als Sachverständiger, oder als sonstigem teilgenommen haben, vermitteln wollen, das Ergebnis würde sich keinesfalls mit dem decken für was sie gekämpft hätten.

Nur die Nachweise eines entsprechenden Kampfes einzelner Personen, bleiben viele bis zum heutigen Tag uns Opfern dieser schlechten Ergebnisse schuldig. Man hat den Eindruck, wenn der Scheck winkt und der Geldbote kommt, dann wird so manches akzeptiert, denn zum Selbstzweck können ja andere dann die Sau durchs Dorf treiben, wenn sie nicht mit vielem einverstanden sind.

Von Behindert_im_System

Egal wie wir uns ereifern, dies ist der Persilschein für die LH und alle anderen.

Sozialgesetzbuch (SGB) Zwölftes Buch (XII) - Sozialhilfe - (Artikel 1 des Gesetzes vom 27. Dezember 2003, BGBl. I S. 3022)

§ 5 Verhältnis zur freien Wohlfahrtspflege

(1) Die Stellung der Kirchen und Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechts sowie der Verbände der freien Wohlfahrtspflege als Träger eigener sozialer Aufgaben und ihre Tätigkeit zur Erfüllung dieser Aufgaben werden durch dieses Buch nicht berührt.

(2) Die Träger der Sozialhilfe sollen bei der Durchführung dieses Buches mit den Kirchen und Religionsgesellschaften des öffentlichen Rechts sowie den Verbänden der freien Wohlfahrtspflege zusammenarbeiten. Sie achten dabei deren Selbständigkeit in Zielsetzung und Durchführung ihrer Aufgaben.

(3) Die Zusammenarbeit soll darauf gerichtet sein, dass sich die Sozialhilfe und die Tätigkeit der freien Wohlfahrtspflege zum Wohle der Leistungsberechtigten wirksam ergänzen. Die Träger der Sozialhilfe sollen die Verbände der freien Wohlfahrtspflege in ihrer Tätigkeit auf dem Gebiet der Sozialhilfe angemessen unterstützen.

(4) Wird die Leistung im Einzelfall durch die freie Wohlfahrtspflege erbracht, sollen die Träger der Sozialhilfe von der Durchführung eigener Maßnahmen absehen. Dies gilt nicht für die Erbringung von Geldleistungen.

(5) Die Träger der Sozialhilfe können allgemein an der Durchführung ihrer Aufgaben nach diesem Buch die Verbände der freien Wohlfahrtspflege beteiligen oder ihnen die Durchführung solcher Aufgaben übertragen, wenn die Verbände mit der Beteiligung oder Übertragung einverstanden sind. Die Träger der Sozialhilfe bleiben den Leistungsberechtigten gegenüber verantwortlich.

(6) § 4 Abs. 3 findet entsprechende Anwendung.



Von kirsti

@ Inge Rosenberger
Vollkommen einverstanden, wenn sie von Wahlfreiheit sprechen. Die Wahlfreiheit jedes Menschen, behindert oder nicht, steht an erster Stelle. Und man darf es einmal formulieren dürfen: Jeder behinderte Mensch ist anders; gleichmachen gilt weder unter Nicht-Behinderten sowie unter Behinderten. Aber ist es nicht so: Die Lebenshilfe – hier als Platzhalter vieler anderer „Behindertenhelfer“ - agiert an vielen Stellen und Orten genau gegen diese Wahlfreiheit und für das Gleichmachen. Sie ist oft eindimensional ausgerichtet. Behinderte sind behindert, damit unterliegen sie einem Verdikt, dem Nicht-Behinderte nicht ausgeliefert sind. Und diese heißt nun einmal Aussonderung und widerspricht somit der Wahlfreiheit, die besonders in Lebenshilfe- Einrichtungen stattfindet. Und ob Lebenshilfe-Einrichtungen in jedem Fall echte „Lebenshilfe“ bieten und leisten, ist, wie Ihr Fall zeigt, sehr vom Zufall und Glück abhängig. Dieses Glück hat nicht jede/r Behinderte. Und der große Unterschied ist: Nicht-Behinderte brauchen weder Zufall noch Glück, um ihr Leben in Wahlfreiheit ohne Aussonderung zu gestalten. Dieser elementare Unterschied sollte meiner Meinung nach mit der UN-BRK abgeschafft werden. Hierin sehe ich die Zielrichtung der UN-BRK: Und im Endeffekt bedeutet dies die Auflösung der Sonderwelten für Behinderte.

Von Inge Rosenberger

Einige kurze Einwände von meiner Seite:

Meine Tochter geht nach wie vor sehr gerne in ihre Förderstätte. Eine Alternative gibt es für sie derzeit nicht und ist auch nicht geplant.
Die Lebenshilfe, die mit uns Eltern zusammenarbeitet, hat sich für Menschen wie meine Tochter bisher mehr als alle Inklusions-Aktivisten engagiert.

Inklusion bedeutet nicht, behinderte Menschen unter miserablen Bedingungen und zwangsweise in Gruppen unterzubringen.
Inklusion bedeutet aber auch nicht, dass behinderte Menschen keinen Kontakt mit anderen behinderten Menschen haben dürfen.
Inklusion bedeutet, die Wahl unter verschiedenen Optionen zu haben, wo und mit wem ich meine Zeit verbringe.

Anstatt pauschal GEGEN Förderstätten, GEGEN die Lebenshilfe, GEGEN die Behindertenhilfe zu protestieren, sollten wir alle uns sinnvollerweise FÜR die Wahlfreiheit der Lebensbedingungen einsetzen. Damit wäre grundsätzlich jedem behinderten Menschen geholfen.


Von TN

@ Behindert_im_System:
"... Auch war wieder interessant, dass der Zensurteufel den Spendenaufruf von Herrn Grosch und Kollegen unterbunden hat, aber man darf sich sicher sein, mit den Spenden hatte dies nichts zu tun. ..."

Interessant, hatte ich noch nicht festgestellt. Vielen Dank für Ihr aufmerksames Lesen der kobinet-Nachrichten.

Ich hatte auch vor zu spenden, kenne jedoch die Konto-Nummer und die Bankleitzahl nicht und auch nicht den gewünschten Titel des Überweisungsbetreffs nicht.

Weshalb soll denn nun das Spenden verheimlicht werden? Den Sinn des Verheimlichens der Möglichkeit des Gebens finanzieller Unterstützung sehe ich nicht.

Vielleicht richtet der Rechtsanwalt Dr. Tolmein freundlicherweise ein Spendenkonto an seiner Kanzlei-Adresse ein(?) Ich überweise sofort.

Von TN

@Kirsti ; @ Alle
Zum Thema "Im Gesagten behaupten die Wahrheit zu sagen - und doch zu lügen", siehe Kulturradio des RBB. - Do 20.12.2018 | 22:04 | Perspektiven
Dokument: "Lügen. Leugnen. Täuschen": Ein Abend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften / Dokumentiert von Michael Schornstheimer
https://www.kulturradio.de/programm/schema/sendungen/perspektiven/archiv/20181220_2204.html

Und weiter (Auswahl):

Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! Taschenbuch – 1. März 2009 von Dieter Hildebrandt (Autor), Roger Willemsen (Autor)


Kleine Kulturgeschichte der Lüge Broschiert – 1998
von Steffen Dietzsch (Autor), Reclam-Verlag Leipzig

Viel Spaß beim Lesen und beim Hören des Referates (siehe oben, link zum Ostd. Rundfunk Berlin-Brandenburg)


Von kirsti

Sprache ist verräterisch: Die Worte „Mittendrin“ oder in der „Mitte“ der Gesellschaft oder auch „Im Mittelpunkt der Mensch“… tauchen immer wieder dort auf, wenn genau das Gegenteil gemeint ist. Denn „normalerweise“ braucht man nicht zu betonen, dass man/Mensch nun endlich in der „Mitte“ angekommen ist. Menschen sind von Natur aus immer in der Mitte, es kommt alleine auf den Standpunkt an und ob man eigentlich von „Innen“ nach „Außen“ schaut und „Außen“ als „Mitte“ umdefiniert. Eine sprachliche Täuschung mit enormen Auswirkungen auf diejenigen, die man als Außenseiter wahrnimmt, um sie dann großspurig in die „Mitte“ aufzunehmen.
Ein Trugbild ohnegleichen.

Von Rosa

Diese Form der "Inklusion" - die Trennung von sog. "Fitten" und "Schwerstbehinderten" in Werkstätten und Wohnheimen - wie sie in Bayern verstanden wird, ist nicht auf Bayern beschränkt, sondern betrifft die komplette etablierte Behindertenhilfe.

Und insbesondere die Lebenshilfe befördert diese Trennung bundesweit.

Von Behindert_im_System

@Von Dirk Hentschel

Zitat:

“ Dies scheint eine spezielle bayerische Interpretation der UN Behindertenrechtskonvention zu sein"

Eine viel bessere Frage ist, warum hat die Erfinderin dieses schlechten Bayerischen Teilhabegesetzes die Flucht ergriffen und dies noch vor dessen Veröffentlichung und Inkrafttreten, wenn alles so toll und zum Wohle von uns Menschen mit Behinderung sein soll?

Auch war wieder interessant, dass der Zensurteufel den Spendenaufruf von Herrn Grosch und Kollegen unterbunden hat, aber man darf sich sicher sein, mit den Spenden hatte dies nichts zu tun.

Von Dirk Hentschel

"Zum anderen haben sie zum Ziel, den Trägern von Einrichtungen für Menschen mit Behinderung einen verlässlichen Rahmen für deren Planungen zur Verfügung zu stellen.“ Dies scheint eine spezielle bayerische Interpretation der UN Behindertenrechtskonvention zu sein"

Nur in Bayern?
Nur geschützte Wekstätten?

Nein, dies betrifft die komplette etablierte Behindertenhilfe!

Dirk Hentschel

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