Offener Brief an Werkstatträte und BAG der Werkstätten

Veröffentlicht am von Christian Mayer

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Dresden/Achim bei Bremen (kobinet) In einem Offenen Brief an die Werkstatträte Deutschland und an die Bundesarbeitsgemeinschaft Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) setzt sich eine neu formierte Initiative Inklusion konsequent für die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention ein und reagiert mit Verwunderung auf die gemeinsame Stellungnahme der BAG WfbM und der Werkstatträte Deutschland vom 1. Oktober 2018 zur Staatenprüfung Deutschlands. Die Initiative widerspricht insbesondere der Aussage: "...Werkstätten sind Teil der Lösung und nicht des Problems, denn sie machen den Arbeitsmarkt in Deutschland erst inklusiv" und will hierzu einen intensiven Diskussionsprozess anstoßen.

Im folgenden dokumentieren die kobinet-nachrichten den gestern zum Welttag der Menschen mit Behinderungen veröffentlichten Offenen Brief:

Sehr geehrte Damen und Herren,

mit der Ratifizierung des "Übereinkommen(s) über die Rechte von Menschen mit Behinderungen", kurz UN-Behindertenrechtskonvention (UN-BRK), durch die deutsche Bundesregierung ist Deutschland die Verpflichtung eingegangen, diese Rechte seinen Bürgerinnen und Bürgern mit Behinderungen zu garantieren und in nationales Recht umzusetzen. Die zentrale Leitidee der UN-Behindertenrechtskonvention besteht darin, Menschen mit Behinderungen den gleichberechtigten Zugang zu Bildung, Arbeit und Beruf, Freizeit und Kultur, und damit zu allen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, zu garantieren. Menschen mit Behinderungen benötigen hierbei oft besondere Hilfen und Unterstützung. Diese Hilfe ist ihnen in denselben Strukturen zu gewähren, die den Menschen ohne Behinderung zur Verfügung stehen und von diesen genutzt werden. Gern wird übersehen, dass Menschen mit Behinderungen durch die UN-BRK nicht nur das Recht auf individuelle Unterstützung zugesagt wird, sondern dass das Ziel dieser Hilfen darin besteht, diejenigen Strukturen zu überwinden, die auf Besonderung dieser Menschen ausgerichtet sind.

Deutschland hat am 3. August 2011 den ersten Staatenbericht über die Umsetzung der Konvention vorgelegt. 2015 wurde die Umsetzung der UN-BRK in Deutschland zum ersten Mal durch den Ausschuss für die Rechte von Menschen mit Behinderungen der UN geprüft und in den „Abschließenden Bemerkungen" Probleme bei der Umsetzung benannt und Empfehlungen ausgesprochen. Das Deutsche Institut für Menschenrechte, bei dem die Monitoringstelle zur Umsetzung der UN-BRK angesiedelt ist, führt dazu aus: „Im nun anstehenden kombinierten zweiten und dritten Berichtszyklus muss Deutschland bis zum 1. Oktober 2019 unter besonderer Berücksichtigung dieser Empfehlungen über den Stand der Verwirklichung der Rechte von Menschen mit Behinderungen berichten und wird danach erneut vom Ausschuss überprüft und bewertet. Auftakt zu diesem Staatenprüfverfahren bildete die 20. Sitzung des Ausschusses im Herbst 2018, in deren Folge er Deutschland eine Frageliste (‚List of Issues prior to reporting') übermittelt hat, die die Grundlage für den zweiten und dritten Staatenbericht Deutschlands ist." Die Inklusion betreffend fordert der Ausschuss, Menschen mit Behinderungen eine unabhängige Lebensführung in der Gemeinde zu erleichtern (Ziffer 42 b), statt weiter an Doppelstrukturen für Bildung, Wohnen und Arbeit festzuhalten. Insbesondere sei das segregierende Schulwesen zurückzubauen (Ziffer 46 b) und seien die Behindertenwerkstätten zugunsten einer Beschäftigung im ersten Arbeitsmarkt schrittweise abzuschaffen (Ziffer 50 b).

Wir haben mit Verwunderung die gemeinsame Stellungnahme der BAG WfbM und der Werkstatträte Deutschland vom 01.10.2018 zur Staatenprüfung zur Kenntnis genommen. Wir widersprechen der Aussage: „...Werkstätten sind Teil der Lösung und nicht des Problems, denn sie machen den Arbeitsmarkt in Deutschland erst inklusiv."
Wir konstatieren, dass Werkstätten per se nicht inklusiv sind, weil sie nicht den ersten Arbeitsmarkt darstellen und weil in ihnen fast ausschließlich Menschen mit Behinderungen beschäftigt sind. Wir teilen die Einschätzung der internationalen Expertenkommission, dass Werkstätten für behinderte Menschen eine Sonderwelt darstellen, für die mit der Ratifizierung der UN-BRK in Deutschland Maßnahmen zum „Einstieg in den Ausstieg" einzuleiten sind. Ein aussondernder Arbeitsmarkt wird nicht dadurch inklusiv, dass man parallel dazu einen zweiten für die Ausgesonderten betreibt.

Selbstverständlich kann man Sonderwelten wie Werkstätten für behinderte Menschen, Tagesförderstätten oder Wohnheime nicht sofort und nicht ersatzlos schließen. Man kann aber Fehlanreize beseitigen und man kann Weichen für gesellschaftliche Inklusion stellen. Dazu ist es u.a. erforderlich, eine deutschlandweit breite Fachdiskussion darüber zu führen, wie einerseits bestehende Sonderwelten so zu entwickeln sind, dass sie der Inklusion zuarbeiten und wie andererseits auf bestehende Strukturen, die sich bisher nicht mit Inklusion auseinandergesetzt haben, eingewirkt werden kann, dass sie sich für alle Menschen mit Behinderungen öffnen.

Wir halten den 3. Dezember, der seit mittlerweile 25 Jahren als „Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung" begangen wird, für einen würdigen Zeitpunkt, mit der Debatte zu beginnen. Deshalb versteht sich dieser Brief auch als Impuls, diese längst überfällige Diskussion in Gang zu bringen.

Roland Frickenhaus, Sozialpädagoge und Heinz Becker, Sozialpädagoge

Die Erstunterzeichner*innen:
Dr. Sigrid ARNADE, Geschäftsführerin ISL, Berlin I Gerhard BARTZ, Vorsitzender Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen ForseA e.V., Mulfingen-Hollenbach I Prof. Dr. Theresia DEGENER, Bochum I Horst FREHE, ISL-Vorstand, Bremen I Prof. Dr. Marianne HIRSCHBERG, Bremen I Prof. em. Dr. Wolfgang JANTZEN, Bremen I Prof. Dr. Sven JENNESSEN, Berlin I Raul KRAUTHAUSEN, Aktivist, SOZIALHELDEN e.V., Berlin I Ottmar MILES-PAUL, Netzwerk Artikel 3, Kassel I Dr. phil. Ilja SEIFERT, Berlin I Dipl. Bibl. Udo SIERCK, Autor und Dozent, Darmstadt I Andreas VEGA, Aktivist, München

Vereine: Forum selbstbestimmter Assistenz behinderter Menschen ForseA e.V., Berlin I Netzwerk Artikel 3, Berlin I Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben in Deutschland e.V. – ISL, Berlin

Link zu Informationen zum Offenen Brief

Link zum Offenen Brief

Link zur Stellungnahme der BAG Werkstätten für behinderte Menschen (BAG WfbM) und der Werkstatträte Deutschland

Lesermeinungen zu “Offener Brief an Werkstatträte und BAG der Werkstätten” (34)

Von Dirk Hentschel

Sehr geehrter Herr Becker,


es ist gut das sie diese Diskusion anstoßen - jedoch teilen sie uns bitte den Rahmen mit wo dies stattfinden soll und zwar so, dass niemand ausgeschlossen ist.

Die bisherige "zugelassene Diskusionskultur"
gibt das nicht her .... weil z.B. hätte nach den Vorgaben der UN BRK das BTHG anders aussehen MÜSSEN!

MfG

Dirk Hentschel

Von Gisela Maubach

Unter der Überschrift "Nachdenken, wie sich Hilfesysteme weiterentwickeln können" (ohne Leserbrieffunktion) lesen wir heute folgendes:

"kobinet-nachrichten: Herr Becker, Sie engagieren sich insbesondere auch dafür, dass Menschen mit schweren Beeinträchtigungen am Arbeitsleben teilhaben können. Wie definieren Sie "Arbeit" und wie begegnen Sie der nicht selten vorgetragenen Ansicht, dass Menschen mit schweren Beeinträchtigungen aus der Arbeitswelt auszuschließen seien?

Heinz Becker: Es geht um Teilhabe an der Arbeitswelt als einem der wichtigsten gesellschaftlichen Felder. Dazu muss man nicht für Dritte wirtschaftlich verwertbar arbeiten können. . . . Arbeit heißt: Ich bringe mich mit meinen Fähigkeiten und Interessen in meine Umwelt ein, ich tue etwas für die Gemeinschaft, und das kann jeder Mensch, egal wie schwer behindert er oder sie ist. Natürlich mag es einzelne Menschen geben, für die eine Teilhabe an der Arbeitswelt nicht erstrebenswert erscheint, aber das hat nichts damit zu tun, ob und wie sie behindert sind.

Heinz Becker: Aus meiner eigenen praktischen Arbeit seit 40 Jahren kann ich sagen: die Teilhabe am Arbeitsleben ist allen Menschen möglich, man muss dazu gelegentlich nur die eigenen Vorstellungen von Arbeit hinterfragen. . . . Teilhabe ist auch am Arbeitsleben möglich und fast immer ein hoher Gewinn für schwer behinderte Menschen".

Zitat-Ende

Diese Darstellung macht deutlich, dass die Argumentation von uns Eltern bis heute entweder nicht verstanden wurde oder nicht verstanden werden soll.

Niemand von uns hat gefordert, dass Menschen mit schweren geistigen Behinderungen "aus der Arbeitswelt auszuschließen seien".
Schade dass weiterhin ignoriert wird, dass wir lediglich eine personenzentrierte Bedarfsfeststellung fordern und dass tatsächlich auch Menschen existieren, die nicht arbeiten KÖNNEN und dass ihr BEDARF deshalb nicht Arbeit lautet . . . und schade dass es weiterhin nur über uns ohne uns geht!

Von Sabine Fichmann

@ Frau Maubach

Es weihnachtet!
Da muss man verstehen, dass allüberall nun behinderte Menschen, die man das Jahr über in der Besenkammer versteckt hielt, nun vereinzelt in Hochglanz präsentiert werden- frei nach dem Motto: Was haben wir doch für eine tolle Inklusion!

Trotzdem oder gerade deshalb : Hinter der Kulisse der Gemeinnützigkeit verbirgt sich ein (finanziell) obszönes System.-
Mein Lieblingssatz zum Thema WfbM.

Fröhliche Weihnachten!?

Von Gisela Maubach

Meine Vermutung, dass für einige wenige mit gewissen Fähigkeiten in den Werkstätten gute Bedingungen geschaffen werden, um genau damit werben zu können, wird heute auch in der Sonntagszeitung bestätigt, die hier in der Region an alle Haushalte verteilt wird:

http://epaper.supersonntag.de/2.0/#/read/ssf0/20181209?page=2

In den Aachener Werkstätten können sich maximal 12 Menschen als Künstler betätigen - und (Zitat): "Wer für die Kunstwerkstatt "willsosein" arbeitet, muss dafür geeignet sein, was sich oftmals ganz schnell herausstellt. Eine gewisse Fertigkeit und Fantasie sind vorausgesetzt."

Und:

"Ganz bewusst soll das, was hier entsteht, auch nach außen getragen werden" . . .

Und:

" . . . dass für uns in Aachen das Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Menschen mit und ohne Behinderung ganz normal ist - das ist die Botschaft, die Touristen aus der ganzen Welt mit unseren schönen Produkten nach Hause nehmen sollen."



Aber welche Botschaft dringt von denjenigen aus der WfbM "nach außen", die nicht "geeignet" ist, um schöne Produkte herzustellen, die die Touristen nach Hause nehmen können?

Von Gisela Maubach

Heute flatterte das RWE-Magazin "hier" ins Haus.
Man findet es auch unter diesem Link:

https://www.group.rwe/innovation-wissen-nachbarschaft/rwe-vor-ort/nachbarschaft/nachbarschaftsmagazin

In der Ausgabe Indeland befindet sich auf den Seiten 16 und 17 ein langer Bericht über einen jungen Mann mit einem "körperlichen Handicap", der politische Biografien über Nelson Mandela oder Sachbücher über den Wiener Kongress liest.

Er wollte zwar nie in einer WfbM arbeiten, aber weil er vor 26 Jahren als kleines Flüchtlingskind nach Deutschland gekommen war, hätte als Erwachsener für eine andere Möglichkeit außerhalb der WfbM ein "gesetzliches Problem" im Weg gestanden.

2008 "durfte" er am "Eingliederungsverfahren" der WfbM teilnehmen, und nach dem Berufsbildungsbereich erhielt er einen Außenarbeitsplatz in einem Seniorenheim - mit Vertrag der WfbM.

Nun ist er Vorsitzender des Werkstattrates und wünscht sich für die WfbM "tolle Kooperationspartner und vielseitige Arbeitsaufträge nicht nur von RWE"!

Und die Überschrift dieses doppelseitigen Beitrages lautet:

"Mitten im Leben" und fett darunter:

"Inklusion par excellence" . . . und das Titelbild mit dem Handbike auf dem Sportplatz.

Inklusion par excellence? Weil es für einen von Hunderten aus der WfbM "eines der tollsten Ereignisse" in seinem Leben war, einen WfbM-Außenarbeitsplatz zu bekommen?

Ich habe eher den Eindruck, dass die Werkstätten einigen wenigen, die sich in der Öffentlichkeit gut darstellen können, gute Rahmenbedingungen ermöglichen, um genau solche Inklusionsmärchen zu erzählen, während diejenigen, die sich eben nicht darstellen können, zu Hunderten unter sich bleiben müssen.

Von Gisela Maubach

@ kirsti

"Eine solidarische Haltung kann ich in dieser Argumentation nicht erkennen, eine allgemeingültige Antwort gegen die Existenz von Sonderwelten ist weit entfernt."

Zitat-Ende

Ich habe hier unzählige Male erklärt, dass es sich beim Zusammenfassen von Menschen in einer WfbM um Extrem-Pooling handelt, weil die WfbM eine Sondereinrichtung ist und das Wort Inklusion ständig missbraucht wird.

Und ich fordere ununterbrochen ein Einbeziehen (!) von Vertretern derer, die nicht arbeitsfähig sind, weil das einseitige (!) Thematisieren des ersten Arbeitsmarktes weiterhin nur dazu führen würde, dass die WfbM ein Sammelbecken derer würde, die zu schwach für den allgemeinen Arbeitsmarkt sind.

Diejenigen, die aufgrund ihrer Arbeitsunfähigkeit nicht die geringste Chance auf dem Arbeitsmarkt haben - und damit auch keine Chance auf ein inklusives Leben - erfahren bisher die WENIGSTE Solidarität.

Wenn ausgerechnet diesen Menschen, die lediglich eine personenzentrierte (!) Bedarfsfeststellung fordern, nun auch noch fehlende Solidarität vorgeworfen wird, weil sie nicht bereit sind, zum Zweck der Werkstattverwahrung sich eine nicht vorhandene Arbeitsfähigkeit bescheinigen zu lassen, setzt der Ausgrenzung der Schwächsten eigentlich noch die Krone auf.

Mein eigener Sohn ist nach langem und zermürbendem Kampf übrigens "draußen", so dass ich bei mangelnder Solidarität überhaupt keinen Grund hätte, mich noch weiterhin zu Wort zu melden.

Wenn man seine Solidarität nur dadurch zeigen könnte, indem man für seinen erwachsenen Angehörigen für die nächsten Jahrzehnte die Leistung Teilhabe am Arbeitsleben (was nur in der WfbM möglich ist) in Anspruch nimmt, obwohl dessen eigener Bedarf nicht das geringste mit Arbeit zu tun hat, dann habe ich wohl tatsächlich ein falsches Verständnis von Solidarität.

@ Behindert_im_System

Danke für die Klarstellung. Hatte ich auch so verstanden. Ich wollte halt nur bemerken, dass auch bei diesem Projekt wieder Arbeitsfähigkeit vorausgesetzt wird.

Von Behindert_im_System

@Von Gisela Maubach
Donnerstag, 6. Dezember 2018 19:56
@ Behindert_im_System

„Das Projekt, das Sie uns Eltern mit dem Link empfehlen, ist sicherlich nachahmenswert, aber auch dabei handelt es sich wieder um "Arbeitsangebote" für "Mitarbeiter".
Das geht auch aus folgendem Zitat hervor:
"Das Medium Arbeit knüpft den Kontakt und ist das gemeinsame Interesse."
Für Menschen, die vollkommen arbeitsunfähig sind, spielt das Medium Arbeit jedoch keinerlei Rolle, so dass bei diesem Personenkreis eine individuelle Bedarfsfeststellung erfolgen muss.“

Hallo Frau Maubach,

es sollte Ihnen und auch anderen kein Projekt empfohlen werden, sondern, diente der Verweis nur dazu als Vergleich zu dem Brief auf Kobinet, dass es doch gar nicht um die Menschen mit Behinderung eigentlich geht, wenn man diesen Newsletter richtig betrachtet und die Strategie von Herrn Becker versteht. Solidarität verlangt mehr als unterschiedliche Standpunkte einer Person welche unser bestes will, nur wer kann dies so einfach glauben?

Von Behindert_im_System

@von Kirsti

Zitat:

„Dies scheint mir ein wenig überzeugender kasuistischer Ansatz, der quasi über eine Einzelfallregelung niemals die Institutionen der Sonderwelten als solche in Frage zu stellen vermag.“

Anmerkung:

Möglich wäre vieles, aber wo kein Wille da ist auch kein Weg, denn diese Sonderwelten wie wir sie nennen, lassen sich mit Sicherheit kein Gramm Butter vom Brot nehmen und dies schon gar nicht von einem Einzelfall. Da müssten wirklich andere Geschütze aufgefahren werden um in dem Punkt etwas bewirken zu können und wenn, dann aber einheitlich für alle.
Nur wer sollte diese Strategie denn führen? Mit denen welche so tun als seien sie unsere Freunde, ist nun wirklich kein Krieg zu gewinnen, denn wer sägt sich schon gern selbst den Ast ab auf dem er sitzt und welcher ihn auch noch mitunter sehr gut ernährt?
Sie erwähnen das Bundesteilhabegesetz. Würde man dieses als Kochbuch bezeichnen, dann würde vielen bestimmt auch klar welch schlechte Köche hier die Rezepturen einbrachten, unsere Beiköche nicht ausgenommen.
Haben wir wirklich, die Größe der Mogelpackung schon richtig erkannt?

Von TN

@ S. Göbel:
"Das Sondersystem Werkstätten und Tagesförderstätten war einmal ein Fortschritt, den es gebraucht hat, um unter anderem zu zeigen (oder soll ich sagen: zu beweisen), dass Menschen, die damals als 'nicht arbeitsfähig' abgestempelt wurden, Fähigkeiten besitzen und diese einbringen können."
Mit diesen Worten sehen Sie (meiner Meinung nach) ein, dass das Bundesteilhabegesetz (so grottenschlecht das gemacht ist) so zu sein hat, wie das jetzt vorhanden ist, mit all' den hand- und kopfwerklichen Fehlern der Bonzen, die dieses Gesetz kreiert haben, einschließlich der Lobby-Fraktion der Behinderten.

"Ich will nicht denken müssen, wer ist arbeitsfähig und wer nicht , wer ist produktiv und kann Leistung bringen und wer nicht."
Mit dieser Aussage haben Sie, Frau Göbel, sich in dem neoliberalen Stuss, der jeden Tag in de bundesrepublikanischen Gesellschaft auf den verschiedenen Kanälen abgegeben wird, hingegeben.

Leistung ist ein Begriff und ein Umstand aus der Physik, den die GesellschaftswissenschaftlerInnen und zuvorderst die BetriebswirtInnen adoptiert haben, um die Gesellschaft zu knechten. Leistung, wenn nicht diese, die mit der Physik gemeint ist, kann niemals definiert werden. Leistung aus gesellschaftswissenschaftlicher Sicht ist ein Konstrukt der Gesellschafts- und Betriebswirtschaftler/innen und in ihrer Definition der Willkür unterworfen.

Von kirsti

Frau Maubach schreibt:
„Da die Teilhabe am Arbeitsleben die vorrangige Leistung ist, ist es also von entscheidender (!) Bedeutung, ob der betreffende Mensch in der Realität arbeitsfähig ist oder nicht.“
Sollte wirklich die „ArbeitsUNfähigkeit“ in der Realität zum entscheidungserheblichen Kriterium erhoben werden oder die conditio sine qua non sein, um die Sonderwelten Werkstatt für behinderte Menschen und/oder Förderstätten zu überwinden? Dies scheint mir ein wenig überzeugender kasuistischer Ansatz, der quasi über eine Einzelfallregelung niemals die Institutionen der Sonderwelten als solche in Frage zu stellen vermag.
Ich maße es mir nicht an, über Einzelschicksale zu entscheiden. Aber wenn man das System der Sonderwelten im Blick hat und sich auch für andere Betroffene und „Schicksale“ einsetzen und stark machen will, ist die „Arbeitsfähigkeit“ oder vice versa „Arbeitsunfähigkeit“ kein geeignetes Kriterium, mit dem man gegen die Existenz menschenunwürdiger Zustände und Verhältnisse und Sonderwelten im Allgemeinen argumentieren kann. Es ist eine, wie schon gesagt, Kasuistik von Nützlichkeitsdenken geprägte Haltung, die dem Einen entgegenkommt und dem Anderen nicht. Eine solidarische Haltung kann ich in dieser Argumentation nicht erkennen, eine allgemeingültige Antwort gegen die Existenz von Sonderwelten ist weit entfernt. Im Ergebnis werden über diese Mechanismen „Behinderte“ gegen „Behinderte“ ausgespielt. Das eigentliche ursächliche Unrecht, die Einführung des Bundesteilhabegesetzes mit für einzelne in je einzelnen Bundesländern unterschiedlichen Konditionen als „Insellösungen“ gerät aus dem Blickfeld.

Von Gisela Maubach

Sehr geehrte Frau Göbel,

Sie schreiben:
"Ich will nicht denken müssen, wer ist arbeitsfähig und wer nicht , wer ist produktiv und kann Leistung bringen und wer nicht."

Ich war in einem unendlich belastenden Rechtsstreit, in dessen Verlauf ich sogar das mir verliehene Bundesverdienstkreuz zurückgegeben habe, sogar GEZWUNGEN, die ArbeitsUNfähigkeit meines Sohnes zu thematisieren - damit er die WfbM nicht besuchen MUSS.

Genau am 30. Geburtstag meines Sohnes fand ein etwa 3-stündiger Gerichtstermin dazu statt.
Im Gerichtsprotokoll ist folgendes zu lesen:

"Es war einfach so, dass über die zentrale Frage, ob Herrn Maubach es zuzumuten ist, die Werkstatt zu besuchen und sich die Stunden entsprechend reduzieren, keine Einigkeit erzielt werden konnte".

Ich empfinde es als völlig absurd, wenn mein Sohn bei vollständiger ArbeitsUNfähigkeit gezwungen wäre, in einer Werkstatt betreut zu werden - nur weil ihm das zuzumuten wäre und weil man ihm zum Zweck (!) des Werkstattbesuchs pro forma ein Minimum an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung attestieren würde, obwohl man sehr genau weiß, dass das nicht der Realität entspricht.

Da die Teilhabe am Arbeitsleben die vorrangige Leistung ist, ist es also von entscheidender (!) Bedeutung, ob der betreffende Mensch in der Realität arbeitsfähig ist oder nicht.

Und "die Gesellschaft" ist sehr wohl bereit, diesbezüglich inklusiv zu denken, denn jede/r, die/der meinen Sohn kennt und hört, dass er die Leistung "Teilhabe am Arbeitsleben" in Anspruch nehmen sollte, schaut mich nur ungläubig an.

Auch ich würde gerne nicht denken müssen, wer ist arbeitsfähig und wer nicht, aber wenn ich meinen Sohn als arbeitsfähig "abstempeln" lassen würde, würde er die nächsten Jahrzehnte in der WfbM verbringen müssen - und zwar genau deshalb, weil er in der Realität eben doch nicht arbeiten kann . . . und außerhalb der WfbM kein anderer "Arbeit"geber für ihn existiert.

Von Behindert_im_System

Sehr geehrte Frau Göbel,

Sie sind die Koordinatorin im Projekt Inklusionsbotschafter*innen wie man der Homepage des ISL entnehmen kann.

Zitat:
„Inzwischen sind wir in einem neuen Jahrtausend angekommen und auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention und einer menschenrechtlichen Sicht können und müssen wir unsere bestehenden Systeme weiter denken, umdenken, manches über Bord werfen und Neues willkommen heißen, auch wenn das erst einmal verunsichert.“

Hier stellt sich für mich die Frage, wollen Sie mit Projekten, die BRK zum leben erwecken und vielleicht in 30 Jahren wenn so manchem Projekt die Ideen kein Geld mehr in die Kasse spülen, dann zur Praxis überzugehen? Oder ist es auch ihr bestreben zum Wohle behinderter Menschen endlich zu handeln und den jetzigen Schicksalen entsprechende Vorrausetzungen zu schaffen, welche dem Gerecht werden, was man die Würde des Menschen nennt?

Außerdem würde vielleicht nicht nur mich interessieren, wer Roland Finkenhaus wirklich ist, denn mit diesem Namen finden Sie keinen Aktivisten der behinderten Bewegung, egal wo man auch anfragt.

Von Susanne Göbel

Hallo an alle Mit-Lesenden und Mit-Denkenden!
Danke an Herrn Finkenhaus und Herrn Becker, dass Sie mutig Ihren Offenen Brief geschrieben und damit den Impuls für eine Diskussion gegeben haben. Die vielen Kommentare und Blickwinkel zeigen mir eines: wir brauchen die Diskussion, wir müssen uns reiben, wir müssen Inklusion für alle weiter denken (im doppelten Sinne!) und mutige Schritte machen. Das Sondersystem Werkstätten und Tagesförderstätten war einmal ein Fortschritt, den es gebraucht hat, um unter anderem zu zeigen (oder soll ich sagen: zu beweisen), dass Menschen, die damals als 'nicht arbeitsfähig' abgestempelt wurden, Fähigkeiten besitzen und diese einbringen können. Inzwischen sind wir in einem neuen Jahrtausend angekommen und auf der Grundlage der UN-Behindertenrechtskonvention und einer menschenrechtlichen Sicht können und müssen wir unsere bestehenden Systeme weiter denken, umdenken, manches über Bord werfen und Neues willkommen heißen, auch wenn das erst einmal verunsichert.
Ich will nicht denken müssen, wer ist arbeitsfähig und wer nicht , wer ist produktiv und kann Leistung bringen und wer nicht. Wenn ich das tue und mit diesen Begriffen arbeite, darf ich mich nicht darüber beschweren, dass 'die Gesellschaft' nicht bereit ist, über das Sondersystem hinaus und inklusiv zu denken und zu handeln. Jede und jeder von uns ist mit verantwortlich, selbst etwas zu tun und beizutragen, aber die Zielrichtung muss klar sein: Inklusion findet dort start, wo sich verschiedene Menschen begegnen, austauschen, etwas mit einander tun, geben und nehmen. Und da finde ich es nur ehrlich, zu sagen wie es ist: Werkstätten für behinderte Menschen, Tagesförderstätten und viele andere Orte für 'bestimmte' Menschen(gruppen) sind und bleiben Sonderwelten.
Nicht Systeme brauchen eine Lobby, sondern Menschen und ihre Menschenrechte auf gleichberechtigte und inklusive Chancen.
Ich wünsche uns und der Sache eine respektvolle Kultur des mutigen Weiterdenkens.

Von Dirk Hentschel

"kirsti" hat es gut zusammengefasst - dem ist nichts hinzuzufügen!


Ich freue mich sehr, das endlich eine Richtung zu erkennen ist, das sich jenseits der Verbände und Träger der Eingliederungshilfe, eine "geschlossene Behindertrenselbsthilfe" etablieren könnte.

Das es da nie zu einer 100 % - tigen Meinungsübereinstimmung kommen kann sollte jedem klar sein.

Hier sehe ich auch das Problem des "Schubladendenkens" welches uns seitens der Politik und ihren Gesetzen auferzwungen wird - ich plädiere dafür, dies nicht zu übernehmen. Deshalb spreche ich immer wieder von "allen Menschen mit Behinderungen" und sehe hier im Sinne der UN BRK einen Begriff, der NIEMANDEN ausschließt - auch nicht den Menschen mit "schwersten" Behinderungen egal wie sie sich im Einzelnen auswirken.

Letztlich geht es doch darum, sich eine "Inklusion von oben gedacht" nicht aufzwingen lassen zu müssen, sondern "Inklusion von unten gedacht - des Menschen entsprechend, um den es geht" zu ermöglichen.

Dazu gehört:

- echte Wahlfreiheit
- Wegfall des Mehrkostenvorbehaltes
- auskömmlich gestaltete Assistenz Bundesweit einheitlich
- usw. usw.

MfG

Dirk Hentschel

Von kirsti

Auch wenn ich nicht zu den Initiatoren gehöre, erlaube mir einmal einen Rückblick auf die Entstehungsgeschichte dieses jetzt so heiß umstrittenen zitierten „Offenen Briefes“ vom 3. Dezember 2018, veröffentlicht in den kobinet- Nachrichten am 4. Dezember 2018 ; er ist die unmittelbare Antwort auf die Kolumne von Roland Frickenhaus vom 15.11.2018 unter dem Titel „Revolution statt Reform“
in den kobinet- Nachrichten. Diese Kolumne hatte ein überaus positives Echo aller Betroffenen und Beteiligten ausgelöst; dies zeigte sich auch in den nachfolgenden zustimmenden Lesermeinungen. Deshalb konnte man durchaus davon ausgehen, dass der „Offene Brief“ in Fortsetzung der geforderten „Revolution statt Reform“ die Zustimmung aller oder vieler Betroffenen erhalte. Ich betrachte den inkriminierten Brief als Reaktion auf die zur damaligen Kolumne in den meisten Leserbriefen zum Ausdruck gebrachten Meinung; also als Initialzündung einer gemeinsam geführten Diskussion im Sinne des Prinzips „Nichts über uns ohne uns“.

Von Gisela Maubach

Bevor sich jetzt eine Diskussion darüber entwickelt, ob "man" diesen Brief unterschreiben kann oder nicht, möchte ich gerne klarstellen, dass das nicht meine Intention ist - ebenso wenig wie eine Diskussion darüber, ob man Menschen mit schwersten Behinderungen (die sich definitiv nicht selbst vertreten können), als "schwächste Leidensgefährten" bezeichnen kann oder nicht.

Was ich zum Ausdruck bringen möchte:

Wir weisen ununterbrochen darauf hin, dass auch Menschen existieren, die zwar vollständig arbeitsunfähig sind . . . aber denen die Kostenträger zum Zweck des Werkstattbesuches trotzdem ein Minimum an wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung attestieren dürfen.

Und wenn auch jetzt wieder nur von einem "aussondernden Arbeitsmarkt" die Rede ist, wird der Personenkreis der arbeitsunfähigen Menschen erneut nicht berücksichtigt.

Um diese Berücksichtigung zu realisieren, fordern wir ständig, Vertrauenspersonen derjenigen, die sich nicht selbst vertreten können, mit einzubeziehen. Aber auch dieser Brief ist über uns ohne uns zustande gekommen, so dass man nicht von Beteiligung reden kann, wenn wir ihn jetzt nur noch unterschreiben sollen, ohne noch Änderungen im Sinne derjenigen vornehmen zu können, die ohnehin regelmäßig außen vor bleiben.

Natürlich ist es nicht verwerflich, "Sonderwelten als Sonderwelten zu bezeichnen, die es zu überwinden gilt", aber uns sollte bewusst sein, dass WIR die Abschaffung der Werkstätten nicht mehr erleben werden . . . aber wir könnten bei entsprechender Solidarität sehr wohl ein Selbstbestimmungsrecht erreichen, so dass die WfbM nicht mehr vorrangig zu besuchen wäre.

Damit wäre allen (!) geholfen, denn die Werkstätten müssten ihre Angebote attraktiver gestalten, damit man sich für sie entscheidet.

Wer den Brief unterschreibt, will damit sicherlich guten Willen zeigen, so dass ich es auch niemandem übel nehmen würde. Aber ich möchte gleichzeitig darauf aufmerksam machen, dass auch dieser Brief über uns ohne uns entstanden ist.

Von Behindert_im_System

Hallo Kirsti,
Sie mögen recht haben, dass es durchaus sein könnte, dass die welche auch ich als die Schwächsten in unserer Mitte bezeichne, es vielleicht gar nicht wollten, denn auch diese Menschen sind in ihrer eigenen Welt, individuell stark, auch wenn sich vielleicht diese Stärke anders ausdrückt.

Von kirsti

@ B_i-S

Die Themen gehen sicherlich niemandem auf keiner Seite aus. Dazu gibt es viel zu viele Schicksale auch auf Seiten der stets und gerne zitierten „schwächsten Leidensgefährten“. Ob diese „schwächsten Leidensgefährten“ selbst so bezeichnet werden wollen, werden sie nicht gefragt, zum Teil können sie sich zu solch einer Titulierung auch nicht selbst äußern. Es ist m.E. eine Bezeichnung, die ein „Oben“ und ein „Unten“ abbildet. …Man sollte sich jedoch – das ist meine Meinung – durchaus auch der „Einen“ und der „Anderen“ annehmen können. Eine wie immer geartete einseitige Betrachtungsweise, die neuerdings zum Vorschein kommt, hat auch etwas mit „auf einem Auge blind“ zu tun. Das Leben spielt nicht so einfach, wie man es sich allzu gerne und leichtfertig und nur das je eigene Schicksal in Gestalt des eigenen Kindes oder Angehörigen vor Augen halten möchte. – Warum sollte ich nicht ein Unrecht anprangern dürfen, wenn es ein Unrecht ist, mich aber in dieser Form nicht betrifft? Konkret: Was ist daran verwerflich, Sonderwelten als Sonderwelten zu bezeichnen, die es zu überwinden gilt, auch wenn ich in anderer Weise oder gar nicht davon betroffen bin? Oder anders und häufig zitiert: „Partikularinteressen“ bleiben immer „Partikularinteressen“ und helfen niemandem.

Nachtrag: ich kann jederzeit gegen die Existenz von Sonderwelten unterschreiben und verweise auf meine Anfrage an Herrn Roland Frickenhaus bzw. die kobinet- Redaktion von Donnerstag, 6. Dezember 2018 21:26.

Von Behindert_im_System

Sehr geehrte Frau Maubach,

es war nicht meine Absicht Ihnen sowie anderen Angehörigen eine Seite zu empfehlen um vielleicht Lösungen zu finden. Mir ging es mehr darum, gewisse Unterschiede in der Benutzung von Schicksalen welche man uns hier als solidarisch vermitteln will zu erkennen. Hier versucht man mit einem derartigen Brief auf Anteilnahme zu machen, da anscheinend dem einen oder anderen die Themen ausgehen. Wenn die Schicksale unserer schwächsten Leidensgefährten um welche sich ja nun die wenigsten Unterzeichner des Briefes Gedanken gemacht haben nur den Zweck verfolgt, auf der Bühne der Selbstdarstellung zu Punkten, dann muss man denen auf die Finger klopfen, bzw. deutlich sagen, Schuster bleib bei deinen Leisten, denn bisher hat sich auch keiner um gewisse Schicksale gekümmert, es sei zum eigenen Vorteil.
Nur die Theorie ist nicht überzeugend, man muss unbedingt in der Praxis auch eine gewisse Ernsthaftigkeit in gewissen Aussagen erkennen können, die einem aber mit diesem Brief nicht vermittelt wird.

Daher kann man auch so etwas nicht mit unterschreiben.

Von kirsti

@ Roland Frickenhaus
Sie schreiben, dass „ dass der Brief gern von allen Interessierten mitgezeichnet werden kann. Diese Möglichkeit besteht bis zum 26. März 2019 (10. "Geburtstag" der UN-BRK in Deutschland). Wir arbeiten daran, den Brief sowie das dazugehörige Informationsschreiben im Netz einzustellen.“
Frage: Wo, d.h. in welchem „Netz“ werden Sie voraussichtlich den von Ihnen initiierten „Offenen Brief“ mit dem „dazugehörigen Informationsschreiben“ zur Mitunterzeichnung einstellen? Ich bin der Meinung, dass es auf absehbare Zeit möglich sein muss, alle Sonderwelten, wie Werkstätten, Förderstätten und/oder Heime für Behinderte abzuschaffen bzw. so zu gestalten, dass sie dem Ziel der Menschenwürde und Inklusion gerecht werden. Das sage ich im Übrigen als Mutter einer z.Z. in einem menschenwürdigen Heim für behinderte Menschen lebenden schwerstkranken behinderten Tochter.
Grüße

Von Gisela Maubach

@ Behindert_im_System

Das Projekt, das Sie uns Eltern mit dem Link empfehlen, ist sicherlich nachahmenswert, aber auch dabei handelt es sich wieder um "Arbeitsangebote" für "Mitarbeiter".
Das geht auch aus folgendem Zitat hervor:
"Das Medium Arbeit knüpft den Kontakt und ist das gemeinsame Interesse."
Für Menschen, die vollkommen arbeitsunfähig sind, spielt das Medium Arbeit jedoch keinerlei Rolle, so dass bei diesem Personenkreis eine individuelle Bedarfsfeststellung erfolgen muss.

@ Rosa

Der Link der Saarbrücker Zeitung lässt sich leider nicht öffnen.
Können Sie mich mal per Mail kontaktieren unter Vor- und Nachname durch Punkt getrennt und ät gmx.de ?

In der Tat werden die Eltern zu spät aufwachen, wenn ihre arbeitsunfähigen Kinder unter dem Dach einer WfbM untergebracht werden. Dort gibt es zusätzlich zur Grundsicherung ja noch einen "Lohn" - auch für diejenigen, die dort nur betreut und gepflegt werden.
Dieser Fehlanreiz stärkt natürlich die Position der Werkstätten, weil sie die einzigen sind, die ein zusätzliches Geld für diesen Personenkreis ermöglichen . . . und für etwa 100 € monatlich lassen sicherlich viele Eltern ihre Kinder gerne in die WfbM wechseln . . .

Von kirsti

@ Sonne
Ihren Einzelfall maße ich mir nicht an zu beurteilen. Schön, dass es ihnen gut geht! Eine Unstimmigkeit in Ihren Ausführungen ist mir dennoch aufgefallen: Sie schreiben, dass Sie auf einer Außenstelle des ersten Arbeitsmarktes arbeiten; dies – so habe ich verstanden- im Rahmen der WfbM. Dies scheint mir persönlich ein Widerspruch: Sie könnten demnach durchaus auf dem ersten Arbeitsmarkt Fuß fassen und sich wohl fühlen. Warum geschieht dies auf dem Umweg der „Sonderwelt WfbM“? Als nächstes führen Sie wörtlich an: „Ich bin auf Assistenzleistungen angewiesen, sodass es für mich gar keinen Sinn macht auf dem 1. Arbeitsmarkt zu arbeiten, weil mein Gehalt zu 40% einbehalten wird, um Asistenzleistungen zu zahlen.“ Dies scheint mir persönlich, ohne Sie kränken zu wollen, eine Ungerechtigkeit im System zu sein und leuchtet mir auch nicht ganz ein. Habe ich es richtig verstanden, dass von Ihrem Gehalt in der WfbM obendrein noch 40% für Assistenzleistungen einbehalten werden? Da muss doch – das ist meine Meinung – noch anderes möglich sein?

MfG

Von Sonne1510

Ich finde es nicht gut, dass Aktivisten, die sich für die Rechte von Menschen mit Behinderungen einsetzen, die Schließung von Werkstätten für Menschen mit Behinderung, langfristig zu schließen. Vielmehr muss es die Aufgabe sein, ein breitgefächertes Angebot für alle Menschen mit Behinderungen zu schaffen. Viele Menschen mit Behinderungen fühlen sich in einem geschützen Arbeitsbereich der WfBM wohl. Sie haben hier ihre sozialen Kontakte. Oft haben Menschen mit Behinderungen auf Grund ihrer Einschänkung nicht die Möglichkeit auf dem 1. Arbeitsmarkt Fuß zu fassen. Ich selber habe nur durch eine WfBM in München die Möglichkeit über einen Außenarbeitsplatz auf dem 1. Arbeitsmarkt zu arbeiten. Ich bin auf Assistenzleistungen angewiesen, sodass es für mich gar keinen Sinn macht auf dem 1. Arbeitsmarkt zu arbeiten, weil mein Gehalt zu 40% einbehalten wird, um Asistenzleistungen zu zahlen. Natürlich müssen wir hingucken und auf Missstände die in Werkstätten und Wohnheimen auftreten können, aufmerksam machen und versuchen diese Abzuwenden. Die Schließung der sog. Sonderwelten ist allerdings nicht die Lösung, um inklusiv zu leben.

Von Behindert_im_System

Da es hier einige Angehörige gibt welche täglich sich mit Liebe und Fürsorge um ihre Angehörigen kümmern, möchte ich Ihnen folgenden Link empfehlen, welcher sich unter anderem auf die Förderstätten des ASB Bremen bezieht, in welchen Herr Heinz Becker der als erster den offenen Brief mit unterschrieben hat, als Geschäftsführer tätig ist.

https://www.un-konventionell.info/fileadmin/newsletter/005.html

Von Rosa

Das "NRW-Modell" wird, obwoh "nicht empfohlen" - offensichtlich bundesweit durchgesetzt. In Ba-Wü gibt es - bis auf wenige Ausnahmen - keine TFS mehr.

Auch das Saarland wird die Empfehlungen des consens-Gutachtens übernehmen und bis 2020 die TFS in die WfB überführen. Bis die Eltern auswachen, wird es zu spät sein.

www.saarbruecker-zeitung.de/saarland/saarbruecken/puettlingen/lebenshilfe-obere-saar

Das ist das Verständnis der Politik zur Umsetzung der UN-BRK und die LH ist ein willfähriger und kritikloser Helfer.

Auch ich kann diesen Brief nicht unterstützen.

Von Gisela Maubach

Sehr geehrter Herr Frickenhaus,

auch unter dem Thread "Menschenrechtsbericht kritisiert Ausbeutung" wird um weitere UnterstützerInnen für diesen Brief geworben.

Folgender Absatz des Briefes schließt jedoch weiterhin diejenigen aus, die aufgrund einer schweren geistigen Behinderung arbeitsunfähig sind und in Werkstätten in separaten Räumlichkeiten betreut und gepflegt werden:

"Wir konstatieren, dass Werkstätten per se nicht inklusiv sind, weil sie nicht den ersten Arbeitsmarkt darstellen und weil in ihnen fast ausschließlich Menschen mit Behinderungen beschäftigt sind. Wir teilen die Einschätzung der internationalen Expertenkommission, dass Werkstätten für behinderte Menschen eine Sonderwelt darstellen, für die mit der Ratifizierung der UN-BRK in Deutschland Maßnahmen zum „Einstieg in den Ausstieg" einzuleiten sind. Ein aussondernder Arbeitsmarkt wird nicht dadurch inklusiv, dass man parallel dazu einen zweiten für die Ausgesonderten betreibt."

Insbesondere in NRW werden in den Werkstätten eben nicht nur Menschen "beschäftigt", weil etwa 20 Prozent von ihnen gar nicht in der Lage sind, einer Beschäftigung (Arbeit) nachzugehen.
Diese Menschen benötigen weder einen ersten noch einen zweiten Arbeitsmarkt - sondern die Deckung ihres individuellen Bedarfs jenseits eines Arbeitsmarktes.

Nicht nur Frau Rosenberger, Herr Hentschel und ich, sondern auch noch einige andere Eltern haben sehr oft darauf hingewiesen, dass die "Teilhabe am Arbeitsleben" nicht die passende Leistung für Menschen ist, die in der Realität gar nicht fähig sind zu arbeiten.

Für diesen Personenkreis ist daher die Abschaffung der Vorrangigkeit der Teilhabe am Arbeitsleben zwingend notwendig, da es lediglich Interpretationssache ist, ob ihnen pro forma ein Mindestmaß wirtschaftlich verwertbarer Arbeitsleistung attestiert wird - und zwar ausschließlich zum Zweck des Werkstattbesuches.

Einen Brief, in dem die WfbM nur als Arbeitsort dargestellt wird, kann ich daher leider nicht unterstützen.

Von Roland

Wichtig ist sicher der Hinweis, dass der Brief gern von allen Interessierten mitgezeichnet werden kann. Diese Möglichkeit besteht bis zum 26. März 2019 (10. "Geburtstag" der UN-BRK in Deutschland). Wir arbeiten daran, den Brief sowie das dazugehörige Informationsschreiben im Netz einzustellen.

Die Redaktion

Von Gisela Maubach

Unter der Überschrift "Menschenrechtsbericht kritisiert Ausbeutung" lesen wir heute bei kobinet:

"Nicht zuletzt aufgrund der äusserst geringen Vergütung von behinderten Menschen, die in Werkstätten für behinderte Menschen arbeiten und der damit verbundenen Exklusion in einem Sonderarbeitsmarkt hat ein Bündnis von Akteuren am 3. Dezember ihre Stimme erhoben und die Werkstätten und Werkstatträte aufgefordert, ihre Position in Sachen Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention und der Empfehlungen des UN-Fachausschusses zu überdenken und menschenrechtskonform auszurichten."

(Zitat-Ende)

1. Wie bereits erwähnt, hat das "Bündnis von Akteuren" leider keine Betroffenen bzw. deren Vertrauenspersonen einbezogen - also "über uns ohne uns".

2. Denjenigen, die sich hier ständig zu Wort melden, weil Menschen mit schweren geistigen Behinderungen nicht vertreten sind, geht es in erster Linie weder um die Vergütung in den Werkstätten, noch um die Exklusion in einen Sonderarbeits(!)markt . . . sondern darum, dass der Bedarf der von uns vertretenen Menschen GAR NICHT Arbeit heißen muss und der tatsächliche Bedarf der sozialen Teilhabe individuell festgestellt werden muss!

3. Es reicht natürlich nicht aus, die Werkstätten und Werkstatträte aufzufordern, ihre Position zu überdenken und neu auszurichten, da die Werkstätten sich naturgemäß nicht freiwillig selbst abschaffen werden. Und sie werden ja auch immer das Argument vorbringen, dass es auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ohnehin keine Plätze für geistig schwerstbehinderte Menschen gibt.

Daher ist es zwingend nötig, Betroffene bzw. Vertretungspersonen an der weiteren Vorgehensweise zu beteiligen und bei den Forderungen an die Politik (!) mehr Gewicht auf die individuelle Bedarfsfeststellung und die Selbstbestimmung zu legen.

Von Roland

Ja. Im Artikel befindet sich leider ein Schreibfehler. Gemeint ist Herr Roland Frickenhaus, der auch die monatliche Kolumne bei KOBINET schreibt.

Die Redaktion

Von Dirk Hentschel

Ich freue mich, das augenscheinlich etwas zustande gekommen ist, was hier schon längere Zeit bemängelt und eingefordert wird.

Eine Behindertenselbsthilfe, die endlich sich findet und die Kraft hat sich zu bündeln, um für "alle Menschen mit Behinderungen zu stehen"?

Die Anmerkungen von Frau Maubach und Frau Rosenberger sind jedoch dringend mit aufzuhehmen!!

Eine Frage zum Verständnis für mich:

Ist Herr Frickenhaus hier eine treibende Kraft? Also der Herr Frickenhaus der die Kolumnen schreibt? Oder ist der Herr Roland Finkenhaus jemand anderes?

Bitte um Aufklärung.

MfG

Dirk hentschel

Von Gisela Maubach

Fortsetzung:

Wenn behauptet wird, dass sich die Werkstattbeschäftigten für den Erhalt der Werkstattleistung einsetzen würden, hat auch das seine Gründe.

Ein entscheidender Grund bei schwerster geistiger Behinderung ist das Entgelt, auf das jede/r (!) in der WfbM einen Anspruch hat.
Da der größte Teil dieses Entgelts bei der Grundsicherung nicht angerechnet wird, ist die Unterbringung in der WfbM die einzige Möglichkeit, etwa 100 Euro monatlich zusätzlich zur Grundsicherung zu erhalten.

Viele Eltern, die sich für den Erhalt der Werkstätten stark machen werden, kämpfen also auch um etwa 100 zusätzliche Euros pro Monat.

Hinzu kommt, dass annähernd alle Wohnplätze - auch die inklusiven - nur für Menschen zur Verfügung gestellt werden, die tagsüber die WfbM besuchen.

Diese Fehlanreize und deren Zusammenhänge müssen unbedingt erkannt und korrigiert werden.

Hier oben im Beitrag ist zu lesen:

"Ein aussondernder Arbeitsmarkt wird nicht dadurch inklusiv, dass man parallel dazu einen zweiten für die Ausgesonderten betreibt."

Die WfbM ist jedoch nicht nur ein zweiter "Arbeitsmarkt", sondern gleichzeitig eine Verwahreinrichtung für arbeitsunfähige Menschen.
Für eine personenzentrierte Bedarfsdeckung müsste aber vor allem geklärt sein, ob "Teilhabe am Arbeitsleben" überhaupt eine geeignete Leistung für einen arbeitsunfähigen Menschen sein kann . . . . oder ob das System genau deshalb so konstruiert wurde, damit die WfbM alternativlos bleiben kann . . .

Von Gisela Maubach

Ich schließe mich Frau Rosenberger vollumfänglich an.

Es ist erfreulich, dass endlich thematisiert wird, dass die Sondereinrichtung Werkstatt eben nicht inklusiv ist.

Schade dennoch, dass der offene Brief "über uns ohne uns" erstellt wurde - also ohne betroffene Menschen mit geistigen Behinderungen bzw. deren Vertrauenspersonen.

In der Stellungnahme der Werkstatträte und der BAG WfbM ist am Ende zu lesen:

" . . . und fordern ein genaueres Hinsehen und die Anerkennung der Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben von Menschen mit teils schwersten Behinderungen. Das Wunsch- und Wahlrecht darf für diejenigen nicht ausgehöhlt werden, die sich bei der momentanen Arbeitsmarktsituation nicht in der Lage sehen, die Werkstatt zu verlassen."

Diese Darstellung ist nämlich der eigentliche Skandal, denn welches Wunsch- und Wahlrecht dürfte für Menschen mit schwersten geistigen Behinderung nicht ausgehöhlt werden?
Da für sie kein Arbeitgeber auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt existiert, MÜSSEN sie in die Werkstatt, weil die Teilhabe am Arbeitsleben vorrangig vor Sozialer Teilhabe ist.

Da ab 1.1.2018 andere Hilfen für schwerbehinderte Menschen entzogen werden können, wenn Leistungen zur Teilhabe am Arbeitsleben zurückgewiesen werden (§ 200 SGB IX), ist es sogar zynisch, wenn behauptet wird, dass Menschen sich "nicht in der Lage sehen, die Werkstatt zu verlassen".

Ich hatte für meinen Sohn mal folgendes an ein Mitglied des WfbM-Fachausschusses geschrieben:

"Sehr geehrter Herr . . . , nachdem in den vergangenen Tagen im Mitteilungsheft meines Sohnes über extremste Aggressionen berichtet wird (er würde "toben", "Stühle durch den Raum werfen", "schlagen", "heftigst krallen", "verletzen", "attakieren", "kratzen", wäre "stark aggressiv" und man könne "sich ihm kaum noch friedlich nähern"), habe ich . . . heute zu Hause behalten.
Es geht ihm ausgesprochen gut, lacht viel und bewegt sich freudig erregt."

Warum muss man Jahre kämpfen, um Leistungen außerhalb der WfbM zu bekommen?

Von Inge Rosenberger

Auch wenn ich die Aussagen und Aktivitäten einiger (weniger) der hier aufgeführten Akademiker*innen und den Selbstvertreter*innen sehr schätze, wäre das öffentliche Engagement dieser Menschen für mich wesentlich glaubwürdiger, wenn auch engagierte Eltern in diesen Gremien vertreten wären.
Denn es ist die Aufgabe von uns Eltern, die Entscheidungen unserer Tochter und Söhne nach außen zu verbalisieren und - wenn's sein muss - auch dafür zu kämpfen. Menschen, die nicht für sich selbst sprechen können, müssen schlicht und einfach die Möglichkeit bekommen, sich von denjenigen vertreten zu lassen, die sie am besten kennen.
Derzeit geht Ausgrenzung nicht nur von nicht-behinderten Menschen gegen behinderte Menschen - Ausgrenzung geht auch von behinderten Menschen gegen andere behinderte Menschen und gegen Menschen mit komplexen Behinderung.
Aber nur wenn unter den verschiedenen Arten von Behinderung der Grundsatz gilt "Nicht über uns – ohne uns", kann die permanente Ausgrenzung (die bei mir auch als Abwertung unseres jahrzehntelangen Engagements ankommt) unserer Töchter und Söhne beendet werden.
.

Von Behindert_im_System

Zitat:

„Im folgenden dokumentieren die kobinet-nachrichten den gestern zum Welttag der Menschen mit Behinderungen veröffentlichten Offenen Brief:“

Anmerkung:

Da hauts einem doch glatt den Draht aus der Mütze. Hier will man doch nicht etwa Solidarität mit den Menschen zeigen, für die sich keiner der Unterzeichner, es sei seines persönlichen Vorteils wegen bisher kümmerte? Man muss sich die Frage stellen, wie weit geht die Dreistigkeit noch, dass man Schicksale um welche man bisher einen großen Bogen machte benutzt, nur um in der Öffentlichkeit punkten zu können?

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