Nachdenken zum Welttag der Menschen mit Behinderungen

Veröffentlicht am von Hartmut Smikac

Ilja Seifert
Ilja Seifert
Bild: Rolf Barthel

Berlin (kobinet) Anlässlich des Welttages der Menschen mit Behinderungen regt das Ehrenmitglied des Allgemeinen Behindertenverbandes in Deutschland "Für Selbstbestimmung und in Würde", Dr. Ilja Seifert, dazu an, eine konstruktive Lebenswert-Debatte zu führen. "Ich erachte es für erforderlich", schreibt er, "auf eine sehr gefährliche Entwicklung aufmerksam machen: Wir müssen offensiv und selbstbewusst eine Lebenswert-Debatte führen".

Das birgt durchaus hohe Gefahren. Aber ich befürchte, so Seifert, weiteres Schweigen wäre noch fataler. Unüberhörbar werden - in unterschiedlichen Kontexten - inzwischen wieder deutlich stigmatisierende Haltungen ungeniert ausgesprochen. Das beginnt bei abwertenden Witzchen, geht über dumme Schimpfwörter ("Spasti" oder ähnliche) und endet bei "reiner Kostenfaktor" noch lange nicht.

Für Ilja Seifert gilt:"Wer die Menschenwürde für unantastbar erklärt - also die oberste Aussage des Grundgesetzes und der UN-Menschenrechtskonvention anerkennt -, die / der muss jeden Menschen für gleich wertvoll erachten. Unabhängig von individuellen Eigenschaften. So stehen wir in der aufgeklärten Tradition Immanuel Kants. Wer jedoch die kleinste (Wert)Abstufung vornimmt, oder zulässt, wer also sich persönlich, eine bestimmte Gruppe oder irgendjemanden für "wertvoller" hält als alle Anderen oder irgendjemanden sonst, ist bereits auf der schiefen Bahn ! "

Ein Leben mit (schwersten) Beeinträchtigungen ist nicht erstrebenswert, erklärt Seifert. "Aber es ist lebenswert", betont Ilja Seifert, um dann weiter zu erklären: "und es kann jede / jeden Noch-Nichtbehinderte /Noch-Nichtbehinderten jederzeit selbst betreffen. Und trotzdem genießen wir es, unser Leben. Mit Glücksmomenten und Trauer. Mit Freude, Lust und Sex. Mit Ärger und Rückschlägen. Mit Hoffnungen, Träumen und Visionen. Mit Erfolgserlebnissen und Rückschlägen".

Sein Resümee lautet dann: "Also: Wie alle. Nicht besser, nicht schlechter. Manche Menschen benötigen nur - um ihre Persönlichkeit, zum B. durch selbstbestimmte Teilhabe, frei entfalten zu können - den Ausgleich individuell nicht beeinflussbarer Nachteile. Das ist - spätestens seit Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention - eine (Bringe)Pflichtaufgabe der gesamten Gesellschaft, insbesondere des Staates. Kein barmherziges Almosen, dass uns mehr oder weniger gnädig "gewährt" würde. Also: Das Leben ist schön! Lasst uns dafür sorgen, dass es Jede / Jeder so empfinden kann !"

Lesermeinungen zu “Nachdenken zum Welttag der Menschen mit Behinderungen” (3)

Von TN

(Teil 2, Fortsetzung)
Teil 1 schloss mit dem Teil des Satzes:

"... , _ob_ diese sich für schwerstmehrfachbehinderte Menschen einsetzen oder ob es wieder (weiter) nur um die so bezeichneten fitten und gesellschafts-anpassungsfähigen Behinderten geht, die sowieso schon in Amt und (Un"

Der Satz setzt fort:
")würden gesellschaftlich verankert sind."

Der Kommentar setzt fort:
Die Gesellschaft ist aktuell bei der Euthanasie von Schwerstmehrfachbehinderten angelangt, auch in der SPD, siehe Lauterbach, der in einer Veröffentlichung der taz zitiert wird und sein beruflicher Compagnon Hirschhausen, der ebenfalls zitiert wird, sich abschätzig gegenüber Menschen im Wachkoma geäußert zu haben.
Den link habe ich nicht mitgesandt, da man nicht direkt zu der Internet-Veröffentlichung des taz-Berichtes gelangt. Der Bericht ist jedoch noch online gestellt und in der Rubrik Gesellschaft/Alltag zu lesen:
"Essay Organspende(.) Der Mensch als Biomüll(:) Die Lüge vom Hirntod ermöglicht es, sterbende Menschen wie Biomüll zu recyceln. Es geht um die Verwertung des Körpers."
Interessant ist, dass hier eine Professorin für Kulturwissenschaft schreibt (und nicht die üblichen Verdächtigen sich zum Thema 'Verwertung' des Menschen äußern.

Vielleicht sollte SelbstAktiv (die behinderten Mitglieder der SPD) mal eine Debatte innerhalb der SPD lostreten und sich einen Affront gegen das SPD-Mitglied Lauterbach leisten. Dieser Affront ist dringend geboten.

Von TN

Da wieder einmal die Kommentarfunktion außer Kraft gesetzt worden ist bei der Meldung der Staffelstabübergabe an Herrn Frehe vom Dt. Behindertenrat:
Ich bin gespannt über die Themensetzung und Themenbearbeitung der neuen Zusammensetzung der neuen, temporären "Eigentümer" des Staffelstabes (Frehe und Co.), _ob_ diese sich für schwerstmehrfachbehinderte Menschen einsetzen oder ob es wieder (weiter) nur um die so bezeichneten fitten und gesellschafts-anpassungsfähigen Behinderten geht, die sowieso schon in Amt und (Un

Von Gisela Maubach

Herzlichen Dank an Ilja Seifert für das Thematisieren der gefährlichen Werte-Entwicklung!

Noch kürzlich haben wir hier bei kobinet noch folgendes zum Begriff "Wert" gelesen:

"Neben ihrer wirtschaftlichen Leistung schaffen sie einen sozialen Mehrwert, von dem alle profitieren: Wirtschaft, Politik und Gesellschaft" . . .

https://kobinet-nachrichten.org/de/1/nachrichten/38345/MehrWert-durch-Inklusionsunternehmen.htm

Eine derartige Aussage ist ein Schlag ins Gesicht derjenigen, von denen niemand "profitieren" kann.

Deshalb muss die Symbolpolitik für diesen Personenkreis dringend beendet werden und der tatsächliche Handlungsbedarf auf die Tagesordnungen gesetzt werden.

Der individuelle personenzentrierte Bedarf muss für alle Menschen mit allen Behinderungen entscheidend für die Deckung des Bedarfs sein.
Es ist einfach nur menschenverachtend, wenn die "Menschen ohne Wert" nur das politische Wahlrecht erhalten sollen (welches nichts kostet), während sie weiter gemeinsam unter sich in Sondereinrichtungen verwahrt werden, weil die personenzentrierte Bedarfsdeckung mehr kosten würde . . .

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